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Cynthia Bourgeault

Der Weg der Selbstentäußerung: Was Jesus wirklich lehrte

Leonardo Da Vinci: Das Letzte Abendmahl

Leonardo Da Vinci: Das Letzte Abendmahl

Ausschnitte aus dem Buch Jesus: Meister der Weisheit – Was er wirklich lehrte über die Verwandlung unseres Herzens von Cynthia Bourgeault.

Cynthia Bourgeault: Jesus: Meister der Weisheit

Die amerikanische Mystikerin und episkopale Priesterin Cynthia Bourgeault über die wahre Lehre Jesu von der Transformation unseres Herzens und unseres Bewusstseins auf dem Pfad der Kenosis.

as ich am Ausgangspunkt unserer Erkundung einwerfen möchte, ist, dass all unser ›Wissen‹ über Jesus uns eigentlich im Wege steht. Dass wir unser Christentum zu einhundert Prozent aus der Rückschau heraus leben, bringt uns zumindest in zweierlei Hinsicht in Schwierigkeiten.

Zunächst einmal führt es dazu, dass wir uns in einem falschen Gefühl von Sicherheit wähnen: nämlich, dass wir zum Gewinner-Team gehören, dass wir als Christen mit Jesus vertraut sind und ihn erkennen würden, wenn er auftauchte. Aber noch problematischer ist, dass diese hundertprozentige Rückschau uns des wichtigsten Instruments beraubt, das wir bräuchten, um heutzutage den Weg Jesu finden und leben zu können und uns mit dieser Person zu verbinden, die wir scheinbar so gut kennen. Dieses Instrument ist unsere eigene Kraft der inneren Erkenntnis. […]

 

Die Botschaft Jesu war nicht die der Buße und der Rückkehr zum Bund. Vielmehr hielt er sich eng an das Kernthema der immerwährenden Weisheit: die Transformation des menschlichen Bewusstseins.

Eine umfassendere Sichtweise zurückgewinnen

Wegen des auf Kontrolle ausgerichteten Fokus unserer westlichen Brille fällt es uns schwer, die Schwingungsbreite, Mannigfaltigkeit und Inklusionsfähigkeit des frühen Christentums zu verstehen (und erst recht zu akzeptieren). Es ist wichtig, ein wenig von dieser umfassenderen Sichtweise zurückzugewinnen, bevor es überhaupt möglich wird, uns Jesus als einen Meister der Weisheit vorzustellen, weil einige der Ideen, die ich zur Darlegung dieser Auffassung vorbringen werde, etwas unorthodox sind, falls man an einer protestantischen, evangelikalen, westlichen Definition der Bedeutung von »orthodox« festhalten will. Doch wenn wir es uns erlauben, an den reichen Schatz von neuen Informationen und Erkenntnissen, die nun vor uns liegen, offen heranzugehen, werden wir anfangen zu erkennen, innerhalb was für einer engen Schublade wir bisher lebten. […]

 

Was hat Jesus wirklich gelehrt?

Viele von uns sind von klein an mit Jesus aufgewachsen. Wir kennen einige seiner Gleichnisse, wie das über den guten Samariter oder den verlorenen Sohn. Manche können sogar ein paar Seligpreisungen auswendig zitieren. Fast alle können das Vaterunser herunterleiern. Aber wie oft hören wir die Lehre als Ganzes gewürdigt? Wenn es um spirituelle Lehrerinnen und Lehrer aus anderen Traditionen geht, erscheint uns die Frage, welchem Weg sie folgen, logisch und angemessen. Was lehrt der Dalai Lama? Was lehrte Krishnamurti? Was ist mit Adyashanti? Doch in Bezug auf Jesus stellen wir diese Fragen nie. Warum eigentlich nicht? Wenn wir unter die Oberfläche seiner Lehren schauen, entdecken wir mehr, als was direkt ins Auge springt. Sehr viel mehr. Und mit »nett sein«, hat das kaum etwas zu tun. […]

 

