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Olga & Thomas de Hartmann

Mit Gurdjieff durch gefährliche Zeiten

Essentuki 1918: Vorbereitungen zum Aufbruch ins Wunderbare

Foto: de-Hartmann-Archiv / T.C. Daly

Mitten im Chaos der Russischen Revolution bereitet sich im Sommer 1918 eine kleine Gruppe von Schülerinnen und Schülern um G.I. Gurdjieff in Essentuki am Fuß des Kaukasus auf eine gefährliche Reise vor. Getarnt als wissenschaftliche Expedition wollen die entschlossenen Wahrheitssucher dem Zarenreich entfliehen, das in den Kämpfen zwischen der Roten und der Weißen Armee im Blut versinkt. Ein Ausschnitt aus dem autobiografischen Buch von Olga und Thomas de Hartmann: Expeditionen ins Wunderbare – Unser Leben mit Herrn Gurdjieff

de Hartmann: Unser Leben mit Herrn Gurdjieff

homas — Täglich gab es Zeiten des Arbeitens und des Abwartens. Wir hatten zwei Pferde gekauft: ein hübsches haselnussbraunes namens Rostschopf sowie Dickfuß, ein großes braunes, ernsthaft bissiges. Außerdem kauften wir ein Maultier, Bardadim, ein freundliches Geschöpf ohne spezielle Charaktermerkmale, und eine Eselin, Maschka, jung, sehr lebhaft und aufsässig, im Grunde aber gutherzig und harmlos. Abwechselnd kümmerten wir Männer uns um die Reinigung und die Pflege der vier.

Wir mussten dafür sorgen, dass sie Fett ansetzten. Es war bereits Juli, die Kornfelder waren gerade eben abgeerntet worden, und so erhielten wir von offizieller Stelle die Erlaubnis, die Tiere auf den Stoppeln grasen zu lassen. Da die Ernte schlampig eingefahren worden war, gab es noch Unmengen herumliegender Weizenähren. Herr Gurdjieff ließ keine Zeit verstreichen, um diesen Umstand zu nutzen.

Jeden Morgen bei Sonnenaufgang zog einer von uns los zu einem Feld, das einige Werst entfernt lag, um die Tiere weiden zu lassen und das lose Korn einzusammeln. Es war ein äußerst mühsames Unterfangen. Die Tiere trugen Fußfesseln, damit ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt war, aber Maschka, die Eselin, fand heraus, wie sie diese loswerden konnte und dann musste man ihr hinterherjagen. Der arme Sacharow brauchte einmal zwei Stunden, um sie wieder einzufangen.

Bis ich an der Reihe war, wusste ich, worauf ich zu achten hatte: Zunächst mussten ein paar große Säcke gefunden werden, in denen das herumliegende Korn gesammelt werden konnte. Dann ging es darum, mit allen Tieren gleichzeitig loszureiten! Auf Hilfe zu hoffen, war zwecklos, da sich alles schon früh im Morgengrauen abspielte. Während ich also auf Rostschopf ritt, musste ich die anderen bei ihren Halftern halten, die zwei Esel auf der einen Seite und Dickfuß auf der anderen. Auf dem Weg gab es Gatter, die geöffnet und, nachdem alle hindurchgeführt waren, auch wieder geschlossen werden mussten. Bevor ich auf Rostschopf stieg, klopfte ich mit dem Finger nicht allzu sanft einige Male auf Dickfuß’ Schnauze, um ihm einzuschärfen: »Wage es bloß nicht, zu beißen!« Letzten Endes verlief alles glatt. Dickfuß biss nicht. Die Pferde grasten gut. Die Säcke waren mit Getreide gefüllt. Und Maschka befreite sich nur ein einziges Mal, doch konnte ich sie schnell wieder einfangen. Kurzum: gegen Mittag ging es schon wieder zurück.

Herr Gurdjieff war mit den Säcken voller Getreide zufrieden. Als Belohnung holte er ein großes Weinglas voll mit Wodka, der sich als vergällter Alkohol entpuppte. Einmal in meinem Leben musste ich anscheinend solch einen Wodka probieren. Er schmeckte furchtbar! Andererseits fügte er meiner Lebenserfahrung etwas hinzu und ließ mich mit einer großen Hoffnung zurück: nämlich, dass ich diese Erfahrung niemals wieder würde machen müssen.

