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Vimala Thakar

Das revolutionäre Potenzial wahrer Ganzheitlichkeit

VImala Thakar Spiritueller Protest

Bild: Pexels / Adobe Stock / Chalice Verlag

Spirituell suchende Menschen können sich ihrer sozialen Verantwortung nicht länger entziehen, und soziale Aktivisten sollten aus einem ganzheitlichen und spirituellen Verständnis heraus handeln – nur so haben wir eine Chance, die gewaltigen Krisen zu bewältigen, vor denen die Menschheit heute steht. Vimala Thakar (1923–2009), die indische Philosophin, Mystikerin, Frauenrechtlerin und Sozialrevolutionärin entwickelte die Ideen der Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi und Vinoba Bhave und des spirituellen Philosophen Jiddu Krishnamurti weiter und lebte und lehrte die Verbindung von Spiritualität und sozialer Aktion mit großem Mut und eindrücklicher Leidenschaft. Ausschnitte aus ihrem aufrüttelnden Buch Spirituell leben und sozial handeln

Ausschnitte aus dem Buch Spirituell leben und sozial handeln von Vimala Thakar

Vimala Thakar: Spirituell leben

onflikte entstehen in Beziehungen, seien sie persönlich oder kollektiv, wenn der Einzelne sich als Subjekt und die anderen als Objekte in einer dualistischen Welt betrachtet, und wenn wir davon ausgehen, dass wir uns verteidigen und angreifen müssen, um unser privates Territorium zu schützen. Nehmen wir einander jedoch aus der Perspektive der essenziellen Ganzheit allen Lebens wahr, dann ist die Einheit viel stärker als die Verschiedenheiten, dann gibt es kein persönliches Territorium zu schützen. […]

Ausschnitte aus dem Buch Spirituell leben und sozial handeln von Vimala Thakar

Vimala Thakar: Spirituell leben

Seit jeher haben wir Grenzen gezogen, und Erkundungen jenseits unseres eigenen Terrains blieben nur oberflächlich. Die sozialen Aktivisten haben ihr Territorium abgesteckt: das äußere Leben mit seinen sozioökonomischen und politischen Strukturen. Die spirituell orientierten Menschen haben das ihre abgesteckt: die innere Welt höherer Bewusstseinsdimensionen, transzendentaler Erfah­run­gen und Meditation. Diese beiden Gruppierungen haben sich im Laufe der Geschichte gegenseitig verachtet. Die sozialen Akti­visten betrachten die spirituell Suchenden als selbstgenügsam, und diese wiederum halten jene für Gefangene ihres Aktivitäten­wahnes, die die Essenz des Lebens leugnen.

 

Spiritualität und soziales Handeln zusammenführen

Gelegentlich gab es oberflächliche Vermischungen, spirituelle Gruppen, die sich sozial engagierten, und soziale Aktivisten, die religiösen Organisationen beitraten, aber eine echte Integration von sozialem Handeln und Spiritualität auf einer tiefen, innovativen Ebene hat bisher in keinem nennenswerten Umfang stattgefunden.

Der Verlauf der menschlichen Entwicklung ging in Teilberei­chen vonstatten und die Mehrheit der Menschen gab sich mit dieser Zerteilung zufrieden. Die Gesellschaft hat es gutgeheißen. So hat jede gesellschaftliche Gruppierung ihr eigenes Wertesystem. Viele soziale Aktivisten haben Wut, Hass, Gewalt, Bitterkeit und Zynismus als normale Verhaltensweisen akzeptiert, obwohl die Wirksamkeit dieser Motivationen für ein friedvolles Leben sich als ziemlich fragwürdig erwiesen hat. Und Generationen von spirituell Suchenden haben die Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürf­nissen der Armen auf schockierende Weise in Kauf genommen, weil ihnen höhere Bewusstseinszustände viel wichtiger waren als das Elend der hungernden Millionen.

Jetzt, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, wartet eine neue Herausforderung auf uns: Es gilt, über die Zersplitterung und die unvereinbaren Wertvorstellungen, an denen selbst ernsthafte Menschen festhalten, hinauszugehen, über die Selbstgerechtigkeit der eigenen Ansätze hinauszuwachsen und sich für ein ganzheitliches Leben und eine allumfassende Revolution zu öffnen.

