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Roger Lipsey

Katherine Mansfield und G.I. Gurdjieff

Leonardo Da Vinci: Das Letzte Abendmahl

Foto: Wikimeda Commons & Gurdjieff Foundation of New York. Bearbeitung: Chalice Verlag

Roger Lipsey: Gurdjieff in neuem Licht, Cover

Zu den zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern, die Gurdjieffs »Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen« in Fontainebleau bei Paris besuchten, gehörte die neuseeländisch-britische Schriftstellerin Katherine Mansfield [/]. Sie war von Gurdjieff und seiner Lehre fasziniert und verlebte in seiner Nähe ihre letzten Lebenswochen, bevor sie 1923 an Turberkulose starb

un müssen wir am Tor des Prieuré, wie es auf einem Schild geschrieben stand, sonner fort – »kräftig läuten« – und hoffen, dass wir irgendwie hineingelangen. Einige brillante Leute, die für längere oder kürzere Zeit dort wohnten, beschrieben damals oder später, wie sie das gemeinschaftliche und ihr eigenes Leben im Prieuré wahrgenommen haben. Es gibt mehr als genug Material, auf das wir zurückgreifen können; wir müssen einfach irgendwo beginnen – zum Beispiel mit Katherine Mansfields freudigem Abenteuer des Entdeckens, trotz ihrer Krankheit, und [Alfred R.] Orages [/] heillosem Elend, bis er schließlich begriff, was sich Gurdjieff für ihn ausgedacht hatte. Beide gehörten mit zu den Ersten, die ins Prieuré zogen. Gestatten Sie mir, dass ich auf den folgenden Seiten einfach von »Katherine« spreche, auch wenn ich es nicht wagen würde, ihn »Alfred« zu nennen (tatsächlich glaube ich, dass die Leute »Orage« zu ihm sagten).

Ich habe lange nachgedacht über Katherine in ihrer Zeit im Pri­euré und über sie als Schriftstellerin, die ihre Liebe zum Leben in Worte verwandelte, die das Leben lieben; ich nehme sie persönlich, ich kann nicht anders.[1] Gibt es so etwas wie funkelnde Auf­rich­tigkeit? Sie hat vielleicht auf unvergleichliche Art eine solche besessen; ihre Briefe aus dem Prieuré an ihren Ehemann, John Middle­ton Murry, in England sind davon erfüllt. Am Tag nach ihrer Ankunft (am 21. Oktober 1922) schrieb sie ihm:

»Hier« ist ein sehr schönes altes Schloss auf einem wundervollen Anwesen. Es war ein Karmeliterkloster, dann einer der »Sitze« von Madame de Maintenon. Jetzt ist es im Innen­bereich modernisiert, ich meine: Zentralheizung, elektrisches Licht und so weiter. Aber es ist ein wundervoller alter Ort in einem großartigen, hübschen Park. Um die vierzig Leute, hauptsächlich Russen, arbeiten hier an allen erdenklichen Dingen. Also: Außenarbeiten, Versorgung von Tieren, Gärt­nerei, Arbeiten im Haus, Musik, Tanz – es scheint von allem etwas dabei zu sein. Die Philosophie des »Systems« steht hier an zweiter Stelle. Praxis hat Priorität. Du musst genaugenommen einfach aufwachen, anstatt darüber zu reden. Du musst lernen, all die Dinge zu tun, von denen du sagst, dass du sie tun willst.[2]

Wie jede und jeder andere erhielt auch sie sogleich eine Arbeit zugewiesen.

Ich habe heute mit Russisch und meinen ersten Arbei­ten begonnen, die da sind: essen, im Garten spazieren, Blumenpflü­cken und mich ausgiebig ausruhen. Ist das nicht ein netter, ruhiger Anfang? Aber vor allem das viele Essen ist Arbeit, wenn es Gurdjieff ist, der das Gericht serviert.[3]

Bis dahin hatte sie kaum mit ihm gesprochen. Sie fand schnell her­aus, was es bedeutet, in einer Gemeinschaft zu leben, die man sich nicht selbst ausgesucht hat.