Gurdjieff: Olga und Thomas de Hartmann

Olga und Thomas de Hartmann kurz nach ihrer Hochzeit 1906. Foto: De-Hartmann-Archiv / T.C. Daly

Eines Tages ließ Herr Gurdjieff [unseren Mitschüler] Petrow einen Brief für [seinen Kollegen] Schandarowsky an den Sowjet [/] in Essentuki schreiben, der sich damals »Stellvertreterrat« nannte. Wann immer irgendwo ein offizielles Papier einzureichen war, musste Petrow es verfassen. Seine schöne Schrift beeindruckte ausnahmslos sämtliche Institutionen, die nun häufig von zuvor nachrangigen Beamten wie Fernmeldebediensteten, Buchhaltern und so weiter geleitet wurden. Dieser Brief jedenfalls war ein förmliches Hilfegesuch um Unterstützung bei einer wissenschaftlichen Expedition in die Region des Berges Indyuk im Kaukasus.

Unsere Expedition sollte vorgeblich ein zweifaches Ziel haben: In einem Fluss, der in der Nähe des Berges verlief, wollten wir zum einen nach Gold suchen und zum andern nach Dolmen [/] – eigenartige Steinformationen, die im ganzen Kaukasus zu finden sind. Es gab Gründe für die Annahme, dass diese Dolmen im Altertum eine besondere Bedeutung gehabt hatten und dass diese Erklärung von großem wissenschaftlichem Interesse war.

Herr Gurdjieff war schon seit Langem daran gelegen, diese Dolmen zu studieren, doch die politischen Ereignisse hatten ihn bisher davon abgehalten. Nun war er zu dem Schluss gekommen, dass sein Wunsch vielleicht in Erfüllung gehen könnte, während wir durch das Gebirge flüchteten.

Dieses Gesuch wurde also der Sowjet-Behörde überbracht. Es machte einen sehr guten Eindruck auf sie, da die Bolschewiki in jenen Tagen darauf aus waren, alle wissenschaftlichen Unternehmungen zu fördern. Der Sowjet von Essentuki leitete das Gesuch an den nächsthöheren Sowjet in Pjatigorsk weiter, der die Amts­gewalt besaß, Expeditionen materiell auszustatten.

Zur selben Zeit erschien in den Pjatigorsker Zeitungen ein Artikel, in der die Ziele dieser Expedition beschrieben wurden. Der ganze Bericht war aufgemacht wie ein Interview eines Reporters mit einem der Expeditionsteilnehmer. Die delikate Frage über die Art und Weise, wie die Expedition gedachte, trotz des Bürgerkrieges zu reisen, tauchte darin wie zufällig auf. Ich sehe Herrn Gurdjieff noch genau, als ob er direkt vor mir stünde, wie er diese Frage diktierte und sogleich auch die Antwort gab: »Diese Expedition beabsichtigt, in eine entlegene Wildnis aufzubrechen, die für militärische Aktivitäten des Bürgerkrieges unzugänglich ist. Deshalb können auch weder die wissenschaftlichen Arbeiten noch unsere Entdeckungen behindert werden.« Fragen nach unserer Loyalität oder politischen Verlässlichkeit kamen nicht auf.

Schon bald wurde aus Pjatigorsk einiges an Gerätschaft für unsere Expedition geschickt: zwei kleinere Wagen, die zu unserer lineika dazukamen, eine große Wagenplane, zwei geräumige, blau-weiße Offizierszelte, für jeden der Teilnehmenden eine Axt sowie kleine Spaten und Hacken, die Herr Gurdjieff umgehend an alle Männer und Frauen verteilte. Und noch etwas anderes war geliefert worden: ein breiter roter Gürtel, wie ihn die Feuerwehrmänner trugen, mit schwarzen Streifen und Messingringen – diesen sollte Herr Gurdjieff am Tag unserer Abreise tragen.

