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Cynthia Bourgeault

»Meine Sufi-Freunde nennen mich einen ›christlichen Derwisch‹«

Cynthia Bourgeault

Foto: www.cynthiabourgeault.org

ch bin Cynthia Bourgeault. Ich bin eine spirituelle Lehrerin und praktiziere und unterrichte die christlichen spirituellen Künste.

Das ist das, was ich den Menschen erzähle, wenn ich im Flugzeug neben ihnen sitze oder wenn ich sie im kleinen Postbüro in dem Küstenort, wo ich lebe, treffe und sie mich fragen: »Was machen Sie beruflich? Wie würden Sie sich selbst beschreiben?« Ich sage dann: »Ich bin Lehrerin für christliche spirituelle Künste«, worauf sie mich fragen: »Was bedeutet das?« In meinen eigenen Worten würde ich dies so erklären.

Kontemplation ist kein frommer Lifestyle

Ich weiß, dass es Menschen gibt, die nach einer Lehrperson Ausschau halten und sich fragen, mit welcher Lehrerin oder welchem Lehrer sie zusammenarbeiten sollen oder ob sie überhaupt mit jemandem zusammenarbeiten wollen. Für sie ist es wichtig zu wissen, von wo die Lehrerin herkommt und in welche Richtung sie geht. Also will ich Ihnen kurz erläutern, wohin meine eigene Reise geht.

Zunächst möchte ich sagen, dass ich eine Lehrerein aus der christlichen kontemplativen Weisheitslinie bin. Mit »kontemplativ« meine ich, dass unsere Lehre, unsere Arbeit und unsere Treffen ihr Fundament in der täglichen Praxis der sitzenden Meditation haben sowie in anderen heiligen und traditionellen Praktiken, welche die innere Stille und die Fähigkeit vertiefen, achtsam in der Welt zu leben und in einer höheren Empfänglichkeit und Flexibilität mit ihr verbunden zu sein.

Mit »Weisheit« ist gemeint, dass es sich bei unserer Kontemplation nicht einfach nur um einen frommen Lifestyle handelt, in welchem wir auf unseren Kissen sitzen, eine Menge meditieren und es der Welt überlassen, sich um sich selbst zu kümmern. Nein, Kontemplation soll etwas bewirken, was die alten Überlieferungen als »erhellendes Schauen« bezeichneten oder was wir heute »non-duales« oder »erleuchtetes Bewusstsein« nennen. Es bedeutet, dass wir die Bedürfnisse der Welt kreativer, schneller und aufmerksamer hören können und uns auf eine Weise verhalten, die Teil der Lösung und nicht Teil des Problems ist.

 

Wir begegnen uns in der Tiefe, wo die großen Traditionen einander umarmen

Die Lehre, die ich vertrete, ist darüber hinaus tief beeinflusst von und solidarisch mit den anderen großen heiligen Traditionen der Welt und ist daher interspirituell. Wir begegnen uns in unserem tiefsten Inneren, in der Tiefe, wo die großen Traditionen einander umarmen. Ich verstehe die heiligen Traditionen der Welt als die Farben eines Regenbogens. Sie alle sind absolut notwendig, um den Regenbogen zu bilden, und jede einzelne muss hell leuchten, wenn der Regenbogen tun soll, wozu er da ist. Mein Job oder mein Posten, wie ich ihn verstehe, ist es, die christliche Farbe des Regenbogens zum Glänzen zu bringen. Aber um dies zu tun, muss ich daran erinnern, dass wir alle Teil des Regenbogens sind, dass wir nicht »die einzige Attraktion in der Stadt« sind.

Meine eigene Arbeit wurde wesentlich beeinflusst und unterstützt insbesondere vom Sufismus, der mystischen Tradition des Islams, sowie vom tibetischen Buddhismus. Meine Sufi-Freunde nennen mich einen »christlichen Derwisch«. Das gefällt mir sehr, weil es das große Bild verdeutlicht.

Es geht nicht darum, eine interreligiöse Harmonie zu erzeugen, indem wir alle Religionen sozusagen in einem einzigen säkularen Eintopf neutralisieren, sondern darum, dass wir wirklich in die Tiefe vorstoßen, wo sich alle diese großen Traditionen gegenseitig durchdringen und eine Tiefendimension aufweisen, die sie der Welt auf keine andere Weise mitteilen können. Obwohl die Sprachen, mit denen sie diese Dimension beschreiben, unterschiedlich klingen mögen, reden sie alle von ein und derselben Erfahrung des Herzens. Dieses Herz brauchen wir heute in der Welt.

 

Kontemplation ist verbindend und evolutionär

Kontemplation begreife ich als verbindend und evolutionär. Mein eigener, großer spiritueller Lehrer Thomas Keating sagt: »Es gibt nur ein wirkliches Verbrechen auf dieser Welt – das menschliche Morden« – uns gegenseitig und unseren Planeten zu töten durch unsere Gewalt, unsere Besitzgier, unsere Materialität, unsere Taubheit.

Am Ende, dort, wo sich die großen Traditionen in diesem Regenbogen begegnen, müssen wir uns hingeben und voneinander lernen. Wir müssen lernen, worin unsere Verantwortung besteht, was unsere Pflichten sind und was es bedeutet, dass wir eingeladen sind, Menschen zu sein. Wir müssen uns bewusst werden, dass unser Planet seine Grenzen hat und bis zum Äußersten strapaziert ist.

Wir müssen endlich erwachsen werden und Verantwortung übernehmen. Wir müssen uns gegenseitig lieben, uns um diese Welt kümmern und bereit sein, unsere alten liebgewonnenen Formen loszulassen, auch wenn sie uns seit fünftausend Jahren hinausgetragen haben auf dieses Meer des Werdens, in dem die Menschheit und der ganze Planet heute schwimmen.

In der Arbeit, die ich tue, geht es darum, die Menschen zu befähigen, in diesem Meer zu schwimmen – in Schönheit, in Zuversicht und in Abhängigkeit von einander und vom Planeten. Wenn wir dies vergessen, verkommen Kontemplation und sogar die großen Traditionen selbst zu einem fortgeschrittenen Stadium von Gedächtnisverlust. Deshalb sind wir aufgerufen, uns wirklich einzusetzen. Unsere Kontemplationspraxis hilft uns dabei, uns von ganzem Herzen einzusetzen. Und unser Planet ist weiß Gott dabei zu sterben, an einem Mangel an Herz.

 

© Cynthia Bourgeault 2020 / www.cynthiabourgeault.org
Deutsche Übersetzung © Chalice Verlag