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Titus Burckhardt: der andere Scheich Ibrahim

 

Ein Portrait des Schweizer Mystikers
Aus der Basler Zeitung vom 16. Januar 1999

Von Beat Stauffer

Der Basler Schriftsteller und Forscher Titus Burckhardt, der im Oktober letzten Jahres neunzig geworden wäre, ist hierzulande kaum bekannt. Er steht völlig im Schatten seines Vorfahren Johann Ludwig Burckhardt, der Anfang des letzten Jahr­hunderts berühmte historische Stätten im Orient entdeckte und ebenfalls »Scheich Ibrahim« genannt wurde. Doch vor allem im englischen Sprachraum werden die Bücher von Titus Burck­hardt hoch geschätzt und erleben ständig Neuauflagen. Burck­hardt, dessen Person und Werk nur schwer einzuordnen sind, gilt als einer der ganz großen Kenner des während Jahrtausenden überlieferten »inneren« Wissens und im Besonderen der islamischen Mystik. Im Maghreb wird ihm auch aus einem weiteren Grund viel Verehrung entgegengebracht: Burckhardt hat sich wie kein Zweiter um die Erhaltung der weltweit einzigartigen historischen Altstadt von Fès bemüht. Im kommenden Frühjahr findet in Marokko zu seinen Ehren ein internationales Kolloquium statt.

Der großgewachsene ältere Mann, der an einem Wintertag des Jahres 1978 das Café Schiesser betrat, erregte sogleich die Aufmerk­samkeit der Kaffee trinkenden Damen. Er trug einen kunstvoll gefalteten Turban und einen wollenen Kapuzenmantel, eine Dschel­laba. Die orientalische Tracht verlieh dem älteren Herrn ein überaus würdiges Aussehen; derlei Fremde waren in Basel in den 1970er-Jahren noch eine Seltenheit, und so dürften sich manche Gespräche über den Kaffeehausbesuch des exotischen Gastes ergeben haben. Eine junge Baslerin, die sich eher zufällig im Café befand, erkannte allerdings sogleich, dass es sich bei diesem Orien­talen um Scheich Ibrahim handeln musste. Mit bürgerlichem Na­men: Titus Burckhardt.

Tatsache ist, dass Burckhardts Schriften heute, dreißig bis fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen, zunehmend gefragt sind. Was Burckhardt schrieb, ist in weiten Teilen derart substanziell, dass ihm weder die Launen des Zeitgeistes noch andere Umstände etwas anhaben konnten.

Tatsache ist, dass Burckhardts Schriften heute, dreißig bis fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen, zunehmend gefragt sind. Was Burckhardt schrieb, ist in weiten Teilen derart substanziell, dass ihm weder die Launen des Zeitgeistes noch andere Umstände etwas anhaben konnten.

Frühe Suche nach einem Sufi-Meister

Es ist kein Zufall, dass Burckhardt in seiner Heimatstadt kaum mehr bekannt ist. Geboren 1908 in Florenz als Sohn des Bild­hauers Carl Burckhardt, verbrachte er den größten Teil seines Le­bens außerhalb der Region Basel. Vor allem aber beschäftigte er sich vornehmlich mit Dingen, die, zumindest in den Dreißiger- und Vierzigerjahren, geistig Lichtjahre entfernt lagen von der Gemüts- und Interessenlage seiner Zeitgenossen. Der Kontrast zwischen dem Zeitgeist der Schweizer Landesausstellung von 1939, der auf Abschottung, Bekräftigung nationaler Werte und geistige Landes­verteidigung ausgerichtet war, und der spirituellen Suche eines Titus Burckhardt, die ihn schon als jungen Menschen zu einem Sufi-Meister führte, könnte größer nicht sein.