Weder Ouspensky [/] noch seine Frau konnten an der Expedition teilnehmen. Madame Ouspenskys Tochter, Lenotschka, erwartete ihr erstes Kind, und in solch chaotischen Zeiten konnte ihre Mutter sie nicht allein lassen. Und Herr Ouspensky konnte seine Frau nicht zurücklassen. Doch obwohl er nicht mitkommen konnte, half er bei unseren Vorbereitungen. Er klärte Herrn Gurdjieff darüber auf, dass eine ziemliche Menge Alkohol nötig sein werde, wenn es dazu kommen sollte, Gold waschen zu wollen. Herr Gurdjieff konnte das nachvollziehen und diktierte sofort das entsprechende Gesuch, das Schandarowsky übergeben wurde. Zu meinem Erstaunen wurden neben vergälltem auch einige Gallonen puren Alkohols, der zu diesen Zeiten fast nicht aufzutreiben war, in unser Haus in Essentuki gebracht. Schnell füllten wir den ganzen Alkohol in kleine Flaschen ab, die dann an uns alle verteilt wurden. Einige Flaschen trugen die Aufschrift »Medizin zur Behandlung von Cholera«, andere »Medizin für die Behandlung von Malaria«. Die Flaschen der ersten Sorte waren mit reinem, die anderen mit vergälltem Alkohol gefüllt, der durch heißes Brot und gebratenen Zwiebeln gefiltert worden war, sodass er bedenkenlos getrunken werden konnte.

Die Vorbereitungen für die Expedition gingen weiter. Obwohl Herr Gurdjieff sehr wohl wusste, wie man Dinge schnell erledigt, konnte er auch warten, wenn nötig sogar sehr lange, um den besten Moment abzuwarten. In diesem Fall bewies er einmal mehr, dass er richtig lag.

Gültige Reisepässe, Laissez-passers, Empfehlungsschreiben und Ausweispapiere mussten beschafft werden. Außerdem hatten wir uns darum zu kümmern, dass wir auf der ersten Etappe unserer Expedition einige Eisenbahn-Gepäckwagen für uns, unsere Ausrüstung und unsere Pferde und Esel benutzen konnten. Die Geschichte darüber, wie wir zu unseren Reisepässen kamen, illustriert Herrn Gurdjieffs Fähigkeit, im Voraus erkennen und planen zu können, was wir brauchen würden und was normalerweise unmöglich zu besorgen gewesen wäre.

Gurdjieff: Februar-Revolution, Sankt Petersburg 1917

Demonstration von Arbeiterinnen und Arbeitern während der Februar-Revolution 1917 in Sankt Petersburg. Foto: Wikimedia Commons

Wie ich bereits erwähnte, hatte uns Herr Gurdjieff überrascht, ja sogar schockiert, als er Schandarowsky, sechs Wochen bevor wir Essentuki verlassen sollten, aufgefordert hatte, sich bei der Sowjet-Behörde um einen Verwaltungsposten zu bewerben, der eine juristische Ausbildung voraussetzte. Da Schandarowsky ein guter Rechts­anwalt war, erhielt er diese Stelle nicht nur, sondern wurde auch schon bald befördert, und es dauerte nicht lange, bis man ihm die Verantwortung für das Amt übertrug, das Reisepässe und andere wichtige Dokumente ausstellte. Selbstverständlich ließ Herr Gurdjieff ihn sogleich sowjetische Pässe für uns alle besorgen und uns als Bürger von Essentuki ausweisen: Unter uns gab es nun demnach einen Lehrer, einen Gärtner, einen Pensionär, einen einfachen Arbeiter und so weiter. Hätten wir uns in jene entlegenen Grenzregionen mit unseren zaristischen Ausweisen gewagt, die uns als Ärzte, Ingenieure, Gardeoffiziere und dergleichen – gemäß bolschewistischer Anschauung allesamt »Feinde des Volkes« – zu erkennen gaben, hätte man uns auf der Stelle erschossen.

Als unsere neuen Pässe in Ordnung gebracht und auch alle anderen Dinge vorbereitet waren, wies Herr Gurdjieff Schandarowsky an, um zwei Wochen Urlaub zu bitten. Diesem Gesuch wurde bereitwillig stattgegeben. Am nächsten Tag verließ unsere Expedition Essentuki und Schandarowsky kehrte niemals an seinen Arbeitsplatz zurück.

