Rafi Zabor

Der Bär kommt heim

Roman

 

Ein liebenswürdiger Bär, der Shakespeare und Ibn Arabi liest, mit seinem Freund Jones bei Bier und Whiskey über die hintergründige Tragikomödie des Lebens philosophiert und obendrein Saxofon spielt wie ein junger Gott – solche vielfarbigen Fäden verwebt Rafi Zabor hier zu höchst unterhaltsamer, humorvoller, großartiger Literatur. Nicht nur die Leser sind von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, die Kritiker waren ebenfalls begeistert von diesem Roman, der auch prompt mit dem renommierten US-amerikanischen PEN/Faulkner-Award für Belletristik ausgezeichnet wurde.

Auf seinem herzergreifend menschlichen Selbstfindungsabenteuer schlägt sich unser tierischer New Yorker Held mit seiner glühenden Leidenschaft für wahrhaft guten Jazz durch dorniges Dickicht seinen Einstieg ins Musikerleben. Er bewährt sich auf der Flucht vor der Polizei und hinter Gefängnismauern, tourt mit ziemlich abgedrehten Bandmitgliedern durch die amerikanische Provinz, spielt sich in verrauchten Jazzclubs die Seele aus dem Leib und gerät in die Fänge einer brennenden Liebe zur schönen Biologin Iris, bevor er nach vielen Irrungen und Wirrungen schließlich sein wirkliches Zuhause findet.

Den Klängen dieses Lebens in mitreißenden Rhythmen, bezaubernden Akkordfolgen und überraschenden Tempowechseln folgend, wächst uns in diesem Buch ein großer Liebender und Menschenfreund mit seinen tiefen geistigen Einsichten und seiner unerschrockenen Daseinsfreude mit jeder Zeile näher an unser Bärenherz. Phantasievoll, spannend, intelligent, witzig, cool und sehr erotisch – kurzum ein wirklich jazziger Roman auf hohem sprachlichen Niveau in der exzellenten deutschen Übersetzung von Karsten Singelmann.

 

Pressestimmen

»In diesem meisterhaften Roman hat Rafi Zabor die Wirklichkeit auf eine Art neu erfunden, dass man einfach an sie glauben muss. Dies ist opulenteste Literatur, voller Überraschungen, Humor und echter Originalität.«
Don DeLillo

»Ein literarisches Juwel von funkelndem Witz und bärenmäßiger Weisheit!«
The New Yorker

»Ein Buch, das mitten ins Herz der Dinge trifft, berührend wie ein großes Jazzsolo, das in unserer Erinnerung nachklingt.«
Washington Post

»Ein großartiges Buch, wahrscheinlich das beste, das ich jemals darüber gelesen habe, was es bedeutet, ein Musiker zu sein. Die spirituelle Odyssee von Rafi Zabors zutiefst menschlichem Bären ist eine erfrischende Lektüre.«
Andy Summers (Gitarrist von The Police)

»Was wirklich beeindruckt, ist die große Menschlichkeit dieses Buches. Ein außergewöhnliches Vergnügen, oft schmerzhaft komisch, voller tiefer Einsichten in die Bedingungen des Mensch- und des Bärseins.«
Jazzwise

»Ein großartiger, pelzhaariger Roman mit einem herrlichen, pelzhaarigen Geschöpf, das wunderbare, große, pelzhaarige Fragen stellt.«
Literary Review

»Ein vergnügter, phantasievoller Bärenblick auf die Liebe, die Musik, die Entfremdung und das Menschsein.«
Publishers Weekly

ISBN 978.3.942914.222
Broschur | 528 Seiten | 29 Euro

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Musik zum Thema

Max Frankl und der Bär: Zu den Lesern, die sich von Rafi Zabors Roman inspirieren ließen, gehört der bekannte deutsche Jazzgitarrist und Komponist Max Frankl [/], der 2012 mit dem ECHO-Jazz-Musikpreis ausgezeichnet wurde. Sein Stück »Der Bär kommt heim« findet sich auf seiner im selben Jahr erschienenen CD Home (Material Records). Hier [/] können Sie es sich online anhören…

Leseproben

 

Sie fuhren an der 14th Street vorbei, wo lauter Drogenwracks an den Schaufenstern entlangwankten wie in Mäntel gehüllte Geister. In der richtigen Welt zu leben, bedeutet, Teil von dem da draußen zu werden.