Diesen Weg in seinen Umrissen nachzuzeichnen, erscheint aus heutiger Perspektive äußerst spannend. Dazu kommt, dass Titus Burckhardts Ruf als singuläre Figur, als außergewöhnlicher For­scher und Denker von internationalem Rang nie nachgelassen hat. Er sei einer der größten und gleichzeitig am wenigsten bekannten Autoren dieses Jahrhunderts, der sich mit der geistigen Über­lieferung und ihren vielfältigen Ausdrucksformen in der Mystik, in der Kunst und im traditionellen Kunsthandwerk beschäftigt hätten. Diese Auffassung vertritt der Architekt und Publi­zist Ste­fano Bianca, der während Jahren eng mit Burckhardt zusammengearbeitet hat und heute als Leiter des Historic Cities Sup­port Programme des Aga Khan Trust for Culture in Genf wirkt. Für den Islamwissenschaftler und Unesco-Experten Jean-Louis Michon [/] gehören die Werke Burckhardts schließlich zu den bedeutendsten, die in diesem Jahrhundert über die islamische Welt verfasst worden sind.

Tatsache ist, dass Burckhardts Schriften heute, dreißig bis fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen, zunehmend gefragt sind. Was Burckhardt schrieb, ist in weiten Teilen derart substanziell, dass ihm weder die Launen des Zeitgeistes noch andere Umstände etwas anhaben konnten. Dazu gehören insbesondere seine Werke über islamische Mystik, über arabisch-islamische Kultur und über das Religiöse in der Kunst in verschiedenen Kulturepochen. In den letzten Jahren sind zahlreiche seiner Werke neu aufgelegt und in andere Sprachen übersetzt worden. Doch ausgerechnet im deutschen Sprachraum fristen sie ein Schattendasein.

Burckhardt, obwohl hochgebildet, bewegte sich außerhalb der im engeren Sinne akademischen Welt. Er war ein uomo universale wie nur wenige, war Künstler, Forscher und Schrift­steller und hielt sich nicht für zu gut, ein traditionelles Handwerk zu erlernen.

Burckhardt, obwohl hochgebildet, bewegte sich außerhalb der im engeren Sinne akademischen Welt. Er war ein uomo universale wie nur wenige, war Künstler, Forscher und Schrift­steller und hielt sich nicht für zu gut, ein traditionelles Handwerk zu erlernen.

Dafür sind verschiedene Gründe maßgebend. Einer ist zweifellos der, dass sich Burckhardt, obwohl hochgebildet, außerhalb der im engeren Sinne akademischen Welt bewegte. Er war ein uomo universale wie nur wenige, war Künstler, Forscher und Schrift­steller und hielt sich nicht für zu gut, ein traditionelles Handwerk zu erlernen. Sein Werk lässt sich nur schwer klassifizieren: Es be­inhaltet Grenzüberschreitungen, welche manche Vertreter des akademischen Denkens irritierte. Vor allem aber misstraute Burck­hardt zutiefst dem modernen europäischen Wissenschaftsbetrieb und seinen Grundprinzipien. Sein Wahrheitsbegriff war ein anderer: Die inneren Wahrheiten, für die er sich interessierte, ließen sich mit solchen Methoden nicht ans Tageslicht bringen. »Die einzigen Bücher, welche es wert sind, gelesen zu werden, sind die, welche dem Herzen entspringen und wiederum zum Herzen zu sprechen vermögen«, schrieb Burckhardt in einem seiner Bücher. Teilnahmslosigkeit war seine Sache nicht; und so schrieb er nicht aus der Sicht eines westlichen »Experten« über islamische Mystik, sondern unternahm es, diesen Weg selber zu gehen.

