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Cynthia Bourgeault

Aktuelle Artikel aus ihrem Substack-Blog

Cynthia Bourgeault Substack

Auf dieser Seite veröffentlichen wir in lockerer Reihenfolge ausgewählte aktuelle Artikel aus dem Substack-Blog von Cynthia Bourgeault [/] in deutscher Übersetzung.

5. März 2026
»Ihr hättet es lieber dunkler? Dann löschen wir das Licht«, sang Leonard Cohen düster in dem, was sich als sein Abschiedslied von diesem Planeten herausstellen sollte. Nun denn, dimmen wir das Ganze also noch eine Stufe herunter…

»Und die Dunkelheit hat es nicht bezwungen...«

Zum Samen der Zukunft werden

»Ihr hättet es lieber dunkler? Dann löschen wir das Licht«, sang Leonard Cohen düster in dem, was sich als sein Abschiedslied von diesem Planeten herausstellen sollte. Nun denn, dimmen wir das Ganze also noch eine Stufe herunter. Angenommen, unsere Spezies steuert nicht einfach nur auf ihre Selbstauslöschung zu, sondern ist mittlerweile für unser gesamtes planetarisches Ökosystem derart toxisch – zu einem invasiven Krebs im Körper unserer Mutter Erde – geworden, dass wir nun selbst die Leidtragenden sind.

Ein in beunruhigender Weise treffende Analogie. Krebszellen werden nur von einem angetrieben: ihrem unstillbaren Drang zur Vermehrung, bis sie in blindem, aggressivem Streben danach ihren Wirt zerstören. Welcher Teil dieser Analogie passt Ihrer Meinung nach nicht? Und sind wir wirklich so arrogant zu glauben, die Natur in all ihrer evolutionären Intelligenz verfüge nicht über die angeborene Fähigkeit zur intelligenten Selbstregulierung? Auch wenn Teilhards tâtonnement (Versuch und Irrtum) der übliche evolutionäre Modus Operandi sein mag, bleibt, wenn die Dinge zu sehr aus dem Gleichgewicht geraten, kaum eine andere Wahl, als einzugreifen und die Situation radikal in die Hand zu nehmen, selbst auf Kosten ihrer ehemaligen »Achse und Spitze der Entwicklung«.[9]

Man mag sich fragen, was es bringt, den Blick so sehr zu weiten, bis an den Punkt, wo all die einzelnen Details – der Kummer und die Zärtlichkeit des Menschen, Kunst und Schönheit, Gewissen und Kohärenz, all das, was in zwanzig Jahrtausenden ununterbrochener menschlicher Zivilisation hier erprobt und erreicht wurde – einfach zur Unkenntlichkeit verschwimmen und in einem gelassen unpersönlichen Evolutionsmechanismus verschwinden. Wo bleiben die Tränen? Wo bleibt Gott?

Aber nein, ich glaube nicht, dass es eine spirituelle Umgehung wäre, den »Schrecken der Situation« [Gurdjieff] aus dieser Teilhard’schen Perspektive zu betrachten. Für mich fühlt es sich eher an, als verspürte ich festen Boden unter den Füßen, als fände ich endlich jenen Ort, von dem aus ich, in den Worten des Dichters T.S. Eliot, »mich freue, etwas erschaffen zu müssen, das der Freude Wert ist«.[10] Denn in diesem Ausmaß wird deutlich, dass unsere einzige wirkliche Hoffnung auf einen Durchbruch darin besteht, dass eine kritische Masse von Menschen beginnt, planetarisch zu denken – also als eine geeinte Spezies –, sich über nationalistische Spaltungen, theologische Narrative, überholte Geschichtsbilder und ideologische Illusionen zu erheben, als ein Ganzes zusammenzuarbeiten, das mehr ist als die Summe seiner Teile, und völlig neues Terrain zu betreten. Nichts – absolut rein gar nichts – aus unserer Vergangenheit wird uns retten. Um unsere Flatterhaftigkeit wahrhaft loszuwerden, müssen wir bereit sein, alles loszulassen. Doch in unserer Gegenwart ist bereits alles da und wartet darauf, uns aufzunehmen und neu zu formen, wenn wir uns nur von unseren schweren Fesseln befreien können. Ob dies in »absehbarer Zeit« (was auch immer das auf dieser Skala bedeuten mag) geschehen wird, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es real ist.

Wenn ich mich seiner gesamten Weltsicht wirklich öffne, erkenne ich, dass mir Teilhard unter der anfänglichen Trostlosigkeit eine stille Zuversicht schenkt, sofern ich ihm auf seinem eigenen Terrain begegne. Denn es gibt zwei Dinge, so bekräftigt er mit Nachdruck, deren Fehlen jegliche Hoffnung endgültig zunichtemachen würde. Und mit diesem stillen Trost weist er uns gleichzeitig den Weg aus dem Tunnel, einen Weg, der auf jeder Skala gehbar und wirksam ist.

Der erste Trost lautet: Teilhards evolutionäre Sichtweise endet nicht in einer Tragödie; sie wirkt nur dann widersprüchlich, wenn man sie auf einen zu kurzen Zeitraum anwendet oder nicht bereit ist, von Dogmen abzuweichen, die man für unveränderlich hält. Ja, die Rahmenbedingungen können sich dramatisch verändern – aus unserer Sicht sogar katastrophal. In seiner viereinhalb Milliarden Jahre währenden Evolutionsgeschichte hat sich unser Planet stetig gewandelt. Ehemalige Ackerflächen werden zu Wüsten (und umgekehrt), Kontinente spalten sich und formieren sich neu, Gebirgsketten entstehen, Ozeane tauchen auf und verschwinden wieder. Asteroiden schlagen periodisch auf dem Planeten ein, wie manche behaupten, zuletzt vor 12 000 Jahren, und destabilisieren Atmosphäre und Geosphäre dramatisch. Ganze Kontinente verschwinden, ganze Arten werden ausgelöscht. Die Biosphäre ist ein relativ junges Phänomen, und ihr Verlust ist keine undenkbare Option – schließlich sind alle Optionen möglich. Ein Planet ohne Biosphäre wäre gewiss ein anderer Ort – keiner, der für die heutige Menschheit bewohnbar wäre. Doch tief im Inneren der Geosphäre würde weiterhin jener unruhige, teleologische Geist wirken, der sie vorantreibt, neue Formen und Innovationen, neue Arten hervorzubringen. Und selbst wenn unser Planet und die Sterne verschwinden sollten, bliebe dieser widerstandsfähige Funke erhalten, denn seine Quelle liegt nicht in der Schöpfung, sondern an ihrem Ursprung, im ewigen, immerwährenden, unerschöpflich schöpferischen, unversieglich spielerischen und doch zielgerichteten Ursprung.

Und auch wir gehören zum Ursprung. Hier und jetzt. Dieser Bewusstseinspixel, den ich »ich« nenne – so winzig er auch sein mag, ein Blitz in der Ewigkeit, dessen Form sich ständig wandelt –, ist dennoch in seinem Wesen unvergänglich und unauslöschlich. Hier und jetzt habe ich Anteil am Omega-Punkt. Es ist die Fülle des Mondes, aus der mein endliches Leben gewoben ist.

Und das wiederum führt zu einer weiteren kraftvollen Aussage im Sinne Teilhards. Inmitten all dieser evolutionären Umwälzungen verschwinden Lebensformen ständig, aber nur um in stärkerer, kraftvollerer Form wiederzukehren. Am Ende des Pliozäns findet sich nirgends eine Spur menschlichen Lebens. Zu Beginn des nächsten geologischen Zeitalters [des Pleistozäns] sind Spuren prähistorischen Lebens allgegenwärtig. Dann schließt sich der Vorhang für weitere Jahrtausende, während das Antlitz der Erde erneut einer gewaltigen Umgestaltung unterliegt. Als sich der Vorhang wieder öffnet, sind die prähistorischen Lebensformen verschwunden und durch die deutlich fortgeschritteneren Neandertaler ersetzt worden, die nun unbestreitbar Werkzeuge benutzen, Gemeinschaften bilden und ihre Toten bestatten. Wie das biblische Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, muss der evolutionäre Same offenbar periodisch ruhen und zu seinem Ursprung in der Geosphäre zurückkehren. Doch nach dieser Inkubation scheint nichts verloren zu sein; die Dinge setzen genau dort an, wo der höchste Meilenstein erreicht wurde.