In der Zwischenzeit hatten die Damen geräumige Leinenrucksäcke mit Schulter- und Hüftriemen aus Leder genäht. Wir durften nur mitnehmen, was wir auf unserem Rücken tragen konnten. Die letzten Tage vor unserer Abreise waren alle damit beschäftigt, ihre Habseligkeiten durchzuschauen und auszuwählen, was für die Reise am dringendsten nötig war. Wir konnten uns nicht sicher sein, dass wir die Dinge, die wir zurückließen, jemals wiedersehen würden. Es war nicht einfach, all die ausgewählten Gegenstände in unseren Rucksack zu packen und schließlich entscheiden zu müssen, welche Dinge doch nicht mitgenommen werden konnten. Neben unserer abgetragenen sommerlichen Arbeitskleidung mussten wir etwas dabei haben, das wir an Orten tragen konnten, an denen auch »unbescholtene Bildungsbürger« oder frühere »einflussreiche Persönlichkeiten« verkehrten, ohne ärmlich gekleidet zu erscheinen. Alles musste ganz genau durchdacht und jede Eventualität vorhergesehen werden. Das Gepäck der Männer wog fünfunddreißig Kilo, das der Frauen fünfundzwanzig. Um uns an diese Lasten zu gewöhnen, schickte uns Herr Gurdjieff manchmal abends in den Garten, wo wir mit unseren Rucksäcken, die mit Steinen im entsprechenden Gewicht gefüllt waren, auf und ab gehen mussten.

Eines Nachts zeigte Herr Gurdjieff allen, wie man den Großen Bären und den Nordstern ausfindig machen kann, da einige der Damen nicht wussten, wie sie zu finden waren. Diese Kenntnisse würden auf unserer Expedition natürlich nützlich sein.

An einem anderen Abend lehrte er uns, wie er es nannte, »bewusst zu gehen«. Er erklärte uns, dass wir in den Bergen in sehr dunklen Nächten an jeder Stelle stolpern und einen Abgrund hin­unterstürzen oder auf irgendeine andere Gefahr stoßen könnten. Um auf diese Art »bewusst« zu gehen, verlagert man sein Gewicht zuerst zum Beispiel auf das linke Bein, sodass das rechte frei bleibt, die Erde vor sich zu ertasten und abzuschätzen. Wenn man dann sicheren Boden spürt, wird das Gewicht auf den rechten Fuß verlagert und mit dem linken wiederum der Boden davor abgetastet und so weiter. Diese Art zu gehen mussten wir üben – und als wie wichtig sich dies später in den Bergen noch herausstellen sollte!

Einhergehend mit den materiellen und praktischen Erfordernis­sen dieser Expedition gab es auch moralische Vorbereitungen, die in einem sehr ernsthaften Vortrag von Herrn Gurdjieff kulminierten. Für alle, die an der Reise teilnehmen sollten, galten drakonische Regeln.

Gurdjieff 1917

Gurdjieff mit seinen Hunden und seiner Katze 1917 in Olginka im Kaukasus. Foto: De-Hartmann-Archiv / T.C. Daly

Olga Er ging, wie gewohnt, um unseren Esstisch herum und sagte, dass er zum ersten Mal strikten und bedingungslosen Gehor­sam von uns fordere und wir seine Anordnungen auszuführen hätten, da er nicht genau wisse, wo wir hingehen würden, und weil die Umstände unvorhersehbar seien. Jede und jeder solle sich ernsthaft die Frage stellen, ob sie oder er wirklich an dieser Ex­pedition teilnehmen wolle. Wir wären füreinander nicht länger Ehemänner und Ehefrauen, Brüder, Schwestern oder Kinder. Ein von einer Person begangener Fehler könne die ganze Gruppe in Gefahr bringen. Wenn dies geschähe, sei Herr Gurdjieff verpflichtet, das Leben dieser Person zugunsten der Gruppe zu opfern, ganz egal, um wen es sich handle. Und er nahm einen großen Revolver heraus und legte ihn auf den Tisch. Ich war entsetzlich eingeschüchtert, weil ich daran denken musste, dass jemand auch unbeabsichtigt einen Fehler machen könnte und Herr Gurdjieff sich dann vielleicht gezwungen sähe, diese Person zu töten.