Auf den ersten Blick wirkt Titus Burckhardt seltsam unzeit­gemäß. Seine Suche nach geistigen, überzeitlichen Werten, nach einer Spiritualität jenseits enger Schranken, sein offensichtliches Des­interesse an Realpolitik, an soziologischen oder ökonomischen Fragestellungen ist in der heutigen Zeit eine Provokation. Mit der 68er-Bewegung hatte er nicht nur aus Altersgründen kaum etwas am Hut – außer vielleicht der Utopie eines menschenwürdigen Lebens, das er allerdings auf andere Weise angestrebt hätte. Als »Wertkonservativen« würde man Burckhardt heute wohl bezeichnen, wären solche Begriffe nicht allesamt untauglich, sein vielschichtiges Werk und seine komplexe Persönlichkeit zu erfassen. Burckhardt scheint sich all diesen Klassifikationen zu entziehen.

Hält man sich aber den heutigen Esoterik-Boom vor Augen, das anhaltende Interesse an östlichen Religionen und am Islam, das Bedürfnis nach verlässlichen Werten jenseits der postmodernen Be­lie­bigkeit, die Bewunderung auch für die Weisheit gewisser traditioneller Lebensformen, so erscheint Titus Burckhardt mit einem Mal hochaktuell. Bedenkt man schließlich, mit wieviel Bescheidenheit, Respekt und Einfühlungsvermögen sich Burck­hardt der arabisch-islamischen Kultur näherte und wie kenntnisreich er später in Europa darüber zu berichten wusste, so kann man nur bedauern, dass dieser Mensch und sein Werk hierzulande nicht einer größeren Öffentlichkeit bekannt sind.

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, den Lebensweg von Titus Burckhardt nachzuzeichnen. Eine Biografie, die diesen Namen verdient, existiert bis heute nicht. Im Folgenden sollen in erster Linie diejenigen Abschnitte seines Lebens beleuchtet werden, die er in Marokko – genauer in Fès [/] – verbrachte und die einen zentralen Stellenwert in seinem Leben besitzen: die Zeit Anfang der Dreißigerjahre, die für den weiteren Verlauf seines Lebens prägend wurden, und sein zweiter längerer Aufenthalt in Fès vierzig Jahre später, als er im Auftrag der Unesco einen Plan zur Rettung der historischen Altstadt erarbeitete.

Mulay ‘Ali ad-Darqawi. Foto © Privatarchiv Titus Burckhardt

Lehrjahre in Fès

Der blonde, hochgewachsene junge Mann, der sich Anfang des Jahres 1933 in der Altstadt von Fès niederließ, dürfte der Auf­merksamkeit der Bewohner der Medina nicht entgangen sein. Doch es stellte sich bald heraus, dass der junge fransaoui – so nennt man dort bis heute alle Europäer – mit der herablassenden Haltung der meisten Westler nichts gemein hatte. Er kleidete sich auf traditionell marokkanische Art, lernte Arabisch wie auch den marokkanischen Dialekt, bat einen alten Handwerker, ihn als Lehrling aufzunehmen, damit er das Handwerk der Stuckateure erlerne. Groß war das Erstaunen der Altstadtbewohner, als sie feststellen konnten, dass der junge Europäer ein paar Monate später die Pforten der berühmten Quaraouiyine, der vor mehr als tausendzweihundert Jahren gegründeten theologischen Universität, überschritt. Wie konnte es ein Fremder wagen, in diese Hochburg traditionell islamischen Denkens einzudringen? Darauf gab es nur eine Antwort: Der nazrani – »Christ« – hatte sich zum Islam bekehrt, war einer der Ihren geworden.

Man hatte sich mittlerweile an den Sonderling gewöhnt, der allen Vorstellungen über die Art der Europäer völlig widersprach. Da machte das Gerücht die Runde, dass der fremde Gast gar mit einem Meister des inneren Wissens in Kontakt stehe; etwas, das noch keinem Europäer vor ihm gelungen sei. Der Meister hieß Mu­lay ‘Ali ad-Darqawi und war seinerseits Sohn des Großmeisters des Ordens der Darqawiya [/], welcher in der marokkanischen Sufi-Bewegung eine zentrale Rolle spielt. So hatten sich Sidi Brahim – so wurde er mittlerweile genannt – gar die Pforten einer Bruder­schaft geöffnet.

