Muhyiddin Ibn Arabi in der Mezquita in Cordoba.

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Muhyiddin Ibn Arabi

 

»Ich folge der Religion der Liebe«

Von Stefan Bommer

Wie bei jedem großen Menschen, ranken sich auch bei Muhyiddin Ibn Arabi (1165–1240) um die sachlich belegten Kenntnisse über seinen Lebenslauf eine Vielzahl von Legenden. Doch oft sind es gerade diese, die den wahren Charakter und den Grund für die Existenz eines religiösen Meisters am treffendsten widerspiegeln; denn ein solcher Mensch ist in dieser Welt das, was andere Menschen in ihm erkennen und aus ihm machen. So bezeugen die vielen Geschichten und Legenden um Ibn Arabi seine absolute Meisterschaft in der Funktion als geistiger Lehrer und Führer. Noch heute wird er von vielen »der größte Meister (ash-shaykh al-akbar)« genannt (vgl. Wikipedia [/]).

Muhyiddin Abu Abdallah Muhammadi Ibn Ali Ibn Arabi al-Tai al-Hatimi al-Andalusi wurde im heute spanischen Murcia in einer gut gestellten Familie geboren. Kriegsereignisse zwangen diese 1172, nach Sevilla zu ziehen, wo Ibn Arabi seine Jugend verbrachte. Auf ausgedehnten Reisen in Andalusien, Afrika und dem Mittleren Osten kam er schon er schon früh in persönlichen Kontakt mit den bedeutendsten Mystikern, Geistlichen und Philosophen seiner Zeit. Längere Zeit blieb er in Ägypten, im Irak, in Syrien und in der heutigen Türkei. Im Jahr 1223 ließ er sich in Damaskus nieder, wo er mit einem Kreis von Schülern bis zu seinem Tode verweilte.

Obwohl er sich als unverblümter Kritiker von religiösem und philosophischem Dogmatismus zahlreiche Feinde schuf, wurde und wird er bis heute als einer der bedeutendsten Sufis aller Zeiten und als Lehrer von unerreichtem Status verehrt. Titel wie »größter Meister«, »Pol des Wissens« oder »Doktor Maximus« zeugen von seiner Anerkennung in Ost und West. Ibn Arabi lehrte als erster Vertreter des Sufismus und mit großer Klarheit der Vision die Absolute Einheit aller Existenz und die Wege Ihrer Selbstoffenbarung – eine Botschaft, der gerade in Zeiten auf keimender religiöser Intoleranz und fundamentalistischer Verblendung ein unschätzbares Potenzial für die interkulturelle Verständigung innewohnt.

Dank seiner vielen gut erhaltenen Schriften ist Ibn Arabis Vita relativ genau dokumentiert. Er verbrachte sein ganzes Leben im Studium, als Schriftsteller und als geistiger Lehrer. Zugleich setzte er sich in seinem sozialen Umfeld und in der Politik ein, was ihn zum Berater einiger Könige machte. Der Umfang seiner Arbeit und seines Wissens sind enorm; seinem literarischen Schaffen werden nach neuester Forschung mindestens 350 zum Teil sehr umfangreiche Werke zugeschrieben. Nicht ohne Grund wird Ibn Arabi in gewissen islamischen Traditionen »der Pol des Wissens« genannt.

Die Zeit, in der Ibn Arabi wirkte, war auch für Juden und Christen turbulent und geistig sehr bewegt. Es war eine Zeit, in der alle drei abrahamitischen Religionsgemeinschaften untereinander in starker, direkter Berührung standen. Ibn Arabis Werk kann auch heute noch versöhnend wirken, denn unter der Oberfläche beten alle drei auf Abraham zurückgehenden Religionsgemeinschaften zum selben Gott.

Welche Herrlichkeit!
Ein Garten inmitten der Flammen!
Mein Herz hat sich für jegliche Form geöffnet:
Es ist eine Weide für Gazellen,
und ein Kloster für christliche Mönche,
und ein Tempel für Götzenbilder,
und die Kaaba der Pilgernden,
und die Tafeln der Tora,
und das Buch des Korans.
Ich folge der Religion der Liebe:
Welchen Weg die Kamele der Liebe auch einschlagen,
das ist meine Religion und mein Glaube.

