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John G. Bennett

Unsere Nahrung – unser Gast

Seelennahrung: Bewusste Ernährung

Foto: Pexels / Lee Hnetinka

Seelennahrung muss gut gekocht sein – guter Geschmack will gelernt sein: «Le bon-goût s’apprend.» Das gilt insbesondere für das spirituelle Schmecken der Einheit des Seins. Es verlangt beseelte Achtsamkeit sowohl bei der Zubereitung gesunder Nahrung als auch in unserem Essverhalten und unserer Ernährung mit Vollwertkost auf sämtlichen Ebenen.

Rezepte für gesunde Seelennahrung:  unter anderem mit deutschen Erstveröffentlichungen von Annemarie Schimmel, Ibn Arabi, John G. Bennett, Osho und Christopher Bamford. Der Pfad der Kichererbse – Ein Lesebuch vom Kochen und Gekochtwerden

de Hartmann: Unser Leben mit Herrn Gurdjieff
Eine für Mensch und Umwelt gesunde Ernährung ist nicht nur eine Frage dessen, was wir zu uns nehmen, sondern auch der inneren Haltung, mit der wir essen und genießen. Einige Vorschläge, wie wir unserem Essen bewusster und achtsamer begegnen können, machte der englische Naturwissenschaftler und Philosoph John G. Bennett seinen Studentinnen und Studenten bereits in den 1970er-Jahren. Heute sind diese Gedanken aktueller denn je

ir sollten uns an den Platz erinnern, den die Nahrung im menschlichen Leben richtiger- und passenderweise einnimmt. Nahrung ist der Schlüssel zur Trans­formation von Leben; bevor irgendetwas vom Menschen gegessen werden kann, muss es durch das Leben bereits transformiert worden sein. Das beginnt schon mit den nackten Felsen dieser Erde, den Wassern der Meere und der Luft der Atmosphäre: Aus ihnen sind unsere Körper gemacht, und aus der Transformation von all dem werden die feinen Energien unserer Wahrnehmung produziert. Doch können wir dies nicht unmittelbar tun; vor eine Diät gestellt aus Stein, Wasser und Luft, vermögen wir das Leben nicht aufrechtzuerhalten. Es ist nützlich, einen Stein und Wasser zu betrachten, die Luft einzuatmen und sich zu fragen: »Was könnte ich eigentlich tun, wenn dies das Einzige wäre, was es gibt? Aus all dem ist mein Körper geschaffen, aber ich selbst kann ihn nicht erschaffen und ich kann ihn damit auch nicht aufrechterhalten.« Nur das Leben kann das Leben unterhalten.

 

Liebe und Respekt für alles, was lebt

Hier im Sherborne House [1] leben wir mitten im Grünen und sind glücklich, nicht in einer Stadt zu sein, wo die von Menschen geschaffenen Dinge dominieren. Um uns herum sehen wir den unablässigen Prozess der Transformation, den die Vegetation in der Welt des Lebens antreibt und mit dem sie die Welt aufrechterhält. Auch sehen und hören wir die Tiere, von deren Leben unsere Ernährung abhängt. Wenn wir auch nur annähernd normale Wesen wären, hätten wir eine tiefe Liebe und einen beständigen Respekt für alles, was lebt, und wir würden unseren Bedarf an und unsere Abhängigkeit von allem erkennen, das vergangen ist, um uns zu Menschen zu machen. Durch das schöpferische Wirken der Natur wurden wir zu dem Punkt erhoben, an dem wir genau zwischen dem Materiellen und dem Geistigen stehen, dem Punkt des Übergangs im Aufstieg von der Materie zum Geist. Wir wurden dorthin gestellt durch unsere Natur und weil diese Art von Natur benötigt wird.

Wir stehen an der Spitze der einen Pyramide, der materiellen, doch befinden wir uns auch am Ausgangspunkt einer weiteren: nämlich der Pyramide der geistigen Welt. Dieser Punkt ist in uns, und er ist der Übergang, oder er sollte es zumindest sein. Der Mensch ist so erschaffen, dass es diesen Übergang von der Dominanz der Materie zur Dominanz des Geistes geben muss. Dies alles – das grenzenlose Potenzial des Menschen – wurde uns gegeben. Und wir hier in Sherborne versuchen, dieses Potenzial zu verwirklichen. Die ganze Frage »Warum sind wir hier?« dreht sich um diesen Punkt.

Seelennahrung

Foto: Pexels / Pixabay

Ein in diesem Prozess un­verzicht­barer Schritt ist die Transformation von Nahrung. Ich möch­te, dass Sie sich, wenn Sie in dieser Woche beim Essen sind, an diesen Schritt erin­nern: Dass Sie diesen Respekt haben für das Leben, das Ihnen Leben gab, und sich bewusst sind, dass die Nah­rung in Sie ein­geht zur Auf­recht­erhaltung Ihrer Existenz. Ich möchte, dass Sie den Ge­schmack des Essens erfahren und die Art und Weise, in der Ihr Körper und Ihr psychisches Erle­ben auf das Essen reagie­ren. Der Mensch bedarf einer bestimmten Kombi­nation von Nahrungs­mitteln. Unter den gegen­wärtigen Bedingun­gen der Existenz braucht er wahrscheinlich einen bestimm­ten Anteil an tierischer Nahrung; und ganz sicherlich bedarf er verschiedener Kombinationen vegetarischer Nahrung.