Titus Burckhardt hat die Gründe und näheren Umstände seiner Bekehrung zum Islam für sich behalten. Klar ist aber, dass er sich schon vor seiner Reise nach Fès zusammen mit ein paar engen Freunden intensiv mit dem Islam und vor allem mit dessen mystischen Überlieferungen auseinandergesetzt hat. In den Erinnerun­gen, die er kurz vor seinem Tod diktierte, bekannte er denn auch offen, dass er auf der Suche nach einem spirituellen Meister nach Fès gegangen sei. Die erste Begegnung mit seinem geistigen Lehrer Mulay ‘Ali beschreibt er folgendermaßen:

Im Frühjahr 1933 wagte ich es, ihn unvermittelt in seinem Haus in Fès zu besuchen. Er empfing mich ohne viele Fragen, wies mir ein flaches Polster in seinem großen, kahlen Zimmer als Platz an, nahm ein altes arabisches Buch zur Hand und begann, mir daraus über die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten vorzulesen. Da ich ihm schräg gegenübersaß und er seine Kapuze zurückgeschlagen hatte, konnte ich ohne Scheu sei edles, schon greises Antlitz betrachten.

Offenbar verfügte Titus Burckhardt über die innere Begabung und Disposition, die nach Auffassung der Sufi-Meister unabdingbar ist, um das innere Wissen – es wird auch als »geistige Tugend« bezeichnet – zu erlangen.

Offenbar verfügte Titus Burckhardt über die innere Begabung und Disposition, die nach Auffassung der Sufi-Meister unabdingbar ist, um das innere Wissen – es wird auch als »geistige Tugend« bezeichnet – zu erlangen.

Mulay ‘Ali war wider Erwarten bereit, den Studenten aus Basel in die Grundlagen des arabischen Wissens und der islamischen Mys­tik einzuführen. Offenbar verfügte Titus Burckhardt über die innere Begabung und Disposition, die nach Auffassung der Sufi-Meister unabdingbar ist, um das innere Wissen – es wird auch als »geistige Tugend« bezeichnet – zu erlangen. Oft lud Mulay ‘Ali seinen Schüler in einen Obstgarten ein, der außerhalb der Stadt­mauern lag.

Dort unterrichtete er ihn, unter einem Feigenbaum auf einem roten Filzteppich sitzend, in der sufischen Überlieferung; ein Bild, wie es auf alten Miniaturen hundertfach festgehalten ist. Mulay ‘Ali war auch Professor und lehrte an der Hochschule und Moschee Quaraouiyine. Tag für Tag traf er sich mit seinen Studenten im weiträumigen Gebetssaal zu einem mittelalterlich anmutenden Unterrichtsgespräch. Der Professor lehnte sich dabei mit dem Rücken an einen Pfeiler, während sich die Studenten im Halbkreis um ihn herum gruppierten. Am Mittag, so beschreibt Burckhardt, wartete jeweils ein Bursche mit einem rot gesattelten Maultier, um den Universitätslehrer nach Hause zu bringen. Da die Zeiten den sufischen Traditionen nicht günstig gestimmt waren, konnte der Weise sein inneres Wissen nur am Rande des Unterrichts an seine Studenten weitergeben. Doch seine Ausstrahlung muss so stark gewesen sein, dass sich kaum jemand ihr entziehen konnte.

Wenn die Zuhörer weggegangen waren, blieb er manchmal allein eine Weile lang mit dem Gesicht in Richtung Mekka gewandt sitzen. Dann versank sein Ausdruck nach innen; seine Haut wurde glatt und hell wie Wachs; die Kanten seiner Knochen zeichneten sich schärfer ab. Dunkel geweitet, wie von einer verdeckten Glut, blickten seine Au­gen in die Ferne. Er war jetzt sichtlich dem Tod näher als der Umwelt. Er saß aufrecht da, fast unbeweglich, nur ein kaum sichtbares, rasches Schwingen war in seinem Rumpf, als antworte dieser einer bebenden Säule von Licht, die um ihn herum gen Himmel anstieg.

