Cynthia Bourgeault
Unsere vier inneren Stimmen in der kontemplativen Entscheidungsfindung

Foto: Pexels / Raul Ling
Wie gelangen wir zu tragfähigen Entscheidungen? Wie finden wir die nötige Entschlusskraft im Strudel von Fragen, bei denen wir zwischen Chancen und Gefahren, Wünschen und Pflichten, Hoffnungen und Ängsten hin- und hergerissen sind? Die Theologin und Weisheitslehrerin Cynthia Bourgeault hat dazu eine Methode entwickelt, die darauf beruht, unseren vier inneren Stimmen der »Nafs« (das heißt des Egos), der »Seele«, des »Herzens« und des »Geistes« unvoreingenommen zuzuhören. Wie diese Methode in der Praxis funktioniert, erklärt sie in ihrem neusten Buch anhand konkreter Beispiele aus ihrem Leben
Als Podcast (20 Minuten)
Ausschnitte aus dem Buch Unsere vier inneren Stimmen in der Kunst der kontemplativen Entscheidungsfindung von Cynthia Bourgeault
as folgende Beispiel handelt von einem sehr wichtigen Entschluss in meinem Leben, bei dem es um den Kauf eines kleinen Hauses an der Küste von Maine ging. Dabei musste ich mich entscheiden, ob ich zurück aufs Festland ziehen oder weiterhin auf einer fünf Kilometer vor der Küste liegenden kleinen Insel wohnen bleiben sollte. Zehn Jahre lang hatte ich dort recht abgeschieden gelebt, in meiner »Einsiedelei«, einer mit eigenen Händen erbauten kleinen Hütte, die schuldenfrei war und mir bei meiner spirituellen Arbeit wunderbare Dienste geleistet hatte. Die meisten meiner Bücher sind dort entstanden, an diesem wundervollen und ruhigen Ort, fernab von Lärm und Hektik.
Ausschnitte aus dem Buch Unsere vier inneren Stimmen in der Kunst der kontemplativen Entscheidungsfindung von Cynthia Bourgeault
Doch es gab auch ein Problem, das mit der Zeit virulenter wurde. Dieser zauberhafte Ort war schwierig zu erreichen und An- und Abreise gestalteten sich zunehmend komplizierter, insbesondere in den Wintermonaten, in denen der Kapitän des Bootes, das mich jeweils zur Insel brachte, und seine Frau, die beide in die Jahre gekommen waren, häufiger andere Pläne hatten. Das führte schließlich dazu, dass ich, wenn der Fährmann gerade nicht abkömmlich war, schlicht und einfach nicht mehr auf meine Insel gelangte und in einem Motel oder bei Freunden auf dem Festland übernachten musste, was mit einer Menge Umtriebe verbunden war.
Dieses Problem wurde also immer drängender, und mir war bewusst, dass ich mich früher oder später darum kümmern musste. Als ich dann eines Tages ohne besonderes Motiv auf dem Festland in dem dem Fährhafen nächstgelegenen kleinen Ort umherfuhr, fiel mein Blick auf ein zum Verkauf stehendes kleines Haus, das irgendwie lustig und etwas skurril wirkte. Es war weder ganz heruntergekommen noch eine ausgesprochene Schönheit, aber im Großen und Ganzen ziemlich okay. So stieg in mir der Gedanke auf: »Ja, das könnte reichen.«
Mir war es wichtig, auf meine inneren Stimmen zu hören, weil ich sehr wohl spürte, dass in meinem Inneren in Bezug auf die ganze Angelegenheit ein ziemlicher Unfrieden herrschte.
Die vier inneren Stimmen der kontemplativen Unterscheidung
Der Moment war also gekommen: Sollte ich dieses Haus kaufen? Mit meinen finanziellen Möglichkeiten hatte ich mich bereits gründlich auseinandergesetzt und wusste, dass ich wohl über genügend Mittel verfügte, um es mit Hilfe einer Hypothek erstehen zu können. In dieser Hinsicht waren also keine Probleme zu erwarten. Trotzdem war mir wichtig, auf meine inneren Stimmen zu hören, weil ich sehr wohl spürte, dass in meinem Inneren in Bezug auf die ganze Angelegenheit ein ziemlicher Unfrieden herrschte.