»Der Akt des Lebens ist ein Akt der Verehrung. Das Leben an sich ist ein Austausch mit der Heiligkeit dessen, was ist.«

Ein Zitat aus dem Dokumentarfilm Im Feuer der tanzenden Stille von Renata Keller über das Leben und die Lehre von Vimala Thakar

In der heutigen Zeit ist es ein Luxus, auf der spirituellen Suche zu sein, ohne ein soziales Verantwortungsgefühl zu entwickeln. Und ebenso ist es töricht, sozial engagiert zu sein, ohne ein Ver­ständnis über die inneren Regungen der eigenen Psyche zu haben. Keiner der beiden Ansätze war bisher erfolgreich. Es steht nun außer Frage, dass spirituell Suchende sich um den sozialen Kontext bemühen müssen und dass Aktivisten sich von der moralischen Krise der menschlichen Psyche berühren lassen und sich für Achtsamkeit und Mitgefühl interessieren müssen.

Die Herausforderung, die auf uns wartet, besteht darin, als menschliche Wesen viel tiefer zu gehen, oberflächliche Vorurteile und Vorlieben aufzugeben. Dann müssen wir dieses Verständnis auf eine globale Ebene ausdehnen und die Gesamtheit des Lebens integrieren. Wir sollten uns der Ganzheit des Lebens bewusstwerden und verstehen, dass wir selbst eine Manifestation dieser Ganz­heit sind.

Mit zunehmender Tiefe unseres Verstehens schwinden die willkürlichen Trennungen zwischen innen und außen. Dann steht es außer Frage, dass ein Suchender sich um ein soziales Bewusstsein bemühen muss oder dass ein Aktivist von der moralischen Krise in der menschlichen Psyche überzeugt werden muss und wie wichtig es ist, dem Innenleben Beachtung zu schenken. Wenn das Be­wusst­sein der Ganzheit im Herzen erwacht und man sich der Verbundenheit aller Wesen untereinander gewahr wird, ist es nicht länger möglich, sich auf ein einzelnes Fragment zu beziehen und dort zu verharren. In all unseren Handlungen werden wir ganzheitlich, absolut, natürlich und unangestrengt sein. Alles Handeln oder Nichthandeln wird dann den Duft der Ganzheit verströmen, und kreatives Leben wird sich spontan und mühelos entfalten.

Der ganzheitliche Ansatz versteht das Leben als eine Ganzheit, als eine nichtfragmentierbare, unteilbare Ganzheit. Es handelt sich nicht um zusammengefügte Einzelteile, die wie mit Nadel und Faden aus verschiedenen Philosophien zusammengenäht wurden. Es ist eine harmonische Ganzheit.

Eine ganzheitliche Herangehensweise anerkennt die Harmonie und Ganzheit des Lebens. Berühren diese Wörter »Harmonie« und »Ganzheit« die Tiefe eures Wesens? Das Leben ist nicht unterteilt; es kann nicht in geistig und materiell, individuell und kollektiv zergliedert werden. Wir können das Leben nicht in politische, wirtschaftliche und soziale Schubladen einteilen. Was auch immer wir tun oder lassen, beeinflusst und berührt die Ganzheit, die Harmonie.

Wir sind für immer und ewig organisch mit dem Ganzen verbunden. Wir sind Ganzheit und wir bewegen uns in ihr. Die Tiefe und die erhebliche Tragweite dieser Worte sind nur schwer zu fassen, weil auf unserer Psyche ein regelrechter Fluch der Fragmen­tierung lastet. Wir sind kaum in der Lage, das Leben als ungeteilt, als ein unteilbares und harmonisches Ganzes wahrzunehmen.

Wir sehen das Leben so, wie es von unserem Verstand, unseren Normen und Maßstäben, unseren Vorlieben und Vorurteilen zusammengefügt wird. Wir betrachten es mit den Motiven des Egos, immer Herr der Lage zu sein und im Zentrum des Lebens zu stehen. Doch in der Ganzheit gibt es kein Zentrum, kein Ego kann Herr sein. Der Wunsch und der Drang, das Leben zu kontrollieren und seine Größe auf unbedeutende Manipulationen und Manöver zu reduzieren, führt zu einer krankhaften Angst vor dem Tod oder jedem anderen Ereignis im Leben, das wir nicht vollständig kontrollieren können. Durch den Versuch, ein eigenes, persönliches Zentrum unabhängig von der Gesamtheit zu schaffen, geraten wir in einen ständigen Widerspruch zu den natürlichen Rhythmen und Ereignissen des Lebens, und stehen unter konstanter Anspan­nung, weil wir versuchen, das zu manipulieren, was im Grunde nicht manipuliert werden kann.