Titus Burckhardt war realistisch genug zu erkennen, dass diese spirituelle Welt, zu der er mit Hilfe seines Meisters vorgestoßen war, ebenso bedroht war wie die einmalige Lebensform, die sich innerhalb der alten Mauern von Fès weitgehend erhalten hatte. Auch in Marokko, das sich während Jahrhunderten von der Außenwelt abgekapselt hatte, schlichen sich nun die prägenden Kräfte des zwanzigsten Jahrhunderts untergründig ein. Noch gab es auf dem Land die jährlichen Wallfahrten zu Ehren eines Marabouts, bei denen sich die Mitglieder von Bruderschaften kollektiv in Ekstase versetzten. Noch gab es in Fès Handwerker, die in ihren traditionellen Tätigkeiten eine spirituelle Dimension erkannten und um keinen Lohn eine Maschinenarbeit verrichtet hätten. Noch lebten in der Stadt »Gottesnarren«, die ihr bürgerliches Leben aufgegeben hatten und ein Leben in Armut führten, weil sie glaubten, nur so Gott dienen und begegnen zu können. Noch wagte kein ehrbarer Marokkaner, sich in europäischer Kleidung zu zeigen.

Doch die Zeichen einer neuen Zeit waren bereits unübersehbar; und die französischen Protektoratsherren waren ihre selbstsicheren und oft arroganten Vertreter. Diesen war der Schweizer Student, der sich wie ein Fisch im Wasser unter den Einheimischen bewegte, ein Dorn im Auge. Nur Spionageabsichten konnten in ihren Augen ein solches Verhalten erklären. Ende 1934 wurde Burck­hardt kurzerhand des Landes verwiesen. Eine persönliche Sinn­suche und ein ambitioniertes Forschungsprojekt fanden damit ein abruptes Ende.

Mit seiner Frau Edith. Foto © Privatarchiv Titus Burckhardt

Gründung einer Sufi-Bruderschaft in Basel

Die Ausweisung aus Marokko muss für Burckhardt ein schwerer Schlag gewesen sein. Zurück in der Schweiz, fand er sich in einem geistigen Klima wieder, das zunehmend von Abschottung und Be­tonung nationaler Werte geprägt war. Für den geistigen Weg, den er aus freien Stücken gewählt hatte, brachte hierzulande kaum jemand Verständnis auf. Ja, noch mehr: Ein zum Islam konvertierter Schweizer hätte in dieser Zeit mit Sicherheit öffentliche Anfein­dungen riskiert.

Trotz dieser schwierigen Umstände ging Titus Burckhardt seinen Weg mit großer Entschlossenheit weiter. An der hiesigen Uni­versität nahm er ein Studium in Kunstgeschichte und Islamwissen­schaft auf und erweiterte auf diese Weise sein Wissen, das er sich in den zwei Jahren in Fès angeeignet hatte. Doch auch seine spirituelle Suche ging weiter: Zusammen mit einem kleinen Kreis von Freunden gründete er in Basel eine tariqa, eine Sufi-Bruder­schaft. Zu ihnen gehörte auch der spätere Metaphysiker und Schrift­steller Frithjof Schuon [/], mit dem Burckhardt das Humanis­tische Gymna­sium besuchte hatte. Ein Ableger dieser tariqa – es handelte sich um eine der ersten in ganz Europa – existiert in Basel bis auf den heutigen Tag.