Einige der englischen ›auf Künstler machenden‹ & theosophischen Leute sind sehr schwierig […] Aber man kann lernen, aus ihnen Nutzen zu ziehen, da bin ich mir sicher. Doch ich bin noch nicht sehr gut darin. Andererseits sind einige der fortgeschrittenen Männer und Frauen wirklich wunder­voll.[4]

»Auch wenn morgen alles in Rauch aufginge, hätte ich bereits das größte, wunderbarste Abenteuer meines Lebens erfahren.«

Sie war verzaubert. Obwohl sie die ›Künstler‹ unter den Leuten schwer zu ertragen fand, war sie doch auch selbst ein bisschen eine von ihnen.

Ich verbringe die ganze sonnige Zeit im Garten. Habe die Schreiner besucht und die Arbeiter an der Ausgrabung (wir wollen ein Türkisches Bad – nicht eines ausgraben, sondern die Leitungen für ein solches verlegen). Der Erdboden hier ist sehr schön, wie Sand mit kleinen weißlich-rosa gefärbten Kieselsteinen. Dann waren da die Schafe, die es zu inspizieren galt, & die neuen Schweine mit langen goldenen Haaren, sehr mystische Schweine. Es gibt einen Haufen kosmischer Hasen & Hühner – und Ziegen laufen überall herum, ebenso Pferde & Maultiere zum Reiten und zum Fahren. Das Insti­tut ist die nächsten vierzehn Tage noch nicht wirklich geöff­net. Eine Tanzhalle wird gerade gebaut & das Haus wird auch noch in Ordnung gebracht. Aber eigentlich hat es bereits begonnen. Auch wenn morgen alles in Rauch aufginge, hätte ich bereits das größte, wunderbarste Abenteuer meines Lebens erfahren. In einer Woche hier habe ich mehr gelernt als in Jah­ren meines Lebens là-bas.[5]

Einer ihrer Aufträge bestand, wie bereits erwähnt, darin, in der Küche zu sitzen und die ganze Szenerie in sich aufzunehmen. Gurd­jieff muss gewollt haben, dass sie dort etwas zu verstehen lernte, obwohl sie nicht richtig an den Arbeiten teilnehmen konnte.

Mr. Gurdjieff möchte, dass ich mich am späten Nachmittag in die Küche setze & »beobachte«. In einer Ecke steht ein Stuhl für mich. Es ist eine große Küche mit 6 Gehilfen. Madame Ostrowski, die Chefin, schreitet genau wie eine Königin durch die Küche. Sie ist außerordentlich schön. Sie trägt einen alten Regenmantel. Ihre Chef-Helferin, Nina, ein großgewachsenes Mädchen mit einer schwarzen Schürze – ebenfalls hübsch –, zerkleinert Dinge in Mörsern. Die zweite Köchin schnipselt am Tisch, knallt mit den Pfannen, singt; jemand anderes läuft dauernd mit Tellern und Töpfen rein und raus, ein Mann in der Spülküche reinigt die Schüsseln, der Hund bellt & liegt auf dem Boden und verbeißt sich in eine Herdbürste. Ein kleines Mädchen kommt herein mit einem Kräuter-Bouquet für Olga Iwanowna. Mr. Gurdjieff betritt mit großen Schritten die Küche, nimmt sich eine Hand­voll zerkleinerten Kohl & isst ihn. […] Auf dem Ofen stehen mindestens 20 Töpfe & alles ist so voller Leben und Humor und Leichtigkeit, dass man nirgendwo anders sein möchte. Und es ist überall dasselbe – »Seelenfriede nach Starrheit« drückt es besser aus als alles andere, das mir einfällt.[6]

Gurdjieff hatte zwei Frauen beauftragt, sich um Katherine zu kümmern – Olgivanna [die Frau des Architekten Frank Lloyd Wright /] und Adèle Kafian –; beide hielten später unschätzbare kurze Erinnerungen an ihre Zeit mit Katherine fest.[7] Auch Dr. James Young war zwischendurch immer wieder bei Katherine; er holte Brennholz für ihr Zimmer, machte Feuer und beobachtete ihren Gesundheitszustand. Und eine weitere Maß­nahme wurde um ihrer Gesundheit willen ergriffen, basierend auf altbewährter Hausmedizin: Im Kuhstall zog man eine Galerie für sie ein, die mit bequemen Sitzgelegenheiten und Teppichen aus­gestattet und deren Decke und Wände von Alexandre de Salz­mann mit einer Art Paradiesszene voller Vögel und anderer Ge­schöpfe bemalt wurde, von denen viele unverkennbar die Gesichts­­züge von Bewohnerinnen und Bewohnern des Prieuré trugen. Darunter waren auch ein Tukan-ähnlicher de-Hartmann-Vogel mit einem markanten Schnabel und viele weitere. Katherine sollte dort täglich einige Stunden verbringen und den reichhaltigen, möglicherweise heilsamen Geruch der Kühe unter ihr einatmen. »Es ist ein äußerst glückliches Gefühl, den Tieren zuzuhören & zuzuschauen. Ich weiß, dass ich eines Tages eine lange, lange Geschichte darüber schreiben werde.«[8] Einmal stattete Gurdjieff ihr dort einen Besuch ab.