Doch setzen sie dort nicht etwa verhalten an, sondern mit der Wucht einer Selbstentzündung. Diese neue evolutionäre Weitergabe verläuft weder zögerlich noch linear. Sie ist nichts weniger als eine Mutation, ein Sprung auf eine völlig neue Entwicklungsebene – und sie ist ansteckend! Teilhard bemerkt, wie die neue evolutionäre Form, sobald sie hervortritt, vielerorts nahezu gleichzeitig erscheint: in Afrika, in Asien, auf dem amerikanischen Kontinent. Wie er ergreifend schlussfolgert und dabei gleichzeitig aus seinem Ringen mit einer Kirche heraus spricht, die seine Stimme unterdrücken will: »Für die Wahrheit genügt es, ein einziges Mal im Geist eines Einzelnen aufzuscheinen, sodass sie fortan nichts daran hindern kann, in alles einzudringen und alles zu entflammen.«[11]

Egal, wie lange die Pause dauert, die Evolution wird direkt von ihrem vorherigen Höhepunkt wieder einsetzen. Das bestätigt uns unsere viereinhalb Milliarden Jahre alte Erdgeschichte immer wieder. Wenn das stimmt, zeigt es mir klar, wo und wie ich leben soll: Genau an diesem Höhepunkt, so gut ich ihn verstehen, so gut ich ihn zu halten vermag. Nicht für mich selbst, sondern für die Zukunft. Aus der Fülle heraus, für das Kommende.

Ganz gleich, wie verheerend die kurzfristigen Folgen sein mögen und wie lange dieser nächste Schlaf auch dauern mag – das Einzige, was ich hier und jetzt zu diesem »langen Verlauf der Evolution« beitragen kann, ist die Qualität dieses winzigen Bewusstseinspixels, den ich vorübergehend hüten darf. Selbst in diesem winzigen Raum, den ich derzeit einnehme, kann ich von ganzem Herzen danach streben, mein tiefstes Verständnis davon, was es bedeutet, »nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen« zu sein, in die Zukunft auszusäen; den höchsten Ton zu halten, den ich als Mensch zu halten vermag. Ich kann mein Leben still der inneren Arbeit widmen, in mir jene höheren spirituellen Substanzen zu katalysieren, durch die diese Welt letztendlich verwandelt wird: Liebe, Freude, Geduld, Güte, Sanftmut, Selbstbeherrschung, »die Frucht des Geistes«, wie Paulus sie nannte. Dies sind keine organischen Substanzen, sie sind dem Menschen nicht von Natur aus gegeben; sie entstehen nur durch die bewusste Alchimie des menschlichen Herzens. Das ist es, was wir Menschen zur fortwährenden Evolution unseres Planeten beizutragen berufen sind. Und mit unserer nächsten Mutation, so glaube ich, werden wir es letztlich schaffen. Und dann, endlich, werden sich die Dinge ändern.

Dieser Hoffnung und der Arbeit, die nötig ist, um sie zu verwirklichen, widme ich mit Freuden die verbleibenden Jahre meines Lebens. Es ist das Einzige, was ich tun kann, und mein Herz sagt mir, dass es nicht vergeblich sein wird.

Die amerikanische Originalversion dieses Artikels sowie Kommentare dazu finden Sie hier… [/]

[9] Pierre Teilhard de Chardin: Der Mensch im Kosmos, München: C.H. Beck, 2018, Seite 23.

[10] T.S. Eliot: “Ash Wednesday ”, 1930.

[11] Pierre Teilhard de Chardin: Das Herz der Materie und Das Christische in der Evolution, Ostfildern: Patmos, 2018, Seite 99.

1. März 2026
Mit Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955) kommen wir zum großen Bild – zur wirklich langfristigen Betrachtung – unserer gegenwärtigen sozialen und politischen Umbrüche…

Der lange Verlauf der Evolution tendiert in Richtung Bewusstsein

Eine Teilhard’sche Sicht unserer gegenwärtigen Wirren

Mit Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955) kommen wir zum großen Bild – zur wirklich langfristigen Betrachtung – unserer gegenwärtigen sozialen und politischen Umbrüche. Obschon heute vor allem als christlicher kosmologischer Mystiker bekannt, wurde Teilhard von seinem Jesuitenorden zum Paläontologen ausgebildet und erlangte zu Lebzeiten größere Bekanntheit durch seine wissenschaftlichen Leistungen, darunter seine Beteiligung an der Entdeckung des »Peking-Menschen« (sinanthropos pekinensis), des damals ältesten bekannten Hominidenfossils, das mindestens 350 000 Jahre alt ist. Teilhard dachte in geologischen, nicht in kulturellen Zeitaltern; sein Spezialgebiet war das Oberquartär (das in etwa die letzten 130 000 Jahre umfasst). Er dachte weniger in Kategorien kultureller Umbrüche, als vielmehr in jenen der Bildung und des Abtragens von Gebirgszügen, der Verschiebung tektonischer Platten und des Entstehens und Verschwindens von Arten. Jean Gebsers gesamter Fahrplan würde in eine winzige Nische desjenigen Bereichs passen, in dem sich Teilhards umfassender Überblick entfaltete.

Als Teilhards theologisches Meisterwerk gilt Der Mensch im Kosmos,[7] das 1957 posthum veröffentlicht wurde, nachdem sein Tod die vatikanische Zensur seiner umfangreichen kosmologischen Betrachtungen endgültig aufgehoben hatte. Das Buch erzählt ein wundervolles Geschichtspanorama des Universums aus theozentrischer Perspektive, die mit der Entstehung unseres Planeten vor etwa viereinhalb Milliarden Jahren beginnt und in einem theoretischen »Omega-Punkt« gipfelt, an dem alles, was ursprünglich als göttliche Möglichkeit ausgestoßen wurde, als vollendete Frucht göttlicher Liebe zurückkehrt. Auf dieser langen evolutionären Reise scheint der Weg letztlich von der unerbittlichen Anziehungskraft des Omega-Punktes selbst geleitet zu werden, doch die unzähligen Wendungen und Umwege sind dem gewaltigen Spiel dessen unterworfen, was Teilhard tâtonnement (Versuch und Irrtum) nannte. Im Grunde genommen wird fast alles, was geschehen kann, irgendwann geschehen. Der lange Verlauf der Evolution tendiert letztlich in Richtung Bewusstsein, behauptet Teilhard. Doch diese Reise entfaltet sich über einen gewaltigen geologischen Zeitraum vor dem Hintergrund von Gebirgsketten, die sich erheben und wieder zusammenfallen, ganzen Kontinenten, die im Erdinneren versinken, dramatischen Klimaveränderungen und periodischen Katastrophenereignissen (wie etwa Asteroideneinschlägen), die jeglichen scheinbaren Fortschritt auslöschen, manchmal für zehntausend Jahre. Aber dann erwacht der in dieser geplagten Erde verborgene Same und beginnt von Neuem zu wachsen und genau dort weiterzumachen, wo er aufgehört hat, und zwar mit noch größerer evolutionärer Kraft. Unter der zerklüfteten Oberfläche scheint Gott zwar deutlich, aber auf krummen Linien zu schreiben – und auf einer derart gewaltigen Zeitskala, auf der die menschliche Kausalität schlichtweg keine Gültigkeit mehr besitzt.

Aus der Perspektive Teilhards betrachtet, sehe ich mit düsterer Deutlichkeit, dass die Menschheit auf dem besten Weg zur Selbstauslöschung zu sein scheint, teils aufgrund ihres eigenen direkten Handelns, teils als Folge der unbeabsichtigten Destabilisierung ihres primären Lebensraums durch die ungezügelte Nutzung ihrer fortschrittlichsten evolutionären Merkmale. Kurz gesagt: Nach einer sehr langen Periode (von 12 000 Jahren) klimatischer Stabilität, in der wir uns ansiedeln und unseren menschlichen Weinberg bewirtschaften konnten, treten wir nun in die Phase einer Klimakavitation ein. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, wird dies letztendlich zur Zerstörung des schmalen Spektrums an Bedingungen führen, unter denen menschliches Leben möglich ist. Der Wandel ist bereits in vollem Gange, und auch wenn wir Menschen vielleicht nicht die alleinige Schuld tragen, so werden wir davon doch maßgeblich in Mitleidenschaft gezogen. Wer bin ich, um zu beurteilen, ob die Veränderungsrate bereits einen Kipppunkt überschritten hat und nunmehr unumkehrbar ist? Doch der Wandel vollzieht sich eindeutig vor unseren Augen: sichtbar nicht nur im Artensterben, sondern auch in der Destabilisierung fundamentaler Muster in der Geosphäre – Wind, Strömungen, Wärme, Gezeiten, atmosphärische Zusammensetzung. Ich lebe auf einer kleinen Insel im Ozean, und ich sehe es jeden Tag. Als Spezies, die nun rasant auf die Liste der bedrohten Arten zusteuert, legen wir eine hartnäckige Unfähigkeit an den Tag, uns der Situation zu stellen. Wir weigern uns schlichtweg – oder haben es noch nicht gelernt –, global zu denken.