Trotz dieser großen Diskretion sickerte in der nächsten Umge­bung Burckhardts langsam durch, welchen geistigen Weg der Stu­dent eingeschlagen hatte. Zwar war schon der Vater, der Bild­hauer Carl Burckhardt, in den Augen der guten Basler Gesellschaft ein Außenseiter gewesen. Doch Titus’ Bekehrung zum Islam stellte für die im Protestantismus verwurzelte Großfamilie Burckhardt eine Provokation dar, die auf schroffes Unverständnis stieß. Es scheint, als habe man ihm diesen Tabubruch auch später, als er interna­tional zu Ehren kam, nie ganz verziehen. Als Titus Burck­hardt im Januar 1984 starb, erschien nur ein kleiner Nachruf in der Basler Zei­tung, und im Basler Stadtbuch oder der Burckhardtschen Familienchronik sucht man vergebens nach einem Eintrag. Der Welt­bürger Burckhardt war in seiner Heimatstadt in Vergessenheit geraten.

Besonders erwähnenswert sind Burckhardts kommentierten Über­setzungen von Werken der berühmten islamischen Mystiker ‘Abd al-Karim al-Dschili und Muhyiddin Ibn Arabi.

Besonders erwähnenswert sind Burckhardts kommentierten Über­setzungen von Werken der berühmten islamischen Mystiker ‘Abd al-Karim al-Dschili und Muhyiddin Ibn Arabi.

Erfolgreicher Verleger und Autor

1939 heiratete Burckhardt die aus einer bekannten Verlegerfamilie stammende Edith Gonin, die heute noch hochbetagt in der Nähe von Lausanne lebt. Zur selben Zeit erhielt er auch eine berufliche Chance, die er sogleich wahrnahm: den Aufbau einer Kunstabtei­lung für den in Olten beheimateten Walter-Verlag. Es war die Geburtsstunde des Urs-Graf-Verlags, den Burckhardt später als eigenständigen Verlag weiterführte und der in Fachkreisen schon bald einen hervorragenden Ruf genoss. Burckhardt betätigte sich aber auch als Autor; bereits im Jahr 1940 verarbeitete er seine Erfahrungen in Fès im Buch Land am Rande der Zeit, das bis heute äußerst lesenswert geblieben ist. Genau zwanzig Jahre später erschien schließlich in der von Burckhardt konzipierten Reihe »Stät­ten des Geistes«, sein Werk über Fès, das ebenfalls zu den Klassi­kern der deutschsprachigen Literatur über Marokko zählt.

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, das reichhaltige verlegerische und schriftstellerische Werk Burckhardts zu würdigen. Von Interesse in diesem Zusammenhang ist aber sicher der Umstand, dass der Urs-Graf-Verlag durch die Faksimileausgaben von mittelalterlichen Handschriften internationale Anerkennung fand; so konnte der Muslim Burckhardt dem Papst Pius XII [/] persönlich ein Exemplar eines mittelalterlichen Evangeliars überreichen.

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren konzentrierte sich Burck­­­hardt zunehmend auf seine schriftstellerische Tätigkeit. An seinem letzten Wohnort in der Nähe von Lausanne entstanden zahl­reiche Werke, die von Kennern heute noch hoch geschätzt werden. Dazu gehören die Bücher Vom Sufitum – Einführung in die Mystik des Islam, Vom Wesen heiliger Kunst in den Weltreligio­nen, Die maurische Kultur in Spanien, Alchimie – Sinn und Weltbild und andere. Er schrieb auch zahlreiche bedeutende Artikel für Zeitschriften in verschiedenen Sprachen.

Besonders erwähnenswert sind seine kommentierten Über­setzungen von Werken der berühmten islamischen Mystiker ‘Abd al-Karim al-Dschili und Muhyiddin Ibn Arabi, eine gigantische Leistung, zählen doch diese Werke zu den schwierigsten der ganzen arabischen Literatur. Sie entziehen sich – wie die gesamte mystische Literatur – dem flüchtigen Blick und sind wohl nur zugänglich für Suchende, welche sich während langen Jahren oder Jahrzehnten auf einem inneren Weg befinden. Eine gewisse Ahnung von den Dimensionen dieser Welt vermögen aber die Fotografien von Burckhardt aus den Dreißigerjahren zu vermitteln, mit denen er seine Bücher über Marokko illustrierte.