Andererseits, dachte er, wer das Richtige tun will, der muss tapfer sein, sein persönliches Körnchen Wahrheit nehmen und sich damit in die Arena stellen, egal, was kommt. Gott steh mir bei, dachte er, ich bin wahr und echt, ich bin ein Trottel. Er wandte sich zu Jones. »Gastspiele?«, sagte er. »Eine Tournee? Ich bin bereit, wenn du es bist.«

»Du warst ein lieber, romantischer Bär«, sagte Iris.

»Ich bin immer noch ein lieber, romantischer Bär«, knurrte der Bär zurück. »Ich bin der liebste, romantischste Bär auf der ganzen Welt, aber das Leben war viel leichter, als das, was ich getan hab, noch nichts mit dem zu tun hatte, wer ich bin.«

Als er dann doch Lust bekam, ein bisschen auf dem Saxofon zu dudeln, ging es ihm vornehmlich darum, die Architektur bestimmter Akkord­wechsel zu erforschen – sozusagen die Kapitäle und Kranzgewinde der Struktur zu begutachten –, und auch das überraschte ihn. Obwohl er sich in den Fluren der modernen Harmonie ganz gut auskannte, war der Bär immer ein im Grunde melodisch orientierter Musiker gewesen, der sein harmonisches Material gern so einfach hielt, dass er es sich bei Bedarf aus dem Weg schaffen konnte: Er schätzte die Aussicht auf ein freies Feld. Er hatte sich stets irgendwo in der Mitte zwischen Jackie McLean und Ornette Coleman gesehen: sein knallharter Ton näher bei Jackie – obwohl er in seiner Intonation niemals Jackies Markenzeichen der bittersüßen, um eine Winzigkeit erniedrigten Noten übernommen hatte –, sein Sinn für Hingabe und freie Wahl eher bei Ornette. Manchmal ergriff ihn aber auch eine Wut auf alles, was nicht das Absolute war, und seine Musik schrie dann ihr Sehnen mit einer Hingabe heraus, die der von Coltrane ähneln musste, die aber, wie er schließlich begriff, das Einzige darstellte, was wirklich sein eigen war; und der Bär folgte dieser Hingabe oder Raserei in langen Phrasen durch die Aufschwünge und Windungen ihrer inneren Ge­setze: Jede Note, die er spielte, setzte einen neuen Pflasterstein auf einen Weg, der immer neuen Theophanien zustrebte, dem Formen entstiegen wie gebetsvolle Annäherungen, welche das Absolute gnädig, wenn auch vorübergehend, zu bewohnen sich bereitfand, und dann hinwegstürzten als brennende Schalen vor aufeinanderfolgenden Offenbarungen und, abschließend, epistemologischem Feuer.

Alles dies schien ihm im Moment doch weit entfernt. Er war nicht in der Verfassung, die Welt oder ihre Säulen zu erschüttern oder auch nur die profanste ihrer Streichholzschachteln zu entzünden, geschweige denn irgendeine absolut elementare Flamme jenseits von Tod und Leben ephemerer Formen auszumachen. Und so klaubte er sich jetzt durch alte Ak­kordfolgen, wie durch einen Haufen Knochen, den er nach essbaren Fleisch­­­resten absuchte. “Stablemates”. “Lotus Blossom”. “Blood Count”. Gab es eigentlich irgendetwas, das Billy Strayhorn noch nicht gesagt hatte? “All the Things You Ain’t”. “Reincarnation of a Lovebird” sparte er sich für später auf. Und fast kam es ihm so vor, im Halbdämmer seiner Be­trachtung, als würde der reguläre Durchlauf des harmonischen Zyklus jedes beliebigen Liedes – den er immer für einen ermüdenden Holzweg gehalten hatte, wo doch die freie gerade Strecke nur darauf wartete, beschritten zu werden – die Chance des Geistes darstellen, sich an weltliche Ge­gebenheiten anzupassen und von ihnen zu lernen. Eine demütigende Angelegenheit, sicherlich, aber vielleicht notwendig, wenn die Aufgabe, hier unten zu leben, zur Gänze erfüllt werden sollte. Jedenfalls würde man ihm jetzt kaum noch nachsagen können, er habe diese Welt und ihre Gegebenheiten gemieden.