Gemäß Teilhard liegt die Hauptursache für das Aussterben einer Art in deren Überspezialisierung: Sie entwickelt evolutionäre Anpassungen, die sie letztlich nur in einer winzigen ökologischen Nische überlebensfähig machen. Man denke nur an jene gewaltigen Geweihe der Elche, die Stoßzähne der Mastodonten, die Rüssel der Elefanten oder die langen Hälse der Giraffen – brillant angepasst an eine bestimmte Umgebung, aber eine enorme, letztendlich tödliche Überspezialisierung, sobald diese Umgebung wegfällt. Meiner Ansicht nach wäre die vergleichbare evolutionäre Schwachstelle des Menschen unser zunehmend überspezialisiertes Gehirn. Im langen Verlauf der Evolution hat das menschliche Gehirn außergewöhnliche, aber scheinbar ungezügelte Fähigkeiten entwickelt, die tiefsten Strukturen der Dinge zu durchdringen, technologische Lösungen für jedes selbstverschuldete Problem zu entwickeln und sich nun sogar selbst zu reproduzieren und durch eine völlig neue Stufe maschinell generierter KI-Simulakren zu ersetzen. Es entwickelt sich quasi direkt aus der Biosphäre heraus und bezieht sein gesamtes Lebenselixier aus dem, was Teilhard die Noosphäre nannte, dem »virtuellen« Lebensraum menschlicher Kultur und Intelligenz. Leider hat Teilhard möglicherweise nicht ausreichend betont, dass die Noosphäre für ihren Fortbestand auf die Biosphäre angewiesen ist.

Vor vielen Jahren war ich zutiefst erschüttert, als ich bei einem dieser populärwissenschaftlichen Autoren (Brian Swimme, Brian Greene oder Ilya Prigogine) las, dass das menschliche Leben nur in einem sehr engen Temperaturbereich von maximal zehn Grad möglich sei. »Offensichtlich falsch«, spottete ich damals und konterte sogleich mit all den wilden und wechselhaften Lebensräumen, in denen Menschen überlebt haben, von der Arktis bis zum Äquator. Doch dann begriff ich, dass dieser Autor nicht von der Außentemperatur sprach, sondern von der inneren Körperkerntemperatur, die unser Körper zum Überleben aufrechterhalten muss. Sinkt diese Kerntemperatur dauerhaft deutlich unter 34 Grad Celsius, erleiden wir Unterkühlung und sterben. Steigt sie über 39 Grad Celsius, wie bei Fieber oder Hitzewellen, sterben wir an Hitzeschlag. Und genau das erleben wir bereits: Jeden Sommer steigen die hitzebedingten Todesfälle weiter an, da immer heftigere Hitzewellen unseren Planeten immer länger im Griff haben. »Wen kümmert’s«, denken wir. Wir sitzen in unseren angenehm kühlen Häusern in Städten, deren Außenbereiche in diesen Sommermonaten bereits unbewohnbar geworden sind, und drehen die Klimaanlagen auf.

Ich werde diesen Wutanfall hier beenden; es besteht kein Grund, auch noch unsere Emotionen weiter anzuheizen. Aber ich sehe zu, und mein Herz erzittert und bricht. Erinnern Sie sich an den Darwin Award [/], jenen sarkastischen Negativpreis? Für mich ist der eindeutige Gewinner dieses Jahr unsere Umweltschutzbehörde EPA mit ihrer Entscheidung, bahnbrechende Umweltschutzmaßnahmen aufzuheben, die in den letzten dreißig Jahren durch einen noblen, parteiübergreifenden Einsatz hart erkämpft wurden, um zumindest zu versuchen, die starke Beschleunigung zu verlangsamen. Aber natürlich brauchen wir diese fossilen Brennstoffe, nicht wahr? Nämlich um mehr Strom zu erzeugen, um die Klimaanlagen zu betreiben, um der drückenden Hitze zu entkommen, für die die fossilen Brennstoffe maßgeblich verantwortlich sind… Das ist es, was es bedeutet, sich selbst durch Überspezialisierung aus dem Leben zu reißen.

Während ich das aus dieser Teilhard’schen riesigen zeitlichen Perspektive betrachte, steigt mein anfängliches Gefühl der Hoffnungslosigkeit wie das Wasser um meinen Hals. Es gibt nichts, was ich tun kann, absolut nichts, um mich auch nur im Geringsten den dunklen Mächten der menschlichen Gier, Kurzsichtigkeit und Dummheit entgegenzustellen, die sich jetzt aktiv am nahen Horizont versammeln, um dieses 350 000 Jahre alte Experiment mit den »dreihirnigen Wesen«[8] zu seinem kreischenden Mastodon-Stillstand zu bringen.

Und doch, trotz aller scheinbaren Sinnlosigkeit, birgt die Anwendung der Teilhard’schen Skala tatsächlich Hoffnung. In diesem Beitrag habe ich die Schattenseite der Dinge beleuchtet; im nächsten will ich versuchen, den roten Faden zu verfolgen, der sich durch ein anscheinend undurchdringliches Labyrinth schlängelt. Und ich möchte gleich vorwegnehmen, dass Hoffnung mit einem Wort zu tun hat, das sowohl Jean Gebser als auch Teilhard der Chardin immer wieder in den Vordergrund rückten: Mutation – eine biologische, evolutionäre Veränderung der Art und Weise, wie wir Menschen in unserer eigenen Haut leben. Selbst in meinen dunkelsten Momenten glaube ich, dass eine solche bereits im Gange ist und ihre Auswirkungen an unsere planetarischen Küsten schwappen werden, wenn wir nur durchhalten.

Die amerikanische Originalversion dieses Artikels sowie Kommentare dazu finden Sie hier… [/]

[7] Pierre Teilhard de Chardin: Der Mensch im Kosmos, München: C.H. Beck, 2018.

[8] G.I. Gurdjieff nennt die Menschen manchmal »dreihirnige Wesen«, womit er auf die drei »Gehirne« oder auch »Zentren« des Menschen anspielt, deren möglichst harmonische Entwicklung ein wichtiges Ziel des »Werks« sei: das »Denkzentrum«, das »Gefühlszentrum« und das »Bewegungszentrum«. Das Denkzentrum und das Gefühlszentrum entsprechen in etwa dem, was im heutigen Sprachgebrauch mit »Kopf« und »Herz« bezeichnet wird. Die beste Übersetzung für das Bewegungszentrum ist vielleicht »die Weisheit des Körpers«; es umfasst sowohl autonome oder instinktive Funktionen als auch Bewegungen, die aus eigenem Antrieb ausgeführt werden [A.d.Ü.].

21. Februar 2026
Auch wenn es mir das Herz bricht mitanzusehen, wie geliebte kulturelle Institutionen unter Beschuss stehen und geschätzte Instrumente guter Regierungsführung und der Weltordnung in aggressiver Weise sabotiert werden, mahnt mich Gebser zur Vorsicht…

»Sein Angesicht hart wie ein Kieselstein nach Jerusalem gerichtet...«

Wenn ich mir die gegenwärtige politische Szenerie durch die Brille von Jean Gebser betrachte, zwingt sich mir der Gedanke auf, der bestmögliche Einsatz meiner spirituellen Fähigkeiten könnte tatsächlich darin bestehen, einen großen Schritt vom kulturellen und politischen Schlachtfeld zurückzumachen und nicht zu viel von meinem verbliebenen Herzensfeuer zu verschwenden für die Triage eines Systems, das vielleicht verdienterweise gerade veraltet. Auch wenn es mir das Herz bricht mitanzusehen, wie geliebte kulturelle Institutionen unter Beschuss stehen und geschätzte Instrumente guter Regierungsführung und der Weltordnung in aggressiver Weise sabotiert werden, mahnt mich Gebser zur Vorsicht, zu einem tiefen Luftholen und zur Betrachtung des größeren Bildes. Manchmal müssen Dinge sterben, damit Neues geboren werden kann.

