NEWSLETTER DES CHALICE VERLAGS
Xanten, im Juni 2026
Die Fähigkeit, das übersinnliche Licht wahrzunehmen, ist eine Folge jenes Polierens, welches das Herz zu einem vollkommenen Spiegel macht.
Henry Corbin
die uralte persische Vorstellung vom Lichtmenschen und seiner geistigen Führung auf dem Pfad der Rückkehr zum göttlichen Ursprung hat sich im Verlauf der Geschichte auf vielfältige Weise niedergeschlagen: in den Schöpfungsmythen, Engelsglauben, Seelenlehren, Auferstehungsideen, Prophetologien, Initiationskonzepten und spirituellen Psychologien des Zoroastrismus, des Christentums, des Hermetismus und des Islams.
In welch bedeutendem Ausmaß diese Lichtmetaphysik besonders die schiitische Variante des Sufismus geprägt hat, zeigte 1971 einer der profundesten Kenner frühiranischer Philosophie und Mystik, Henry Corbin, in seinem wegweisenden Werk L’Homme de lumière dans le soufism iranien. Nachdem sie jahrelang unverdientermaßen vergriffen war, haben wir dessen deutsche Übersetzung aus der berufenen Feder der Orientalistin Annemarie Schimmel mit dem Titel Die smaragdene Vision: Der Lichtmensch im persischen Sufismus in einer durchgesehenen Fassung in unserem Verlag soeben neu herausgebracht.
Mit seiner ungeheuren Belesenheit in antiken und mittelalterlichen Quellen zeigt Corbin, wie dieses Motiv des Aufstiegs und der Rückkehr zum Lichtursprung seit frühester Zeit im religiösen Leben des Mittelmeerraumes und des frühen Irans eine zentrale Rolle spielt – sei es in zoroastrischen Mythen, im Perlenlied der Thomasakten oder bei den Mandäern. Seinen vollkommensten Ausdruck findet es in der »orientalischen Weisheit« des großen persischen Philosophen und Mystikers Yahia Suhrawardi. Über ihren Kollegen und dieses Buch schreibt Annemarie Schimmel:
Die Welt, in die sein Werk, und speziell dieses, einführt, ist nicht die Welt starrer Orthodoxien und exoterischer Ereignisse. Corbin hat immer darauf hingewiesen, dass der Islam sich auf ein »metahistorisches Ereignis« gründet, nämlich den Urvertrag zwischen Gott und den Menschen, die Er anredet mit: »Bin Ich nicht euer Herr?« (Sure 7:171), und hat ebenfalls immer wieder den Lieblingssatz der Sufis zitiert, dem zufolge Gott sprach: »Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden, so erschuf Ich die Welt, auf dass Ich erkannt werde.«
Als Leseprobe aus dem neuen Buch finden Sie im Chalice Magazin unter der Überschrift »Die Latifas und die sieben Propheten deines Wesens« ein interessantes Kapitel, worin Henry Corbin die Systematik darlegt, mit welcher der persische Sufi Simnani (1261–1336) die Struktur der sieben inneren Bedeutungen des Korans mit der Struktur einer mystischen Anthropologie oder Physiologie gleichsetzte, die in sieben subtile Organe oder Zentren (die sogenannten Latifas) gegliedert ist, die jeweils durch einen der sieben großen Propheten typisiert werden. Damit erklärt er, was ein Sufi-Meister meint, wenn er zum Beispiel von »deinem Adam«, »deinem Jesus« oder »deinem Mohammed« spricht:
Mit der Lehre von Ala‘ ad-Daula Simnani präzisiert sich im iranischen Sufismus ganz entscheidend die Verbindung zwischen den ihrer Farbe nach gestaffelten visionären Wahrnehmungen und der Physiologie des Lichtmenschen, das heißt der Physiologie der subtilen Organe, deren Wachstum nichts anderes ist als die Ontogenese (Entwicklung) des »Auferstehungsleibes«. Die Gliederung wird durch die spirituelle Hermeneutik des heiligen Buches hergestellt; die geistige Exegese des offenbarten Textes fällt zusammen mit dem Exodus des Lichtmenschen, der von Innerlichkeit zu Innerlichkeit dem Pol, seinem Ursprungsort, entgegenschreitet.
Als praktische Ergänzung zu dieser theoretischen Grundlage haben wir im Chalice Magazin unter der Überschrift »Die Latifas und dein inneres Gleichgewicht« zusätzlich eine ursprünglich aus dem Sufismus stammende und vom englischen Mystiker Reshad Feild weiterentwickelte und während vieler Jahre gelehrte Übung publiziert, die das innere Gleichgewicht zwischen diesen subtilen Organen unseres Lichtkörpers wiederherzustellen hilft:
Die Latifas sind subtile Zentren innerhalb der subtilen Anatomie des Körpers Gottes. Was ist der Körper Gottes? Sie und ich – wir sind die subtile Anatomie des Körpers Gottes, weil Gott uns nach Seinem Bild geschaffen hat. Schon daran zu denken, ist eine gewaltige Erkenntnis. Diese Zentren oder Pforten sind unerschöpfliche Reservoirs, die durch die Zuwendung von liebevoller Aufmerksamkeit zum Fließen gebracht werden. Die Bewegung der Energie durch diese subtilen Zentren ist eine Form spiritueller Alchimie. Es ist ein alchimistischer Prozess, aus dem wir Substanz gewinnen können. Ziel und Zweck dieser Übung bestehen darin, Energie zu destillieren, um einen Punkt des vollkommenen Verstehens und der Erkenntnis von Gottes Liebe zu erreichen.
Übrigens hat uns sehr überrascht und berührt, wie viele Menschen der Einladung gefolgt sind, sich auf der Webseite des Chalice Verlags oder auch bei YouTube die nunmehr wöchentlich publizierten neuen Videos von Reshad Feilds Vorträgen und Studienklassen anzuschauen. Mit rund 2000 Aufrufen in nur sechs Wochen hätten wir niemals gerechnet! Dieser schöne Zuspruch, der von einem beachtlichen Interesse an den historischen Aufzeichnungen zeugt, wird uns auf jeden Fall bei unserem Unterfangen anspornen, bis Ende dieses Jahres sämtliches Videomaterial aus unserem Verlagsarchiv öffentlich zugänglich zu machen.
Schließlich möchten wir Sie noch auf einen dritten Text hinweisen, den wir soeben auf unserer Webseite publiziert haben. Die vor Kurzem veröffentlichte Enzyklika Magnifica humanitas von Papst Leo XIV. widmet sich ausführlich dem Verhältnis von Mensch und moderner Technologie und wird zurzeit auf der ganzen Welt breit diskutiert.
Im Chalice Magazin finden Sie neu »Eine kritische Würdigung der Enzyklika von Papst Leo XIV. zur künstlichen Intelligenz« vonseiten der katholischen Theologin und Neurowissenschaftlerin Ilia Delio, die sich seit Jahren mit dieser Thematik auseinandersetzt. Bei dem Text handelt es sich um unsere Übersetzung des Interviews mit ihr, das soeben im renommierten Bulletin of Atomic Scientists veröffentlicht wurde, einem 1945 gegründeten Magazin, welches sich kritisch mit Fragen der globalen Sicherheit und den Gefahren eines möglichen Nuklearkrieges auseinandersetzt.
Wir danken Ihnen für Ihr Interesse und grüßen Sie herzlich.
Verlagsleitung
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