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Reshad Feild

Den Weg ergründen – mit Mut und Ausdauer

Reshad Feild

Foto: Pexels

Ein hier erstmals publizierter Studientext aus den unveröffentlichten Papieren der »Lebenden Schule« von Reshad Feild vom 12. Juli 1984

ine oder einer von jenen zu sein, die »dem Weg« folgen, ist eine überaus große Ehre und ein Privileg, doch ist es manchmal schwierig zu verstehen, was dies bedeutet. Wir werden keine Belohnung erhalten, und in den frühen Stadien kommt nur wenig Freude auf. Und wenn wir uns die unterschiedlichen Schulen und Pfade um uns herum anschauen, in denen so viel getanzt und gesungen wird und alles so nett aussieht, beschleichen uns Zweifel. Also lasst mich erklären, worum es auf dem Weg geht.

Es ist unsere Verpflichtung, den Weg zu ergründen, ihn in allem, was wir sehen, fühlen, denken oder tun, ausfindig zu machen, hinter die Oberfläche der Dinge zu schauen und sie niemals nach ihrem Äußeren zu bewerten.

Es ist kein Weg der Selbstentfaltung; es ist ein Weg der Aufopferung. Auch ist es kein mit Blumen bestreuter oder glamouröser Weg, sondern einer, der grundehrliche Arbeit verlangt. Er ist schonungslos fordernd, und wenn ein Mensch erst einmal dazu auserwählt ist, diesen Weg zu gehen, lässt ihn der liebe Gott nur in sehr seltenen Fällen wieder ziehen! »Ich will einzig und allein dich«, sagt Er, und so ist es. Es ist kein Weg der Form und auch kein Weg der Formlosigkeit – denn auch dies wäre nur ein Konzept. Der Weg erfordert Mut und Ausdauer angesichts der scheinbar unüberwindbaren Schwierigkeiten und er verlangt, dass es für uns nichts Wichtigeres gibt. Bei dem Weg geht es darum, Sinn und Zweck des Lebens auf der Erde zu erfüllen.

Es ist unsere Verpflichtung, den Weg zu ergründen, ihn in allem, was wir sehen, fühlen, denken oder tun, ausfindig zu machen, hinter die Oberfläche der Dinge zu schauen und sie niemals nach ihrem Äußeren zu bewerten. Wir müssen intelligent sein – das bedeutet, Intelligenz durch den Willen, den Geist, zu erwecken –, um nie wieder in einem Stuhl nur einen Stuhl oder nur ein Muster von Formen und eine molekulare Struktur zu sehen, sondern vielmehr eine Manifestation des Göttlichen selbst. Hinter die Oberfläche der Dinge zu schauen, das ist der Weg, »Gewahrseinskräfte« zu erwecken, »die zu flüchtig sind für den Alltagsgebrauch« und sie »zu Hause willkommen zu heißen.« […] Sie sind die lange vermissten Kinder des Geistes« [Alan McGlashan].

Der Weg ist nicht einfach und er existiert seit Anbeginn der Zeit. Er wurde weder geboren noch erschaffen. »Ein Sufi ist nicht erschaffen!« Der Weg durchzieht alles, verleiht allem Leben und ist dennoch von allen Dingen unabhängig.

Um den Weg ausfindig zu machen, müssen wir lernen, sehr, sehr stark zu lieben. Mr. Gurdjieff pflegte zu sagen, dass wir als Erstes lernen müssen, die Pflanzen, das ganze Pflanzenreich, bewusst zu lieben. Dann müssen wir weiterschreiten zum Tierreich – an diesem Punkt muss es möglich sein, das Animalische in uns selbst zu lieben. Und erst dann, wenn wir gelernt haben, diese Aspekte des Reichs Gottes zu lieben, kann von uns gesagt werden, dass wir fähig sind, an der bewussten Liebe selbst teilzuhaben, und damit imstande, unseren Nächsten wie uns selbst zu lieben. Also ist es notwendig, sehr, sehr stark zu lieben. Wenn wir für die Pflanzen singen, können wir für die Schönheit Gottes in den Pflanzen erwachen. Erinnern wir uns: »Der einzige Zweck der Liebe ist Schönheit.« Erkennen wir denn noch immer nicht, dass die Pflanzen uns die ganze Zeit über lieben? Wir nehmen es nur einfach nicht wahr. Wir halten zu viel für selbstverständlich. Doch nichts – ich wiederhole: nichts – darf als selbstverständlich vorausgesetzt werden, wenn wir auf dem Weg bleiben wollen, dem geraden Weg, der zur Freiheit führt.