Muhyiddin Ibn Arabi: Tafel über dem Eingang seines Grabes in Damaskus.

Gedicht über dem Eingang von Muhyiddin Ibn Arabis Grab in Damaskus: »In jeder Epoche gibt es einen, durch den sie erhoben wird;
für die kommenden Zeitalter werde ich derjenige sein!«

Ein einzigartiges Genie der mystischen Unterweisung

Aus Stephen Hirtensteins Biografie: Der Grenzenlos Barmherzige – Das spirituelle Leben und Denken des Ibn Arabi

Ibn Arabi ist in der Welt der mystischen Unterweisung ein einzigartiges Genie. Bis zum zwanzigsten Jahrhundert relativ unbekannt im Westen, wurde er von Sufi-Mystikern verehrt, seit er um die Wende zum dreizehnten Jahrhundert über die islamische Welt ›hereinbrach‹.

Er schrieb über 350 Bücher und Abhandlungen, Werke höchster Qualität, die als Klassiker der westlichen Spiritualität anerkannt zu werden verdienen. Sie beschäftigen sich mit jedem Aspekt des spirituellen Lernens und erklären nicht nur alle traditionellen islamischen Wissenschaften des Korans und der Hadithe (überlieferte Aussprüche des Propheten Mohammed), sondern auch die gesamte prophetische Tradition des Westens. Er stellt diese Tradition gemäß ihrer inneren Bedeutung dar und präsentiert sie innerhalb eines kohärenten Ganzen. Außerdem gibt er einen Kommentar zu der spirituellen Tradition ab, die sich im Laufe von rund sechshundert Jahren im Islam entwickelt hatte; dabei stellte er all die verschiedenen Doktrinen und Formen der mystischen Erkenntnis in den größeren Zusammenhang der menschlichen Spiritualität.

Der am meisten hervorstechende Zug dieser Schriften ist ihre Universalität und Breite, verbunden mit einer erstaunlichen Durchdringung der zentralen Themen der menschlichen Erfahrung. Wenige Menschen können behaupten, mehr als einen Teil dieser Werke gelesen zu haben, und noch weniger wären so kühn zu behaupten, sie verstanden zu haben. Sie stellen eine unvergleichliche Fundgrube für alle echten Wahrheitssucher dar und formulieren oder antizipieren Einsichten, die im Allgemeinen späteren Persönlichkeiten zugeschrieben werden. So erscheint der Begriff der menschlichen Evolution, mehrere Jahrhunderte vor seinem Auftreten im Westen, in einem seiner Gedichte.

Es ist auch klar, dass seine Werke eine bemerkenswerte Kraft haben, den Zustand und die Mentalität der Leser zu transformieren. Ibn Arabi hat immer heftige Leidenschaften entfacht, und seine Schriften galten nie als »leicht«. Während er für die einen ein Modell der Heiligkeit und wahrer geistiger Verwirklichung darstellte, wurde er von anderen als eine an Häresie grenzende umstrittene Figur angesehen. All das scheint mehr die Vorurteile und Glaubenssysteme in den Köpfen und Herzen seiner Leser zu spiegeln oder auszudrücken, als ein klares Bild seiner Lehre zu geben. Wie bei allen großen Genies sind Identität und Prinzipien des wirklichen Menschen oft durch ideologische Kontroversen oder populäre Missverständnisse verdunkelt worden.

Historisch gesehen ist Ibn Arabi eine Wasserscheide, welche die vorhergehenden mündlichen Überlieferungen zu einer schriftlichen Synthese vereint, und stellt den Höhepunkt von fünfeinhalb Jahrhunderten islamischer Spiritualität dar. Achtzehn Jahre nach seinem Tod erschütterten die mongolischen Invasionen der Fruchtbaren Mondsichel den größten Teil der islamischen Zivilisation im Osten und veränderten das Gesicht des Nahen Ostens für immer. Als die islamische Kultur sich von den Nachwehen dieses sichtbaren Desasters wieder erholte, durchdrangen die Lehren Ibn Arabis die islamische Welt, besonders die Türkei und den Iran. Seine Terminologie wurde Grundlage späterer Sufi-Lehren, und seine Werke stellten die wichtigste Orientierung für alle großen Orden dar (zum Beispiel die Quadiriya [/], die Mevlevi [/] und Naqschbandiya [/]).