Sein Kernthema war die Transformation des menschlichen Bewusstseins

Jesus war kein Prophet im damaligen Sinne des Wortes: ein Bote, der dem Volk Israel gesandt wurde, um es vor drohenden politischen Katastrophen zu warnen und es zu überzeugen, sein Herz wieder Gott zuzuwenden. Er war nicht am politischen Schicksal Israels interessiert und er akzeptierte auch nicht die Rolle des Messias, die man ihm ständig aufzudrängen versuchte. Die Botschaft Jesu war nicht die der Buße und der Rückkehr zum Bund. Vielmehr hielt er sich eng an das Kernthema der immerwährenden Weisheit [der sophia perennis]: die Transformation des menschlichen Bewusstseins.

Jesus stellte jene zeitlosen und zutiefst persönlichen Fragen: Was bedeutet es zu sterben, bevor man stirbt? Wie stellt man es an, sein kleines Leben zu verlieren, um das größere zu finden? Ist es möglich, auf diesem Planeten in einer Großzügigkeit, Fülle, Angstlosigkeit und Schönheit zu leben, die Gott selbst widerspiegelt? Dies sind die Weisheitsfragen und sie stecken das gesamte Feld ab, um das es Jesus geht.

Wenn man heutzutage nach einer vergleichbaren Kategorie zur Funktion Jesu Ausschau hält, ist die naheliegendste Entsprechung womöglich diejenige des Sufi-Scheichs, der eine dreifache Rolle wahrnimmt: die des Weisheitslehrers, des spirituell Ältesten und des direkten Vermittlungskanals für den Segen (baraka). Der Scheich ist eine ausgesprochen nahöstliche Kategorie und sie bewahrt wahrscheinlich den Mantel, den Jesus selbst einmal trug, am besten. […]

 

Was auch immer dieses Reich Gottes sein mag, auf jeden Fall ist es von grundlegender Bedeutung für das, was Jesus zu lehren versucht.

»Das Reich Gottes ist in euch«

Jesus spricht in seinen Lehren wiederholt vom »Reich Gottes«. Sie können sich ganz einfach selbst davon überzeugen, indem Sie kurz durch die Evangelien blättern; die Worte springen Ihnen überall entgegen: »Das Reich Gottes ist dieses«, »Das Reich Gottes ist jenes«, »Das Reich Gottes ist in euch«, »Das Reich Gottes ist nah.« Was auch immer dieses Reich Gottes sein mag, auf jeden Fall ist es von grundlegender Bedeutung für das, was Jesus zu lehren versucht.

Was also bedeutet es für uns? Bibelwissenschaftler haben über diese Frage gestritten, seit es Bibelwissenschaftler gibt. Viele Christen, insbesondere diejenigen mit einer eher evangelikalen Überzeugung, nehmen an, dass es sich beim Reich Gottes um den Ort handelt, zu dem man geht, wenn man stirbt – zumindest, wenn man ein guter Mensch gewesen ist. Das Problem bei dieser Interpretation ist allerdings, dass Jesus selbst ihr ausdrücklich widerspricht, indem er sagt: »Das Reich Gottes ist in euch« (das heißt: hier) und es ist »nah« (das heißt: jetzt). Es ist nicht später, sondern leichter – aus einer feineren Qualität oder Erfahrungsdimension, die uns in genau diesem Augenblick zugänglich ist. Wir sterben nicht dort hinein; wir erwachen hinein.