Erleben wir uns im Widerspruch zur Intelligenz des Lebens oder machen uns das Leben zum Gegner, geschieht es leicht, dass wir uns besiegt oder erniedrigt fühlen, denn das Ego kann sich selbstverständlich nicht gegen das Leben durchsetzen; es kann sich nicht gegen die natürlichen Kräfte behaupten. Das Ego kann das Leben nicht bezwingen und versucht doch, genau dies zu tun. Und diesem Versuch entspringt alles Elend der Welt.

Sobald wir uns der Ganzheit bewusst sind, werden jeder Mo­ment und jede Bewegung heilig. Das Empfinden von Einheit ist dann nicht länger ein intellektueller Bezug. Das Bewusstsein pulsiert in uns und führt zu spontanem Handeln, welches dann nicht auf eine von der Gesellschaft geschaffene Schublade beschränkt bleibt.

Der ganzheitliche Ansatz anerkennt einfach keine Trennung oder Abschottung, selbst wenn diese als gesellschaftliche Tatsachen existieren. Das Bewusstsein der Einheit weigert sich, ein Getrenntsein zu akzeptieren. Der holistische Ansatz erkennt also all die Unterteilungen und Spaltungen im Namen von Religion und Spiritualität, im Namen der Sozialwissenschaften und der Politik oder im Namen von Ideologien nicht an.

Verstehen wir die Wahrheit, dann halten wir nicht länger am Fal­schen fest. Sobald wir das Falsche als falsch erkennen, messen wir ihm keinerlei Bedeutung mehr bei. Es hat im täglichen Leben keinen Platz mehr. Eine psychische und psychologische Auf­hebung jedweder Art von Fragmentierung ist der Beginn von positivem sozialem Handeln.

Vimala Thakar Budhan-Marsch

Vinoba Bhave und Mitglieder der Budhan-Bewegung (in der auch Vimala Thakar aktiv war) in den 1950er-Jahren auf einem Fußmarsch durch Indien im Kampf für die freiwillige Abgabe von Land von den Großgrundbesitzern an die ärmere Bevölkerung. Quelle: Aus dem Film Im Feuer der tanzenden Stille

Zu ganzheitlichen Lösungen übergehen

Was wird geschehen, wenn die Fragmentierung überwunden ist und ein Bewusstsein für die Ganzheit und die Harmonie besteht?

Die menschlichen Probleme werden nicht mehr in politische, wirtschaftliche, kulturelle und soziale Probleme oder Frauen­pro­bleme und Männerprobleme unterteilt sein. Die Wahrnehmung menschlicher Probleme, globaler Probleme, wird eine grundlegende Revolution und eine drastische qualitative Veränderung erfahren.

Heutzutage betrachtet ein Wirtschaftsexperte die ökonomischen Probleme aus einem bestimmten Blickwinkel; seine An­haltspunkte sind Bücher über Wirtschaft und deren Theorien, seien sie alt oder modern. Ein Politiker beschäftigt sich mit Fragen der Verwaltung, des Managements und gesellschaftlicher Bezie­hungen, mit der Schaffung von Arbeitsplätzen und dem Schutz von Person und Eigentum eines jeden Bürgers. Er betrachtet diese Probleme nur im Zusammenhang mit dem, was er unter Politik versteht, wie etwa Machtpolitik oder Parteipolitik. Es gibt keinen ganzheitlichen Ansatz. Es gibt nicht einmal einen wissenschaft­lichen Ansatz. […]

Ein ganzheitlicher Ansatz im sozialen Handeln wird die Men­schen dafür sensibilisieren, menschliche Probleme nicht isoliert und exklusiv anzugehen, sondern in dem Bewusstsein, dass das Le­ben ein Ganzes ist, dass wir alle in dieser Ganzheit leben müssen.

Wir befinden uns in einer ökologischen Krise. Gäbe es die heutigen ökologischen Probleme, wenn wir bereits einen holistischen Ansatz hätten? Wären wir uns bei der ganzen Industrialisierung, der Computerisierung unseres Lebens, dem Einsatz von Raketen, Flugzeugen und anderen Kommunikationsmitteln, bei der enormen Macht der Industrie nicht bewusst, wie folgenschwer die Verschmutzung und Schadstoffbelastung sein werden? Weil es keine ganzheitliche Sichtweise gibt, ist es überhaupt erst zur ökologischen Krise gekommen.