Niemand anders kann von sich behaupten, einen solchen Einfluss als geistiger Lehrer auf die islamische Welt gehabt zu haben wie Muhyiddin Ibn Arabi. Die Inschrift über der Tür zu seinem Grabmal in Damaskus ist ein berühmter Vers, den er selbst schrieb. Obwohl manche es für eitle Prahlerei halten könnten, zeigt er ein bemerkenswertes Bewusstsein seiner Stellung als geistiger Meister:

In jeder Epoche gibt es einen, durch den sie erhoben wird;
Für die kommenden Zeitalter werde ich derjenige sein!

Grundlegend für die islamische Lehre ist die Doktrin des tauhid [/] (Bekräftigung der Einheit Gottes), und die Verwirklichung des tauhid liegt im Kern von Ibn Arabis Person und Lehre. Während spätere Generationen ihn als großen Schriftsteller ansahen, wurde er zu seinen Lebzeiten als ein außergewöhnlicher Mystiker anerkannt, als jemand mit tiefster Einsicht in die menschliche Natur und tiefstem Verständnis, der in der Lage war, durch Wort und Tat zu lehren. Er  gehörte zu den Menschen, die ihr wahres Wesen durch Erfahrung und Bewusstseinszustand verwirklichen statt durch intellektuelles Denken. Und doch war er gleichzeitig fähig, seine Vision allumfassend in Worte zu kleiden.

Ibn Arabis Leben muss zu den außergewöhnlichen Biografien der Menschheit gezählt werden. Jeder, der nach ihm kommt, kann nur dankbar sein für die Fülle von Einsichten, die er im Hinblick auf seine eigene Erfahrung und die seiner Zeitgenossen niederschrieb. Die Tatsache, dass wir so viel über sein inneres und äußeres Leben wissen, verdankt sich vor allem seinen eigenen Beschreibungen. Einer seiner Zeitgenossen, Safi al-Din Ibn Abi al-Mansur Ibn Zafir, der ihm in der letzten Periode seines Lebens in Damaskus begegnete, berichtet:

Er ist einer der größten von denen, die den Weg [Gottes] kennen, und vereinigt alle von Gott gegebene Wissenschaft in sich. Sein Ruf ist gewaltig, und seine Schriften sind zahlreich. In Bezug auf Wissen, Verhalten und Station ist er völlig beherrscht von der Erkenntnis der Einheit Gottes (tauhid). Dem Auf und Ab des Daseins schenkt er keine Beachtung. Seine Schüler sind Männer des Wissens, die Meister der spirituellen Wahrnehmung und Autoren eigenen Ranges sind.

Muhyiddin Ibn Arabi: erste Seite der Futuhat al-Makkiyah.

Die erste Seite der Futuhat al-Makkiyah in Ibn Arabis Handschrift

Ausgewählte Hauptwerke von Ibn Arabi

Aus Stephen Hirtensteins Biografie: Der Grenzenlos Barmherzige – Das spirituelle Leben und Denken des Ibn Arabi

Ibn Arabi schrieb mindestens 350 Werke, von den gewaltigen Futuhat al-Makkiyah, die Tausende von Seiten auf Arabisch füllen, bis zu zahllosen kleinen Abhandlungen, die nur wenige Seiten umfassen. Die folgende Auswahl besteht aus den Schriften, die als seine Hauptwerke bezeichnet werden könnten, und mag dem Laien einen Überblick über die Materie verschaffen. Ausgewählt wurde aufgrund häufiger Erwähnungen in seinen eigenen Schriften und des Vorliegens in gedruckter Form, doch ist zu bedenken, dass die Liste keineswegs erschöpfend ist.