Schönheit ist tatsächlich für jene da, die aufmerksam sind für Seine Schönheit.

Als Nächstes müssen wir also die Tiere und die Vögel lieben können. Doch nochmals: Dazu müssen wir wach sein! Ich bin soeben von draußen hereingekommen, wo zwei ältere Damen auf einer überdachten Hollywoodschaukel saßen. Ein Kolibri kam angeflogen und schwebte um die Quasten des Sonnenschutz-Baldachins. Ich fragte mich, was der Kolibri dort tut, denn um den Baldachin herum gibt es sicherlich keinen Nektar zu finden. Doch dann sah ich es. Und was ich da beobachten konnte, rührte mich innerlich wieder einmal zu Tränen der Liebe. Dieses winzige Geschöpf entwand mit seinem langen Schnabel einen Faden von einer der herabhängenden Quasten. Es schwebte da und zerrte ihn mit all seiner Kraft heraus, dann verschwand es mit dem Faden über das Dach. Es baute an seinem Nest!

Schönheit ist tatsächlich für jene da, die aufmerksam sind für Seine Schönheit. Ich sprach die beiden Damen an und riet ihnen, den kleinen Vogel zu beobachten, wenn er das nächste Mal käme, doch es interessierte sie nicht. Vielleicht hatten sie früher in ihrem Leben viele Möglichkeiten erhalten, doch dann ereignete sich dieses und jenes und schließlich vermochten sie nicht mehr zu erkennen, zu verstehen oder zu begreifen, dass wir sehr, sehr stark lieben müssen, wenn wir wirklich auf den Weg stoßen wollen.

Im Namen Gottes einander lieben! Nun, das ist die größte Herausforderung von allen, denn wer liebt da was? Sind wir denn wirklich voneinander getrennt oder sind wir einfach verschiedene Exemplare der Einheit Gottes? Der Verstand kann alle Arten großartiger Vorstellungen heraufbeschwören, doch nur das Herz kann wahrhaftig verstehen. Also müssen wir den Spiegel unseres Herzens blank polieren. Erinnert uns nicht Maulāna [Dschalāl ad-Dīn Rūmī] immer und immer wieder genau daran? Wir polieren ihn, indem wir an die Tür unseres Herzens klopfen; aber wir müssen uns daran erinnern, dass die Tür von innen her geöffnet wird – wir selbst können sie nicht öffnen. Wer also ist es, der sie öffnet? »Wer klopft da an meine Tür?« Kann die Tür geöffnet werden? Um zu antworten: »Du bist es«, müssen wir über den Verstand hinausgelangen. Wir müssen sogar über das Bewusstseins hinausgehen, um fähig zu werden, die Worte der Wahrheit auszusprechen. »Du bist es« – anā’l aqq.

Wenn es also notwendig ist, jenseits unseres Verstandes zu gelangen, der gewissermaßen unabdingbar ist für die Welt des Vergleichs, für diese Welt, was geschieht dann mit »uns«? Was passiert dann mit dem, was wir ursprünglich zu sein glaubten? Wohin dann mit all den heiligen Kühen und den Tausendfüßlern, die wir doch in Schmetterlinge verwandeln wollten?