So ermahne ich mich selbst zur Demut. Was macht mich eigentlich derart sicher, ich wüsste, was in diesem Augenblick gebraucht wird, ich wüsste, welchen von Gurdjieffs drei Handlungssträngen (den bejahenden, den verneinenden oder den versöhnenden) ich wahrhaft ergreifen muss? Natürlich fühle ich mich sogleich zur Verneinung hingezogen, zum aufwallenden »Widerstand«, der sich spontan in den Herzen und Gemütern der amerikanischen Bürgerinnen und Bürgern erhebt, unser Gewissen elektrifiziert und unsere Entschlossenheit wieder anfacht. Und diesen Schwung will ich nicht behindern, sondern mich ihm anschließen. Was aber, wenn der Strang, an dem ich sinnvoller dienen kann, einer der beiden anderen ist?

Ich habe schon seit Längerem das Gefühl, dass meine vordringlichste Verantwortung darin liegt mitzuhelfen, den Boden zu bereiten, auf welchem der Paradigmenwechsel zunehmend an kritischer Geschwindigkeit gewinnt. Gebser selbst sah die Kulturkreativen seiner Zeit (die Künstler, die Intellektuellen und jene, die über den Tellerrand hinausdachten) als die wahren Anführer des aufgehenden Integralen. Doch er starb noch vor dem spirituellen Wiedererwachen der 1980er-Jahre und vor der massiven Transfusion von achtsamkeitsbasierten integrativen Anwendungspraktiken aus dem Osten in die westliche Kosmovision, sodass er die Kraft, die das spirituelle Lager nunmehr zum Erscheinen des Neuen beiträgt, vielleicht unterschätzt hätte. Ich selbst bin felsenfest überzeugt, dass die Vertreibung des tibetischen Buddhismus in den Westen als Folge der chinesischen Invasion Tibets im Jahr 1961 das Entstehen der Bewegungen des Gebets der Sammlung sowie der Christlichen Meditation innerhalb des christlichen Mainstreams und nun die wachsende öffentliche Anerkennung der Lehren Gurdjieffs mit ihrem wertvollen evolutionären Werkzeugkasten alles unverkennbare Anzeichen dafür sind, dass die integrale Bewusstseinsstruktur sich breit aussät unter die Scherben der zerfallenden mentalen Bewusstseinsstruktur. Vielleicht gilt es nun einfach abzuwarten, während wir mit unserer inneren Arbeit fortfahren.

Obschon Gebser nicht zu inneren (oder esoterischen) Paradigmen tendierte, lautet für mich eine recht naheliegende Schlussfolgerung, dass die neue Bewusstseinsstruktur aus Welt 24 und nicht aus Welt 48 hervorgehen wird.[4] Diese beiden Stationen auf Gurdjieffs Schöpfungsstrahl decken sich eng mit Gebsers Begriffen »integral und »mental«; die Wahrnehmungsqualitäten sowie der Umfang und die Art ihrer Wirksamkeit entsprechen sich praktisch eins zu eins. Und das kommt nach meinem Gefühl der Wahrheit sehr nahe, denn es ist auch der Bereich, in dem meine eigenen spirituellen Interessen und Erfahrungen am ehesten mit dem impliziten Anforderungsprofil übereinstimmen. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen, die sich ebenfalls mit Teilhard beschäftigen, wie Ilia Delio und John Haught [/] interpretieren dies so, dass das Neue aus der Zukunft kommen wird – also aus dem, was sich hier auf der Erde noch nicht in Fleisch und Blut manifestiert hat. Gebser würde sagen, es entspringt dem Ursprung, der Urquelle göttlicher Kreativität und Inspiration, die, wie er sagt, »allgegenwärtig« ist. Es liegt weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft, sondern in der Aktivierung eines menschlichen Bewusstseins, das fein genug ist, es wahrzunehmen.

Falls das stimmt, kann ich am besten helfen, indem ich dieses wachsende Bewusstsein nach besten Kräften pflege, während es sich in der Menschheit ausbreitet, und indem ich den Blick auf den Ursprung richte und die gegenwärtigen gesellschaftlichen Unruhen in den Hintergrund treten lasse. Ich weiß, dass die Qualität und die Wirksamkeit imaginativen Handelns (das heißt Handelns, das der Welt 24 entspringt) die Kapazitäten der mentalen Bewusstseinsstruktur, die noch immer die ältere, mechanische und lineare/kausale Energie nutzt, die Teilhard als »tangentiale« Energie bezeichnete, bei Weitem übersteigt. Sobald die neue Struktur vollständig wirksam wird, ist sie fähig zu spukhafter Fernwirkung (Einstein), zur spontanen Übertragung kraftvoller spiritueller Substanzen (wie Glaube, Liebe und Hoffnung),[5] zur Bildung imaginativer Netze und Ley-Linien, die den Planeten überspannen und sogar über das Grab hinausgehen, sowie zur direkten Herbeiführung logisch unmöglicher Synchronizitäten. All dies habe ich mit eigenen Augen gesehen und weiß darum, was Jesus meint, wenn er sagt: »Reißt diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn wiederaufbauen.« Er meint es ernst. Warum also nicht auf das schnellere Pferd setzen?

Aber eine solche Entscheidung – eher meinem Wissen zu folgen als meinen Wünschen – ist ein Wagnis, das mit einem gewissen Risiko und der Bereitschaft zu schmerzhaften Niederlagen einhergeht. Denn eine noch beunruhigendere Erkenntnis, die sich aus diesem Gebser’schen Ansatz ergibt, lautet, dass die Demokratie selbst aussterben könnte. Das Problem ist nicht nur das zunehmend korrupte Zweiparteiensystem, auf dem sie jetzt beruht, sondern auch die Möglichkeit, dass die Demokratie selbst untrennbar mit einer sterbenden Bewusstseinsstruktur verbunden sein könnte. Das sage ich nicht leichtfertig, doch die intellektuelle Ehrlichkeit verpflichtet mich, diesen Gedanken zumindest in Betracht zu ziehen. Es ist durchaus möglich, dass dieser auf dem Höhepunkt der Aufklärung, an der Hochwassermarke dessen, was Gebser das »hypertrophierte Ego« nennt, gegründete, geliebte amerikanische Dinosaurier den Sprung zur integralen Wahrnehmung einfach nicht schaffen kann. So edelmütig die Demokratie dem amerikanischen Volk in diesen zweieinhalb Jahrhunderten auch gedient hat, so mag sie doch unfähig sein, über ihre eigene Rumpfgeschwindigkeit hinauszukommen:[6] noch immer unfähig, vom Ganzen her zum Teil zu denken, ontologisch noch immer eine Ansammlung von »Staaten« und keine autopoietische Einheit, die zur Selbststabilisierung und Selbsterneuerung fähig wäre. Und falls dem so ist, bestünde der harte Weg der liebevollen Strenge vielleicht eben gerade nicht darin, voreilig einzugreifen und sie retten zu wollen, sondern beiseite zu treten und sie sterben zu lassen im Vertrauen darauf, dass die neue Bewusstseinsstruktur mit der Zeit eine neue Regierungsstruktur hervorbringen wird, die vollkommen synchron ist mit ihrer umfassenderen Wahrnehmungsweise.