Der andere Ansatz, der von Menschen immer wieder verfolgt wurde, besteht in dem Versuch, das Reich Gottes mit einer irdischen Utopie gleichzusetzen. Das Reich Gottes wäre demnach ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, in dem die Menschen in Harmonie und einer fairen Verteilung der ökonomischen Güter zusammenleben sollten. Seit Tausenden von Jahren haben Propheten und Visionäre darum gerungen, ihre jeweilige Fassung dieser anderen Art von Reich Gottes zu erschaffen, doch irgendwie scheinen sich diese irdischen Utopien nie sehr lange zu halten. Aber auch diesen Ansatz wies Jesus ausdrücklich zurück. Als seine Anhänger ihn zum Messias ausrufen wollten, zum Göttlich gesalbten König Israels, der das Reich von Gottes Gerechtigkeit auf Erden anbrechen lassen würde, schauderte Jesus davor zurück und machte nachdrücklich und unmissverständlich klar: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« […]

 

Es gibt keine Trennung zwischen Mensch und Gott

Keine Trennung zwischen Gott und den Menschen: Wenn Jesus über diese Einheit redet, spricht er nicht in einem östlichen Sinn über eine Gleichwertigkeit des Seins, also derart, dass ich in und aus mir Göttlich bin. Was ihm vorschwebt, ist vielmehr ein vollständiges wechselseitiges Innewohnen: Ich bin in Gott, Gott ist in Ihnen, Sie sind in Gott, wir sind ineinander.

Sein schönstes Bild dafür finden wir in seinen Lehren bei Johannes 15, wo er sagt: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.« Und ein paar Verse später sagt er: »Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!«

Obwohl er geltend macht: »Ich und der Vater sind eins« (Johannes 10.30) – eine Erklärung, die für jüdische Ohren dermaßen blasphemisch klingt, dass er beinahe gesteinigt wird –, versteht er dies nicht als sein exklusives Privileg, sondern als etwas, das alle Menschen gemein haben. Aufgrund dieses wechselseitigen Innewohnens, in dem sich die unteilbare Wirklichkeit der Göttlichen Liebe ausdrückt, gibt es keine Trennung zwischen den Menschen und Gott. Wir fließen in Gott ein – und Gott in uns –, weil es das Wesen der Liebe ist zu fließen. […]

 

Unglücklicherweise hat das Christentum als Religion nie ein ausreichendes metaphysisches Verständnis seiner eigenen innersten Wahrheit besessen. Die Botschaft wird von ihrer hauptsächlichsten Interpretationsvermittlerin verdunkelt: von der Theologie des Sündenfalls und der Erlösung.

Der Pfad der Selbstentäußerung: eine Göttliche Alchimie

Die Lehre Jesu versichert uns, dass – wenn wir uns entlang dieses wilden und auf eine Art opulenten und extravaganten Pfades [der Kenosis oder »Selbstentäußerung«] in Richtung Zentrum bewegen und nicht »alles aufspeichern« so wie in den klassischen asketischen Traditionen des Aufspeicherns oder Ansammelns des Seins, sondern vielmehr »alles hinauswerfen« – die Göttliche Liebe unendlich und unmittelbar ist und uns immer zuströmt, wenn wir uns an nichts klammern.

Dies ist eine mächtige Aussage und gleichzeitig so schlicht und doch so radikal, dass sie sich immer wieder in unserem Leben bewahrheiten muss. Aber mehr noch als nur ein Weg ist die Kenosis auch eine Art heilige Alchimie. Indem wir diese in unserem Alltag praktizieren, in unseren Taten des Mitgefühls, der Freundlichkeit und der Selbstentäußerung, sowohl auf der Ebene unseres Handelns als auch und stärker noch auf der Ebene unseres Seins, wird aus dieser Selbstentäußerung etwas katalysiert, das eine reine Göttliche Substanz ist, die sich in unserem eigenen wahren Gesicht spiegelt. Feine Qualitäten Göttlicher Liebe, die für das Wohlergehen dieses Planeten so grundlegend sind, offenbaren sich in unserem Tun und fließen als Wunder, Heilung und Hoffnung hinaus in die Welt. […]

 

