John G. Bennett

Die ganze Wahrheit in so wenigen Worten

Die Lehre vom »Rechten Leben« gemäß dem Shivapuri Baba

Der Shivapuri Baba im Gespräch mit John G. Bennett im Jahr 1962.

Der Shivapuri Baba im Gespräch mit John G. Bennett 1962.
Foto © Marjorie von Harter

»Ich lehre drei Disziplinen: die spirituelle, die moralische und die physische.«

»Ich lehre drei Disziplinen: die spirituelle, die moralische und die physische.«

Als Dr. Sarvepalli Radhakrishnan, Indiens Staatspräsident und führender Philosoph, im Frühjahr 1956 Nepal besuchte, um an der Krönung von König Mahendra teilzunehmen, erwartete man, dass er sich direkt in das Royal Guest House begeben würde, das speziell für ihn hergerichtet worden war. Doch kaum hatte er das Flugzeug verlassen, bat er stattdessen, man möge ihn zu der Einsiedelei des Shivapuri Baba fahren, der zu dieser Zeit hundertdreißig Jahre alt war. Nach der üblichen förmlichen Begrüßung fand zwischen den beiden die folgende Unterhaltung statt:

Sarvepalli Radhakrishnan: »Welches ist Ihre Lehre?«

Shivapuri Baba: »Ich lehre drei Disziplinen: die spirituelle, die moralische und die physische.«

S.R.: »Die ganze Wahrheit in so wenigen Worten?«

S.B.: »Ja.«

S.R. (sich seinen Begleitern zuwendend): »Die ganze Wahrheit in so wenigen Worten!«

S.B.: »Ja.«

Später sprach der Shivapuri Baba von diesem Besuch und sagte: »Dann erklärte er den anderen meine Worte ungefähr fünfzehn Minuten lang in höchst wunderbarer Weise. Eine solch brillante Erklärung habe ich noch nie in meinem Leben gehört. Ich selbst beneidete ihn um seine Fähigkeit zur Erklärung. Er ist ein Soldat der vedischen Literatur – selten in der Welt. Er hat keine destruktive Natur. Er hat nur eine konstruktive Natur. Menschliche Liebe hat er. Er blickt auf niemanden herab und hasst niemanden. Als er kam, machte er nur eine namaste-Grußgeste vor mir. Bevor er ging, legte er seinen Kopf auf meine Füße. So etwas ist äußerst schwierig für einen Mann in seiner Stellung. Als ich sagte: ›Ich lehre drei Disziplinen‹ und so weiter, bemerkte ich, wie Gefühle der Scham und des Entsetzens in seinem Gesicht zutage traten – Scham, weil er bei all seiner Gelehrsamkeit nicht verstanden hatte, was am Grund des Lebens ist, und Entsetzen, weil er fürchtete, er sei nun, wo er so lange in einem anderen Glauben gelebt hatte, zu alt, um seine Lebensweise zu ändern.«

Was ist das Rechte Leben? Es ist ein Leben mit einem festen Ziel. Es ist ein geplantes und umsichtiges Leben mit Pflichten, die notwendig und hilfreich sind, um das Ziel in der kürzest möglichen Zeit zu erreichen. Welches ist das größte Ziel im Leben? Die Wahrheit zu schauen.

Was ist das Rechte Leben? Es ist ein Leben mit einem festen Ziel. Es ist ein geplantes und umsichtiges Leben mit Pflichten, die notwendig und hilfreich sind, um das Ziel in der kürzest möglichen Zeit zu erreichen. Welches ist das größte Ziel im Leben? Die Wahrheit zu schauen.

Seinen Verstand reinigen und nur die Wahrheit wollen

Ich fragte den Shivapuri Baba, wie wir unser spirituelles Leben stärken und wie wir vermeiden könnten, ständig in Politik, Emotionen, Leidenschaften und lauter Dinge hineingezogen zu werden, die für das religiöse Leben irrelevant sind. Seine Antwort lautete:

»Der Mensch hat drei Pflichten – Die physische Pflicht: die Verpflichtungen, in die man hin­eingeboren wurde, sein Brot zu verdienen, sich selbst und die eigenen Talente in der Welt einzusetzen, sich um diejenigen zu kümmern, die von einem abhängig sind, und so weiter. – Die moralische Pflicht: sich der Verpflichtung gegenüber sich selbst bewusst zu sein, die Wahrheit vierundzwanzig Stunden pro Tag zu suchen. – Die spirituelle Pflicht: die Verehrung Gottes. Doch dies werden wir erst später zu würdigen wissen. Wenn wir uns den ersten beiden Pflichten widmen, in ganz einfacher Weise, so wird uns das weit auf dem Weg voranbringen.