Dies hier war ein Gefängnis, befand er, das er während des langen Zögerns vor seinem Eintritt ins öffentliche Musikleben Stein für Stein selbst gebaut hatte – oh ja, und auch schon davor –, kurz gesagt, durch ein paar hundert Fehler der Wahrnehmung, der Beurteilung und des Geschmacks; die ewigen Bedenken, das ewige Verzagen – dies ist ein Gefängnis eigener Konstruktion, immer neu errichtet in den verborgenen Werkstätten einer Angst. Hab ich wirklich unter all den verfügbaren Bildern dieses ausgewählt? Was wäre die Alternative? Soll ich eine rote Gumminase und einen komischen Hut aufsetzen? Der Bär warf einen überdrüssigen Blick auf die Wände und Ecken seiner Zelle.

Was er immer am wenigsten an sich selbst gemocht hatte, das war die Angst im Rücken seines Daseins. Kein Zweifel, dass sie es war, und nur sie allein, die ihn in die Materialität des Knastes hinein fehlgeleitet hatte. Wo aber war der Tropfen Salböl, der ihn erretten könnte?

Es war ungefähr an diesem Punkt seines Wegs nach unten, dass der Bär seinem Eindruck nach einen guten, mönchischen, via-negativa-Gebrauch von der Zelle, in die die Umstände ihn gebannt hatten, zu machen begann und dieses Abbruchunternehmen von einem Winter in etwas wenigstens po­tenziell Erneuerndes verwandelte. Aber nur zu denken, dass ihm etwas gelänge, dass er irgendetwas zustande brächte, hieße, diesen Prozess abzuwürgen, sofern von einem Prozess überhaupt die Rede sein konnte. Auf Fortschritt auch nur zu hoffen, das ließ vor seinem Auge die monströse, ich­versessene Gestalt seiner selbst sich erheben, die zu fliehen oder regelrecht zu morden jetzt nötiger denn je erschien, wenn er richtige Freiheit finden wollte.

Der Bär hatte nie etwas für Winterschlaf übrig gehabt, hatte ihn als überkommenen alten Hut – Prä-Bop gewissermaßen – abgetan, aber im Mo­ment war es etwas ganz Ähnliches, nur sehr viel Innerlicheres und Ge­fährlicheres, das ihm den einzig verfügbaren kleinen Zufluchtsort in Aussicht stellte, und da die Wahlmöglichkeiten begrenzt waren, begab er sich weiter hinein, oder hinunter, wie auch immer.

Der Bär richtete sich auf der Bettkante auf und kratzte sich am Sack. »Der Fisch da, ich weiß ja nicht, Tim, ich würde lieber mit einem Apfel anfangen. Haste welche mitgebracht?«

»Scheißt der Papst in den Wald?«

Die Augen beim Gähnen fest zusammengekniffen, vernahm der Bär ein Rascheln von Plastiktüten. Dann flog ihm frischer, knackiger Obstgeruch entgegen. Oh Mann.

»Braeburn«, sagte Tim, »und nicht übel. Hab selbst schon ein paar gegessen.« Tim fing damit an, kleine Äpfel, einen nach dem anderen, durch die Gitterstäbe zu stecken. Sie landeten, plopp plopp plopp auf den Decken, die am Fußende des Betts lagen. »Hau rein.«

»Ich überschlag mich gleich.«

»Welchär Wochäntag?« Friedmann setzte sich auf, fuhr durch die ver­einzelten weißen Drahthaare und tastete auf dem Tisch nach seiner Brille.

»Der gleiche wie immer«, sagte der Bär. Er nahm einen Apfel, drehte ihn in den Pfoten, bewunderte die Röte, auf der Seite, wo der Baum nach Sü­den gezeigt haben musste, dachte an die Winde, die den Apfel gekühlt haben mussten, wiegte ihn und stopfte ihn dann in einem Stück in den Mund. Der Saft lief, er zerkaute den Apfel und schluckte ihn hinunter. »Oh Mann, die sind gut.« Er streckte zwei weitere in den Mund und kaute, wobei er Saft und Schaum aus den Mundwinkeln tropfen ließ. Überfluss. Süßigkeit. Welt ohne Ende.