Die ganze Nacht über sprach ich mit meinem Mann; ich gönnte ihm keine Minute Schlaf, da ich immer wieder sagte: »Ich bin nicht bereit, meine Wort für etwas zu geben, das solch ein Risiko oder Unglück für die ganze Gruppe einschließt.« Mein Mann versuchte, mich mit den Worten zu überzeugen, dass ja auch die andere Reise, die wir mit Herrn Gurdjieff unternommen hatten, uns beweise, dass nichts Besonderes passieren würde und dass ich ihn nicht verlassen und zu meinen Eltern gehen solle. Schließlich, als die Sonne schon aufging, entschied ich mich mitzureisen und hatte, wie jede und jeder andere, Herrn Gurdjieff davon zu unterrichten, dass ich seine Bedingungen akzeptierte.

Thomas Alles, was seit Kriegsbeginn geschehen war, wie beispielsweise meine lange Krankheit, hatte meine Frau erschöpft. Ich machte mir Sorgen um sie. Sie hatte mich angefleht, Herrn Gurdjieff darum zu bitten, dass wir ein oder zwei Wochen zu zweit weggehen durften, damit wir uns etwas ausruhen und Kräfte für die Expedition sammeln konnten. Ich ging also zu ihm, um mit ihm zu sprechen; ich erinnere mich, dass das Gespräch auf der Straße stattfand. »Herr Gurdjieff«, begann ich, »mir ist bewusst, dass alles, was Sie tun, unseretwegen geschieht, für unsere Entwicklung. Aber meine Frau ist gegenwärtig so müde…«, und so teilte ich ihm ihren Wunsch nach einer Pause mit. Herr Gurdjieff war nicht verärgert, sondern sah mich mit großer Sanftheit an und antwortete: »Sie haben mir soeben erzählt, dass Sie verstehen, dass alles, was ich von Ihnen verlange, um Ihretwillen geschieht. Warum also stellen Sie dann diese Frage?« Es war ganz offensichtlich, dass meine Frau eine weitere Extra-Anstrengung machen musste und dass die Zeit für eine Pause noch nicht gekommen war. Und meine Frau stellte unter Beweis, dass sie über genügend Energie verfügte.

Nicht nur die Menschen wurden von Herrn Gurdjieff für die Reise vorbereitet. Einmal beobachtete ich ihn, wie er auf der Straße Rostschopf an einem langen Seil hielt. Mit dem anderen Ende des Seils schlug er das Pferd auf den Bauch, worauf es sich auf seine Hinterbeine bäumte. Warum Herr Gurdjieff so etwas tat, konnten wir uns nicht erklären.

Einige Tage später kamen Soldaten, um unsere Pferde für die Rote Armee zu beschlagnahmen. Die Esel rührten sie nicht an, aber Rostschopf und Dickfuß nahmen sie mit. Herr Gurdjieff saß ganz ruhig auf der Gartenbank und trotz der Tatsache, dass unser Leben von den Pferden abhing, beobachtete er, ohne einzugreifen, was geschah. Meine Frau regte sich sogar auf, weil er so passiv dabei war, als uns die Pferde weggenommen wurden. Das Einzige, was er tat, war, einen der fortgeschrittenen Schüler zur Kommission zu schicken, um dort zu fragen, warum die Pferde beschlagnahmt worden seien. Doch noch bevor der Schüler die Kommission erreichte, wurden die Pferde von den Soldaten mit der Warnung zurückgebracht, dass diese beiden äußerst gefährlich seien. Rostschopf hatte seine Lektionen ausgesprochen gut gelernt: Sobald ein Soldat sich ihm näherte und die Zügel in die Hand nahm, bäumte es sich auf, fiel auf seinen Rücken und klemmte ihn unter sich ein. Dickfuß hatte einen anderen Soldaten in den Bauch gebissen. »Behalten Sie die«, sagten die Soldaten, »solche Pferde können wir nicht gebrauchen.« Und sie gaben uns ein Papier, das sie vor weiteren Beschlagnahmungen schützte. Selbstverständlich zeigte uns Herr Gurdjieff, wie wir die Pferde, so wie sie jetzt waren, behandeln mussten und beherrschen konnten – oder zumindest wie wir sie dazu bringen konnten, das von ihnen Verlangte zu tun.