Fehlendes metaphysisches Verständnis im Christentum

Unglücklicherweise hat das Christentum als Religion nie ein ausreichendes metaphysisches Verständnis seiner eigenen innersten Wahrheit besessen. Die Botschaft wird von ihrer hauptsächlichsten Interpretationsvermittlerin verdunkelt: von der Theologie des Sündenfalls und der Erlösung. Praktisch die gesamte christliche Lehre beginnt mit der Annahme, dass die Menschwerdung Jesu aufgrund von Adams Fall herbeigeführt worden und als Antwort darauf geschehen sei. »Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden« (1 Korinther 15.22), lautet die klassische paulinische Formulierung dieser Idee. Die uranfänglichen Eltern Adam und Eva aßen die verbotene Frucht und stürzten die Welt ins Chaos; Jesus kam, um sie zu retten. Also wird die Inkarnation von Beginn an in einen Zusammenhang gebracht, der besagt, dass sie Gottes Antwort auf einen Fehler gewesen sei, der nie hätte passieren dürfen. Diese Vermutung wiederum färbt zutiefst unser Verständnis der Aussage: »Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er Seinen einzigen Sohn hingab.« Es klingt in etwa wie: »Gott hat uns nicht abgeschrieben; Gott hat uns rausgehauen.«

In einer etwas mystischeren Form begegnen wir derselben Grundidee in der Theologie des O felix culpa – »Oh glückliche Schuld« […] Anstatt Adam und Eva zu beschuldigen, lautet dieser Argumentationsstrang, dass wir ihnen dankbar sein sollten, da ihr Scheitern jene Ereigniskette erst ins Rollen brachte, durch welche sich Christus der Welt schließlich vollständig offenbarte. Ohne diesen ursprünglichen Fall wäre Erlösung nicht notwendig geworden. In der feinsinnigsten Variante dieser Lehre (etwa in Karl Barths Schrift Christus und Adam) sind lineare Ursache und Wirkung vertauscht und wir sehen Adam und Eva in dieses Raum-Zeit-Kontinuum fallen aufgrund von Gottes ›vorangegangener‹ (das heißt, bereits in Ewigkeit getroffener) Entscheidung, Sich selbst in menschlicher Gestalt zu offenbaren. Anstatt die Ursache des Sündenfalls zu sein, werden Adam und Eva zu Werkzeugen der äußersten Göttlichen Selbstmitteilung. […]

 

Nirgends ist der blinde Fleck im christlichen Blickfeld offensichtlicher als in unserer Annahme, es sei das Ziel von Jesus gewesen, eine neue Religion namens »Christentum« zu gründen.

»Ich war ein verborgener Schatz…«

Am schönsten wird diese Vorstellung in einem wunderbaren (tief in der Ewigen Weisheit verwurzelten) Ausspruch der islamischen Tradition ausgedrückt: »Ich war ein verborgener Schatz und liebte es, erkannt zu werden; so erschuf Ich die Welt, auf dass Ich erkannt werde« (Hadith qudsi). Sowohl der Ausspruch selbst als auch das ihn erhellende Verständnis entstammen der tief mystischen Intuition, dass unser geschaffenes Universum ein riesiges Spiegelwerk oder Ornament ist (das griechische Wort kósmos bedeutet wortwörtlich »Ornament«), durch das die Göttliche Wirkungsmöglichkeit – schön, unergründlich und endlos kreativ – sich selbst in Formen projiziert, um die Tiefen Göttlicher Liebe ganz und gar zu verwirklichen.

Wir sollten uns daran erinnern, dass »verwirklichen« oder »realisieren« zwei Bedeutungen hat: »erkennen« und »wirklich machen«. Der Akt des Liebens bringt das verborgende Potential zu seinem vollsten Ausdruck, und je vertrauter und aufwendiger die Selbsthingabe [oder Selbstentäußerung], desto kostbarer die Qualität der offenbarten Liebe. Wie wir noch sehen werden, kann dieses feine und schöne Verständnis der Schöpfung uns etwas sehr Wichtiges über unsere Berufung als menschliche Wesen zeigen. […]

 

Jesus wollte nie eine Religion namens »Christentum« gründen

In diesem Buch habe ich verschiedentlich über die Gefahren der hundertprozentigen Rückschau gesprochen, und nirgends ist dieser blinde Fleck im christlichen Blickfeld offensichtlicher als in unserer Annahme, es sei das Ziel von Jesus gewesen, eine neue Religion namens »Christentum« zu gründen. […]

Tatsächlich könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein. Worum es Jesus auch immer in dieser Nacht ging, die Gründung einer Kirche war das Allerletzte, was er beabsichtigte. Was er – unter einem Gesichtspunkt der Weisheit – wirklich beabsichtigte, ist wesentlich interessanter.