Revolution, vollkommene Revolution, setzt das Experimen­tieren mit dem Unmöglichen voraus. Und wenn ein Mensch einen Schritt in Richtung des Neuen, des Unmöglichen geht, schreitet die gesamte Menschheit durch diesen einzelnen Menschen voran. Mahatma Gandhi war solch ein Mensch. Er brachte eine neue Form des politischen Kampfes zum Ausdruck, die für ihn Gewalt­losigkeit, für seine Mitstreiter jedoch Frieden bedeutete. Ohne Hass auf die Briten beendete er die britische Herrschaft in Indien. Diese Dynamik war in der Geschichte bis dahin unbekannt. […]

Überall auf der Welt leiden wir in der Dunkelheit des Elends, das wir geschaffen haben. Weil wir an das Fragmentarische und Oberflächliche geglaubt haben, ist es uns nicht gelungen, in Frie­den und Harmonie zusammenzuleben. So macht sich eine große Finsternis am Horizont breit, und die Bedrohung durch Krieg überschattet unser aller Leben.

In solch düsteren Zeiten spüren gewöhnliche Menschen wie ihr und ich die Dringlichkeit, tiefer zu gehen und oberflächliche, unzureichende Ansätze aufzugeben, um die kreativen Kräfte zu aktivieren, die jedem von uns als Ausdruck der Ganzheit zur Verfügung stehen. Die unermessliche Intelligenz, die den Kosmos lenkt, ist für jeden zugänglich. Die schöpferischen, intelligenten Energien und das immerwährende Licht in unserem Leben können niemals durch die Dunkelheit zerstört werden. In unserer Unwissenheit mögen wir uns gegenseitig auslöschen, aber wir können die Intelligenz, die Absolutheit und die Ganzheit des Lebens nicht leugnen. Angesichts dieser uns potenziell zur Verfügung stehenden Kraft ist Verzweiflung weder angebracht noch möglich.

Mahatma Gandhi am Spinnrad

Mahatma Gandhi in den späten 1940er-Jahren beim Handspinnen von Wollgarn für seine eigene Kleidung. Quelle: Wikimedia Commons

Revolution, vollkommene Revolution, setzt das Experimen­tieren mit dem Unmöglichen voraus. Und wenn ein Mensch einen Schritt in Richtung des Neuen, des Unmöglichen geht, schreitet die gesamte Menschheit durch diesen einzelnen Menschen voran. Mahatma Gandhi [/] war solch ein Mensch. Er brachte eine neue Form des politischen Kampfes zum Ausdruck, die für ihn Gewalt­losigkeit, für seine Mitstreiter jedoch Frieden bedeutete. Ohne Hass auf die Briten beendete er die britische Herrschaft in Indien. Diese Dynamik war in der Geschichte bis dahin unbekannt. […]

Überall auf der Welt leiden wir in der Dunkelheit des Elends, das wir geschaffen haben. Weil wir an das Fragmentarische und Oberflächliche geglaubt haben, ist es uns nicht gelungen, in Frie­den und Harmonie zusammenzuleben. So macht sich eine große Finsternis am Horizont breit, und die Bedrohung durch Krieg überschattet unser aller Leben.

In solch düsteren Zeiten spüren gewöhnliche Menschen wie ihr und ich die Dringlichkeit, tiefer zu gehen und oberflächliche, unzureichende Ansätze aufzugeben, um die kreativen Kräfte zu aktivieren, die jedem von uns als Ausdruck der Ganzheit zur Verfügung stehen. Die unermessliche Intelligenz, die den Kosmos lenkt, ist für jeden zugänglich. Die schöpferischen, intelligenten Energien und das immerwährende Licht in unserem Leben, können niemals durch die Dunkelheit zerstört werden. In unserer Unwissenheit mögen wir uns gegenseitig auslöschen, aber wir können die Intelligenz, die Absolutheit und die Ganzheit des Lebens nicht leugnen. Angesichts dieser uns potenziell zur Verfügung stehenden Kraft, ist Verzweiflung weder angebracht, noch möglich.

© Dr. Barbara Pennington 2023
Deutsche Übersetzung © Martina Dietrich