Gurdjieff: Bauern-Lineika

Russische Bauern auf einer lineika um die Jahrhundertwende. Zeitgenössisches Postkartenmotiv

Kurz vor unserer Abreise beschloss Herr Gurdjieff, dass wir das Reisen mit der lineika und den zwei kleineren Wagen ausprobieren mussten. Die Pferde wurden vor die Wagen gespannt, die Esel vor die lineika. Im ersten Wagen saßen Doktor Stjernwall und seine Frau, im zweiten Sacharow und ein kleiner Junge. In der lineika saßen die anderen Frauen und ich. Herr Gurdjieff fungierte als Kutscher. Er wusste bestens, wie man eine solche Situation in ein heiteres und komisches Ereignis verwandeln konnte.

Unsere Fahrzeuge sahen aus wie eine Parodie englischer Pferdewagen. Die ganze Geschichte machte auf mich einen Eindruck wie aus Dickens Pickwick Papers. Ganz am Ende unseres Zuges lief Petrow zu Fuß und hielt unsere drei Hunde an der Leine. Im Laufe unserer Fahrt fielen wir in einen Trab, und in dem Schritt ging es um die Außenbezirke von Essentuki herum – Petrow immer hinter uns herlaufend.

Den Abend vor unserer Abreise werde ich niemals vergessen. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erklären, dass unser Zusammensein mit Herrn Gurdjieff in unseren Gedanken oder Gefühlen niemals mit der Vorstellung verbunden war, dass unsere ganze Vergangenheit verloren sei oder dass wir durch ihn den Bolschewiki entkommen könnten. Dass die Bolschewiki tatsächlich in Russland an der Macht bleiben würden, kam niemandem in den Sinn. Meine Frau und ich hatten sehr wichtige und einflussreiche Freunde, wie etwa unseren letzten Regierungschef Graf Kokowzow und einige andere, die wollten, dass wir mit ihnen gemeinsam komfortabel wegfahren würden.

Als das geschäftige Treiben unserer letzten Reisevorbereitungen begann, hatten wir die Dinge, die wir zurücklassen mussten, in große Schrankkoffer gepackt. Einiges aus unserem Besitz war uns ja bereits auf unserer Hinreise von Sankt Petersburg gestohlen worden, aber der Rest, Bettwäsche, Silber und Kleidungsstücke sowie meine persönlichen Musikmanuskripte, verstauten wir in die schwer beladenen Koffer. Herr Gurdjieff entschied, dass diese, genauso wie viele seiner eigenen Teppiche, im Keller des Hauses seines Bruders hinter einem Holzhaufen versteckt werden sollten. Alles wurde in der Dunkelheit der Nacht dorthin gebracht und Herr Gurdjieff selbst packte sich einen der schweren Schrankkoffer auf seinen Rücken und trug ihn in den Keller, als ob er nichts wiegen würde. […]

Als Abreisetag war der 6. August 1918 festgelegt worden. Neben Herrn Gurdjieff bestand unsere Gruppe aus fünf Frauen, sieben Männern und zwei Kindern, die zwölf und vierzehn Jahre alt waren. Schon früh am Morgen waren an diesem letzten Tag Rucksäcke und Vorratssäcke, die mit Mehl, Kartoffeln, Salz, Tee und Kaffee gefüllt waren, gepackt. Zelte und Teppiche, um im Freien schlafen zu können, lagen bereit. Wir alle trugen Reisekleidung: die Damen einfache Röcke und Blusen, die Männer tunika-ähnliche russische Leinenhemden. Auch Herr Gurdjieff trug eine Leinentunika und dazu seinen Feuerwehrgürtel. An unseren eigenen Gürteln hingen Beutel mit den zwei Flaschen »Medizin«, die Axt, eine Säge oder ein anderes Werkzeug, eine Thermoskanne oder ein kleiner Topf. Alle diese Utensilien und das zusätzliche Gewicht unserer Rucksäcke erinnerten mich an eine mittelalter­liche Rüstung.