Burck­hardt sollte im Auftrag der marokkanischen Regierung und der Unesco ein Inventar der Kunstdenkmäler der einzigartigen Alt­stadt von Fès erarbeiten.

Burck­hardt sollte im Auftrag der marokkanischen Regierung und der Unesco ein Inventar der Kunstdenkmäler der einzigartigen Alt­stadt von Fès erarbeiten.

Rettung für eine kranke Stadt

Fast genau vierzig Jahre nach seiner schicksalhaften Begegnung mit Fès, die sein Leben in hohem Maß bestimmen sollte, geriet Burck­hardt erneut in einen engen Kontakt mit dieser Stadt, die er stets als Gesamtkunstwerk und als Modell für eine menschengerechte Stadt empfunden hatte. Es war im Sommer 1971, als ihn sein langjähriger Freund Jean-Louis Michon, der als Islamwissenschaftler und Übersetzer in Genf für internationale Organisationen wirkte, mit einem außergewöhnlichen Anliegen an ihn herantrat. Burck­hardt sollte im Auftrag der marokkanischen Regierung und der Unesco ein Inventar der Kunstdenkmäler der einzigartigen Alt­stadt von Fès erarbeiten. Obwohl er schon über sechzig war, zögerte Burckhardt nicht lange und nahm den anspruchsvollen Auftrag an; seine Liebe zu dieser Stadt überwog gesundheitliche und familiäre Bedenken.

Im Frühjahr 1972 zog er zusammen mit seiner Frau Edith nach Fès und nahm die Arbeit auf. Während fünf Jahren widmete er sich fast allein mit ungeheurem Einsatz dieser schwierigen und anspruchsvollen Aufgabe, während Michon Inventare in anderen Regionen Marokkos erstellte. Die ersten drei Jahre stand die Inventarisierung der wertvollsten Baudenkmäler, der Moscheen, Medresen, Karawansereien und prächtigen Hof­häuser im Vordergrund. Tag für Tag zog Burckhardt mit einer Mappe voller Pläne, mit Zeichenstift, Papier und Fotoapparat aus und hielt den architektonischen Reichtum der vom Zerfall bedrohten Altstadt fest. Auf Vorschlag Burckhardts hin beschloss die Unesco ab 1975 ein erweitertes stadtplanerisches Projekt zur Erhal­tung der Medina von Fès ins Leben zu rufen, wodurch Burckhardt Zuzug von anderen Fachkräften erhielt. Entsprechend seinem eigenen Willen war er zwar nicht der administrative Leiter des Unesco-Projekts; doch das ganze Team habe ihn aufgrund seines immensen Wissens und seiner natürlichen Autorität als Nestor, als Vordenker und geistigen Leiter angesehen, erinnert sich Stefano Bianca, der während drei Jahren als Urbanist an diesem Projekt mitwirkte.

Anfang 1978 lief das Mandat des Unesco-Teams aus, und Burckhardt kehrte an den Genfersee zurück. Doch die zahlreichen Maßnahmen, die Burckhardt und sein Mitstreiter der marokkanischen Regierung zur baldigen Umsetzung empfohlen hatten, ließen auf sich warten. Mangelnder politischer Wille, eine schwerfällige Bürokratie, Rivalitäten und andere Faktoren führten dazu, dass während einiger Jahre kaum etwas geschah. Zwar wurde der Entscheid der Unesco, Fès 1980 auf die Liste der Weltkulturgüter zu setzen, mit großem Pomp begangen, und Burckhardt nahm als Ehrengast an den Feierlichkeiten teil, doch seinen Freunden gegenüber hat er seine Enttäuschung über den schleppenden Gang der Dinge in Fès bitter beklagt. Die zaghaften Schritte, die Jahre später dennoch unternommen wurden, konnte Burckhardt nicht mehr erleben. Er verstarb im Alter von fünfundsiebzig Jahren in seinem Heim in der Nähe von Lausanne.