»Du isst sie mit Gehäuse und allem?« Tim wiegte anerkennend seinen großen Kopf.

»Mach alle Erfahrungen im Leben, die du machen kannst, ist mein Motto«, teilte der Bär ihm mit. »Was sollte ich sonst in diesem gottverlassenen Knast tun? Den großen Kreis abschreiten. Das untere Reich pflügen. Selber zerpflügt werden. Immer schön Bitte und Danke sagen. Hast du noch mehr Äpfel in der Tasche da?«

»Was ist mit dem Fisch?«

»Riecht ein bisschen komisch. Nicht ganz schlecht, nur komisch, aber die Äpfel – ich fühle geradezu, wie die Vitamine mich durchströmen. Ist dir schon mal aufgefallen, Tim, wie schön Obst ist, das an der frischen Luft in den Zweigen hängt, wo man es sich nur zu nehmen braucht?«

»Menschen arbeiten, um es anzubauen, und für gewöhnlich kauf ich es im Geschäft, wo die Leute auch arbeiten müssen, aber ja klar, ich weiß, was du meinst.«

»Gönnen wir uns also den Rest. Mich dürstet plötzlich nach Obst. Mor­gen, Doc«, sagte der Bär zu Friedmann, während Tim die restlichen Äpfel durch die Gitterstäbe bugsierte. »Wenn Äpfel über den Regenbogen ge­hen«, fragte der Bär den Doktor, »warum kann ich es dann nicht? Kön­nen Sie mir das sagen? Art Pepper war der Einzige, der je etwas aus diesen Ak­kordwechseln gemacht hat.«

»Sie sprechen in Rätseln«, sagte Friedmann.

»Das ist so meine Art.« Er nahm noch einen Apfel und machte ihn rasch zu Brei, dann ließ er ihn die Speiseröhre hinunterflutschen. »He, ihr beiden.«

»Was«, sagten sie mehr oder weniger unisono. An diesem Ensemblescheiß müssen wir wohl noch arbeiten, um es richtig hinzukriegen.

»Wie wär’s, wenn ihr heute eure vier Eier zusammenwerft und den Schlüssel umdreht? Von da an übernehme ich, mit der Artillerie hinten im Flur werde ich allein fertig, oder die halt mit mir. Habt ihr den Wechsel der Jahreszeiten nicht bemerkt? Ich weiß, ich führ mich ein bisschen manisch auf, aber mein Blut ist in Wallung, die Säfte fließen. Wie fändet ihr das?«

»He, Mann«, sagte Tim, »das hatten wir doch schon.«

»He, mitfühlende Seele«, erwiderte der Bär, »worauf wartest du, auf den Engel Moroni, auf dass er herabsteige und mit dir persönlich rede?«

Tim griff in seine Uniformjacke und zog eine Taschenuhr hervor, die an einer Kette hing.

»Ich warte darauf, dass diese silberne Uhr sich in eine goldene verwandelt. Ich habe eine Frau zu Hause, die wahrscheinlich noch eine zweite Nierenoperation braucht, und zwei Töchter, die aufs College gehen wollen.«

»Gib den Fisch her, du nutzloser Motherfucker.«

Tim sah sich flehentlich nach Friedmann um. »Können Sie’s ihm bitte noch mal erklären? Wir können dich hier nicht rauslassen, selbst wenn wir deine einzigen Freunde sind.«

»Was ihr aber nicht seid«, sagte der Bär, um das richtigzustellen.

»Da ist noch ein Apfel, den Sie nicht gegessän haben.« Friedmann hielt seinen Blick auf ein Stück braune Armeedecke gerichtet. »Wenn Sie nichts dagegen haben, nur um mir den schlechten Geschmack im Mund zu vertreiben.«

»Selbstverständlich«, sagte der Bär und reichte ihm den Apfel.

»Überdecken Sie unbedingt den unangenehmen Geruch innerer Fäule, Willensschwäche, verdächtiger Gesinnung. Tim, der Fisch. Hatte ich dich nicht gebeten, mir einen ganzen zu besorgen?«

Tim hielt das lange weiße Dorschfilet hoch. »Das ist alles, was ich kriegen konnte, okay?«

»Die Geschichte deines Lebens. Gib her.«

Tim reichte es geschmeidig durch die Gitterstäbe, wobei er eine Grimasse schnitt. »Was ist heute in dich gefahren?«, fragte er.

