Sakralkunst als Spiegel eines zeitlosen geistigen Gehalts

Sultan-Ahmed-Moschee oder Blaue Moschee in Istanbul.

Sultan-Ahmed- oder Blaue Moschee in Istanbul. Foto © Fotolia / Adobe / juananbarros

Es ist heute üblich, jegliches Kunstwerk, das seinen Gegenstand vom Glauben borgt, »sakral« oder »heilig« zu nennen, unbekümmert darum, ob seine Form, das heißt seine künstlerische Sprache aus der Wahrheit, welcher der Glaube gilt, entstamme oder ob sie bloß einer weltlichen Kunst wie jener der Renaissance oder des Barocks entliehen sei. Sakral oder heilig im wahren Sinn des Wortes aber ist nur eine Kunst, deren Formen einen zeitlosen Gehalt des Geistes widerspiegeln. – Auszüge aus der Einleitung zu Titus Burckhardts Buch: Heilige Kunst in den Weltreligionen.

 

Bloßer Glaube genügt nicht, um heiliger Kunst Gehalt zu verleihen

Kunst ist wesentlich Form. Während zwischen dem gedanklichen Thema eines Kunstwerks und seiner Formgebung nicht immer ein zwingendes Verhältnis besteht – die kirchliche Kunst der letzten paar Jahrhunderte beweist es –, besteht an sich ein sicheres Verhältnis zwischen Form und geistiger Schau. Es gibt keine geistige Schau der Dinge, der nicht eine bestimmte Formgebung entspräche, und da, wo eine solche fehlt, da fehlt es auch an geistiger Schau. Der bloße Glaube genügt nicht, um den Formen einer heiligen Kunst jenen Gehalt zu verleihen, den weder der Verstand noch das Gefühl zu erschöpfen vermögen, denn der Glaube ist Willen und Ahnung, nicht aber Erkenntnis, während das Wesen der Form sich nur der Erkenntnis erschließt.

In der Tat ist Form auf der sinnlichen Ebene dasselbe wie Wahrheit auf der gedanklichen; der altgriechische Begriff eidos drückt das aus. Und so, wie sich eine gedankliche Wahrheit – eine Lehre oder ein Dogma – auf eine übergedankliche Göttliche Wahrheit beziehen kann, deren zwar begrenzte aber doch folgerichtige Spur sie darstellt, so kann sich auch eine Form auf eine Wahrheit oder ein Sein beziehen, das an sich die förmliche Ebene überragt und weder auf dieser noch auf der gedanklichen ganz zu fassen ist.

Eine heilige Kunst setzt stets ein Wissen um diese innere Gesetzmäßigkeit der Formen, um das Wesen des Sinnbildes voraus.

Eine heilige Kunst setzt stets ein Wissen um diese innere Gesetzmäßigkeit der Formen, um das Wesen des Sinnbildes voraus.

Gewiss, das Überförmliche ist nicht an seine Kundgebung gebunden; auch kann sich der Geist aus innerer Freiheit über die Form hinwegsetzen, aber er kann sich nicht durch irgendwelche beliebigen Formen kundgeben, und deshalb gibt es auch keine geistig gleichgültige Form. Fügen wir hinzu, dass wir mit »Form« hier bloß die sinnfällige und nicht die Form überhaupt meinen, denn strenggenommen ist auch der Gedanke eine Form, nämlich etwas eindeutig Begrenztes, was auch immer sein tieferer Gehalt sein mag.

Eine heilige Kunst setzt also stets ein Wissen um diese innere Gesetzmäßigkeit der Formen, um das Wesen des Sinnbildes voraus. Dieses besteht nicht bloß aus einem vereinbarten Zeichen, das etwas Übersinnliches vertreten soll, sondern es gibt die Wirklichkeit, die es meint, aufgrund eines der Form innewohnenden Gesetzes kund; es ist also in einem gewissen Sinne das, was es ausdrückt. Das widerspricht nicht dem Grundsatz, dass die Kunst vor allem der Schönheit zu dienen habe; wenn man von allen Geschmacksfragen absieht, so ist die Schönheit eines Dinges nichts anderes als die geistige Durchsichtigkeit seiner Daseinshüllen.

Die Überlieferung, welche die Vorbilder weitergibt und die Regeln der Gestaltung vorschreibt, verbürgt die geistige Richtigkeit der Formen.

Die Überlieferung, welche die Vorbilder weitergibt und die Regeln der Gestaltung vorschreibt, verbürgt die geistige Richtigkeit der Formen.