Die zweibändige Klassifikation von Osman Yahia von 1964, Histoire et Classification de l’Oeuvre d’Ibn Arabi, war der erste und bisher einzige Versuch, den Umfang von Ibn Arabis Werk zu erfassen, doch aus Mangel an Zeit und Ressourcen musste dieses Werkverzeichnis daher unweigerlich eine Fülle von Lücken enthalten. Die vorliegende Auswahl ist nach Kurztiteln und in annähernd chronologischer Reihenfolge angeordnet, obwohl die Fertigstellung einiger Werke viele Jahre dauerte und einige neu geschrieben wurden.

Mashahid al-Asrar al-Qudsiyah
(»Kontemplationen über die heiligen Mysterien«)
Geschrieben 1194 nach der Rückkehr von seiner ersten Reise nach Tunis und den Schülern von Scheich Abd al-Aziz al-Mahdawi und seinem Cousin väterlicherseits, Ali bin al-Arabi, gewidmet. Es enthält vierzehn aufeinanderfolgende Kontemplationen in Form von Dialogen mit Gott und epiphanischen Visionen.

Al-Tadbirat al-Ilahiyah
(»Göttliche Regentschaft«)
Dieses Werk wurde innerhalb von vier Tagen wahrscheinlich vor den Mashahid al-Asrar verfasst, aber später überarbeitet. Während seines Aufenthalts bei Scheich al-Mawruri in Moron (Andalusien) schrieb er dieses Werk als Antwort auf dessen Aufforderung, die wirkliche Bedeutung weltlicher Politik in den Begriffen der sufischen Darstellung des Menschenreichs zu erklären (das heißt als Mikrokosmos, der den Makrokosmos zusammenfasst).

Kitab al-Isra
(»Das Buch der Nachtfahrt«)
Eine der wichtigsten frühen Werke, das nach seinem großen Visionserlebnis 1198 in Fez geschrieben wurde. In rhythmischer Prosa beschreibt es seine mystische Auffahrt, seine Begegnung mit der geistigen Wirklichkeit der Propheten in den sieben Himmeln und die vollständige Erkenntnis seiner eigenen Wirklichkeit.

Mawaqi al-Nujum
(»Untergang der Sterne«)
Im Juli 1199 in elf Tagen in Almeria für seinen Gefährten und Schüler Badr al-Habashi geschrieben. Es heißt, dass dieses Buch erklärt, was alle spirituellen Lehrer lehren müssen, nämlich die drei Grade der Hingabe (islam), des Glaubens (iman) und der wahren Güte (ihsan), welche drei Ebenen der Verwirklichung entsprechen. Es enthält eine detaillierte Erörterung darüber, wie alle Fähigkeiten und Glieder des Menschen am Lobpreis Gottes teilhaben.

Anqa Mughrib
(»Der [sagenhafte] Greifvogel des Westens«)
Wahrscheinlich das letzte seiner andalusischen Werke, das um 1199 während seines letzten Jahres in Spanien geschrieben wurde. Es beschreibt in rhythmischer Prosa die Bedeutung der Station des Mah­di und des Siegels der Heiligen sowie den Rang der mohammedanischen Wirklichkeit und war gedacht als Begleitheft zur Tadbirat (siehe oben). Eine deutsche Übersetzung ist in der Edition Shershir [/] erschienen.

Insha al-Dawa’ir
(»Die Beschreibung der einander umschließenden Kreise«)
Geschrieben 1201 in Tunis für Badr al-Habashi und al-Mahdawi, unmittelbar bevor er den Westen in Richtung Mekka verließ. Es beschreibt die Grundlagen seiner Metaphysik, erörtert Existenz und Nicht-Existenz, Manifestation und Nicht-Manifestation und den Rang des Menschen in der Welt, unter Verwendung von Dia­grammen und Tafeln.