 

Sind wir in Essensfragen zu egoistisch?

Viele unter Ihnen haben sehr falsche, selbstbezogene Einstellungen dem Essen gegenüber. Manche sind nur an ihrer Diät interessiert, ihrer Gesundheit, an Vitaminen oder Nichtvitaminen und so weiter. Tatsächlich ist dies eine sehr egoistische Haltung der Nahrung gegenüber. Alle Nahrung ist gut, und alle Nahrung kann vom Menschen aufgenommen werden, vorausgesetzt, er selbst ist im richtigen Zustand. Die Vorstellung, wir müssten unsere Diät einhalten und sie mit Diesem oder Jenem ergänzen oder Dieses oder Jenes vermeiden, ist schlicht Egoismus. Diese Haltung schneidet dich von der Nahrung ab: Du denkst an dich selbst, nicht an die Nahrung, die du isst. Wenn man mit der richtigen inneren Haltung isst, ist alle Nahrung nahrhaft und gut. Wenn ein Mensch mit der richtigen inneren Haltung und auf die richtige Art und Weise isst, braucht er sehr wenig Nahrung, und was er isst, ist dann unwichtig.

Die richtige innere Haltung dem Essen gegenüber ist Bewusstheit, Wachheit dafür, was in jedem Moment für uns bereitgestellt wird und was die Natur für uns getan hat. Es gibt eine Übung, die in dieser Woche, in der wir über unsere Beziehung zur Nahrung nachdenken wollen, wichtig ist, und ich möchte, dass Sie diese Übung so ernsthaft wie möglich durchführen.

Achtsamkeit beim Essen

Foto: Pexels / Danielly Palmeira

Eine lehrreiche Übung am Esstisch

Achtung beim ersten Bissen!

  • Versuchen Sie, wann immer Sie essen – sei es nur einen Bissen oder eine ganze Mahlzeit, also immer, wenn Sie Essen in den Mund nehmen, mit dem ersten Bissen, dem ersten Eintreten von Nahrung in Ihren Mund –, sich Ihrer selbst bewusst zu sein, so wie in dem Satz »Ich und dieses Essen«.
  • Alles geschieht in diesem Moment. Der Verdauungsprozess der Transformation beginnt in dem Augenblick, wenn die Nahrung in Ihren Mund kommt. Doch Sie müssen in diesem Moment gegenwärtig sein.
  • Sie müssen sich selbst eintrichtern, dass Sie, wenn Sie essen, einen besonders hoch verehrten Gast empfangen. Es ist das Leben, das Sie besucht und das durch Ihr Tor eintritt. Dieser hoch geschätzte Gast, der gekommen ist, um Ihnen Leben zu geben, muss auf diese Art und Weise an der Schwelle begrüßt werden.

Weil nun diese Übung hier notwendigerweise in der Gegenwart anderer Menschen stattfindet, muss ich Sie noch an etwas anderes im Zusammenhang mit dieser Art von »Arbeit« erinnern. Es ist notwendig, dass wir fähig werden, Arbeit, die für uns eine solch große Bedeutung hat, innerlich zu tun, ohne dass dies äußerlich auf irgendeine Weise sichtbar wird. Das heißt: Sie müssen fähig sein, wenn Sie sich zu Ihrer Mahlzeit an den Tisch setzen und Ihnen das Essen serviert wird, diese Übung unbemerkt zu machen. Wenn Sie sich hinsetzen und auf den Teller starren und sich für diesen Moment des Essens vorbereiten, könnten andere Menschen lachen und sagen: »Ha, er bereitet sich vor!« Wenn Sie jemals einen Menschen sehen, der bewusst aussieht, können Sie sicher sein, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Diese Übung, bewusst zu essen und den ersten Bissen bewusst zu sich zu nehmen, ist etwas Besonderes. Alle unter uns, die sie bereits einmal gemacht haben, waren erstaunt und empfehlen sie den anderen weiter.