Wie dem auch sei und so sehr es meinen ungestümen Willen auch schmerzen mag, die Gebser’sche Analyse scheint anzudeuten, dass die genau jetzt benötigten Eigenschaften mit Unparteilichkeit und stoischer Geduld zu tun haben könnten. Das verlangt von mir, die Begrenztheit meines eigenen Blickwinkels anzuerkennen. Einzugestehen, dass ich nicht weiß, wie weit es noch gehen muss, bevor Heilung wirklich beginnen kann. Ich weiß nicht einmal mit Sicherheit, was in mir die Stimme des Gewissens ist und nicht bloß Nostalgie und reflexartige Reaktivität. Ich weiß allerdings, dass meine Unparteilichkeit bisher bloß von vorläufiger Natur ist; ich kann mich aus der Enge meines eigenen Blickwinkels befreien, aber noch nicht durch ein direktes Sehen mit dem Auge des Herzens, sondern nur, indem ich mehrere Blickwinkel übereinanderlege, um zu versuchen, mir ein Gesamtbild zu verschaffen. Was in diesem Moment vielleicht am stärksten gefragt ist, ist genau diese stoische Geduld: zuzusehen, wie Dinge, die wir kannten und liebten, vor unseren Augen zerbrechen, ohne zurückzuschrecken oder wegzuschauen, sondern alles einfach in uns aufzunehmen wie in einer Meditation über einen ins Meer geworfenen Kieselstein und irgendwie durchzuhalten und mit gebrochenem Herzen Zeugnis abzulegen.

Die amerikanische Originalversion dieses Artikels sowie Kommentare dazu finden Sie hier… [/]

[4] Die Autorin bezieht sich hier auf die Bezeichnungen gemäß der systematischen Darstellung der Welten durch G.I. Gurdjieff, wonach »Welt 48« die Erde und unsere hiesige, sichtbare Welt darstellt und »Welt 24« die nächsthöhere, also das »Himmelreich« oder das »Reich des Imaginativen« [Anmerkung der Übersetzer].

[5] Wieso es sich hierbei in Wirklichkeit um »Substanzen« handelt, beschreibt die Autorin in mehreren ihrer Werke, unter anderem auch in ihrem neuesten Buch Kontemplativ handeln, Seiten 30–32 [A.d.Ü.]

[6] Als passionierte Seglerin bedient sich die Autorin hier eines in diesem Zusammenhang sehr interessanten Bildes aus der Seefahrersprache: »Als Rumpfgeschwindigkeit [hull speed] wird die Geschwindigkeit eines Schiffes bezeichnet, bei der die Wellenlänge der Bugwelle die wellenbildende Länge des Schiffes erreicht und infolgedessen der Strömungswiderstand stark ansteigt. Boote und Schiffe mit Verdrängerrümpfen können selbst mit erhöhter Leistung diese Geschwindigkeit kaum überschreiten. Mit steigender Geschwindigkeit eines Schiffes in Verdrängerfahrt wächst die Wellenlänge der Bugwelle. Wenn sich bei Erreichen der Rumpfgeschwindigkeit Bug- und Heckwelle konstruktiv überlagern, kommt das Heck des Schiffs in das daraus gebildete Wellental und sinkt ab. Damit wächst der zu überwindende Strömungswiderstand bei weiterer Geschwindigkeitserhöhung stark an« [Wikipedia] [A.d.Ü.].

20. Februar 2026
Wir verharren auf dem Scheitelpunkt eines sehr harten und schmerzhaften Übergangs zwischen zwei Bewusstseinsstrukturen. Die alte Ordnung gibt langsam nach, aber die neue ist noch alles andere als etabliert…

Die Sichtweise von Jean Gebser

Durch die Brille des Kulturphilosophen Jean Gebser (1905–1973) betrachtet, wird die Quelle unseres gegenwärtigen gesellschaftlichen Aufruhrs sogleich ersichtlich: Wir verharren auf dem Scheitelpunkt eines sehr harten und schmerzhaften Übergangs zwischen zwei Bewusstseinsstrukturen. Die alte Ordnung, die »mentale« Struktur, gibt langsam nach, aber die neue, die »integrale« Struktur, ist noch alles andere als etabliert. In der Zwischenzeit stecken wir im Geburtskanal fest.

Die mentale Bewusstseinsstruktur sitzt seit nunmehr über zweitausend Jahren im Sattel. Ihr relativ schnelles und breites Erscheinen als kulturell vorherrschende Kraft datiert auf etwa 500 vor Christus, in einer Epoche, die Karl Jaspers die »Achsenzeit« nannte,[2] und es lässt sich behaupten, dass die westliche Gesellschaft aus ihr hervorgegangen ist. Ihre Vorboten waren Pythagoras und Platon, ihre Richtschnüre Vernunft, strategisches Denken und eine wirkmächtige Vorstellung des Individuums. Ihr erstes goldenes Zeitalter war die Antike, ihr zweiter, noch weit beeindruckender Auftritt die europäische Aufklärung.

Der neu aufgehende Stern am Horizont des evolutionären Bewusstseins ist nun das Integrale. Jean Gebser nannte es so, weil sein deutlichstes Kennzeichen darin liegt, dass es nicht bloß eine weitere, mächtige Sprosse auf der Bewusstseinsleiter darstellt, sondern dass es all die vorausgegangenen Bewusstseinsstrukturen (die archaische, die magische, die mythische und die mentale) in einer tieferen »Geräumigkeit« integriert und harmonisiert, die all diesen Strukturen einen authentischen Raum bietet. Aus diesem Grund bestand Gebser darauf, sie »Strukturen« zu nennen und nicht »Stufen« des Bewusstseins. Sie transzendieren einander nicht, sondern existieren gleichzeitig wie die Flächen eines Prismas, von denen jede das ursprüngliche Licht mittels ihrer eigenen Gestalt und Individualität reflektiert.

Meine obenstehenden Zeilen sind wahrscheinlich die kürzest mögliche Zusammenfassung von Jean Gebsers 700-seitigem Meisterwerk Ursprung und Gegenwart aus den frühen 1950er-Jahren,[3] aus denen unter anderem Ken Wilber [/], Thomas Keating hinsichtlich der Conditio humana sowie zuletzt die Spiral-Dynamics-Entwicklungstheorie [/] geschöpft haben. Für unsere Zwecke mag diese Kurzfassung genügen, um uns die Tür aufzustoßen. Ich hoffe, Sie können erkennen, dass uns diese Sichtweise selbst in ihrer groben Skizzierung ein mächtiges Analysewerkzeug an die Hand gibt, um zur Wurzel dessen vorzustoßen, was den anscheinend systematischen Kollaps unserer politischen und kulturellen Institutionen antreibt. Und sie ebnet auch den Weg für einige ziemlich beunruhigende neue Ausblicke in die Richtung, in welcher der Ausweg aus unserer gegenwärtigen Sackgasse liegen könnte. Dazu mehr in meinem nächsten Artikel.

Wenn auch in gewisser Weise stärker verallgemeinernd und pessimistischer als die [in meinem letzten Beitrag beschriebene] historische Perspektive, birgt diese Sichtweise (zumindest für mich) eine gewisse grundsätzliche Erleichterung. Im genannten Beitrag sprach ich davon, dass die Entwicklung in ihrem Verlauf irgendwann vom Kurs abgekommen ist, weshalb nun eine schmerzhafte Korrektur ansteht. Doch durch die Gebser’sche Brille betrachtet, verschwindet die Notwendigkeit von »Schuldzuweisung« und »Korrektur«; im richtigen Maßstab gesehen, ist alles auf Kurs und entfaltet sich normal. Neue Bewusstseinsstrukturen stellen sich nicht einfach reibungslos ein; sie stoßen aneinander wie tektonische Platten, bis der Übergang abgeschlossen ist, was Jahrhunderte dauern kann. Wir müssen ein gewisses Maß an Durcheinander als Teil eines Prozesses akzeptieren, in dessen Verlauf wir Zeugen werden sowohl vom langsamen Zerfall der nachgebenden Bewusstseinsstruktur, die mit den Felsen ihrer eigenen endemischen Mängel aneckt, als auch eines gleichzeitigen chaotischen Interregnums, in welchem das Neue erkennbar in der Luft liegt, aber noch keiner so recht weiß, aus welcher Richtung der Wind weht.

Das passt ziemlich gut zu dem, was ich von meinem Schlafzimmerfenster aus sehe, wenn ich mir all das Chaos da draußen betrachte. Die meisten Kommentatoren auf beiden Seiten des politischen Spektrums stimmen im Allgemeinen darin überein, dass es bei dem Konflikt, der sich momentan in der Welt abspielt, um weit mehr geht als um einen Wettbewerb zwischen zwei politischen Lagern; es handelt sich um einen Kampf zweier Kosmovisionen, zweier ganz und gar unterschiedlicher Weisen, die Welt zu betrachten, die gemäß Gebser auf zwei deutlich verschiedenartigen Strukturen basieren, auf zwei unterschiedlichen Betriebssystemen der bewussten Wahrnehmung, wenn man so will.