Am Samstagnachmittag, als ich im Stall war, kam Mr. Gurd­jieff, um sich ebenfalls auszuruhen, und sprach ein wenig mit mir. Zuerst über Kühe, dann über einen Affen, den er gekauft habe, und der nun trainiert werden soll, sich um die Kühe zu kümmern. Plötzlich fragte er mich, wie es mir ginge, und sagte, ich sähe schon besser aus. »Nun«, so sagte er, »Sie ha­ben zwei Ärzte, denen Sie müssen gehorchen. Doktor Stall und Doktor Frische Milch. Nicht denken, nicht schreiben… Ausruhen. Ausruhen. Leben Sie wieder in Ihrem Körper.« Ich denke, er meinte, dass ich zurück in meinen Körper muss. Er spricht nur schlecht Englisch, aber wenn man mit ihm zusammen ist, scheint man alles zu verstehen, was er vorschlägt.[8]

Überflüssig zu erklären, dass kein zudienender Affe erschien, weder damals noch später; Gurdjieff improvisierte ganz einfach, um Ka­therine zu unterhalten.

In der Zeit, als das Studienhaus noch nicht fertig war, saß Ka­the­rine jeden Abend dicht am Kamin im Salon des Haupthau­ses und beobachtete die Tänze. Und sie sah viel:

Ich muss sagen, das Tanzen hier hat mir einen ganz anderen Zugang zum Schreiben eröffnet. Damit meine ich einige der sehr alten orientalischen Tänze. Es gibt einen, der ungefähr 7 Minuten dauert & das ganze Leben der Frau umfasst – wirklich alles! Nichts wird ausgelassen. Der Tanz hat mich mehr über das Leben der Frau gelehrt als irgendein Buch oder Gedicht. Sogar Flauberts «Cœur simple» hatte darin Platz & auch Prinzessin Marya… Mysteriös. Übrigens hatte ich ein gutes Gespräch über Shakespeare mit einem Mann namens Salzmann. […] Seine Frau ist hier die erste Tänzerin – eine sehr schöne Frau von herausragender Intelligenz.[9]

Das Leben, ihr Leben, war alles andere als von morgens bis abends erfreulich; es gab auch das andere Ende des Stocks. Wie für alle, galten nun auch für sie Regeln und eine Praxis der Selbsterfor­schung in der Gemeinschaft gemäß Gurdjieffs Anweisung an sie – und an alle –, »wieder im eigenen Körper zu leben.« Der Kreis von Männern und Frauen um sie herum reichte von Alexandre de Salzmann, den sie verehrte und anbetete, bis zu anderen, die sie nicht besonders schätzte. Sie schrieb an ihren Mann:

Ich weiß nicht, wie es dir damit geht. Aber ich finde es schrecklich hart, mich mit Leuten abzugeben, die ich nicht mag oder die einfach nicht sympathisch sind. Mit den anderen klappt alles sehr gut. Hier, wo ich mit allen möglichen Leuten zusammenlebe, bin ich schlicht entsetzt über meine Hilflosigkeit, wenn ich jemanden loswerden oder mich einfach nur aus einem Gespräch ausklinken will. Aber unterdessen habe ich es gelernt. Ich habe gelernt, dass der einzige Weg darin besteht, es herauszufordern, es nicht zu vermeiden, sich ihm zu stellen. Was mir in der Praxis schrecklich schwerfällt. Aber solange ich das nicht wirklich richtig beherrsche, kom­me ich nicht weiter. Es geschieht immer wieder, dass ich, so zu sagen [im Original auf Deutsch], ohne Deckung bin und mein Gegenüber mir den Knock-out-Schlag versetzt.[10]

Das ist herrlich; es atmet ihren Geist funkelnder Aufrichtigkeit. Und es spiegelt in einem als anstrengend erlebten Beispiel ein Ele­ment der Gurdjieffschen Lehre, das bereits im Prieuré praktiziert wurde: sich den Gegebenheiten zu stellen, sich den anderen zu stellen, sich sich selbst zu stellen, ohne den automatischen Urteilen, Reaktionen und dergleichen nachzugeben. Nicht lange nach Katherines Tod hielt Gurdjieff vor der Gemeinschaft einen Vortrag über »die Trennung seiner selbst von sich selbst«. Sie arbeitete bereits daran.