Mishkat al-Anwar
(»Die Nische der Lichter«)
Verfasst im Laufe der Jahre 1202/03 in Mekka. Es enthält eine Sammlung von 101 Hadith qudsi (Göttlichen Aussprüchen) in drei Teilen: 40 Überlieferungen mit einer Kette von Transmissionen direkt von Gott, 40 Göttliche Aussprüche ohne eine Kette der Transmission und 21 andere. Das Werk hält sich an die Tradition, die die Praxis der Bewahrung von 40 Überlieferungen für die Gemeinschaft empfiehlt.

Hilyat al-Abdal
(»Die Zierde der Stellvertreter«)
1203 im Laufe einer Stunde während eines Besuchs in Taif für al-Habashi geschrieben. Es beschreibt die vier Ecksteine des Weges: Einkehr, Stille, Hunger und Wachheit, die körperlich als eine Art Enthaltsamkeit erscheinen und in ihrer spirituellen Wirklichkeit Zustände des Herzens des Dieners sind.

Ruh al-Quds
(»Der Brief über den Geist der Heiligkeit«)
Geschrieben 1203 in Mekka für Scheich al-Mahdawi, ist es einer der besten Quellen für Ibn Arabis Leben in Andalusien und die Menschen, die er kannte. Es enthält drei Abschnitte: eine Klage über den Mangel an Verständnis bei vielen Menschen, die den Sufi-Weg praktizieren, eine Reihe von biografischen Skizzen von Sufis des Westens und eine Erörterung der Schwierigkeiten und Hindernisse, denen man auf dem Wege begegnet.

Taj ar-Rasa’il
(»Die Krone der Briefe«)
Geschrieben 1203 in Mekka, besteht es aus acht Liebesbriefen an die Kaaba, von denen jeder der Theophanie eines Gottesnamens entspricht, die ihm alle im Zuge der rituellen Umläufe erschienen.

Tanazzulat al-Mawsiliyah
(»Herabsteigen der Eröffnung in Mosul«)
Geschrieben Anfang 1205 in Mosul, beschreibt es die esoterischen Geheimnisse der Akte der Gottesverehrung wie der Waschungen und des Gebets, und wie jeder Abschnitt dieses alltäglichen Rituals von Bedeutung erfüllt ist.

Kitab al-Jalal wa’l-Jamal
(»Das Buch der Majestät und Schönheit«)
Im Laufe eines Tages Anfang 1205 in Mosul geschrieben, erläutert es verschiedene Koranverse im Hinblick auf zwei anscheinend widersprüchliche Aspekte: Majestät und Schönheit. Dabei wird auf den dritten, integrierenden Aspekt hingewiesen, das Gleichgewicht der Vollkommenheit.

Kitab Kunh ma la budda lil-murid minha
(»Was der Sucher braucht«)
Ebenfalls Anfang 1205 in Mosul geschrieben, legt es die wesentlichen Übungen für jemanden dar, der sich auf den spirituellen Weg begibt, zum Beispiel das Festhalten an der Einheit Gottes, der Glaube an das, was die Botschafter gebracht haben, das Üben des dhikr, das Finden eines wahren geistigen Lehrers und so weiter.

Isharat al-Qur’an fi Alam al-Insan
(»Anspielungen auf den Koran in der Menschenwelt«)
Geschrieben im Frühjahr 1205 in Jerusalem, war es als Begleitheft für das Tanazzulat al-Mawsiliyah (siehe oben) gedacht. Weit mehr als eine einfache Darstellung der koranischen Passagen, ist es eine ausführliche Meditation über jede Sure des heiligen Buches.

Risalat al-Anwar
(»Abhandlung über das Licht«)
Im Sommer des Jahres 1205 in Konya geschrieben als Antwort auf die Bitte eines Freundes und Gefährten, er möge die Reise der Auffahrt zum Herrn der Macht und der Rückkehr zu den Geschöpfen beschreiben. Das Buch erläutert die geistige Suche in den Begriffen einer unaufhörlichen Auffahrt durch die verschiedenen Ebenen der Existenz und Erkenntnis, die zur der Ebene der menschlichen Vervollkommnung führt. Deutsch im Chalice Verlag als: Reise zum Herrn der Macht.