Die eine Struktur sieht die Welt noch immer durch die ältere mentale Hardware, durch jenes Brillenmodell, das wir nunmehr seit zweieinhalbtausend Jahren nutzen und auf dem die westliche Zivilisation basiert: auf einer Substanzontologie (gemäß welcher »Dinge« wirklich existieren und unveränderliche Wesensqualitäten aufweisen); auf einer Wahrnehmung durch Unterscheidung; auf einer Vergegenständlichung sowohl des wahrgenommenen Objekts als auch des Wahrnehmenden; auf einem perspektivischen Denken (das nur innerhalb seines eigenen Wahrnehmungskegels sieht) sowie auf einer gewohnten Verlaufsrichtung der Kausalität (die das Ganze vom Teil her denkt und in der das Wir bloß ein in Großbuchstaben geschriebenes Ich ist).

Die andere Bewusstseinsstruktur beginnt – erst noch sehr zaghaft –, ihr neugefundenes integrales Vermögen zu zeigen: die Fähigkeit, Beziehung direkt zu begreifen und sie in ihrer Veränderung zu verstehen. Integral ist das, was es uns erlaubt, in den Begriffen von Bewegung innerhalb eines relationalen Feldes zu sehen und zu denken statt in denen von Transaktionen zwischen individuellen Entitäten. Die alte Weltsicht sieht ein Fahrrad als ein Objekt mit zwei Rädern, das an einem Fahrradständer angekettet dasteht. Die neue Weltsicht sieht ein Fahrrad als ein Ereignis in Raum und Zeit, auf dem wir mit Rückenwind einen Hügel hinabsausen in Begleitung unserer Freunde. Integral ist das, was es uns erlaubt zu verstehen – wirklich zu begreifen –, dass »kein Mensch eine Insel ist, gänzlich aus sich selbst« (John Donne). Integral ist das, was es uns erlaubt, das Teil vom Ganzen her zu denken und im Ganzen emergente Eigenschaften zu erkennen, die nicht auf das Teil zurückzuführen oder zu begrenzen sind. Integral ist eine vollkommen neue Art, in der Welt zu sein.

Aus dieser erweiterten evolutionären Perspektive betrachtet, ist fast alles, was uns momentan aus unserem verengten (und mental strukturierten) historischen Blickwinkel so erschreckend erscheint, genau auf Kurs. Auch die schlimmste Zersplitterung, die wir sehen – die Polarisierung, das Silodenken, die kognitive Dissonanz, der Verfall der Vernunft und das mangelnde gemeinsame Verständnis von gesellschaftlicher Wahrheit –, all dies geschieht, so sagte es Gebser voraus, wenn die mentale Bewusstseinsstruktur aufbricht. Es ist zutiefst schmerzhaft, dies zu beobachten, aber an sich kein Anzeichen dafür, dass der Prozess vom Kurs abgekommen wäre, sondern vielmehr dafür, dass die Evolution schnellen Schrittes vorankommt.

Was dies für uns bedeutet, will ich in meinem nächsten Beitrag ausführen. Abschließend will ich aber sagen: Bitte, bitte, hören Sie sehr genau hin bei dem, was ich hier sage, und machen Sie nicht jenen Gedankensprung, den ich hier explizit nicht mache. Ich sage ganz ausdrücklich nicht, dieser Zusammenprall der Bewusstseinsstrukturen verlaufe parallel zu unserer derzeitigen politischen Zerstrittenheit, wie sie in jenen geläufigen Karikaturen nach dem Motto »MAGA gegen Wokeness« eingefangen wird. Mit anderen Worten: Denken Sie nicht, der Wettkampf, der auf unserer politischen Bühne heute ausgetragen wird, sei ein Streit zwischen zwei Bewusstseinsstufen, in welchem die Wokeness den Staffelstab des neuen Bewusstseins trage. Ich sage laut und deutlich genau das Gegenteil. Wie mein weiser klösterlicher Mentor Bruder Bruno Barnhart [/] einst ironisch kommentierte: Der Fundamentalismus der Rechten und der Fundamentalismus der Linken sind beides Fundamentalismus; sie sind einfach nur die beiden Enden ein und desselben Stocks, der aus derselben Bewusstseinsstruktur stammt. Entgegen der gelegentlichen Meinung einer Pop-Spiritualität, ist Wokeness kein Vorbote eines neuen Bewusstseins, sondern einfach nur der letzte Krampfanfall der mentalen Bewusstseinsstruktur, die vorgibt, vom Ganzen her zu denken, während sie noch immer vom Teil her wahrnimmt. Kein Wunder, ist sie eine derart leicht entzündliche moralische Petarde. Am Ende des Tages werden beide Enden des Stocks mit diesem untergehen, wenn der neue Wind sich aus einer gänzlich anderen Richtung erheben wird.

Unsere wahre Aufgabe ist es, nach diesem Wetterumschwung Ausschau zu halten.

Die amerikanische Originalversion dieses Artikels sowie Kommentare dazu finden Sie hier… [/]

[2] Karl Jaspers: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, München und Zürich: R. Piper & Co., 1949.

[3] Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart, zwei Bände, Zürich: Chronos-Verlag, 2015.

16. Februar 2026
Die Tortur, die sich zurzeit auf unserer nationalen wie auch auf globaler Bildfläche abspielt, ist eindeutig ein massives Korrektiv oder eine Reaktion auf eine Entwicklung, die irgendwo schwer vom Kurs abgekommen ist…

Der (noch) nicht eingeschlagene Weg

Die Frage lautet nicht, ob ich auf das gehässige Böse, das unser Land zunehmend überflutet, antworten soll: auf dieses Übel, das ein ehrenwertes, uns zur Bewahrung anvertrautes Regierungssystem systematisch zerstört, dieses Übel, das Herz und Geist gesunder, anständiger Bürgerinnen und Bürger in einem Ausbruch kollektiver Psychose vergiftet, dieses Übel, das unseren Planeten über einen Kipppunkt hinaustreibt, jenseits dessen sein Vermögen, die menschliche Spezies zu erhalten, zunehmend ungewiss wird.

Nein, ganz sicher wird von mir eine Antwort verlangt – schon allein aus dem Grund, dass ich als praktizierende Christin und Kontemplationslehrerin darin den Kern dessen sehe, wozu das Johannesevangelium, wie ich glaube, uns auffordert, wenn es verkündet: »Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass Er Seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3.16). Wie Jesus, sind auch wir in diese Welt »hineingegeben« und sollen sie bezeugen, sie lieben und für sie Sorge tragen und sie, so gut wir es vermögen, mit wachsamen Augen bewahren.

So gehe ich vorsichtig weiter als Kollegen und Kolleginnen von mir sowohl aus dem kontemplativen als auch aus dem Gurdjieff-Lager, die mir im Prinzip dieselbe Angst zurückspiegeln: nämlich, dass ich, indem ich Stellung beziehe, meine Unparteilichkeit aufs Spiel setze. Ich schwebe nicht länger über dem ganzen Aufruhr, sondern riskiere, von ihm eingesaugt und Teil des Problems statt Teil der Lösung zu werden.

Doch Jesus selbst bezog Stellung, als er die Geldwechsler aus dem Tempel warf und die Pharisäer verspottete, womit er tatsächlich sein politisches Schicksal besiegelte. Und Gurdjieff ging ein immenses Risiko ein, als er in den dunkelsten Tagen des Zweiten Weltkriegs im besetzten Paris beschloss, versteckt auszuharren und seinen Nachbarn Essen und Trost zu spenden und einer Schmerzen leidenden Welt eine imaginative Transfusion von Liebe zu verabreichen, getragen von der inneren Arbeit mit seinen fortgeschrittensten Schülerinnen und Schülern. Wenn Unparteilichkeit gegen Gewissen ausgespielt werden soll, gewinnt in meinen Büchern das Gewissen stets mit leichter Hand; als eine unmittelbare Spiegelung des Herzens weist es auf die höhere Entschlossenheit.