In den vergangenen Jahren wirbelte die Veröffentlichung des Judasevangeliums aus der Nag-Hammadi-Sammlung eine Menge Staub auf. Dessen sensationelle neue Behauptung lautet, dass Judas schließlich doch kein Verräter war, sondern auf ausdrückliches Geheiß Jesu handelte, um die physischen Umstände zu schaffen, die zur Erfüllung des kosmischen Akts der Erlösung führen sollten. […]

Im Gegensatz zur Öffentlichkeit hielt sich meine eigene Überraschung in Grenzen, weil ich persönlich bereits mindestens zwanzig Jahre früher und zwar bei jenem unergründlichen Genie G.I. Gurdjieff mit dieser Idee in Berührung gekommen war. In seinem 1950 erschienenen Buch Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel vertritt dieser die Ansicht, dass Judas ausgesandt worden sei, um »Zeit zu erkaufen«, wozu er die Truppen der Armee in ein wildes Katz-und-Maus-Spiel verwickelte, welches Jesus die Zeit verschaffte, die er brauchte, um mit seinen verbliebenen Jüngern und Jüngerinnen besondere esoterische Vorbereitungen abzuschließen, die für die Fortsetzung von deren gemeinsamer Arbeit essenziell waren.

 

Das Christentum wird sich entweder zu einer dem Bewusstsein des einundzwanzigsten Jahrhunderts angemessenen Form entwickeln oder es wird als Institution verschwinden und wir werden der bloßen direkten Präsenz Christi überlassen – gar keine so schlechte Option, wenn man darüber nachdenkt.

»Wer von dem trinkt, was aus meinem Munde kommt, wird werden wie ich bin«

Als Jesus erkannte, dass die äußeren Ereignisse der Karwoche schneller ins Rollen kamen als erwartet, seine Jünger aber spirituell noch nicht weit genug vorbereitet waren, um auf eigenen Füßen im Reich Gottes zu stehen, öffnete er einen klassischen »feinstofflichen Körper«-Kanal zwischen sich selbst und ihnen, indem er Brot und Wein als die spezifischen Träger seiner Präsenz einsetzte. […]

Erinnern wir uns an das Logion 108 im Thomasevangelium: »Wer von dem trinkt, was aus meinem Munde kommt, wird werden, wie ich bin; und auch ich selbst werde so, wie sie sind, sodass das Verborgene offenbar werden wird.« Das fasst ziemlich genau zusammen, worum es Jesus bei diesem Letzten Abendmahl ging. Er würde zu einem Leben werden, das innerhalb ihres eigenen Le­bens heranwachsen würde, zum Vertrauensmann ihres eigenen tiefsten Selbsts, damit das, was jetzt noch von Angst und Dualität verdunkelt wurde, schließlich fähig werden würde, in Stärke und Einheit hervorzutreten. Durch seine fortgesetzte Präsenz in ihrem innersten Wesen würden auch sie ihidaya, »Vereinte«, werden. […]

 

»Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein«

Erinnern Sie sich an den Verurteilten am Kreuz aus Kapitel 10? In den letzten Augenblicken seines Lebens äußerte er jene ungewöhnlichen Worte: »Jesus, erinnere dich meiner, wenn du in dein Reich eingehst!« – worauf Jesus antwortet: »Wahrlich, ich sage dir: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.«