Also machte ich es gemäß meiner Methode der vier Stimmen der kontemplativen Unterscheidung so, wie ich es Ihnen bereits demonstriert habe: Ich zeichnete wieder meine vier Spalten »Nafs«,[1] »Seele«, »Herz« und »Geist« auf ein Blatt Papier, hörte genau zu, was diese mir zu sagen hatten, und hielt die Botschaft jeder einzelnen Stimme auf dem Papier fest. Der Prozess gestaltete sich als äußerst interessant.
Die Nafs [oder mein Ego-Selbst] begann mit: »Ja, aber...«, und war hin- und hergerissen zwischen zwei Programmen, die in meinem falschen Selbst einander diametral entgegengesetzt abliefen, sich also komplett widersprachen. Einerseits verlangte die Stimme nach der überlebenstechnischen Sicherheit und Selbstbestimmung eines Ortes, an dem man ein- und ausgehen konnte, ohne bei Freunden unterkommen zu müssen, weil die Überfahrt zur Insel wieder einmal nicht zu bewerkstelligen war. Doch die Nafs hatte auch panische Angst davor, sich durch die Aufnahme einer Hypothek finanziell zu verausgaben, also mit Schulden leben zu müssen. Obwohl ich nicht über ein regelmäßiges Einkommen verfügte, war ich doch schuldenfrei. Also fürchtete sich meine Nafs davor, dieses Wagnis einzugehen und diese Verbindlichkeiten zu übernehmen, die ein Leben als erwachsener Mensch halt so mit sich bringt.
Dann meldete sich die Seele zu Wort und sagte ebenfalls: »Ja, aber...« Sie meinte: »An diesem Ort könnte ich durchaus leben. Ich erkenne hier einen gangbaren Lebensweg.« Doch gleichzeitig sagte sie auch: »Aber was wird aus meinem schönen, abgeschiedenen Einsiedlerleben auf der Insel, dem Mystischen, dem Magischen?« Also befanden sich beide niederen Stimmen in einem gewissen Konflikt.
Mein Geist konnte mit der ganzen Idee rein gar nichts anfangen: »Nein! Was brauchst du wirklich? Natürlich eine Einsiedelei! Und du hast deine Einsiedelei auf Eagle Island.« Er brachte folgendes Argument ein: »Dieser Umzug wird dein Einsiedlerleben behindern. Er bringt Schwierigkeiten mit sich. Du wirst dich verzetteln, weil das Energiefeld gestört wird. Tue es nicht!«
Ich musste mich erst einmal neu sammeln. Es handelte sich um eine überaus schwierige Situation, ein klassisches Mauern zwischen den höheren und den niederen Stimmen. Wären meine alten Lehrmethoden zum Zuge gekommen, wäre ich dem Geist gefolgt, einfach weil er die »höchste« Stimme in mir ist und gesagt hatte: »Nein, so etwas brauche ich nicht«; und ich hätte mich weiterhin in Zwietracht gewunden. Aber in Anwendung meiner neuen Methode sagte ich mir: »Nun, wir haben es also mit einem Unentschieden zu tun. Mal schauen, wie es weitergeht.«
Und nach einer gewissen Zeit – was, wie wir später noch sehen werden, sehr typisch ist – meldete sich endlich mein Herz, und zwar mit der bemerkenswerten Frage: »Aber was ist denn, wenn du eigentlich gar keine Einsiedlerin bist?« – »Ups!«, dachte ich. Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich etwas Wesentliches übersehen hatte, was ich nun zu kapieren begann.
Nafs
»Ja, aber...«
Seele
»Ja, aber...«
Herz
»Was, wenn du gar keine Einsiedlerin bist?«
Geist
»Was brauchst du wirklich?«
Mein Herz hatte die Angelegenheit, wie es für seine Art typisch ist, auf den Punkt gebracht. Und als ich begriff, was mein Herz mir zeigte, kam dies einer Befreiung gleich.
Mein Herz hatte die Angelegenheit, wie es für seine Art typisch ist, auf den Punkt gebracht: Ich steckte bei der Entscheidung um den Hauskauf in einem Dilemma, das genau jenem Teil von mir entsprang, der weiß, dass ich auch eine Lehrerin und auch eine Autorin bin; dass ich mit Menschen zusammen sein, sie erreichen können muss, um die Dinge zu tun, die ich nun mal tue. Mein Herz hatte erkannt, dass der spirituelle Aspekt, die Einsiedlerkomponente, wenn man so will, ein wichtiger und entscheidender Teil dessen ist, wer ich bin, aber nicht der einzige.