Also, nein: Es abzulehnen, mich zu engagieren, ist keine Option für mich. Die wirkliche Frage lautet: Wie soll ich mich engagieren? Auf welcher Ebene und in welchem Interpretationsrahmen können meine besondere Stellung und mein spirituelles Vermögen mit größtmöglicher Wirkung dienen? Und an genau dieser Frage scheint sich der Weisheitspfad zu gabeln und mir nicht bloß zwei, sondern drei gangbare Optionen anzubieten, die ich mit Ihnen in diesem und den nächsten Beiträgen durchdenken möchte.

Die Tortur, die sich zurzeit auf unserer nationalen wie auch auf globaler Bildfläche abspielt, ist eindeutig ein massives Korrektiv oder eine Reaktion auf eine Entwicklung, die irgendwo schwer vom Kurs abgekommen ist. Doch auf welcher Zeitachse spielt sich das Ganze ab und wozu dient es? Es ist dieses Wozu, das mich schachmatt setzt und mich grübeln lässt. Dabei kommen meine Gedanken relativ schnell auf drei Interpretationsbrillen oder -konzepte, von denen jedes seine eigene Analyse des gegenwärtigen Dilemmas und seine eigene optimale Antwort bietet. Ich nenne die drei »historische Zeit«, »Gebser’sche Zeit« und »Teilhard’sche Zeit«.

Die historische Zeit denkt in Jahrzehnten, bestenfalls Jahrhunderten. Die Gebser’sche Zeit denkt in den Begriffen von »Bewusstseinsstrukturen«, die in etwa den Kulturepochen entsprechen oder, in anderen Worten, Jahrtausenden. Die Teilhard’sche Zeit denkt in den Dimensionen von geologischer Zeit, also in Zehntausenden und sogar Millionen von Jahren. Diese drei Betrachtungsweisen oder Konzepte bieten sehr unterschiedliche Ansätze bezüglich der Frage, wann und wo die Kursabweichung ursprünglich auftrat und was eine entsprechende Kurskorrektur verlangt.

Sicherlich ist die historische Zeit jene Brille, durch welche die meisten von uns die heutige politische Situation betrachten. Für den Großteil der Gebildeten in der westlichen Welt, ist sie das einzig denkbare Konzept. Zurzeit blicken wir Amerikaner auf die Gründung unserer Demokratie zurück, deren 250. Geburtstag wir in weniger als sechs Monaten entweder feiern oder »feiern« werden. Wir erinnern uns, dass unser Land während des Hochwasserstands der europäischen Aufklärung im achtzehnten Jahrhundert gegründet wurde, und zwar auf den Prinzipien von individueller Freiheit, Gleichheit und Menschenrechten, womit es der menschlichen Entwicklungskurve erkennbar noch ziemlich weit voraus war. Zweieinhalb Jahrhunderte lang haben es unsere Vorfahren mit einem Mut und einem Gewissen, die den unseren offensichtlich überlegen waren, brillant zur Geltung gebracht und leidenschaftlich verteidigt. Historiker und Historikerinnen wie Heather Cox Richardson [/] suchen nach den Wurzeln der gegenwärtigen Unzufriedenheit in unserem herrlichen Weinberg und finden sie in Bezugsgrößen wie dem Populismus, der Bürgerrechtsbewegung, dem Säkularismus und der Wokeness. Sie beschreiben, wie diese Saat in einer Art »höherem« Einverständnis geschickt verwoben wurde mittels der Kette aus populistischem Gedankengut und dem Schuss aus oligarchischer Gier, in deren Verkörperung Donald Trump als Hohepriester des goldenen Kalbs erscheint.

Im Rahmen dieses Konzepts oder mit dieser Brille betrachtet, sehe ich genauso wie die meisten meiner liberal und progressiv eingestellten Kolleginnen und Kollegen, dass eine wertgeschätzte Regierungsform unter Dauerbeschuss steht vonseiten einer bösartigen Kollusion von Gier, Größenwahn und Verschlagenheit. Meine Aufgabe ist es, dies zu artikulieren und das Bedrohte zu verteidigen – also »den Mächtigen die Wahrheit zu sagen«, um die Worte meiner quäkerischen Vorfahren zu verwenden, die ein Engagement genauso wenig scheuten wie Jesus. Auch ich werde meine »Kanzel« dazu nutzen, unablässig zur Entscheidung aufzurufen und immer wieder an jene Lehren des Evangeliums zu erinnern über die Liebe und die Aufnahme des Fremden, die Barmherzigkeit und die Gerechtigkeit – auch wenn ich damit mein Wohlergehen und meine persönliche Sicherheit gefährden oder in Schwierigkeiten geraten sollte mit den Vorstellungen anderer Leute darüber, wie ein kontemplativer Mensch zu sein habe, ja sogar, wenn ich damit mein eigenes Leben riskiere. Das ist der Weg, den ich gewiesen sehe und so sehr bewundere in Menschen wie Papst Leo XIV., der Bischöfin von Washington, Mariann Budde [/], dem Bischof von New Hampshire, Robert Hirschfield [/], oder meinem eigenen Bischof hier in Maine, Thomas Brown: jenen, die die Kirche unbeirrbar und nachdrücklich daran erinnern, dass wahre Jüngerschaft etwas kostet. Und diesen Weg des Engagements würde auch ich selbst fraglos einschlagen, wären da nicht noch jene anderen beiden obengenannten Zeitvorstellungen, die mir durch den Kopf gehen, während meine Füße in ihre Galoschen schlüpfen…

Bleiben Sie dran! Mein nächster Artikel folgt demnächst.

Die amerikanische Originalversion dieses Artikels sowie Kommentare dazu finden Sie hier… [/]

28. Januar 2026
Unser Land wird von einer Person regiert, deren Verhaltensmuster mehr als deutlich übereinstimmen mit einer volatilen, gefährlichen, manisch überdrehten Geisteskrankheit und die staatlichen Institutionen traumatisch an sich bindet…

Nennen wir das Kind beim Namen

… und lassen wir das Bild des Verrückten hinter uns

Ich gestehe gerne, dass ich keine professionelle Psychologin bin, doch in meiner Rolle als spirituelle Lehrerin habe ich so einiges an psychischen Abnormitäten gesehen und musste des Öfteren schwierige Entscheidungen treffen, um meine persönliche Sicherheit oder das Wohlergehen der Gemeinschaft von Weisheitssuchenden, der ich diene, zu gewährleisten. Die bei Weitem kniffligsten Situationen waren meine gelegentlichen Begegnungen mit Persönlichkeitsstörungen des sogenannten »Cluster-B-Typs«,[1] vor allem den noch nicht diagnostizierten, welche deren Mehrzahl sind. Aufgrund einer besonders zerstörerischen derartigen Begegnung begann ich vor mehreren Jahren erstmals mich eingehender damit auseinanderzusetzen, wie jemand die Welt sieht, der – schleichend, hartnäckig und zwanghaft – durch eine solcherart zerbrochene Brille schaut.

Wie ich in der Folge herausfand, liegt ein Teil der versteckten Toxizität der Beziehungen von Menschen mit Cluster-B-Störungen in der andauernden kognitiven Dissonanz, die entsteht unter dem fortgesetzten Einfluss ihrer zutiefst verworrenen und verdrehten Logik: einem Kennzeichen dieses besonderen Gebiets der Psychopathologie. Übliche Wort-bedeutungen und die logische Kausalität werden von ihnen auf den Kopf gestellt, und man tappt wie in einem Spiegelkabinett umher, in welchem alle Versuche, mit ihnen zu reden, sie zu verstehen und ihnen nachzugeben, einem als armselige Schwäche ausgelegt werden und ihr angeschwollenes Ego nur noch mehr in Wallung bringen. Unterm Strich kann man einem unbehandelten Cluster-B-Fall nicht mit Vernunft, Empathie oder Verhandlung beikommen.

Wenn ich meinen schwierigen ersten Erfahrungen diesbezüglich etwas Hilfreiches abgewinnen konnte, dann sind es einige sehr harte Lektionen in Psychopathologie, denen die meisten von uns allzu ungläubig gegenüberstehen. Nun, da wir in unserem Land und in der Welt gerade ähnliche unheimliche erste Erfahrungen machen und die täglichen Nachrichten sich lesen wie ein Déjà-vu in Großbuchstaben, erkenne ich, dass diese Lektionen, so schmerzlich sie auch waren, mich gut darauf vorbereitet haben, der Bestie unerschrocken in die Augen zu schauen und sie beim Namen zu nennen.