Bewusst und achtsam essen

Foto: Pexels / Jimmy

Richtig essen ist eine »Beziehungsfrage«

Wenn Sie den ersten Bissen zu sich nehmen, sollte in Ihnen etwas sein, das sich daran erinnert, mit dem Essen in der richtigen Beziehung zu stehen. Wenn ich esse ohne ein Gefühl der Dank­barkeit für die Wesen, die mir Leben gaben – den Pflanzen und den Tieren, die ihr Leben für mich hingegeben haben –, bin ich nicht so, wie ich sein sollte. Und ich muss dieses Leben hundertfach zurückgeben. Ich bin wie ein Feld, in welches das Korn, der Samen des Lebens, gepflanzt ist, und es ist an mir, die Ernte zurückzugeben. Tue ich das, bin ich ein gutes Feld und die Saat wird zu ihrem Wohl gesät. Damit meine ich, dass, wenn ich die Energie transformiere, die ich durch die Nahrung erhalte, und meine kosmische Aufgabe erfülle, ich nicht nur mich selbst »erlöse«, sondern auch die Nahrung, die ich esse. Es gibt dieses traditionelle Bild, dass der Mensch für die Nahrung der Himmel ist, das heißt: Wenn Nahrung vom Menschen gegessen wird, wird sie transformiert und erreicht ihr höchstes Potenzial. So ist es für den Menschen nicht verwerflich, Nahrung zu essen, noch zerstört oder verletzt er tierische oder vegetarische Nahrung dadurch, dass er sie isst – vorausgesetzt, er tut es bewusst.

Verschwendung von Nahrungsmitteln

Foto: Pexels / KML

In früheren Zeiten hat man dies noch verstanden; heute tun wir im Zusammenhang mit Nahrung Dinge, über die schon allein nach­zudenken schmerzlich ist. Ich leide, wenn ich sehe, wie Nahrung verschwendet wird. Wenn wir uns bewusst sind, welch immense Arbeit die Natur erbringt, um diese Nahrung auf die Bewusst­seinsstufe zu erheben, die sie für den Verzehr durch uns geeignet macht, können wir verstehen, was deren Verschwendung be­deu­tet. Das ist der Grund, wes­halb ich darum bitte, dass bei uns keine Portionen serviert werden, die größer sind, als was die Gäste essen können. Jede und jeder kann einen Nachschlag bekommen, wenn sie oder er ihn braucht, doch wir sollten auf unseren Tellern nichts zurückgehen lassen.

Es ist gut, dass wir hier Hühner haben, die die Nahrung essen können, welche beim Zubereiten der Mahlzeiten in der Küche als Abfall entsteht, und die uns damit helfen, Nahrungsver­schwendung zu verhindern. Als ich mich kürzlich über das Füttern der Hühner erkundigte, erfuhr ich, dass die Küche noch immer nicht damit angefangen hat, aus den Küchenresten Hühnerfutter zuzubereiten. Es mag stimmen, dass man gemäß Lehrbuch mehr Eier erhält, wenn man die Hühner mit Nahrung füttert, die in speziellen Fabriken für sie hergestellt wurde; doch diese Idee, dass man Nahrung auf den Komposthaufen wirft, während es doch lebende Tiere gibt, die davon profitieren könnten, ist eines der Dinge, die ich schmerzhaft finde.

Nahrung Lebenskraft Achtsamkeit

Foto: Pexels / Oleksandr Pidvalnyi

Achtsamkeit beim Anbauen, Zubereiten und Essen

Man sollte ein Gefühl für Nahrung entwickeln – eine Sensibilität gegenüber allem, das für uns und andere Formen von Leben Nahrung sein kann. Wir sollten zu uns selbst sagen, dass etwas Unnatürliches und Falsches an uns ist, wenn wir uns der Bedeutung unserer täglichen Nahrung nicht bewusst sind.

Wenn wir es unternehmen, das Leben durch unsere Beziehung zur Nahrung zu betrachten, wird sich unsere Haltung verändern. Wir sollten vor allem bei den drei Gelegenheiten wach sein, bei denen wir mit Nahrung in Kontakt kommen: bei Anbau und Aufzucht von Nahrung, beim Zubereiten von Mahlzeiten und beim Essen. Doch zuerst müssen wir versuchen herauszufinden, welches im Moment unsere Haltung gegenüber der Nahrung ist. Benutzen Sie diese Übung und alle anderen Mittel, die Sie finden können, um diese Frage zu ergründen. Wenn wir es schaffen, in uns selbst eine nicht-egoistische Liebe zum Leben zu entwickeln, werden wir die richtige Haltung der Nahrung gegenüber finden.

 

© The Estate of J.B. Bennett and Elizabeth Bennett
Deutsche Übersetzung © Chalice Verlag

Anmerkungen

[1] Das von John G. Bennett in den frühen 1970er-Jahren im englischen Sherborne, Gloucestershire, übernommene ländliche Anwesen, wo er seine Academy for Continuous Education gründete. Diese veranstaltete zehnmonatige Intensivkurse unter anderem zur Schulung von Bewusstsein und Achtsamkeit, an denen jeweils bis zu einhundert Studentinnen und Studenten aus aller Welt teilnahmen. [zurück]
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Rezepte für gesunde Seelennahrung:  unter anderem mit deutschen Erstveröffentlichungen von Annemarie Schimmel, Ibn Arabi, John G. Bennett, Osho und Christopher Bamford. Der Pfad der Kichererbse – Ein Lesebuch vom Kochen und Gekochtwerden