»Ich bin heute in mich gefahren. Und nun wird dieses feine, wenn auch etwas fragwürdig riechende Stück Filet in mich fahren. Achtet auf das Ergebnis.« Er biss geräuschvoll vom dicken Ende des Filets ab, das seiner Schätzung nach insgesamt fünf bis sechs Pfund wog, zwar nicht verdorben war, aber doch auch nicht so frisch, wie er es gern gehabt hätte. Herrgott, dachte er und setzte zum nächsten großen Bissen an, vor ein paar Tagen noch war es ein nicht mehr als normal unschuldiges, die Tiefen durchstreifendes Geschöpf gewesen. Er schluckte den Bissen hinunter. Du hast auch andere gegessen. Wie es eben zugeht hier unten.

»Wie war er?«, fragte Tim. »Gut?«

»Pass auf.« Der Bär erhob sich. Er stieß seine Schnauze durch die Gitterstäbe, fixierte Tim mit einem Blick zwischen die Augen, krampfte seinen Magen zusammen und begann, sich zu übergeben.

Iris wandte ihm ein strahlend verlegenes Lächeln zu, ganz rot geworden, armes Kind, und lud ihn ein, sich zu setzen. Die Schürze war abgelegt, und sie trug ein einfaches schwarzes Kleid, dessen Halsausschnitt so beschaffen war, dass ihre liebreizenden Schlüsselbeine gerade eben freilagen. Ihr Anblick war eine Wohltat für seine Augen. Wenn man diesen Augen trauen konnte, dann trug sie keinen BH unter dem Kleid.

Nichtsdestotrotz wandte er seine Aufmerksamkeit wieder ihrem Gesicht zu. Es schien ihm, als würde das Interesse, mit dem er sie betrachtete, immer noch wachsen, mit jedem Jahr, jedem Jahrzehnt, ach, sehen wir der Sache doch ins Auge: auf immer und ewig! So bin ich also. Das hier ist von allem, was ich auf der Welt kenne, das Beste. Ist es aber auch wirklich alles, was ich kennen muss?

Sie befand sich, soviel begriff der Bär, nicht in der ersten Blüte ihrer Schönheit. Die gerundeten Wangenknochen hatten sich zuletzt ein wenig vorgeschoben, die Augen hatten sich leicht geweitet und schienen über ihre eigene Helligkeit zu staunen, die Stirn hatte Charakter und manche Falte erworben – aber lieber Gott, für jeden, der ein Auge für die Intensität der vergehenden Zeit hat, ist sie ausdrucksvoller denn je, und ihre Musik kann umso tiefer empfunden werden.

»Alles soweit bereit«, sagte sie.

»Du machst alles so gut.«

»Wir werden sehen.«

»Das werden wir wohl.« Der Bär setzte sich.

Der Bär war immer davon ausgegangen, dass die Besitzer von Schönheit die Bedeutung des Schatzes verstünden, dessen unwahrscheinlichen Reichtum sie verkörperten und über den sie wachten. Seit er sich in die menschliche Gestalt verliebt hatte, war seine Erwartung immer die gewesen, dass schöne Frauen keine dummen Schnepfen seien, wie es die Le­gende wollte, sondern dass sie im Gegenteil über größere Weisheit verfügten als alle anderen. Er wusste wohl, dass dies Ausfluss seines persönlichen Mangels an Erfahrung und daher reine Romantik war, doch in Iris’ Fall war er sich sicher, dass es gleichwohl zutraf: Ihr Aussehen war Aus­druck der anders nicht ausdrückbaren Feinheit ihrer innersten Seele, das reinste Zeichen dafür, wer sie war und was sie, in der großen und geordneten Fülle der Welt, am Ende repräsentieren mochte. Ihr leicht alterndes Äußeres war nur ein Fenster auf dauerhaftere glückliche Gaben und Aus­blicke.