Ein Mensch, der sich den ersten zwei Pflichten widmet, wird in einem Jahrzehnt in der Lage sein, seinen Verstand zu reinigen und nur die Wahrheit und den Weg Gottes zu wollen. Nicht für eine Minute darfst du aufhören, an diesen Pflich­ten zu arbeiten. Die Auslassung einer einzelnen Minute wird dazu führen, dass Emotionen, Leidenschaften und Gedanken in deinen Verstand eindringen.«

 

Das Rechte Leben hilft uns selber und der Welt

Ich werde den Gedanken des »Rechten Lebens« einführen, indem ich aus einem Gespräch zwischen einem Hindu-Besucher und dem Shivapuri Baba zitiere.

Frage: »Sir, warum sind wir so unglücklich?«

S.B.: »Weil ihr nicht das Rechte Leben lebt.«

F.: »Was ist das Rechte Leben?«

S.B.: »Es ist ein Leben mit einem festen Ziel. Es ist ein geplantes und umsichtiges Leben mit Pflichten, die notwendig und hilfreich sind, um das Ziel in der kürzest möglichen Zeit zu erreichen.«

F.: »Welches ist das größte Ziel im Leben?«

S.B.: »Wahrheit zu schauen.«

F.: »Warum sollten wir wünschen, Wahrheit zu schauen?«

S.B.: »Weil wir davor nicht allmächtig, allwissend und allgegenwärtig sein können.«

F.: »Welches sind die Hauptelemente des Rechten Lebens?«

S.B.: »Unterscheidungsvermögen und Hingabe.«

F.: »Bitte erklären Sie diese.«

S.B.: »Du siehst ein, dass du für die Erhaltung des Körpers gewisse Pflichten gegenüber der Natur, der Familie, der Ge­sell­schaft, der Regierung und dem Beruf erfüllen musst. All diese sollten mit Geschick geplant und ausgeführt werden. Dann musst du, um deinen Verstand stark zu machen, gute Eigenschaften entwickeln: Nächstenliebe, Selbstbeherr­schung, Geduld und die übrigen sechsundzwanzig Tugen­den, die im sechzehnten Gesang der Bhagavad Gita beschrieben sind. Dies ist Unterscheidungsvermögen. Die übrige Zeit solltest du damit zubringen, in verschiedener Weise, ohne ein monotones Gefühl zu haben, an die Wahrheit zu denken. Dies ist Hingabe. Vor allem musst du darauf achten, deine Zeit nicht auf irgendeine andere Arbeit zu verschwenden.«

F.: »Wie können wir am besten der Welt helfen?«

S.B.: »Indem wir das Rechte Leben leben und Nächsten­liebe üben – mental, verbal, physisch und finanziell. Mental sollten wir selbst unseren sogenannten Feinden Gutes wünschen. Wir sollten nicht etwas sagen, was andere verletzen könnte. Wenn möglich, sollten wir versuchen, anderen physisch zu dienen. Dann sollten mindestens zehn Prozent unseres Einkommens wohltätigen Zwecken zugutekommen. Dies wiederum wird in drei Teile geteilt. Ein Teil sollte an arme spirituelle Sucher und Institutionen für spirituelles Leben gehen. Ein weiterer Teil sollte an verdienstvolle Persönlich­keiten aus dem Kulturleben und an ebensolche Institutionen gehen. Der dritte Teil sollte an arme Menschen und Institu­tionen gehen, die ihnen helfen. Wenn die Menschen richtig Nächstenliebe üben, wo in der Welt könnte dann Disharmo­nie herrschen?«

F.: »Wann werden wir die Wahrheit erkennen?«

S.B.: »Wenn du dir ständig und konzentriert die Frage stellen kannst: ›Was ist Wahrheit?‹, oder dergleichen für ein muhurta, das heißt achtundvierzig Minuten lang, tust.«

F.: »Einige Leute sagen, wir müssen das Leben aufgeben, um die Wahrheit zu erkennen.«