Gurdjieff: Essentuki

Die Bahnstrecke bei Essentuki um 1910. Zeitgenössisches Postkartenmotiv

Wir brachten all unsere Ausrüstung, Wagen und Pferde zum Bahnhof, wo man uns unsere zwei Gepäckwagen zuwies. In einem der beiden wurden die Pferde, die beiden kleinen Wagen und einige der Schüler, die auf die Tiere zu achten hatten, untergebracht. Der Rest von uns belegte mit der lineika, die Herrn Gurdjieff zugleich als Bett diente, den anderen Wagen.

Bis zur Abfahrt hatten wir noch eine Stunde Zeit, und Herr Gurdjieff erlaubte uns, im Park spazieren zu gehen. Es war gerade die Stunde der Musik und ganze Menschenmassen hatten sich dazu eingefunden. Hier traf ich auf den bulgarischen General Radko Dimitriew [/] – eine bittere Begegnung. Ich hatte diesen Helden des Bulgarisch-Türkischen Krieges während des Winters kennengelernt. Als er jetzt meine Reisebekleidung sah, interessierte es ihn, wohin es mich zog. Ich erklärte ihm, dass ich auf eine wissenschaftliche Expedition ginge. »Wenn ich jünger wäre«, so antwortete er, »würde ich Sie bitten, mich mitzunehmen.« Drei Wochen später, als in Essentuki die Herrschaft des Terrors begann, wurden Radko Dimitriew, General Russki [/] und viele andere Offiziere inhaftiert. Sie wurden zum nahegelegenen Berg Maschuk gebracht, wo sie einen Graben ausheben mussten. Man eröffnete das Feuer auf sie, warf sie halb tot in den Graben und bedeckte sie mit Erde. Wenn ich in Essentuki geblieben wäre, hätte mich, da ich noch immer Gardeoffizier war, sicherlich dasselbe Schick­sal ereilt.

Schließlich verließen wir Essentuki in unseren beiden Gepäckwagen eines langsamen Güterzugs, der an jedem Bahnhof Halt machte. Da zu dieser Zeit nur Soldaten unterwegs waren, zogen wir eine Menge Aufmerksamkeit auf uns, und so war es uns untersagt, die Wagen zu verlassen oder auch nur hinauszuschauen. Also saßen wir in den dunklen Ecken einfach nur still da.

Erst am nächsten Tag erreichten wir Armawir, wo wir auf ein anderes Gleis verschoben werden sollten. Meine Tante, die Schwes­ter meiner Mutter, lebte in Armawir und ich wollte sie so gerne noch einmal sehen, da ich wusste, dass es das letzte Mal sein würde. Da uns gesagt wurde, dass unsere Wagen nicht vor dem nächsten Morgen verschoben würden, erlaubte uns Herr Gurdjieff zu gehen. Die Stadt befand sich bereits in den Händen der Bolschewiki. Es gab keine Verkehrsmittel, also gingen wir zu Fuß. Weil bolschewistische Soldaten in den Straßen patrouillierten, taten wir alles, um ihrer Aufmerksamkeit zu entgehen; wir verschmutzten unsere Fingernägel, drehten die Innenseite unserer Mäntel nach außen, meine Frau zog sich ein Kopftuch über die Haare und ich trug eine Arbeiterkappe. Wir schnupften unsere Nasen mit unseren Fingern und nahmen Sonnenblumenkerne aus unseren Manteltaschen, auf denen wir ständig herumkauten und deren Schalen wir in Arbeitermanier ausspuckten – genauso, wie es Herr Gurdjieff uns beigebracht hatte. So erreichten wir sicher meine Tante und kehrten danach schnell zum Bahnhof zurück.

Zu unserem Entsetzen standen die Gepäckwagen nicht mehr an ihrem alten Ort. Wir klapperten jedes Gleis des großen Bahnhofs ab, doch wir konnten sie einfach nicht finden. Dann erfuhren wir, dass unsere Wagen an einen anderen Zug angehängt worden waren, der bereits abgefahren war.

 

Aus: Olga & Thomas de Hartmann: Expedtionen ins Wunderbare
© Thomas A.G. Daly
Deutsche Übersetzung © Chalice Verlag