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Xanten, im Januar 2026
Das Bezeugen der Einheit ist das Siegel aller Stationen.
Muhyiddin Ibn Arabi
was ist die innere Bedeutung von Jesus als dem »Siegel der Heiligen« und von Mohammed als dem »Siegel der Propheten«? In welcher Beziehung stehen sie zueinander und zum Ideal des vollkommenen Menschen als Ziel und Zweck einer Schöpfung, in der »der verborgene Schatz Sich selbst zu erkennen sucht«? Welches sind die Geheimnisse der »Vorzeichen der Letzten Stunde« und des »Aufgangs der Sonne vom Ort ihres Untergangs«, und wie wird sich die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten abspielen?
Fragen wie diesen über die Letzten Dinge in der Heilsgeschichte der Menschheit wie auch des Einzelnen geht Muhyiddin Ibn Arabi in seinem um das Jahr 1200 entstandenen Buch ‘Anqa’ mughrib – Der sagenhafte Greif des Westens auf den Grund. Darin lässt er den gemeinsamen innersten Kern von Judentum, Christentum und Islam hell aufleuchten und hebt das ganzheitliche Verständnis der drei Ausdrucksformen abrahamitischer Spiritualität auf eine fast schwindelerregende Höhe. Dieses bedeutendste Frühwerk des andalusischen Sufis ist weniger bekannt als etwa seine Futuhat al-Makkiyah oder die Fusus al-hikam. Das mag zum einen an seiner poetisch-verschlüsselten Form liegen, zum anderen aber auch an seinem (aus Sicht der Orthodoxie) heiklen Inhalt, geht es doch um Heiligkeit im Islam und dabei insbesondere um Jesus Christus, zu dem der Autor eine lebenslange innige Beziehung unterhielt.
Wir haben dieses von den Ibn-Arabi-Kennern Gerald Elmore und Wolfgang Herrmann sorgfältig übersetzte und sachkundig kommentierte Werk, das erstmals 2012 bei der Edition Shershir auf Deutsch erschienen, dann jedoch mehrere Jahre lang vergriffen war, in einer überarbeiteten Neuausgabe soeben wieder veröffentlicht, weil wir überzeugt sind, dass es sich dabei um eine wertvolle Schatztruhe handelt für alle, die verstehen möchten, worauf die spirituelle Suche auf »dem Pfad der Rückkehr« letztendlich hinausläuft.
Über die Würde des Siegels der Heiligen, also Jesus Christus, schreibt Ibn Arabi in diesem Werk, von dem ein Manuskript (wahrscheinlich das älteste von ihm erhaltene und teilweise in »kodierter Geheimschrift« verfasste) in der Staatsbibliothek zu Berlin verwahrt wird:
Ein Prophet von Adel, das Dasein überragend,
Als Siegel für die Heiligen der Zeiten,
Aus dem erhobenen Haus und seiner Stille,
Aus einem mächtigen Geschlecht im Dasein.
Und sichtbar sind der Wahrheit Gipfel,
Und zugegen ist die Gnade Gottes.
Doch blieb das Haus nicht unterm Siegel,
Ein Räuber käm’, das Neugeborene zu töten.
Schau genau hin, oh mein Bruder, Wer es ist,
Der von weit her das Haus des Herrschers schützt!
Wäre jener aus unserem Vater nicht gebildet,
Unterwerfung wär’ den Engeln nicht befohlen worden.
Mir selbst gilt er als der Heiligste,
Lebendig ist er, noch als Märtyrer,
Einzig in der Zeit, ohnegleichen,
Ein besonderes Sein aus besonderem Hause.
Entschieden gütig hab ich ihn gesehen,
Wo er auftrat, trotz der Neider,
Als säh’ ich die Sonne des Hauses mit ihm
Statt der Kehle neben der Halsschlagader.
Würd’ das Licht in seinem Glanz bestrahlen
Den im Grab verschwundnen Körper,
Am Morgen stünd’ er auf, wissend, lebend, sprechend,
Mit freiem Antlitz zög’ er nach das Leichentuch!