Die innere Gesetzmäßigkeit der Formen kann nicht all den Künstlern und Handwerkern, die eine heilige Kunst ausüben, voll bewusst sein; nicht jeder Bildhauer, der am Bau eines Tempels mitwirkt, nicht jeder Maler, der ein Andachtsbild nach bestimmten Regeln ausführt, nicht jeder Gießer eines heiligen Gefäßes und nicht jeder Schreiber, der heilige Schriftzeichen niederschreibt, kann den tiefsten Grund der Sinnbilder, die er handhabt, kennen. Allein die Überlieferung, welche die Vorbilder weitergibt und die Regeln der Gestaltung vorschreibt, verbürgt die geistige Richtigkeit der Formen. In ihr liegt eine geheime Kraft, die sich einer ganzen Kultur mitzuteilen vermag und die sogar jenen Künsten und Handwerken, die nicht unmittelbar mit dem Bereich des Heiligen zusammenhängen, ihr Gepräge gibt; das ist der einheitliche, von außen her unnachahmbare und doch zwanglos sich fortpflanzende »Stil« einer überlieferungstreuen Kultur.

 

Heilige Kunst stammt von den Engeln ab, sie quillt aus den zeitlosen Gründen des Geistes

Die naturhafte Seite der Kunst, das ungewollt und naiv Ursprüngliche an ihr wird durch das geistige Gesetz einer Überlieferung keineswegs beeinträchtigt, im Gegenteil. Denn auf die Dauer tötet nichts so sehr die naive Schöpferfreude wie der Individualismus, die seelische Inzucht einer Gottfremden Gesellschaft; der Beweis dafür ist die Hässlichkeit der Gegenstände, die den »Alltag« der modernen Welt ausfüllen.

In einer Kultur, die ihrem innersten Gefüge nach auf Gott gerichtet ist – und das gilt für alle großen Kulturen mit Ausnahme einiger weniger wie der hellenistischen und der modernen –, gibt es überhaupt keine Kunst, wie bescheiden auch immer sie sei, die ganz außerhalb des Geistigen stünde.

»Seinem Instrument eine Saite mehr hinzufügen, das ist der erste Schritt auf dem Weg, der zum Unglauben führt.«

»Seinem Instrument eine Saite mehr hinzufügen, das ist der erste Schritt auf dem Weg, der zum Unglauben führt.«

Wir fragten einmal einen armen nordafrikanischen Sänger, der auf Märkten und Festen seine legendenhaften Lieder vortrug und sich dabei auf einer kleinen, nur zweisaitigen Laute begleitete, warum er sein Instrument nicht mit ein oder zwei Saiten mehr bespanne, um den Ton reicher und lauter zu machen. Er gab zur Antwort: »Seinem Instrument eine Saite mehr hinzufügen, das ist der erste Schritt auf dem Weg, der zum Unglauben führt. – Als Gott Adam erschuf, wollte dessen Geist nicht in den Leib herabsteigen und flatterte wie ein scheuer Vogel, der einer Falle misstraut, um ihn herum. Da befahl Gott den Engeln, auf den beiden Saiten des Männlichen und des Weiblichen Musik zu machen. Sie spielten, und der Geist glaubte, dass die Melodie im Instrument selber, nämlich im Leib wohne; so fuhr er in es hinein und blieb darin gefangen. Darum genügt es auch, auf den beiden Saiten, die wir ›die männliche‹ und ›die weibliche‹ nennen, zu spielen, um den Geist wieder vom Leib zu befreien.«

In diesem Märchen liegt mehr, als es auf den ersten Blick den Anschein hat; die ganze Lehre von der heiligen Kunst liegt darin: Diese soll nicht bloß dazu dienen, Eindrücke wiederzugeben oder Gefühle zu wecken; sie ist ein Gleichnis und bedarf nur einfacher aber geistig begründeter Mittel, um das Unfassbare anzudeuten. Sie stammt von den Engeln ab, das heißt, sie quillt aus den zeitlosen Gründen des Geistes, und sie soll von der Welt der bloßen Tat­sachen befreien. Sie befreit aber dadurch, dass sie die Schöpfung, die »Göttliche Kunst«, sinnbildlich wiederholt: Sie lehrt den mensch­lichen Geist, die Welt als ein Sinnbild zu betrachten, und löst ihn so von seiner Verstrickung in die vergänglichen Dinge los.

Lakshmi, die Göttin der Schönheit und des Glücks, umarmt von ihrem Gatten Vishnu.