S.B.: »Ja, aber das Leben aufgeben, bedeutet nicht bloß, in einen Wald oder eine Höhle zu gehen. Selbst der Buddha sagte, nachdem er die Wahrheit erkannt hatte, es sei nicht notwendig, dies zu tun. Man kann Wahrheit selbst zu Hause verwirklichen, wenn man das Rechte Leben lebt. Das Leben aufgeben heißt, das Begehren nach Ruhm und Genuss aufzugeben.«

Ein kurzer Ausschnitt aus einem der Gespräche zwischen John G. Bennett und dem Shivapuri Baba. Die Tonaufzeichnungen waren u.a. Grundlage des Buches »Richtig leben« und sind als Audiodateien zu beziehen bei der J.G. Bennett Foundation [/] . Foto ©  J.G. Bennett Foundation

Wenn Sie Gott schauen, ist jedes Problem gelöst

Ich verlasse jetzt den Hindu-Weg und zitiere im Folgenden wörtlich ein Gespräch zwischen dem Shivapuri Baba und zwei englischen Damen, Melissa und Marjorie, Töchter des verstorbenen Sir Charles Marston, der selbst ein eifriger Bibelforscher war. Diese Damen reisten 1962 mit mir zusammen nach Kathmandu und wurden aufgefordert, ihre Fragen in beliebiger Form zu stellen.

Sie gaben dem Shivapuri Baba zuerst einen kurzen Bericht von ihrem Leben und ihrer Suche. Die eine von ihnen hatte ihren Ehegatten wenige Jahre nach der Heirat verloren und war nun seit nahezu zwan­zig Jahren Witwe. Die andere hatte nicht geheiratet. Sie waren beide seit vielen Jahren an den Lehren Gurdjieffs interessiert, nach denen sie zu leben versuchten, und hatten in jüngerer Zeit Subud kennengelernt und das Latihan praktiziert. Sie hatten weite Rei­sen unternommen, um zu einem besseren Verständnis der Ur­sprün­ge menschlicher Religionen und Kulturen zu gelangen und um das eine Problem zu lösen, das uns alle plagt: der Grund für unser Da­sein und die rechte Lebensweise.

Melissa beschloss ihren Bericht mit den Worten: »Man hat immer das Gefühl, vielleicht mehr im Westen als im Osten, dass man nicht wirklich versteht, warum wir hier sind, dass unser Leben vorübergeht, und wir es irgendwie nicht richtig nutzen, wie wir es sollten.«

Der Shivapuri Baba, der all ihren Ausführungen aufmerksam zugehört hatte, saß draußen in einem Lehnstuhl und hielt eine Rose in der Hand. Wir saßen vor ihm auf kleinen Schemeln. Er lächelte und hielt uns die Rose entgegen.

Shivapuri Baba: »Jetzt ist – sozusagen – Duft in dieser Blume. Kann ich diesen Duft so erklären, dass Sie ihn selbst riechen?«

M.M.: »Nein, ich denke nicht.«

S.B.: »Ganz gleich, wie ich ihn auch erklären mag, Sie können den Duft nicht kennen. Wenn ich Ihnen die Blume gebe und Sie sie riechen, wissen Sie, was ihr Duft ist. Verhält es sich nicht so? Ebenso kann ich Ihre Fragen nicht beantworten. Ihre Fragen können nur von Gott beantwortet werden. Schauen Sie Ihn zuerst, dann wird jedes Geheimnis gelöst. Davor jedoch, egal welche Antwort ich Ihnen gebe, werden sich Ihre Probleme nicht lösen. Gott zu erreichen, ist der erste Schritt. Indem wir Gott schauen, wissen wir alles.«

M.M.: »Wie kann uns das gelingen?«

S.B.: »Denken Sie nur an Gott. Lassen Sie jeden anderen Ge­danken fallen, und Sie werden Gott schauen.«

Wir sind in Bewusstsein gekleidet. Gott ist jenseits des Bewusstseins. Vergessen Sie dieses Bewusstsein einen Augenblick, und Sie werden Gott sehen. Im Nu!

Wir sind in Bewusstsein gekleidet. Gott ist jenseits des Bewusstseins. Vergessen Sie dieses Bewusstsein einen Augenblick, und Sie werden Gott sehen. Im Nu!