Wer die Anspielung versteht, möge sie bewahren,
Einst wird er ihre Ebene erklimmen!
Denn nichts verbirgt das Licht der Wahrheit
Von den Gestirnen im Haus des Glücks:
Seinen Logos schaut’ ich ohne zu ermüden,
Gleich, ob herab er stieg oder aufwärts fuhr.
Ich sprach ihn aus, von ihm her, nichts außerdem,
Wahrlich, in ihm ist Logos ohne Maßen!
In unserer Leseprobe aus dem Buch im Chalice Magazin erklärt Ibn Arabi:
Alles, was ich von dieser Art verfasse, zielt niemals auf das Wissen davon, was in der Erscheinungswelt auftaucht. Nein, das Ziel ist immer das innere Wissen um das, was in unserer menschlichen Essenz und der Substanz Adams aufzufinden ist. […] Wenn ich also in diesem oder irgendeinem anderen meiner Bücher als Beispiel ein Ereignis aus der Welt der Erscheinungen anführe, so ist meine Absicht dabei, es im Ohr des Hörers zu verankern und es mit seinem Ebenbild im Menschen zu vergleichen. Unsere Betrachtung mögen wir sodann unserer eigenen menschlichen Essenz zuwenden, die sich darin findet und der Weg zu unserem Heil ist!
Der sagenhafte Greif des Westens ist ab sofort in Ihrer Buchhandlung oder (innerhalb Deutschlands) sehr gerne auch portofrei direkt bei uns bestellbar.
Zum Schluss noch zwei Hinweise auf Bücher, die wir vor einiger Zeit veröffentlich haben, deren Aktualität aufgrund neuester Entwicklungen jedoch wieder gestiegen ist.
Zum einen lohnt in Anbetracht der sich gerade überstürzenden Ereignisse rund um Grönland und die dort lebenden Inuit ein Blick in Die Hüter der Weisheit. In dieser, seiner Autobiografie beschreibt Ilarion Merculieff unter anderem die schmerzliche Geschichte seines Volkes der Aleuten während der langen Unterdrückung durch den ausbeuterischen Kolonialismus Russlands und später der USA. Auch wenn die Zusammenhänge nicht eins zu eins vergleichbar sind, so beschleicht einen doch wieder einmal Theodor Reiks beklemmende Erkenntnis: »Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.«
Zum anderen erreichte uns im Zuge unserer jährlichen Honorarabrechnungen, die wir jeweils Anfang Januar erstellen, die traurige Nachricht, dass unsere Autorin Lillian Firestone am vergangenen 25. April im Alter von 91 Jahren in New York verstorben ist. Lillian gehörte zur »zweiten Generation« der Studentinnen und Studenten des Werks von G.I. Gurdjieff und war unter anderem eine direkte Schülerin von Jeanne de Salzmann. In ihrem 2010 erschienenen ikonischen Buch Die vergessene Sprache der Kinder beschrieb sie aus ihrer persönlichen Erfahrung, welche wertvollen Ratschläge der Lebenslehrer Gurdjieff Eltern und Erziehungspersonen mit auf den Weg gegeben hatte, wie sich bei heranwachsenden Menschen Integrität, Ideale und eigenständiges Denken fördern lassen. Lillians Abschied von dieser Welt ist sicherlich ein guter Grund, diesen wertvollen Beitrag zu einer ganzheitlichen Erziehungsarbeit wieder einmal zur Hand zu nehmen. Wer sich die berührende, im jüdischen Ritus gehaltene Zeremonie zum Gedenken an Leben und Werk dieser vielseitig begabten Frau anlässlich ihrer Beisetzung am 1. Mai 2025 in New York anschauen möchte, findet das fast zweistündige Video hier.
Wir danken Ihnen für Ihr Interesse.
Mit herzlichen Grüßen
Verlagsleitung
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