Lakshmi, die Göttin der Schönheit und des Glücks, umarmt von ihrem Gatten Vishnu, in einem der Tempel von Khajuraho im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh; etwa um das Jahr 1000. Foto: Fons Vitae

Dass die Kunst von den Engeln abstamme, lehrt auch die indische Überlieferung. Laut dem Aitareya-Brahmana wird jegliches Kunstwerk auf der Erde in Nachahmung der Kunst der deva geschaffen, »ob es sich um einen Elefanten aus gebranntem Ton, einen Gegenstand aus Erz, ein Kleid, einen Gegenstand aus Gold oder einen Maultierwagen handle.« Die deva entsprechen im indischen Weltbild dem, was im semitischen die Engel sind. Die mittelalterliche christliche Vorstellung, nach welcher gewisse heilige Bil­der erstmals von Engeln gemalt worden sind, hat denselben Sinn.

Die deva oder die Engel sind letzten Endes nichts anderes als besondere Wirkungsweisen des einen Geistes, der von Gott ausgeht. Dass die heilige Kunst die Göttliche Kunst nachzuahmen habe, ist eine allgemeine, in jeder überlieferungstreuen Kultur vorhandene Auffassung, und damit ist auch schon die Abwendung von jeglichem »Naturalismus« gegeben: Nicht die vollendete, vielfältige Schöpfung Gottes, die Welt, wie wir sie sehen, soll nachgeahmt werden, denn ein solches Unterfangen wäre vermessen, sondern die Art und Weise, wie der Göttliche Geist schafft, soll auf den beschränkten Bereich, in dem der Mensch selber menschlich gestaltet, nämlich auf das Handwerk, angewendet werden.

 

Das wahre Wesen bleibt aller Gestalten Beschauer und wird nie im Schaubaren eingefangen

Der Begriff der Göttlichen Kunst ist wohl in keiner Lehre so grundlegend wie in der indischen, denn maya ist nicht nur das geheimnisvolle Göttliche Vermögen, welches bewirkt, dass die Welt außerhalb der alleinigen allumfassenden Wirklichkeit Gottes zu bestehen scheint, sie ist nicht nur Grund von Zwiespalt und Täuschung, sondern auch, im positiven Sinne, die Göttliche Kunst als der Ursprung aller Gestaltung. Sie ist die Fähigkeit des Unendlichen, Sich selber als Gegenstand Seiner eigenen Schau zu begrenzen, ohne dass Seine Unendlichkeit dadurch begrenzt wird, sodass Gott Sich in der Welt kundgibt und doch nicht kundgibt, Sich äußert und doch verschweigt.

So wie Gott kraft Seiner maya gewisse Anblicke Seiner Selbst – oder gewisse in Ihm enthaltene Möglichkeiten – zum Gegenstand einer unterschiedlichen, Erkennendes und Erkanntes scheidenden Schau macht, so kann auch der Künstler gewisse Anblicke seiner selbst in seinem Werk vergegenwärtigen. Je wesentlicher aber die Äußerung ist, desto eher wird sie der Sinnbilder bedürfen, und umso mehr wird es dem Künstler bewusst, dass zwischen der Form, die sein eigenes Wesen spiegelt, und diesem selbst in seiner zeitlosen Fülle ein unermesslicher Abstand klafft. Der Schöpfer weiß: Dieses Gestaltete, das bin ich selbst; doch bin ich zugleich unendlich mehr als dies, denn das wahre Wesen bleibt aller Gestalten Beschauer und wird nie im Schaubaren eingefangen.

Heilige Jungfrau mit dem Kind. Mosaik aus der Apsis der Hagia Sophia in Istanbul.

Heilige Jungfrau mit dem Kind. Mosaik aus der Apsis der Hagia Sophia in Istanbul, fertiggestellt 867. Foto: Wikimedia Commons / Myrabella

Das ist das Gegenstück zur Göttlichen Kunst beim Menschen: die Vergegenwärtigung seiner selbst. Damit sie geistig tief reiche, müssen die Ausdrucksmittel, derer sich der Künstler bedient, selber aus einer wesentlichen Schau herkommen; sie dürfen nicht der Willkür des getäuschten, sich selbst verkennenden Ichs entstammen, sondern können nur einer Offenbarung des höchsten Wesens, Das aller Wesen Selbst ist, entliehen sein.

Auch vom christlichen Standpunkt aus betrachtet ist Gott im höchsten Sinne des Wortes ein Künstler oder Bildner, da Er ja den Menschen »zu Seinem Bilde« geschaffen hat (1 Moses 1.27). Weil aber das Bild nicht nur seinem Vorbild ähnlich, sondern zugleich auch unendlich von Ihm verschieden ist, so musste es der Verderbnis anheimfallen. Durch den Fall Adams wurde das Bild Gottes im Menschen getrübt, befleckt; es wurde seinem Urbild entfremdet – und kann Ihm doch nie ganz entfremdet werden, weil Gott alles, was von Ihm kommt, letztendlich in Sich begreift. Das ist die unbegrenzte Liebe Gottes, kraft welcher das Bild in seinen Göttlichen Grund zurückgenommen wird, indem Gott selbst als das ewige Wort die Gestalt des Bildes, seine menschliche Natur, annimmt und seine ursprüngliche Schönheit wiederherstellt. Die heilige Kunst des Christentums hat einen einzigen Gegenstand: die Verklärung des Menschen und der Welt, die vom Menschen abhängt, durch ihr Teilhaben an Christus.