Was geschähe, wenn wir schlicht und ergreifend aufhören würden, als Konzept zu existieren? Und wäre es das wert? Was steckt denn hinter dem Konzept dessen, wer und was wir sind? Niemand kann euch das sagen!

Wenn wir alles für die Liebe, in Liebe und durch die Liebe tun, dann verschwinden nach und nach alle Hindernisse auf dem Weg der Wahrheit der Liebe.

Wenn es also stimmt, dass uns nichts und niemand die Wahrheit sagen kann, außer die Wahrheit selbst, wie sollen wir dann weitermachen? Uns wird gesagt, dass wir die ganze Zeit über suchen müssen, dass wir die Frage fortwährend im Herzen und im Verstand behalten sollen, dass wir nicht aufgeben dürfen. Aber wenn es niemanden gibt, der uns die Wahrheit sagen kann, woher kommt dann die Antwort?

Meditation, in welcher Form auch immer, Kontemplation des Herzens, Achtsamkeit in jeder unserer alltäglichen Handlungen oder das Drehen [der Mevlevi-Derwische] schmelzen den Verstand in Liebe. Das heißt: Wenn wir alles für die Liebe, in Liebe und durch die Liebe tun, dann verschwinden nach und nach alle Hindernisse auf dem Weg der Wahrheit der Liebe. »Der Verstand ist machtlos angesichts der Liebe.« Sagt Er dies nicht?

Es gibt einen Zustand, wenn alle Dinge scheinbar zum Allerschlechtesten stehen, in dem wir von Angst erfüllt sind. »Die Seele und ich schauten zusammen nach unten.« Ich sagte: »Hier ist es also am schlimmsten. Blick nur hinunter in diese Höhle, in die alles hinabgestürzt ist. Nie wieder werden wir unser Zuhause sehen, wie wir es kannten.« Das ist es, was »ich« sagte. Die Seele sprach: »Es ist Freiheit; grenzenloses Gelächter, komm…« [aus dem Gedicht “Night Thought” von Kathleen Raine].

Dies sind die Worte des Weges, auf welche Art und Weise sie auch immer gesprochen werden mögen. Sie sind der Ruf der Wahrheit.

Meditation in Liebe bringt den Verstand nach und nach zum Schmelzen, sodass uns nichts mehr bleibt, an das wir uns klammern. Dies ist der Zustand, in dem wir uns wirklich drehen, ein für alle Mal, hin zu unserem Herrn. Nichts anderes bleibt zu tun! Erst, wenn wir in Verstand, Körper und Geist vollständig zerbrochen sind, können wir vollkommen frei sein. In Liebe verwundet zu sein, heißt, dass der Kampf gewonnen ist.

Ich bete darum, dass ihr etwas von dem, was ich euch hiermit zu übermitteln versuchte, aufnehmen konntet. Dieser Weg ist nichts für die Zimperlichen oder Halbherzigen. Er ist nichts für die Überheblichen oder Selbstsüchtigen, nichts für jene, die nur die halbe Wahrheit wollen. Er ist für diejenigen, die von Gott auserwählt wurden, Ihn zu kennen und um Seine Wege zu wissen. Und nur in vollständiger Demut können wir uns der Tür des Herzens nähern. Wir kommen zur Tür des Herzens, wenn es nichts anderes mehr zu tun gibt. Wenn wir auf die richtige Art anklopfen, wird sie uns geöffnet werden. Das ist das Versprechen, das uns gegeben wurde und das uns gegeben wird von Anbeginn der Zeit. Wenn wir wissen, dass es nur Ihn gibt, durch Dessen endlose Maskerade wir verschleiert sind, bis die richtige Zeit kommt, dass die Schleier gelüftet werden und wir Ihn von Angesicht zu Angesicht erkennen, dann können wir wahrhaftig sagen: »Oh Du!«

Du bist Du!

Seid gesegnet. Seid liebend. Seid geliebt.

 

© Reshad Feild 1984, 2020
Deutsche Übersetzung © Chalice Verlag