Für mich gibt es keine einfachere oder bessere Theologie der Eucharistie; dieser kurze Austausch beinhaltet die ganze mystische Bedeutung dieser Praxis. In sämtlichen der großen heiligen Traditionen ist das Wort »Erinnerung« identisch mit »lebendiger Präsenz«. Der Verbrecher, der erkannte, wer Jesus wirklich war, bat darum, er möge sich seiner »erinnern« [Englisch: remember] – was buchstäblich »wieder zusammengesetzt werden« heißt – in jenem Raum des Königreichs. Jesus bestätigt, dass sein Akt des Wiedererkennens sein Übersetzen in das Königreich ist, und dieses Übersetzen geschieht unverzüglich. Und in ähnlicher Weise ist es, wenn wir heute auf der Altarbank knien, nicht so sehr Jesus, der in das Brot und den Wein »hineinkommt«, sondern wir sind es, die durch diese heiligen Pforten in den ewigen Festsaal eintreten. […]

 

Jesus lehrt »von der Innenseite« her

Im vierten Jahrhundert wurde das Christentum plötzlich von einer verbotenen Sekte zu einer imperialen Religion hochkatapultiert. Manche Christen flohen in die Wüste, um die alten Praktiken am Leben zu erhalten, durch die sie mit ihrem lebendigen Meister in Verbindung bleiben konnten. Aber die große Mehrheit steckte ihre Energie in den Bau von Basiliken und das In-Stein-Meißeln von Glaubensbekenntnissen, und allmählich, wie eine Flut der Begeisterung langsam wieder aus der Welt abebbt, veränderte sich das Christentum von einer Religion von Jesus in eine Religion über Jesus. […]

Jesus hat niemanden jemals darum gebeten, eine Kirche zu gründen, Priester zu weihen, ausgefeilte Rituale und Institutionen zu entwickeln und sich in Glaubensgemeinschaften zu zersplittern. Seine zwei großen Bitten lauteten, wir sollen »einander lieben, wie ich euch geliebt habe« und Brot und Wein miteinander teilen als einen offenen Kanal für diese gegenseitig fortdauernde Liebe.

Ich bedaure zutiefst die in der römisch-katholischen Kirche, nach vierzig Jahren des beachtenswerten ökumenischen Teilens und Sich-Öffnens, heute wieder so deutlich zutage tretende Tendenz, ihre Wagenburg neu aufzubauen und den Zugang zur Kommunion ausschließlich »Katholiken mit Mitgliedsausweis« vorzubehalten – das heißt nur jenen, die mit der römisch-katholischen Obrigkeit absolut konform gehen. Würden diese guten Bischöfe wirklich dem Meister vertrauten, an den zu glauben sie behaupten, dann würden sie dem großartigen Rat Jesu in seinem Gleichnis vom Hochzeitsfest folgen (Matthäus 22.1, Lukas 14.15) und hinaus auf die Fern- und Nebenstraßen gehen und jede und jeden hereinbitten, sodass Jesus selbst das Lehren »von der Innenseite« her übernehmen könnte, also auf die Art und Weise, wie er es selbst eingeführt und gebilligt hat. Aus meiner eigenen Lebenserfahrung kann ich bezeugen, dass er absolut fähig ist, uns seine Gegenwart spüren zu lassen.

 

Gar keine so schlechte Option

Natürlich ist es nicht an mir, den Überlebenseifer einer umkämpften Machtstruktur herauszufordern (außer, dass ich nochmals unterstreichen möchte, wie fremd diese Haltung dem kenotischen Weg Jesu ist). Im Allgemeinen scheint im Christentum die Verschanzung das Gebot der Stunde zu sein, während seine Institutionen um ihr Überleben kämpfen und grundlegende theologische Prämissen und etablierte Bräuche sich überall im Umbruch befinden. Ich glaube, diese Gärung ist notwendig und gut; das Christentum wird sich dadurch entweder zu einer dem Bewusstsein des einundzwanzigsten Jahrhunderts angemessenen Form entwickeln oder es wird als Institution verschwinden und wir werden der bloßen direkten Präsenz Christi überlassen – gar keine so schlechte Option, wenn man darüber nachdenkt.

 

© Cynthia Bourgeault 2008, 2020
Deutschge Übersetzung © Chalice Verlag