Die Alchimie als ein Zweig der Mystik

Reshad Feild mit Scheich Suleyman Dede in Kalifornien 1975.

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Die Alchimisten selber beschreiben das Ziel ihres Werks oft als »eine Verflüchtigung des Festen und Verfestigung des Flüchtigen« oder auch als »Vergeistigung des Körpers und Verkörperung des Geistes« – um nichts anderes geht es ihnen bei der Suche nach ihrem geheimnisvollen »Gold«. Ausgewählte Auszüge aus Titus Burckhardts Buch Alchimie – Sinn und Weltbild.

 

Alchimie in Christentum und Islam

[…] Man wird sich fragen, wie es möglich war, dass die Alchimie samt ihrem mythologischen Hintergrund in die monotheistischen Religionen, in das Christentum, das Judentum und den Islam, aufgenommen werden konnte. Die Erklärung dafür ist darin zu suchen, dass die kosmologischen Anschauungen, welche der Alchimie eigen sind und die sich sowohl auf die äußere, metallische oder allgemein mineralische Natur als auch auf die innere oder seelische Natur beziehen, organisch mit der alten Metallurgie verbunden waren, sodass dieser geistige Hintergrund einfach als ein Wissen von der Natur (physis) im weitesten Sinne des Wortes mitsamt dem Handwerk übernommen wurde, ähnlich wie das Christentum und der Islam auch die pythagoreische Überlieferung in der Musik und in der Baukunst übernahmen und ihrer geistigen Welt eingliederten.

Durch ihre Angleichung an den christlichen Glauben wurde die Alchimie geistig befruchtet, während das Christentum in ihr einen Weg gewann, der über die Betrachtung der Natur zur wahren Gnosis führen konnte.

Durch ihre Angleichung an den christlichen Glauben wurde die Alchimie geistig befruchtet, während das Christentum in ihr einen Weg gewann, der über die Betrachtung der Natur zur wahren Gnosis führen konnte.

Vom christlichen Standpunkt aus gesehen war die Alchimie etwas wie ein natürlicher Spiegel der offenbarten Wahrheiten: Der Stein der Weisen, der die unedlen Metalle in Silber und in Gold zu verwandeln vermag, ist ein Abbild Christi, und seine Entstehung aus dem »nicht brennenden Feuer« des Schwefels und dem »beständigen Wasser« des Quecksilbers gleicht der Geburt des Christus Emanuel.

Durch ihre Angleichung an den christlichen Glauben wurde die Alchimie geistig befruchtet, während das Christentum in ihr einen Weg gewann, der über die Betrachtung der Natur zur wahren Gnosis führen konnte.

Noch leichter fügte sich die hermetische Kunst in die geistige Welt des Islams ein. Diese war ohnehin stets dazu bereit, jegliche vorislamische »Kunst«, die sich unter dem Anblick der Weisheit (hikma) darbot, als ein Erbe früherer Propheten anzuerkennen. So ist in der islamischen Welt Hermes Trismegistos oft Henoch (Idris) gleichgesetzt worden.

Es war die Lehre von der »Einheit des Daseins« (wahdat al-wudschud), die esoterische Deutung des islamischen Einheitsbekenntnisses, welche dem Hermetismus eine neue geistige Achse zu geben vermochte oder, um es anders auszudrücken, die seinen ursprünglichen geistigen Horizont in seiner ganzen Weite wiederherstellte und von dem Dickicht des späten Hellenismus befreite. […]

 

»Das Kupfer ruht und rastet nicht, bis dass es zu Gold werde«

Das, was die Grundlage des Werks ausmacht, sein eigentlicher »Stoff«, ist also die Natur des Menschen selber.

Hermetisches Gefäß.

Das hermetische Gefäß, die drei Urkräfte Schwefel, Quecksilber und Salz und den zugleich »flüchtigen« und »festen«, sowohl geistigen als körperlichen Drachen der Natur enthaltend. Aus: Basilius Valentinus: Von dem großen Stein der u[h]ralten Weisen

Der Unterschied zwischen der Alchimie und irgendeiner anderen heiligen Kunst liegt folglich darin, dass die Meisterschaft nicht wie etwa in der Baukunst oder in der Malerei auf der äußeren, »handwerklichen« Ebene sichtbar wird, sondern sich nur innerlich auswirkt, denn die Verwandlung von Blei in Gold, die das alchimistische magisterium ausmacht, übersteigt ja die Möglichkeiten eines handwerklichen Könnens. Das Wunderbare dieses Vorgangs, der einen Sprung darstellt, den die Natur nach Auffassung der Alchimisten selber nur in einer unabsehbar langen Zeit machen kann, deutet eben auf den Unterschied zwischen den körperlichen und den seelischen Möglichkeiten hin: Während der mineralische Stoff, dessen Lösungen, Kristallisierungen, Schmelzungen und Verbrennungen in einer gewissen Hinsicht die Wandlungen der Seele zu spiegeln vermögen, an bestimmte Trägheiten gebunden bleibt, kann die Seele die entsprechenden psychischen Zwangsläufigkeiten dank ihrer Begegnung mit dem an keine Form gebundenen Geist überwinden.