Auch wenn Donald Trumps erratische Verlaufskurve moralisch unbegreiflich sein mag, so ist sie meiner Ansicht nach klinisch voraussagbar. Eine »narzisstische Persönlichkeits-störung« ist in diesem Fall keine literarische Metapher, sondern ein klinisches pathologisches Symptom mit antizipierbaren Verhaltensmustern, von denen unser Präsident alle beispielhaft verkörpert. Während sich die Cluster-B-Symptomatiken (narzisstische, Borderline-, anti-soziale und histrionische Persönlichkeitsstörungen) nur schwer zwischen Neurose und Psychose abgrenzen lassen, schlage ich im Sinne einer laienhaften Faustregel vor: Eine Neurose ist eine psychologisch dysfunktionale Antwort oder Reaktion auf eine tatsächliche Wirklichkeit; eine Psychose ist eine logisch angemessene Antwort oder Reaktion auf eine gestörte Wirklichkeit (das heißt auf ein Wahngebilde des Geistes oder der Gefühlswelt der gestörten Person). Diese Unterscheidung ist essenziell. Wenn Donald Trump behauptet, er habe persönlich mehr als acht Kriege verhindert, oder darauf besteht, er sei bei den Wahlen 2020 betrogen worden, dann lügt er nicht, denn so nimmt er die Situation tatsächlich wahr. Seine Reaktionen – Wut, Vergeltung, Rache und verbrannte Erde – mögen emotional primitiv sein, sie sind jedoch aus seinem Gefühl, beleidigt und betrogen worden zu sein, heraus dennoch logisch konsistent. Wenn wir aufhören vorzugeben, wir seien entsetzt und geschockt, und anfangen, die Welt aus seiner eigenen, der Trump’schen Logik zu betrachten, werden seine nächsten Züge auf tragische Weise vorhersehbar.

Das Zweite, was wir mit einkalkulieren müssen, wenn wir es mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen zu tun haben (und was der antike Narziss-Mythos leider nicht genug verdeutlicht), ist, dass die Störung nicht wirklich aus Prahlerei – einem übersteigerten Selbstwertgefühl – entsteht, sondern vielmehr aus einem bodenlosen Abgrund von Selbsthass und Schamgefühl. Die Leerstelle im Zentrum des Selbstgefühls kann niemals gefüllt werden und die groteske Zurschaustellung von persönlicher Macht und Dominanz ist nichts anderes als der verzweifelte Versuch, die erodierende innere Burg zu stützen und von der Außenwelt etwas zu erpressen, das in Wahrheit nur aus dem Inneren heraus zu erlangen ist. Es ist ein zum Scheitern verurteiltes Verhaltensmuster, und wenn es beschwichtigt statt konfrontiert wird, tendiert es zu manischer Eskalation und erzeugt das, was die Sozialwissenschaften »positive Rückkopplung« oder »Mitkopplung« nennen – die nicht förderlich ist, sondern sich selbst verstärkt und schnell außer Kontrolle gerät.

Ich habe liberale Politiker und Kommentatoren mehr als satt, die händeringend lamentieren: »Wann werden wir diesen Verrückten wieder los?« »Verrückter« oder »Wahnsinniger« sind viel zu romantische und zu ungenaue Begriffe; sie beschwören all die Fälle herauf von Kapitän Ahab und Othello bis zu Machiavelli, den Gebrüdern Wright und Charles Linbergh, die gewagtere Träume hegten und an eine größere Wirklichkeit glaubten. Es besteht ein riesiger Unterschied zwischen dem visionären Träumer als kalt berechnendem, aber »gesundem« Bösewicht und einem Geisteskranken mit einer unbehandelten Cluster-B-Persönlichkeitsstörung. Und heute hängt das Schicksal unserer Welt davon ab, dass wir diesen Unterschied kennen und bereit sind, entsprechend zu handeln.

Nein, unser Land wird nicht von einem »Verrückten« regiert. Es wird regiert von einer Person, deren Verhaltensmuster mehr als deutlich übereinstimmen mit einer volatilen, gefährlichen und nun manisch völlig überdrehten Geisteskrankheit. Und wenn dem so ist, dann verläuft seine wahrscheinliche zukünftige Entwicklung, so logisch erratisch und moralisch unverständlich sie auch sein mag, dennoch klinisch vorhersagbar: Das pathologische Symptom wird sich verstärken, während er verzweifelt nach mehr und mehr äußerlicher Anerkennung und Macht strebt auf seinem Weg zur innerlichen Implosion.

Unstrittig ist, dass wir es hierbei mit einer Situation zu tun haben, in der wir uns berechtigterweise auf den 25. Zusatzartikel unserer Verfassung berufen könnten – und es schon längst hätten tun sollen. Hätte der Mann einen Herz- oder einen Schlaganfall erlitten, hätte man ihn notfallmäßig ins Krankenhaus geflogen, wäre die Entscheidung leichtgefallen; eine körperliche Arbeitsunfähigkeit wäre klar und offensichtlich. Aber geistige Unfähigkeit ist noch immer eine vage Angelegenheit, ganz besonders wenn sie vermengt ist mit jener weiteren, gut dokumentierten Konsequenz eines längeren Einflusses von Cluster-B-Persönlichkeitstoxizität: traumatischer Bindung. In einer Verkehrung jeglicher anerkannten Logik fixiert sich das Opfer, anstatt um sein Leben zu rennen, traumatisch auf den Täter und kehrt zwanghaft zu ihm zurück in der vergeblichen Hoffnung, ihm jenes gemeinsame Verständnis oder Einvernehmen abzuringen, das eine Cluster-B-Person niemals leisten kann.

Mit einem Regierungskabinett, einer Republikanischen Partei und nun erbärmlicher Weise auch einem Obersten Gerichtshof, die traumatisch an ihren toxisch gestörten Führer gebunden sind, ist es schwierig zu sagen, woher Hilfe noch kommen soll. Welche dieser ordnungsgemäß zuständigen Instanzen wird endlich den moralischen Schneid aufbringen und die ihnen verfassungsgemäß übertragene Verantwortung wahrnehmen, dieser aus dem Ruder laufenden Horrorshow den Stecker zu ziehen? Ich halte nicht den Atem an. So läuft es nicht bei traumatischer Bindung.

In der Zwischenzeit, während wir alle kollektiv warten auf Godot, könnten wir zumindest aufhören, unsere Lage zu romantisieren und in theatralischem Gejammer die Hände zu ringen. Wir könnten anfangen, die Situation klar und deutlich beim Namen zu nennen: Das ist nicht irgendeine moderne shakespearesche Tragödie, sondern der tragische Fall einer ganzen Nation, die gefangen gehalten wird in einer kollektiven traumatischen Bindung rund um eine toxisch gestörte Person. Die Lähmung, die unsere theoretisch unangreifbaren Regierungs-strukturen übermannt hat, ist keine verrückte moralische Anomalie, sondern der übliche, ja sogar normative psychologische Ausgang solcher Situationen, außergewöhnlich bloß in seinem Maßstab, nicht in seiner grundlegenden Konfiguration. Auch wenn sie sich noch so klinisch anhören mag, liefert eine realistische psychologische Beurteilung dessen, womit wir es hier zu tun haben, zumindest ein paar quantifizierbare Kennzeichen und weist den Weg in Richtung sofortiger wie auch längerfristiger angemessener Heilungsstrategien. Wenn wir gegen unseren bedauernswerten Zustand ernsthaft angehen wollen, sollten wir weniger zu Shakespeare und Sophokles greifen als zu einer aktuellen Ausgabe des DSM.

Die amerikanische Originalversion dieses Artikels sowie Kommentare dazu finden Sie hier… [/]

[1] Gemäß dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), dem »Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen«, umfasst das Cluster B antisoziale, Borderline-, histrionische und narzisstische Persönlichkeitsstörungen, bei denen das Verhalten des Betroffenen als dramatisch, sprunghaft und bedrohlich oder störend beschrieben werden kann [Anmerkung der Übersetzer].

Alle Texte © Cynthia Bourgeault 2026
Deutsche Übersetzungen © Chalice Verlag 2026

Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis der Autorin

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