Als ich begriff, was mein Herz mir zeigte, kam dies einer Befreiung gleich. Mein Herz sagte aus tiefstem Grund Ja, was die Unentschiedenheit kippte und die beiden niederen Stimmen überzeugte. Sie verloren ihr Zögern, weil sie nun wussten: »Okay, wir schaffen das.« Und sie konnten sich gegen den Geist behaupten, der darauf bestanden hatte: »Nein, das ist doch nicht das Höchste. Es ist ein Rückschritt.« Nun konnte auch er einstimmen und sagen: »Tatsächlich liegt darin eine Entwicklungskurve, und wir nehmen sie.«
Es war also ein wirklich bedeutungsvoller Moment. Und ich glaube, anhand dieses Beispiels lässt sich gut erkennen, dass diese Methode der Unterscheidungsfindung deutlich anders funktioniert als die klassischen Herangehensweisen. Mittels dieser Methode wurde mir im Laufe der Jahre bewusst, dass, obwohl der Geist mit Blick auf mein Leben im großen Ganzen Recht haben mag, die niederen Stimmen dennoch viele Aspekte schnell und richtig registrieren, besonders hinsichtlich Macht und Stärke, Handlungsfähigkeit und Verantwortung auf meinem Lebensweg.
Die Anwendung meiner Methode hatte mich erkennen lassen, dass dieses kleine Haus auf dem Festland eine wichtige neue Basis darstellen könnte, von der aus ich den nächsten Entwicklungsschritt in meinem geistlichen Amt machen würde. Also kaufte ich es. Und heute, viele Jahre später, kann ich sagen, dass es kein Fehler war. Der Geist hatte vollkommen Recht gehabt mit seinem Argument, dass diese Entscheidung meinen absoluten Fokus auf die eine Sache schwächen werde. Doch sie eröffnete mir derart viele Möglichkeiten und Wege des Austauschs und der Fülle, dass ich dadurch eine umfassendere Perspektive darauf gewinnen konnte, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. [...]
Erst im Laufe der Zeit dämmerte mir, dass diese Methode eben deshalb so gut funktioniert, weil sie nahezu ein Lehrbuchbeispiel für das Gesetz der Drei darstellt.
Das Gesetz der Drei
Meiner Methode der vier Stimmen der kontemplativen Unterscheidung liegt etwas zugrunde, das »das Gesetz der Drei« genannt wird und das wir uns daher etwas detaillierter anschauen sollten. Als ich anfing, mit dieser Vorgehensweise zu arbeiten, war mir gar nicht bewusst, auf welchem Prinzip sie eigentlich beruht. Erst im Laufe der Zeit dämmerte mir, dass diese Methode eben deshalb so gut funktioniert, weil sie nahezu ein Lehrbuchbeispiel für das Gesetz der Drei darstellt.
Falls Sie meine Arbeit verfolgt und insbesondere mein Buch Die Heilige Dreifaltigkeit und das Gesetz der Drei gelesen haben, werden Sie eine Vorstellung davon haben, worum es bei diesem Gesetz geht und weshalb es in meiner Lehre einen derart wichtigen Stellenwert hat. Vielleicht aber haben Sie noch nie etwas davon gehört. Schließlich ist es noch immer ein ziemlich »gut gehütetes offenes« Geheimnis.
Es war Georges Iwanowitsch Gurdjieff (1866–1949) der als Erster lehrte, dass im Kosmos zwei grundlegende universelle Prinzipien zusammenwirken: das Gesetz der Drei (er nannte es auch das »Gesetz der Welterschaffung«) und das Gesetz der Sieben (oder das »Gesetz der Welterhaltung«). Diese beiden Gesetzmäßigkeiten regulieren gemäß ihm alles Neuentstehende und alle ablaufenden Prozesse auf unserem Planeten wie auch im gesamten Universum in allen Größenordnungen – vom Subatomaren bis zum Kosmischen – in sämtlichen Bereichen, Dimensionen und Feldern. Das universelle Gesetz der Drei definiert, wie etwas Neues aus dem Vorhergegangenen entspringt.