Das Blei stellt den chaotischen, dumpfen und »siechen« Zustand des Metalls oder des inneren Menschen dar, wogegen das Gold als »festgewordenes Licht« und »irdische Sonne« sowohl die Vollkommenheit des metallischen als auch des menschlichen Daseins ausdrückt. Das Gold ist nach alchimistischer Auffassung das eigentliche Ziel der metallischen Natur; alle anderen Metalle sind gleichsam Vorstufen oder Versuche dazu; das Gold allein besitzt ein in sich ruhendes Gleichgewicht aller metallischen Eigenschaften und daher auch Beständigkeit. »Das Kupfer ruht und rastet nicht, bis dass es zu Gold werde«, sagt Meister Eckhart und meint damit die Seele, die sich nach ihrem eigenen ewigen Wesen sehnt.

Die Alchimisten wollten also nicht, wie man ihnen nachzusagen pflegt, anhand irgendwelcher geheim gehaltener Rezepte, an die nur sie glaubten, aus gewöhnlichen Metallen Gold machen. Wer das wirklich wollte, gehörte zu den sogenannten Kohlenbrennern, die ohne eine Verbindung mit der lebendigen alchimistischen Überlieferung, durch das bloße Studium der Schriften, die sie nur äußerlich verstanden, das »große Werk« zu vollziehen trachteten. […]

 

Wiederherstellung des ursprünglichen Adels der menschlichen Natur

[…] Als ein Weg, der den Menschen zur Erkenntnis seines eigenen zeitlosen Wesens hinführt, kann man die Alchimie mit der Mystik vergleichen. Schon die Übernahme alchimistischer Ausdrücke in die christliche und vor allem in die islamische Mystik legt das nahe. Die alchimistischen Sinnbilder der Vollkommenheit weisen auf die geistige Beherrschung des menschlichen Zustands hin, auf die Rückkehr zur Mitte, auf das, was die Mystik der drei monotheistischen Religionen als die Wiedergewinnung des irdischen Paradieses beschreibt. Nicolas Flamel (1330–1417), der sich als Alchimist der Sprache seines christlichen Glaubens bedient, schreibt von der Vollendung des Werks, dass sie den Menschen

gut macht, indem sie die Wurzel aller Sünde, nämlich den Geiz in ihm, ausrottet, sodass er freigebig, sanft, fromm, gläubig und gottesfürchtig wird, wie schlecht er auch vorher gewesen sein mag. Denn von nun an wird er immerzu von der großen Gnade und Barmherzigkeit, die er von Gott empfangen, und von der Tiefe Seiner wunderbaren Werke erfüllt sein.*
* Bibliotèque des philosophes cimiques.

Die Ausrottung der Wurzel aller Sünde entspricht der Rückkehr zur adamischen Vollkommenheit.

Reshad Feild 1974.

Christus, in den doppelköpfigen Adler des Quecksilbers gekleidet, geht aus der Heiligen Jungfrau als der materia prima hervor. Nach einer alchimistischen Handschrift des 16. Jahrhunderts; Vadianische Bibliothek St. Gallen

Das Wesen und Ziel der Mystik ist die Einung mit Gott. Die Alchimie spricht davon nicht. Zum Weg der Mystik gehört aber die Wiederherstellung des ursprünglichen »Adels« der menschlichen Natur, ihrer Sinnbildlichkeit, denn die Einung mit Gott ist nur möglich aufgrund dessen, was trotz des unermesslichen Abstands zwischen Geschöpf und Gott jenes mit Diesem verbindet, und das ist die »Ebenbildlichkeit« Adams, welche durch den »Sündenfall« entstellt oder unwirksam geworden ist. Zuerst muss die Reinheit des Sinnbildes Mensch wiedergewonnen sein, bevor dessen Umrisse in das unbegrenzte Göttliche Urbild zurücktauchen können.