»Wenn mir ein einziger Ruf zu Gott erlaubt wäre, würde dieser lauten: Ich möchte ECHT sein.«

Wir müssen langsam von Katherine Abschied nehmen, doch ein paar weitere Pinselstriche werden nicht schaden. Als sie Ende De­zem­ber, nach fast zwei Monaten im Prieuré, ihrem Mann schrieb, tat sie dies mit Worten, die keines Kommentars bedürfen:

Weißt du, […] wenn mir ein einziger Ruf zu Gott erlaubt wäre, würde dieser lauten: Ich möchte ECHT sein. Bis ich das bin, sehe ich nicht, wieso ich der alten Eva in ihren verschiedenen Manifestationen nicht für immer ausgeliefert bleiben sollte.[11]

Einige Tage später schrieb sie an eine englische Cousine und resümierte ihre Erfahrungen auf eine merkwürdig gründliche Art, als wäre es ein Abschiedsgruß.

Ich lebe mit ungefähr fünfzig bis sechzig Leuten zusammen, hauptsächlich Russen. Es ist eine fantastische Existenz, die unmöglich zu beschreiben ist. Man könnte überall sein – in Buchara oder Tiflis oder Afghanistan (außer – Leider! – das Klima!). Doch sogar das Wetter scheint keine so große Be­deu­tung zu haben, wenn man so schnell herumgewirbelt wird. Und das tun wir hier ganz zweifellos. Aber ich kann dir gar nicht sagen, welche Freude es mir macht, mit lebendigen Menschen in Berührung zu sein, die eigenartig und schnell sind und sich nicht schämen, sie selbst zu sein. Es ist eine Art höchster Durchlüftung, unter ihnen zu leben.[12]

Viele Jahre später, an seinem Esstisch in Paris, verhörte sich Gurd­jieff einmal, als ein Trinkspruch auf eine Cathleen ausgebracht wurde. John G. Bennett erinnert sich: »Mr. G. spitzte seine Ohren und sagte ›Wer? Wo?‹ Madame de Salzmann zeigte zu Cathleen und er sagte: ›Oh, ich dachte, Sie sagen »Katherine Mansfield«. Sie meine Freundin. Aber sie sterben. […] Sie meine gute Freundin.‹«[13]

 

©  Roger Lipsey 2019
Deutsche Übersetzung © Robert Cathomas & Helga Jacobsen

Anmerkungen

[1] Siehe ROGER LIPSEY: «Chez Monsieur GurdjieV» in: GALYA DIMENT, GERRI KIMBER und TODD MARTIN [Hrsg.]: Katherine Mansfield and Russia, Edinburgh: University Press, 2017, Seiten 163–172.

[2] KATHERINE MANSFIELD: The Collected Letters of Katherine Mansfield, herausgegeben von Vincent O’Sullivan und Margaret Scott, Oxford: University Press, 2008, Seite 305.

[3] Ebenda, Seite 306.

[4] Ebenda, Seite 308.

[5] Ebenda, Seite 310.

[6] Ebenda.

[7] Siehe OLGIVANNA [LLOYD WRIGHT]: “The Last Days of Katherine Mansfield” in The Bookman: A Review of Books and Life, Ausgabe 73, 1931, Seiten 6–13; sowie ADÈLE KAFION: “Looking Back to the Last Days of Katherine MansWeld” in Adel­phi, Ausgabe 23, 1946–1947, Seiten 36–39.

[8] MANSFIELD: The Collected Letters, Seite 331.

[9] Ebenda, Seite 332.

[10] Ebenda, Seite 331.

[11] Ebenda, Seite 341.

[12] Ebenda, Seite 346.

[13] ELIZEBTH & JOHN G. BENNETT: Monsieur Gurd­jieff und seine Idioten. Aus den Tagebüchern und Memoiren von und Elizabeth und John G. Bennett, 1949, Xanten: Chalice Ver­lag, 2016, Seite 174.