Warum lacht die Rose?

Gedichte aus dem Divan-i Kebir von Dschalal ad-Din Rumi

John William Waterhouse: “The Soul of the Rose”

Gerne weisen wir mit dieser Leseprobe auf eine schöne neue Publikation unserer Freundinnen und Freunde vom schweizerischen Mevlevi-Kreis [/] hin.

Drei Gedichte von Dschalal ad-Din Rumi aus dem im Dezember 2017 in Zürich erschienenen Buch Jemand, der Durst hat, sucht auch im Juli Schnee – Monatsgedichte der Mevlevi-Gruppe Schweiz 2006–2016, im Eigenverlag herausgegeben von Birgit Kunz und Tülin Özgür.

 

Keine Ahnung von Dir

Divan-i Kebir, Band III, Gedicht Nr. 975

Oh mein Gott, wir können Dich nie in ausreichendem Maße verstehen! Obwohl Du in der Seele und im Herzen verborgen bist, haben weder die Seele noch das Herz eine Ahnung von Dir!

Die Welt ist übervoll von Dir, doch auch sie hat keine Ahnung von Dir!

Du bist die Seele und das Herz selber, wie kann Dich dann die Seele finden? Du befindest Dich in der Seele und im Herzen, doch weder die Seele noch das Herz haben eine Ahnung von Dir!

Wenn auch das Herz mit Deiner geistigen Vorstellung bestickt ist, kann die Vorstellung doch nichts von Dir wissen! Deshalb hat auch die Vorstellung keine Ahnung von Dir! Dein Name ist auf meiner Zunge, ich lobpreise Dich, ich rezitiere dhikr,* aber auch meine Zunge, die Dich rezitiert, hat keine Ahnung von Dir!
* Kurzform von dhikr-Ullah, »Erinnerung« oder »Lobpreis Gottes«.

Im Grunde genommen kennt alles, was Du erschaffen hast, kennen alle Wesen Deinen Ruf und Dein Zeichen! Doch ich habe gesehen, dass auch der Ruf und das Zeichen keine Ahnung haben von Dir!

Oh mein Gott! Alle Denker und die Wissenschaftler, die sich anstrengten, sind in der Tiefe ihres Glaubens und in den Abgründen ihrer Mutmaßungen verloren gegangen. Sowohl die Gewissheit, Dich genügend zu kennen, als auch der Zweifel daran haben keine Ahnung von Dir!

Wenn alle Menschen bis in alle Ewigkeit lebenslang von Dir, von Deiner Schöpfungskraft, von Deiner Kunst, von Deiner Allmacht erzählen würden, kämen sie nie an ein Ende. Denn auch die ausführlichste Erzählung und Erklärung haben keine Ahnung von Dir!

Wie könnte eine Fliege über die Flügel von Gabriel (Friede sei mit ihm) sprechen, die, wenn sie ausgebreitet sind, den ganzen Himmel umfangen und die Sonne verbergen? Oh mein Gott, alle Menschen, die Dich beschreiben, die von Dir erzählen, haben keine Ahnung von Dir!

 

Von Herz zu Herz sprechen

Divan-i Kebir, Band II, Gedicht Nr. 827

Komm, sprechen wir aus dem Herzen zueinander; verheimlichen wir unsere Rede vor den Ohren und Augen.

Lasst uns wie der Rosengarten lachen, ohne Lippen und Zähne! Begegnen wir einander wie die Gedanken, ohne Lippen und Zunge!

Lasst uns auf der Stufe der Erhabenheit Gottes und im Bewusstsein Seiner Existenz mit geschlossenem Mund, bis zu ihrem Ende, über das Geheimnis der Welt sprechen!

Niemand spricht mit lauter Stimme zu sich selbst. Wenn wir schon alle eins sind, dann lasst uns ohne Zunge und Mund von Herz zu Herz sprechen!

Wie kannst du zu deiner Hand »Halte!« sagen? Ist diese Hand deine Hand? Wenn unsere Hände schon eins sind, reden wir auch darüber, dass unsere Hände eins sind!

Die Hand und der Fuß kennen den Zustand des Herzens. Sprechen wir zueinander mit zitternden Herzen und schweigenden Zungen.

 

Der Mensch ist dessen würdig, wonach er strebt

Divan-i Kebir, Band I, Gedicht Nr. 297

Der Baum und das Gras, die aus der Erde wachsen und den Kopf erheben, sagen: »Mein Lehrer, du wirst pflücken, was du säst.«

Wenn du von den unzähligen Atemzügen, die dir zugeteilt wurden, nur noch einen einzigen übrig hast, dann säe nichts anderes als Liebe. Denn weißt du, woran der Wert des Menschen gemessen wird? Daran, wonach er strebt. Der Mensch ist dessen würdig, wonach er strebt.

Wasche deine beiden Hände von dir selbst, von deiner eigenen Existenz; befreie dich davon, dich selber zu sehen, befreie dich davon, dir selber zu gefallen. Befreie dich und komm zum Tisch der Liebe.

Wenn dein Geliebter dich beschenkt, wenn er dir die Würde erweist, dich zu besuchen, dann ist es eine Dummheit, als Hausbesitzer nicht zu Hause zu sein und sich sinnlos da und dort aufzuhalten.

Wenn der Mensch zu Hazrat* Jesu wird – natürlich eilt er dann unverzüglich zu Maria. Wenn er aber ein Esel ist, in Form eines Menschen, dann wird er zu den Eseln gehen.
[* Ehrentitel, wörtlich: »Gegenwart« oder »Präsenz«.]

Wenn der Weggefährte von jemandem ein Weinschenk ist, wie kann er dann nüchtern bleiben? Wird er nicht genährt und zunehmen, je mehr er trinkt?

Warum lacht die Rose? – Ich sage dir ganz im Geheimen: Ihr Geliebter ist in ihrer Hand. Sie schnuppert dauernd an ihm, deshalb lacht sie so.

 

© Birgit Kunz / Tülin Özgür 2017

Über das Buch

Mevlana Celaleddin Rumi: Jemand, der Durst hat, sucht auch im Juli Schnee – Gedichte aus dem Divan-i Kebir. Monatsgedichte der Mevlevi-Gruppe Schweiz 2006–2016

Herausgegeben von Birgit Kunz und Tülin Özgür, Zürich: Eigenverlag, 2017. ISBN 978-3-033-06542-0. 144 Seiten, 24 Euro. Zu beziehen über die Fachbuchhandlung Avicenna [/]