Nun ist die Verwandlung von Blei in Gold geistig verstanden nichts anderes als die Wiederherstellung des ursprünglichen Adels der menschlichen Natur. So wie sich die unnachahmliche Eigenschaft des Goldes nicht durch die äußerliche Zusammensetzung metallischer Merkmale wie Masse, Härte, Farbe und so weiter erzeugen lässt, so ist auch die adamische Vollkommenheit keine bloße Häufung von Tugenden; sie ist unnachahmlich wie das Gold, und der Mensch, der sie verwirklicht hat, kann nicht an anderen gemessen werden; alles an ihm kommt aus erster Hand, und in diesem Sinne ist sein Wesen eigenständig.

Da die Verwirklichung dieses Zustands notwendigerweise zum Weg der Mystik gehört, kann man auch die Alchimie als einen Zweig der Mystik betrachten. […]

 

Die Alchimie: eine »Mystik ohne Gott«?

Allein, der geistige »Stil« der Alchimie ist von dem der Mystik, die auf einer Glaubenslehre fußt, so verschieden, dass man bisweilen versucht sein könnte, von einer »Mystik ohne Gott« zu sprechen. Der Ausdruck ist jedoch unangebracht, um nicht zu sagen völlig falsch, denn die Alchimie setzt den Glauben an Gott voraus, und fast alle ihre Meister legen ein großes Gewicht auf die Übung des Gebets. Etwas Richtiges liegt in dem Ausdruck nur insofern, als die Alchimie zum Vornherein keinen theologischen Rahmen besitzt, sodass auch die theologische Kennzeichnung der Mystik nicht notwendigerweise den geistigen Horizont der Alchimie umschreibt.

Die Alchimie ist in erster Linie weder theologisch (oder metaphysisch) noch ethisch eingestellt; sie betrachtet das Spiel der seelischen Kräfte von einem rein kosmologischen Standpunkt aus.

Die Alchimie ist in erster Linie weder theologisch (oder metaphysisch) noch ethisch eingestellt; sie betrachtet das Spiel der seelischen Kräfte von einem rein kosmologischen Standpunkt aus.

Die jüdische, christliche oder islamische Mystik ist ihrer Methode nach Besinnung auf eine offenbarte Wahrheit, einen Anblick Gottes oder eine Idee im tiefsten Sinne dieses Wortes; sie ist geistige Vergegenwärtigung und willenshafte Befolgung dieser Idee. Die Alchimie dagegen ist in erster Linie weder theologisch (oder metaphysisch) noch ethisch eingestellt; sie betrachtet das Spiel der seelischen Kräfte von einem rein kosmologischen Standpunkt aus und behandelt die Seele als einen »Stoff«, den es zu läutern, aufzulösen und neu zu kristallisieren gilt. Sie verhält sich so wie eine Wissenschaft oder Kunst der Natur, denn alle Zustände des inneren Bewusstseins sind für sie nur Weisen der einen »Natur«, die sowohl die äußeren, sichtbaren und körperlichen, als auch die inneren, seelischen Formen umfasst. […]

 

Das eigentliche Geheimnis der Alchimie

Die unedlen Metalle, sagen die Alchimisten, können nicht in Silber und Gold verwandelt werden, ehe sie nicht auf ihren Urstoff, ihre materia prima, zurückgeführt wurden. Betrachtet man die unedlen Metalle als einseitig und unrein »geronnene« Zustände der Seele, so ist die materia prima, auf die sie zurückzuführen sind, nichts anderes als deren »Grundstoff«, nämlich die Seele in ihrem ursprünglichen, weder durch Eindrücke noch durch Leidenschaften bedingten und zur besonderen »Form« erstarrten Zustand.

Erst wenn die Seele von allen Verhärtungen und inneren Widersprüchen frei ist, wird sie zum bildbaren Stoff, auf welchen der »von oben« kommende Geist eine neue »Form« aufprägen kann, eine Form, die nicht begrenzt und bindet, sondern im Gegenteil befreit, da sie aus dem zeitlosen Wesensgrund stammt. War die Form des unedlen »Metalls« eine Art von Erstarrung und deshalb eine Fessel, so ist die des edlen »Metalls« ein Sinnbild und somit eine unmittelbare Verbindung mit dem eigenen Urbild in Gott.