Ich hab mich kein bisschen verändert, dachte der Bär. Gefängnis, spirituelle Vernichtung, beinahe Tod: Scheiß drauf, ich werde es aushalten, und mein Leierkastenherz quält sich dieselben alten Melodien ab. Wieso eigentlich? Und was ist, wenn ich die Musik über kriege? Kannst du mir was Besseres zeigen? Trotzdem: Warum kam ihm die Identitätsscharade, auch wenn sie durch neues Verlangen wieder frisch angeregt worden war, heute Abend so ermüdend vor? Vielleicht glaubte er ja gar nicht mehr an dieses selbe alte Lied, das er sich da abpresste. Oder vielleicht war es weniger das Lied als das Instrument, dem er nicht mehr traute.

»Du siehst bezaubernd aus«, sagte er und hielt sich damit dennoch an die Spielregeln.

»Der Schein trügt«, sagte sie. »Essen wir.« Ein Ablenkmanöver.

»Soll ich den Wein einschenken?«

»Ja bitte.«

Es war ein St. Emilion, ein weicher Merlot als Gegengewicht gegen jegliche Schärfe, die im Fisch enthalten sein könnte. Gute Wahl. Obwohl…

… Obwohl die spürbarste Anwesenheit am Tisch – wie Christus in Emmaus, nur greller – immer noch die sexuelle Spannung zwischen ihnen war. Der Bär meinte, der Tisch müsste sich leicht verrücken oder vielleicht zitternd in die Luft erheben wie bei einer spiritistischen Seance, empor­gehoben von Wellen unterdrückter Energie und sinnlicher Erregung. Aber alles, was sich erhob, war Iris’ Rotweinkelch, den sie ihm lächelnd ent­gegenhielt. Der Bär erhob auch seinerseits das Glas.

»Auf die Freiheit«, sagte der Bär.

»Gesundheit.«

»Schönheit.«

»Dich.«

»Wie konntest du nur so gemein zu ihm sein?«, fragte Iris, als Jones wieder weg war.

»Ich dachte, damit wären wir durch. Haben wir immer noch Bären­folter­woche?«

»Du warst schrecklich.«

»Ursus horribilis. Ich geb’s ja zu. Können wir das jetzt ruhen lassen?«

»Solange du einsiehst, wie übel du warst.«

»Okay, okay. Ich gestehe. Hör mal, willst du meine Darstellung einer Bä­ren­fellbrücke sehen?« Der Bär sprang aus seinem Sessel und warf sich bäuchlings auf den Wohnzimmerteppich. Er streckte alle Glieder von sich, stieß die Luft aus der Lunge und riss die Kiefer auseinander. »Wie issen das?«, fragte er, ließ die Zunge herausrollen und verdrehte die Augen.
Iris gab sich Mühe, nicht zu lachen.

»Und der einzige Grund, warum du wütend auf mich bist«, sagte sie, »ist der, dass ich kein braves Mädchen bin und mit dir ins Bett gehe.«

»Wow, jetzt ist es raus«, sagte er aus seiner schwierigen Position heraus.

»War es immer«, sagte Iris.

»Na ja, es wäre eine nette Geste, oder?« Der Bär drehte sich auf die Seite, stützte den Kopf auf eine Pfote und warf seinen Blick vage in ihre Rich­tung.

»Da wird nichts draus«, sagte Iris entschieden. »Und du hast Jones nicht gefragt, ob du wieder zurück in die Wohnung ziehen kannst.«

»Wir sind abgelenkt worden. Ich hab’s vergessen.«

»Ruf ihn morgen an und frag.«

Der Bär erhob sich vom Fußboden und klopfte sich den Pelz ab. »Du bist eine Prinzessin hoch oben auf einem steilen gläsernen Berg, ja?«, sagte er. »Ich muss irgendeine passende Heldentat vollbringen. Hab ich’s getroffen?«

Iris versuchte, nicht zu lächeln. »Du bist so unerfahren«, sagte sie.

»Versuch doch, mich als einen in die Jahre gekommenen Heranwachsen­den zu sehen.«

»Tja, nimm Vernunft an.«

»Wie?«

»Ich geh zu Bett. Vielleicht könntest du ausnahmsweise mal abwaschen. Nimm Stahlwolle für die Bratpfanne und die Bürste mit dem langen Griff für die Teller und Gläser. Solltest du in mein Zimmer kommen, erschieße ich dich. Gute Nacht.« Sie drehte sich abrupt um und verschwand.