Buddha-Darstellung, Gandhara, Pakistan.

Eine der ältesten erhaltenen Buddha-Darstellungen aus dem ersten bis zweiten Jahrhundert, Gandhara, Pakistan. Foto: Wikimedia Commons / World Imaging

Das Gesetz, nach welchem das Ewige sich in mannigfachen Formen offenbart

Die islamische Schau der Dinge erweitert, was die christliche in inniger Besonderung [Akzentuierung] erfasst: Für den Islam ist die Göttliche Kunst vor allem die Kundgebung der Göttlichen Einheit in der Schönheit und Gesetzmäßigkeit der Welt. Die Einheit spiegelt sich im Zusammenhang des Vielfältigen, im Einklang und im Gleichgewicht; die Schönheit selbst enthält in sich all diese Eigenschaften. Von der Schönheit der Welt auf die Einheit zurückschließen – das ist Weisheit. Darum ist für das muslimische Denken die Kunst notwendigerweise mit der Weisheit verbunden; sie ist auf der Weisheit und auf dem Wissen, das die Weisheit in Regeln fasst, begründet. Der Zweck der Kunst aber ist es, die vom Menschen selbst gestaltete Umwelt an der Gesetzmäßigkeit, in der sich die Göttliche Einheit kundgibt, so vollkommen als möglich teilnehmen zu lassen. Die Kunst klärt die Welt, sie hilft dem Geist, von der unübersichtlichen Vielfalt der Dinge zur umfassenden Einheit aufzusteigen.

Für den Buddhismus liegt die Göttliche Kunst – sofern man diesen Ausdruck auf die buddhistische Sicht übertragen kann – in der gedanklich unausschöpfbaren Schönheit des Buddha, des Erleuchteten. Während jegliche Lehre von Gott dadurch, dass sie das Unumgrenzbare in das Denken einbezieht, alles, zu dem sie Ja sagt, gewissermaßen schon verfälscht, strahlt die lotoshafte Schönheit des Buddha ein Sein aus, das kein Denken begrenzt. Im überlieferten Bild des Buddha lebt diese Schönheit weiter.

Herbst- und Winterlandschaft des japanischen Malers Sesshu Toyo, fünzehntes Jahrhundert.

Herbst- und Winterlandschaft des japanischen Malers Sesshu Toyo, fünzehntes Jahrhundert. Nationalmuseum Tokio. Foto: Wikimedia Commons / Bamse

In taoistischer Schau ist die Göttliche Kunst vor allem eine Kunst der Wandlungen: Die ganze Natur verwandelt sich ständig und bleibt doch in einen einzigen Kreislauf gebannt; ihre Gegen­sätze kreisen um eine Mitte, die selbst nicht fassbar ist. Wer aber die Bewegung des Kreises verstanden hat, der erkennt die Mitte, die sein ewiges Wesen ist. Das Ziel der Kunst ist es, sich in diese kosmische Bewegung einzugliedern. Auf die einfachste Formel gebracht, besteht die künstlerische Meisterschaft darin, in einem Zug einen vollkommenen Kreis hinzumalen und dadurch sich selbst mit dem Mittelpunkt, der unausgesprochen bleibt, in eins zu setzen.

In jeder dieser fünf Überlieferungen, dem Hinduismus, dem Christentum, dem Islam, dem Buddhismus und dem Taoismus sind alle die Begründungen der heiligen Kunst, die wir nannten und andere mehr gesamthaft enthalten, aber in jeder herrscht eine bestimmte Schau der Dinge vor und prägt sich auf der künstlerischen Ebene bis in die geringsten Formen hinein aus. Das liegt am Wesen der Form: dass sie nichts auszusagen vermag, ohne anderes auszuschließen. Die Göttliche Kunst in ihrem tiefsten Sinne ist denn auch nichts anderes als dieses Gesetz, nach welchem das Ewige sich in mannigfachen Formen offenbart, die sich auszuschließen scheinen und die doch nur auf eines hinweisen.

 

Aus: Titus Burckhardt: Heilige Kunst in den Weltreligionen
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