Da ich selbst zehn Jahre oder länger in der Gurdjieff-Arbeit aktiv war, wurde mir mit der Zeit bewusst, dass meine Methode der vier Stimmen der kontemplativen Unterscheidung im Wesentlichen eine Anwendung des Gesetzes der Drei ist. Wieso und inwiefern, will ich im Folgenden erläutern.
Das Gesetz der Drei drückt vereinfacht gesagt aus, dass alles Neuentstehende das Resultat der Interaktion dreier unabhängiger Kräfte oder Wirkungslinien ist. Gurdjieff nennt diese »bejahend«, »verneinend« und »versöhnend« oder auch »erste«, »zweite« und »dritte Kraft«. Wichtig ist zu verstehen, dass es tatsächlich diese drei voneinander unabhängigen Wirkungslinien braucht, damit etwas Neues entstehen kann. Und eine getroffene Entscheidung ist im Grunde genommen etwas Neuentstehendes, entsprungen aus einer Verwirrung, die zuvor noch nicht existiert hat. [...]
Wenn wir von Bejahung, Verneinung, Versöhnung und Neuentstehendem sprechen, bringen wir bloß zum Ausdruck, welche Wirkungslinie in einer bestimmten Situation welche Kraft in sich trägt.
Im genannten Beispiel stellte sich mir also die Frage, ob ich das Haus in dem Küstenort erwerben und meine kleine Einsiedelei auf der Insel verlassen sollte. In dieser Situation waren es die beiden niederen Stimmen, die mit ihrer hier bejahenden Kraft für den Umzug stimmten: »Ja, also los, tun wir es!« Dieses Mal kam dem Geist die Rolle des Verneinenden zu: »Nein, der Küstenort funktioniert nicht; das Haus steht meiner Berufung zum Einsiedlerleben im Wege.«

An dieser Stelle erscheint es mir relevant, etwas zum Gesetz der Drei klarzustellen: nämlich, dass Bejahen und die höhere Stimme nicht zwangsläufig synonym zu verwenden sind. Nafs und Seele verkörpern bei diesem Beispiel die bejahende Kraft; sie sagen, wenn auch etwas zögerlich: »Ja, tue es!«, und initiieren damit das Handeln. Der Geist jedoch, obwohl ihm die höhere Stimme zu eigen ist, was seinen Standpunkt, seine Perspektive angeht, sagt auf meine Frage: »Nein.« Es gilt also, äußerst achtsam zu sein, wenn wir bei der Entscheidungsfindung den Stimmen zuhören.
Für viele Leute bedeuten die beiden Begriffe die »bejahende Stimme« und die »höhere Stimme« dasselbe. Doch wenn wir von Bejahung, Verneinung, Versöhnung und Neuentstehendem, also der resultierenden Handlung, sprechen, bringen wir einfach zum Ausdruck, welche Wirkungslinie in einer bestimmten Situation welche Kraft in sich trägt. Beim vorliegenden Beispiel bejahen die beiden niederen Stimmen; sie drängen, das Haus in dem Küstenort zu kaufen. Indem der Geist sagt: »Nein, tue es nicht«, trägt er hier die verneinende Kraft. Inmitten der Dynamik dieser gegensätzlichen Kräfte mischt sich das Herz hörbar ein und bringt den entscheidenden Faktor ins Spiel, der zur Bejahung meiner Frage führt. Zu diesem Ja kam es, weil das Herz die folgenschwere Frage stellte: »Aber was ist denn, wenn du eigentlich gar keine Einsiedlerin bist?«
Was ist da also geschehen? Hat der Geist trotz seiner höheren Position nicht das ganze Bild erfasst? Oder könnte es sein, dass »Geist« einfach die höchste Stimme bloß eines Teils von mir ist? Was wir hier nicht übersehen dürfen, ist, dass es das Votum des Geistes war, wodurch eine versöhnende Kraft überhaupt erst entstehen konnte. Der Geist gab den niederen Stimmen Stärke und Handlungsfähigkeit, die an diesem Punkt etwas erkannt hatten. Doch er würdigte das Herz nicht herab, sodass das Herz die auf dem Tisch liegenden Positionen zugleich wertschätzen und relativieren konnte und sich eine Stimme in mir herauskristallisierte: »Ja, spirituelle Arbeit zu leisten, ist wichtig, aber du musst sie auf die richtige Art und Weise tun, die die richtige Zeit und die richtigen Entwicklungsschritte einbezieht und wirklich versteht, was es bedeutet, dass ich es bin, ich selbst, Cynthia Bourgeault, die spirituelle Arbeit leistet, und nicht irgendeine, theoretische, verwirklichte Meisterin. Es gibt ganz konkrete Umstände, die mit der Art meines Lehrens zusammenhängen und damit, wodurch ich meine Wirkung im Unterrichten erziele.«
Wieder hatte das Herz die Ganzheit der Situation in Betracht gezogen und die Versöhnung eingebracht, doch diesmal, indem es sich entschied, die niederen Stimmen vorzuziehen, nicht die höhere. Das ist überaus interessant, weil es uns vor Augen führt, dass es keineswegs so ist, dass im Prozess der Entscheidungsfindung immer die höchste Stimme ausschlaggebend ist. Auch dies ist ein Teil der Konsensfindung im Entscheidungsprozess. [...]