Der Bär stand im Wohnzimmer und dachte: Wa? Hä? Das ging aber ein bisschen plötzlich, und wieviel hab ich dabei eigentlich unterm Strich verloren?

Später jedoch, als er allein auf seinem schmalen Bett lag, das ungelesene Buch aufgeschlagen auf dem Bauch, da schien wieder alles anders zu sein. Er erinnerte sich, wie leicht ihm der Gedanke gefallen war, sich die Sache mit der zarten Schönheit abzuschminken und zu schauen, ob nicht vielleicht Sybil Bailey zum Vögeln verfügbar wäre, und im Rückblick ließ ihn das in seinen eigenen Augen als vollkommen monströs erscheinen. Sein Herz war schwarz, ein tragbares, schlagendes Gefängnis.

Nach einer Weile fingen seine Gedanken an zu schweifen, und er erlaubte ihnen, Iris schlafend vor sein inneres Auge zu rücken. Sie schlief vermutlich inzwischen. Ein- oder zweimal war sie in der letzten Woche nach dem Abendessen auf ihrem Wohnzimmersofa eingeschlafen, auf dem Rücken liegend, den Kopf auf die Armlehne gestützt, und der Bär hatte sich auf die Kante des Couchtisches gesetzt, um ihr beim Atmen und Träumen zuzu­sehen, während sich die Augen hinter ihren Lidern hin- und herbewegten. Der Bär hatte nur einige wenige andere Menschen beim Schlafen beobachtet – Jones, der aussah, als hätte er eins über den Schädel gezogen gekriegt, und ein paar Frauen, mit denen er geschlafen hatte und die hinterher eingenickt waren, einen Rest von schiffbrüchigem Körper zurücklassend –, aber so etwas wie Iris hatte er noch nie gesehen. Wenn sie schlief, fiel alle Anspannung von ihr ab, ihr Gesicht wurde weich und wirkte unverstellter, und alles an ihr, besonders die ungeschützte Kehle und das Gesicht, zwang den Blick, sich aufwärts zu richten: Es war nicht schwer zu erkennen, welchen Weg ihre Seele geflogen war, nämlich ganz aus ihr heraus, und zurückgelassen hatte sie auf ihrem Gesicht einen Ausdruck von Erlösung und unbedingtem Vertrauen. Nie war sie auf reinere Weise schön als im Schlaf. Nein, das stimmt auch nicht: Sie ist leuchtender und komplexer, wenn sie wach ist, aber dadurch, dass er ihr beim Schlafen zusah, verstand der Bär, warum verliebte Menschen den unwiderstehlichen Drang verspüren zu sagen: Ich werde dich auf ewig lieben, und ich habe dich schon immer geliebt, selbst wenn sie wissen oder ahnen, dass sie dieser Aufgabe in einer Welt, die ein Zeitkapitel an das andere setzt, gar nicht gewachsen sind. Ein Augenblick unverfälschter Liebe, mag man ihn später noch so sehr versauen, öffnet ein heiliges Fenster auf etwas, das außerhalb der keuchenden Zeit liegt und das nimmermehr ganz verleugnet werden kann, gleichgültig, was für Unsittlichkeiten ihm folgen mögen. Aber weil man diesen wahren Au­genblick, wenn er denn kommt, nicht als solchen erkennen kann, sagt man in hinzufügender Sprache etwas über immer und ewig. Als ob ein hinzufügendes Ewiges irgendetwas damit zu tun hätte. Worum es geht, das ist die Wahrnehmung von Ewigkeit trotz allem Alltagsticken einer sterblichen Hülle. Hierzu gibt es keinen privilegierteren Zugang, so schien ihm, als die Liebe.

Auf diese Weise hatte der Bär einige Male über ihrem Schlaf gesessen und sich dabei gefühlt wie ein großer dunkler, um die Zartheit ihres Lich­tes kreisender Planet, durch die elliptischen Umlaufbahnen des Verlangens wirbelnd und hinab durch die schwindelerregende Kluft zwischen ihrer beider Spezies starrend. Er meinte fast zerbrechen zu müssen ob des Ab­grunds zwischen seiner ungeschickten Sehnsucht und der Eleganz ihrer voll­kommenen gestaltlichen Hervorbringung. Und dennoch, ob hörig oder wachsam, ob seinem Herzen gehorchend oder den Gesetzen einer anderen subtilen Physik, hatte er sich weit und groß gefühlt, hingebungsvoll und geduldig und bedächtig.