Kitab al-Alif [oder »Einheit«], Kitab al-Ba’, Kitab al-Ya’ [für »Selbstheit«] usw.
Eine Reihe kleiner Schriften betitelt mit einem alphabetischen Nummerierungssystem, die 1205 in Damaskus begonnen und im Laufe von drei oder mehr Jahren verfasst wurden. In ihnen wird eine Reihe von Göttlichen Prinzipien erörtert, zum Beispiel Einheit (ahadiyah), Mitgefühl (rahma) und Licht (nur).

Kitab Ayahm al-Sha’n
(»Die Tage von Gottes Arbeit«)
Um oder bevor 1207 verfasst, ist dieses Werk eine Meditation über die Struktur der Zeit und die Art der Wechselbeziehungen zwischen Stunden und Tagen der Woche. Es beruht auf dem Koranvers: »Allah hat jeden Tag Geschäfte.«

Kitab al-Tajalliyat
(»Das Buch der Theophanien«)
Kurz vor 1206 in Aleppo geschrieben, beschreibt das Buch eine Reihe von theophanischen Visionen zu Themen wie Vollkommen­heit, Großmut und Mitgefühl, die auf Einsichten über die zweite Koransure beruhen. Diese Visionen enthalten oft Dialoge mit gestorbenen Heiligen wie al-Halladsch, Dschunaid [/] oder Sahl al-Tustari [/]. Zweck des Buches ist die Unterweisung des Suchers über Ereignisse, die auf seiner Reise eintreten könnten.

Kitab al-Fana’ fi’l-Mushahada
(»Das Buch der Auslöschung in der Kontemplation«)
Geschrieben in Bagdad, vermutlich während seines zweiten Aufenthalts im Jahre 1212. Es ist eine ausführliche Meditation über die 98. Sure, die die Erfahrung der mystischen Vision und den Unterschied zwischen Menschen des wahren Wissens und Menschen des Intellekts beschreibt.

Tardschuman al-Ashwaq
(»Dolmetsch der Sehnsüchte«)
Zusammengestellt 1215 in Mekka, obwohl über einen längeren Zeitraum hinweg geschrieben, mit einem anschließenden Kommentar, der später im gleichen Jahr in Aleppo verfasst wurde. Es umfasst 61 Liebesgedichte, die der Person Nizam gewidmet sind und auf die wahren Geheimnisse der mystischen Liebe und des prophetischen Erbes anspielen. Eine deutsche Übersetzung ist in der Edition Shershir [/] erschienen.

Istilahat al-Sufiyah
(Fachausdrücke der Sufis)
Geschrieben 1218 in Malatya, auf die Bitte von einem engen Freund und Gefährten. Es besteht aus 199 kurzen Definitionen der wichtigsten Ausdrücke, die unter den Gottesfreunden allgemein verwendet werden.

Kitab al-Isfar
(»Die Entschleierung der Auswirkungen des geistigen Reisens«)
Zeit und Ort des Schreibens sind unbekannt. Das Werk ist eine Meditation über die Bedeutung der spirituellen Reise im Allge­meinen und der Reisen der Propheten im Besonderen. Diese Reisen haben kein Ende, in dieser Welt und der nächsten, und werden als »Erinnerung an das, was in dir und in deinem Besitz ist, das du vergessen hast« beschrieben.

Kitab al-Abdalilah
(»Das Buch der Diener Gottes«)
Geschrieben einige Zeit vor 1229, vermutlich in Damaskus. Es besteht aus 117 Abschnitten, die jeweils einer »Abd Allah« genannten Person zugeordnet sind, von denen jede als »Sohn« eines besonderen Gottesnamens und eines Propheten beschrieben ist. Anscheinend entspricht dieses Werk einem Hadith, dass der Mensch 117 Merkmale besitzt, und erklärt die Verwirklichung dieser Merkmale im Sinne der Gottesnamen.