Diese Worte, die so banal klingen, wenn man sie auf Papier wiedergibt, wurden mit einer derart einfachen Überzeugung gesprochen, dass die Antwort auf alle Probleme da zu sein schien, fast in Reichweite. Ich erinnere mich daran, wie tief bewegt ich gewesen war, als er mir ein Jahr zuvor dasselbe gesagt hatte. Die Damen waren ebenfalls berührt, doch antworteten sie mit dem weiblichen Sinn für das Praktische.

M.M.: »Das ist sehr schwierig.«

S.B.: »Es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Es ist schwierig – ich weiß das sehr wohl. Wenn Sie sich aber hinreichend bemühen, diese Schwierigkeit zu bewältigen, so werden alle anderen Schwie­rig­keiten im Leben verschwinden. Solange wir Gott nicht schauen, können wir nichts wissen. Bevor die Sonne da ist, können wir auf dem Boden nichts sehen. Wenn die Sonne kommt, sehen wir alles. So ist auch die Gegenwart Gottes. Wenn wir Gott kennen, kennen wir alles. Vorher ist eine einfache Erklärung gar keine Erklärung. Ich kann sagen: ›Dies ist süßer Duft.‹ Doch wie viele Blumen gibt es, die einen süßen Duft haben! Was ist das Wesen dieses Duftes? Solange Sie ihn nicht riechen, können Sie es nicht wissen. Man kann ihn erfahren, aber er kann nie erklärt werden.

Denken Sie nur an Gott allein, beseitigen Sie alle anderen Ge­dan­ken aus ihrem Verstand. Sie werden Gott vor sich sehen und all Ihre Probleme werden gelöst. Dies muss man als Erstes tun.

Solange man nicht ein diszipliniertes Leben führt, ist diese Medi­tation nicht möglich. Wir haben diesen Körper; man sollte die Er­fordernisse dieses Körpers kennen. Man muss hören, muss sehen, muss schlafen, muss schmecken, muss spucken, muss atmen. Tausend Aktivitäten laufen in diesem Körper ab. All diese Dinge sind zu kontrollieren und zu beherrschen. Wieviel soll man essen, wieviel schlafen, was soll man sehen, was hören? All das sollte kontrolliert und beherrscht werden. Dies ist eine Pflicht.

Eine weitere Pflicht besteht gegenüber dem Heim, der Gesell­schaft, der Nation und so weiter. Wir müssen herausfinden, was wir zu tun haben.

Eine dritte Pflicht betrifft materielle Bedürfnisse. Ohne materiellen Besitz können wir diese Dinge nicht tun. Dafür haben wir eine berufliche Pflicht.

Dies sind die Pflichten, die man zu verrichten hat. Sie sollten erkannt und richtig ausgeübt werden, ohne Versagen, ohne Entle­digung oder Unterlassung. Dann wird das Leben gleichmäßig. In einem gleichmäßigen Leben wird Meditation sehr einfach.«

An dieser Stelle führte der Shivapuri Baba einen Gedanken ein, der nicht nur viel von dem klarstellt, was in der Bhagavad Gita geschrieben steht, sondern die ganze Frage des Bewusstseins und dessen Wesen und Begrenzungen beleuchtet. Ich werde hier seine Worte kommentarlos zitieren, später jedoch auf sie zurückkommen, wenn ich auf die Fragen der Bedeutung seiner Lehre für unser gegenwärtiges Zeitalter zu sprechen komme. Er brach seine abstrakte Erklärung über Pflichten ohne ersichtlichen Grund ab und fuhr fort.

S.B.: »Jetzt ist Ihr Körper in dieses Tuch gekleidet. Wenn das Tuch entfernt wird, kann ich Ihren Körper sehen. In derselben Weise sind wir in Bewusstsein gekleidet. Gott ist jenseits des Bewusstseins. Vergessen Sie dieses Bewusstsein einen Augenblick, und Sie werden Gott sehen. Im Nu! Was wir als Erstes zu tun haben ist, dieses Leben in Ordnung zu bringen und dann über Gott zu meditieren. Wenn Sie Gott schauen, ist jedes Problem gelöst.«

Aus: John G. Bennett: Richtig leben – Die Lehren des weisen Shivapuri Baba
© John G. Bennett 2018
Deutsche Übersetzung © Bruno Martin und Robert Cathomas / Chalice Verlag