Wenn das keine Liebe ist, dann ist es jedenfalls das Beste, was ein armer dummer Bär vermag.

Er betrachtete bei solcher Gelegenheit das komplex gefügte, durch das Zurückbiegen des Kopfes enthüllte Kabelwerk, das den klassischen Zug von Kinn und Kiefer unterstrich, bewunderte die Verflochtenheit von Sehne und Atem – sieh nur den Puls dort schlagen –, und in Verehrung dieses träumenden Gesichts und des Geistes, den es augenblicksweise aus seiner Umgrenzung befreit hatte, gab er sich der Schönheit der Kon­struktion hin und dem, was sie hinsichtlich des Ungeschaffenen, des mehr als nur Gebauten, implizieren mochte. Er wollte, wenn nötig, in Ewigkeit wachen über diese flüchtige und kostbare Seele, über das atmende Haus, in dem sie wohnte, auf dass nichts Schroffes und Schädliches eindringe und ihr Dasein beeinträchtige. Ich werde sie beschützen, insbesondere, falls nötig, vor mir. Vielleicht war er nicht mehr als eine beliebige Kreatur auf Wachgang, benommen von der höheren Musik, die sie in ihm freigesetzt hatte. Vielleicht war das schon die ganze Bedeutung der Sache. Und vielleicht war das auch genug.

Der Bär empfand eine tiefe Melancholie, nicht zu verwechseln mit seiner generellen Seinsmüdigkeit. Sein Glaube an die Liebe war immer rein gewesen, und ihn reute jede Zweideutigkeit, die den Blick trübte. Er war kein Realist. Er war ein sprechender Bär.

»Ich gäb sonstwas, wenn du mir deine Gedanken verrätst«, sagte Iris.

Sie lag auf dem Rücken, während er sich auf die Seite gedreht hatte und sie von schräg oben ansah. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Decke hochzuziehen. Ihr Körper erstrahlte in frischem Glanz, ein leichter Schweiß­film bedeckte die Haut und ein paar entsprungene Fellhaare lagen um ihren Bauchnabel verteilt.

Der Bär strich sie mit sanfter Pfote weg. »Soviel wären meine Gedanken nun auch nicht wert«, sagte er.

»Das nehme ich dir nicht ab.«

»Kennst du den Satz von Rilke: Das Schöne ist nichts als des Schreck­lichen Anfang, den wir gerade noch ertragen können, oder so ungefähr?«

»Und das beziehst du auf dich? Nicht schlecht.«

»Nein, ich glaube, Rilke hatte unrecht. Ich glaube, Rilke war ein Anfänger. Ich glaube, der Schrecken ist der Anfang einer anderen, größeren Schönheit, die wir noch schwerer ertragen können, weil sie so groß ist, dass sie unser Verderben bedeutet. Denn im Angesicht solcher Schönheit ist Selbstauslöschung die einzige ehrliche oder angemessene Reaktion.«

»Der Gedanke scheint ja doch ganz beträchtlich was wert zu sein.«

»Ja, aber ich habe ihn ja eben eigentlich nicht selbst gedacht. Er ist gewissermaßen importiert.« Der Bär hatte seinen Blick ins Halbdunkel des Zim­mers gewandt, jetzt aber senkte er den Kopf, um wieder Iris anzusehen. »Ich glaube, dass ich die Anfänge solcher Schönheit mit dir erlebe und dass ich deinetwegen anfange, sie überall zu sehen.« Versuchte er, einen vergangenen, besseren Moment wieder herbeizubeschwören? War dies eine Art Anrufung, ein Gebet, oder lediglich eine Lüge? Er fuhr dennoch fort. »Du hast mir die Bäume, die Bäche, den Himmel zurückgegeben. Du hast mir die Berge, den Geruch von Gras wiedergeschenkt. Ich verdanke dir die Süße der Welt, und es rührt mich zu Tränen.«

 

Aus dem Amerikanischen von Karsten Singelmann
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