Für den Alchimisten ist die Seele in ihrem duldigen Grund grundsätzlich eins mit der materia prima der ganzen Welt. Das ist zunächst einfach eine theoretische Voraussetzung des alchimistischen Werks, die sich aus der gegenseitigen Entsprechung von Makrokosmos und Mikrokosmos ergibt; zugleich aber ist damit ein Ziel des alchimistischen Werks ausgedrückt: Die Einheit von Seele und Welt wird in dem Maße, als das Werk seiner Vollendung entgegengeht, wirklich erlebt und erkannt. Wir berühren damit das eigentliche Geheimnis der Alchimie, weshalb auch alles, was sich über diesen Punkt aussagen lässt, notwendigerweise Andeutung und Gleichnis bleiben muss.

Reshad Feild und Yogi Bhajan.

Drachenpaar oder caduceus von einer arabischen Talisman-Schale. Für die Alchimie sind die beiden als Schlangen oder Drachen dargestellten Kräfte der Schwefel und das Quecksilber

Die materia prima, die der Seele zugrunde liegt, ist zunächst der Urstoff des eigenen, ichhaften Bewusstseins, dann der Urstoff aller seelischen Formen überhaupt, ohne Unterscheidung der einzelnen Wesen, und schließlich der Urstoff der ganzen Welt. All diese Deutungen sind möglich; denn wäre das »Gewebe« der Welt nicht grundsätzlich gleicher Natur wie das der Seele, so wäre – was sinnlos anzunehmen ist – jedes einzelne Wesen in seinen eigenen Traum eingeschlossen.

Ist die Welt im Vergleich zum unwandelbaren Geist auch ein Traum, so ist der Traum doch in sich folgerichtig. »Die Welt ist aus solchem Stoff gemacht wie der, aus dem Träume gemacht sind«, sagt Shakespeare in seinem hermetischen Schauspiel Der Sturm. Der Gegensatz von »innerer« und »äußerer« oder von seelischer und körperlicher Welt ist in diesen Traum mit eingewoben. […]

 

Die Allnatur: die weibliche, mütterliche Seite der Schöpfungstat

»Die Kunst«, pflegen die Alchimisten zu sagen, »soll die Natur in ihrem Wirken nachahmen.« Das Vorbild des alchimistischen Werks ist die Natur; sie kommt dem schaffenden »Künstler«, dem Alchimisten, der ihre Wirkungsweise erkannt hat, zu Hilfe und vollendet spielend, was er mit größter Mühe begonnen hat. Der Ausdruck »Natur« hat hier einen ganz bestimmten Sinn; er bezeichnet nicht bloß das unwillkürliche Werden der Dinge, sondern eine einheitliche Kraft oder Ursache, deren wahres Wesen dadurch erkannt wird, dass man ihren allumfassenden, die äußere und die innere Welt gleicherweise beherrschenden Rhythmus wahrnimmt.

Ich [die Natur] liebe das Schauen, und das, was in mir schaut, erzeugt zugleich den Gegenstand seiner Schau.

Ich [die Natur] liebe das Schauen, und das, was in mir schaut, erzeugt zugleich den Gegenstand seiner Schau.

Da die abendländische Alchimie allgemein die Sprache der platonischen Metaphysik benützt, muss man auf diese zurückgreifen, um zu erfahren, was der Ausdruck natura oder physis in sich schließt. Wohl die sinnvollste Kennzeichnung der Natur finden wir bei Plotin, in seinen Enneaden (III, 8). Dort schreibt er:

Früge man die Natur, warum sie ihre Werke hervorbringt, so würde sie, falls sie sich überhaupt zu einer Antwort herbeiließe, folgendermaßen sprechen: »Besser wäre es gewesen, keine Frage zu stellen [das heißt, nicht gedanklich nachzuforschen], sondern schweigend zu lernen, so wie ich selber schweige; denn ich pflege nicht zu reden [im Unterschied zum Geist, der sich in Worten offenbart].

Das aber sollst du lernen, dass alles, was wird, Gegenstand meiner schweigenden Schau ist, einer Schau, die mir ursprünglich eigen ist, denn ich entstamme ja selbst einer Schau [nämlich der Schau der Allseele, die den Allgeist betrachtet, so wie dieser das unendliche Eine schaut]; ich liebe das Schauen, und das, was in mir schaut, erzeugt zugleich den Gegenstand seiner Schau. So zeichnen die Mathematiker aus ihrer geistigen Schau heraus Figuren. Ich aber zeichne nichts; ich betrachte nur, und die Formen der stofflichen Welt entstehen, als gingen sie aus mir hervor.