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Schwärmerisches Islambild?

Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage, ob Burckhardt nicht ein etwas schwärmerisches und unkritisches Bild der arabisch-islamischen Zivilisation gehabt habe. In der Tat ist von den zahlreichen Missständen, unter welchen dieser Weltkreis schon zu Burckhardts Zeiten gelitten hat, bei ihm kaum die Rede. Von Tyrannenherr­schaft, Willkür, Korruption oder fehlender Demokratie finden sich kaum Spuren in seinen Büchern. Burckhardt interessierte sich wohl wenig für diesen Aspekt der Realität; sein ganzes Interesse galt einer anderen Sphäre. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass Marokko wie auch die anderen arabischen Länder noch vor einer Generation wesentlich mehr in sich gefestigt und weit weniger zerrissen waren, als sie dies heute sind. Die radikal-islamistischen Bewegungen, welche seit einigen Jahren im Westen ein Zerrbild eines fanatischen und intoleranten Islams vermitteln, waren damals noch inexistent oder aber bloß Randerscheinungen. Von dieser Seite erwächst heute dem mystischen Islam eine starke Gegnerschaft, und im puritanisch-strengen Saudi-Arabien sind die Werke Ibn Arabis gar verboten. Mit den militanten Fundamenta­listen hatte der Weltbürger und Mystiker Burckhardt, der sich auch für die Kathedrale von Chartres oder hinduistische Kunst begeistern konnte, auf jeden Fall nichts am Hut gehabt.

 

Burckhardt-Revival in Marokko

Auch in Marokko ist Burckhardt weitherum in Vergessenheit geraten. Von offizieller marokkanischer Seite hat man allzu häufig seine großen Verdienste um die Erhaltung des Altstadt von Fès ignoriert oder bewusst heruntergespielt. Einer französischen Stu­dentin, die an einer Dissertation über die Medina von Fès arbeitete, habe man an Ort und Stelle den Namen von Burckhardt konsequent verschwiegen, berichtet etwa Jean-Louis Michon, obwohl er stets unbestritten der geistige Kopf des gesamten Projekts gewesen sei. Man kann dies vielleicht als Reflex eines Volkes verstehen, das nach einer traumatisierenden Erfahrung mit Fremdherrschaft eine Einmischung in seine kulturellen Angelegenheiten möglichst ausschalten will; das Unrecht wird dadurch nicht gutgemacht.

Doch in letzter Zeit scheint man sich auch in Marokko vermehrt auf die Verdienste des Basler Gelehrten zu besinnen. Ein Kreis von Intellektuellen in Marrakesch, der sich Divan al-Adab nennt und jedes Frühjahr ein Kolloquium zu einem kulturellen Thema organisiert, will Person und Werk Titus Burckhardts einer breiteren Öffentlichkeit bekanntmachen. Die nächste Veranstal­tung dieser Reihe steht unter dem Thema «Sagesse et Arts Tradi­tionnels en Islam» und ist Titus Burckhardt gewidmet. Zwei Dut­zend Forscher aus aller Welt werden über das Werk von Burckhardt und über die Themen, die ihn sein Leben lang beschäftigten, debattieren. Wenn alles plangemäß läuft, werden sich die Gelehr­ten in einem prächtigen Hofhaus im Herzen der Altstadt treffen, das gegenwärtig von einer privaten Kulturstiftung mit Sitz in Basel restauriert wird. An der Symbolik dieses Ortes – es ist das ehemalige »Storchenspital« – wie auch an der Zielsetzung der Stiftung hätte Titus Burckhardt zweifellos seine Freude gehabt. Damit schließt sich auf unerwartete Weise der Kreis des zu Unrecht vergessenen Basler Weltbürgers.

 

© Beat Stauffer 1999, 2018
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors [/]