Fusus al-Hikam
(»Edelsteinfassungen der Weisheit«)
Geschrieben einige Zeit nach der Vision vom Propheten im Jahre 1229 in Damaskus und in Übereinstimmung mit dessen Anwei­sung, dass es geschrieben werden solle. Als Quintessenz der geistigen Unterweisungen Ibn Arabis angesehen, enthält es 27 Kapitel, von denen jedes der geistigen Bedeutung und der Weisheit eines bestimmten Propheten gewidmet ist. Die 27 Propheten, die mit Adam beginnen und mit Mohammed enden, sind wie die Fassungen eines Ringes, der den Edelstein der Weisheit enthält, und stellen alle verschiedenen Gemeinschaften der Menschheit unter der Botmäßigkeit Mohammeds, ihres Siegels, dar. Deutsch im Chalice Verlag als: Die Weisheit der Propheten.

Fihrist al-Mu’allafat
(»Werkverzeichnis«)
Geschrieben 1229/1230 in Damaskus für Sadruddin al-Qunawi, ist es Ibn Arabis eigenes Verzeichnis der 248 Werke, die er bis zu diesem Zeitpunkt geschrieben hatte.

Ijaza lil-Malik al-Muzaffar
(Beglaubigung für König al-Muzaffar)
Geschrieben 1234 in Damaskus für den Ayyubiden-Herrscher der Stadt, König al-Ashraf al-Muzaffar. Das Verzeichnis enthält etwa 290 eigene Werke und 70 Schriften seiner Lehrer.

Kitab Nasab al-Khirqa
(»Die Linie des Mantels der Initiation«)
Datum und Ort des Schreibens sind ungewiss, vermutlich 1236 in Damaskus. Es beschreibt seinen Zugang zum und seine eigene spirituelle Anbindung an den spirituellen Weg. Es enthält auch die Initiationen, die er selbst anderen gab, von denen die meisten der Erwähnten Frauen sind.

Awrad al-Usbu
(»Gebete für die Woche«)
Ort und Platz des Schreibens sind nicht bekannt, obwohl sie wahrscheinlich über sieben Jahre hindurch verfasst wurden. Von den vielen verschiedenen Gebeten, die Ibn Arabi zugeschrieben und noch heute häufig gebraucht werden, sind dies wahrscheinlich die bekanntesten. Sie sind für jeden Abend und Morgen der Woche zusammengestellt, ergeben insgesamt vierzehn und sind für die private Rezitation und Meditation gedacht.

Al-Diwan al-Kabir
(»Der große Diwan«)
Diese umfangreiche Sammlung von Gedichten, die über eine Periode von vielen Jahren geschrieben und anscheinend nicht vor 1237 in Damaskus abgeschlossen wurde, sollte offenbar alle von ihm geschriebene Lyrik umfassen und findet sich in vielen unterschiedlichen Manuskripten. Einige von ihnen, unter dem Titel Diwan al-Ma’arif, enthalten eine Einleitung, die die Vision beschreibt, die ihn zum Schreiben von Lyrik brachte, und eine Widmung an Badr al-Habashi. Die gedruckte Ausgabe, die auf einem anderen Manuskript beruht, scheint nur ein Band des gesamten Werkes zu sein.

Al-Futuhat al-Makkiyah
(»Mekkanische Eröffnungen« oder »Offenbarungen zu Mekka«)
Sein magnum opus, das 1202 in Mekka, infolge einer Vision vom Jüngling, begonnen und dessen erste Fassung von 20 Manuskriptbänden im Dezember 1231 abgeschlossen wurde. Eine zweite Fassung in 37 Bänden wurde 1238 abgeschlossen. Sie besteht aus siebenunddreißig Bänden in sechs Abschnitten und sollte offenbar ein »spirituelles Resümee« des Islams sein, die die gesamten 560 Jahre Geschichte bis zu Ibn Arabis Geburt umfasste. Es gibt detaillierte Darstellungen jeder Facette des geistigen Lebens, einschließlich inspirierter Kommentare zu jeder Sure des Korans, Erklärungen von Prophetenüberlieferungen (Hadith), Rechtsgelehrtheit, Kosmologie und Metaphysik.