Eine sorgfältige und rationale Prüfung der Situation im Vorfeld ist die Grundvoraussetzung, ohne die meine Methode der Entscheidungsfindung niemals unternommen werden sollte.
Kein Ersatz für den gesunden Menschenverstand
[Im Sinne eines praktischen Tipps] will ich abschließend noch auf etwas hinweisen, das eigentlich selbstverständlich sein sollte (aber nach bald dreißig Jahren, in denen ich nunmehr unterrichte, weiß ich, dass nichts wirklich selbstverständlich ist): Vor jeglichem wichtigen Entscheidungsprozess sollten wir auf der logischen und praktischen Ebene unsere Hausaufgaben gemacht haben. Eine sorgfältige und rationale Prüfung der Situation im Vorfeld ist die Grundvoraussetzung, ohne die meine Methode der Entscheidungsfindung niemals unternommen werden sollte.
Es muss Ihnen klar sein, dass diese Methode in keinem Fall ein Ersatz für eine auf dem gesunden Menschenverstand basierende Entscheidungsfindung sein kann. Als es beispielsweise um meine Entscheidung über den Hauskauf in dem Küstenort ging, hatte ich selbstverständlich die wichtigsten finanziellen Facetten der Situation mit meiner Bank besprochen und wusste, dass ich die Abzahlung der notwendigen Hypothek – außer es geschähe etwas absolut Katastrophales – würde stemmen können. Ich konnte meine finanziellen Möglichkeiten sehr genau einschätzen; der Kauf einer Vier-Millionen-Dollar-Villa wäre hingegen alles andere als eine logisch-rationale Option gewesen.
Es ist also von zentraler Bedeutung, sich erst einmal Klarheit über die gesamte Situation zu verschaffen, alle Eventualitäten und möglichen Konsequenzen durchzudenken und sich über die Ziele im Klaren zu sein. Erst danach sollten Sie sich dieser Methode zuwenden und ausprobieren, ob sie Sie in Ihrer Entscheidungsfindung unterstützen kann.
© Cynthia Bourgeault / Chalice Verlag 2026
Deutsche Übersetzung © Helga Jacobsen & Robert Cathomas
Anmerkungen
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[1] Die erste der vier Stimmen, über die wir in diesem Kurs sprechen wollen, nenne ich »Nafs«. Der Begriff stammt aus dem Arabischen und wird im Sufismus für die niederen, von Leidenschaften geprägten Aspekte der Seele verwendet. In der christlichen Tradition wird dieser Aspekt häufig als das »falsche Selbst« bezeichnet. Es macht sich mit einer fieberhaft-hektischen Stimme bemerkbar, welche die anderen Stimmen zu vereinnahmen sucht, dringlich klingt und in der Regel als erste spricht, beziehungsweise am ehesten zu hören ist und grundsätzlich zunächst einmal abwehrend auf alles Neue reagiert. [Der Begriff nafs, der mit dem Hebräischen nefesch verwandt ist, findet sich 276 Mal im Koran, hat aber im Allgemeinen eine recht breite Bedeutung, etwa von »Person«, »Ich« oder »Seele«. Der Sufismus kennt eine ganze Abstufung unterschiedlicher Aspekte der nafs, so zum Beispiel die nafs ammara, die »sinnliche Seele« oder das »niedere Selbst«; Anmerkung der Übersetzer].