Danach ist die Natur in ihrem empfangenden Wesen dem Urstoff, der materia prima, verwandt. Und in der Tat steht sie unter den drei erkennenden Hypostasen des platonischen Weltalls dem Urstoff (hyle) am nächsten: Über ihr ist die Allseele (psyche) und über dieser der Allgeist (nous), der allein das unnennbare Eine schaut und Es schauend endlos kundzugeben trachtet; unter ihr ist nur der Urstoff, die duldige Grundlage aller Kundgebung, die selbst nicht am Werden teilhat und deshalb ewig »jungfräulich« bleibt. Man könnte die Natur den »mütterlichen« Anblick des Urstoffs nennen, denn sie ist es, welche »gebärt«; sie ist wirkend und bewegend, während der Urstoff, die materia prima, an sich unbewegt bleibt.

Muhyiddin Ibn Arabi, dem wir die weitesten Deutungen hermetischer Grundsätze verdanken, fasst die Allnatur als die weibliche, mütterliche Seite der Schöpfungstat auf.

Muhyiddin Ibn Arabi, dem wir die weitesten Deutungen hermetischer Grundsätze verdanken, fasst die Allnatur als die weibliche, mütterliche Seite der Schöpfungstat auf.

Muhyiddin Ibn Arabi, der »größte Meister« (asch-schaikh al-akbar) der islamischen Mystik, dem wir die weitesten Deutungen hermetischer Grundsätze verdanken, fasst die Allnatur (tabi’a al-kull) als die weibliche, mütterliche Seite der Schöpfungstat auf; sie ist der »barmherzige Aushauch Gottes« (nafas ar-Rahman), der den im »Nichtsein« (‘adam) ununterschieden harrenden Möglichkeiten das vielfältige Dasein schenkt. Barmherzig ist dieser »Aushauch«, weil die Möglichkeiten, die sich kundgeben sollen, gleichsam sehnsüchtig danach verlangen; doch dieselbe Kraft hat auch einen dunklen, verwirrenden Anblick, weil die Vielheit als solche Täuschung und Gottesferne ist.*
* Siehe unsere Übersetzung der Fusus al-Hikam in: Muhyiddin Ibn Arabi: Die Weisheit der Propheten. Zürich: Chalice Verlag, 2005.

Ibn Arabis Erklärung der Allnatur als mütterlich gütige und zugleich verwirrende Kraft Göttlichen Ursprungs ist hier von besonderer Bedeutung, weil sie eine Brücke zur indischen Idee der shakti, der weiblich-schöpferischen Kraft der Gottheit, schlägt. Auf diese Idee der shakti aber beziehen sich all jene tantrischen Methoden, die der Alchimie unter sämtlichen geistigen Künsten am nächsten verwandt sind und zu welchen die Inder auch die Alchimie zählen. […]

 

Das Ziel der »alchimistischen Hochzeit«

Die Vermählung von Schwefel und Quecksilber, Sonne und Mond, König und Königin ist das zentrale Sinnbild der Alchimie, und von seiner Bedeutung aus kann man diese erst richtig von der Mystik auf der einen und von der Psychologie auf der anderen Seite unterscheiden.

Kamerateam der NBC News im Institut für bewusstes Leben.

Die Hochzeit von König und Königin, Sonne und Mond, unter dem Einfluss des geistigen Merkurs. Aus dem Rosengarten der Philosophen von Arnaldus von Villanova, Handschrift in der Vadianischen Bibliothek St. Gallen

Während die Mystik – allgemein und annähernd ausgedrückt – davon ausgeht, dass die Seele sich Gott entfremdet hat, indem sie sich der Welt zuwandte, und dass sie sich mit Ihm wieder vereinigen muss, indem sie Seine unmittelbare und alles überstrahlende Gegenwart in ihr selber erkennt, beruht die Alchimie auf der Einsicht, dass der Mensch durch den Verlust seines ursprünglichen »adamischen« Zustands in sich selber entzweit ist und sein vollständiges Wesen erst wiedererlangt, wenn die beiden Kräfte, deren Zwist ihn entmachtet hat, miteinander versöhnt werden.

Die innere und gleichsam organisch gewordene Entzweiung der menschlichen Natur ist übrigens eine Folge ihres Abfalls von Gott, so wie Adam und Eva erst durch den Sündenfall sich ihres Gegensatzes bewusst und in den Kreislauf von Zeugung und Tod hinausgestoßen wurden. Umgekehrt ist die Wiedergewinnung der ganzheitlichen Natur des Menschen, welche die Alchimie im Bild des mann-weiblichen Androgyns ausdrückt, eine Voraussetzung – von einem anderen Standpunkt aus auch eine Frucht – der Vereinigung mit Gott.

 

Aus: Titus Burckhardt: Alchimie – Sinn und Weltbild
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