Titelseite
------------------------
Theorie
Praxis
Menschen
Kunst

Titelseite
--------------------------------------------------
Theorie | Praxis | Menschen | Kunst

Titelseite
-------------------------
Theorie | Praxis | Menschen | Kunst

Dschalal ad-Din Rumi | Otto Höschle

Neue Versübersetzung von Rumis Masnawi aus dem Persischen

Rumi: Masnawi Manuskript

Masnawi-Manuskript von 1490, Konya, Türkei. Wikimedia Commons

Ausschnitte aus Dschalal ad-Din Rumi: Masnawi – Gesamtausgabe in zwei Bänden, aus dem Persischen von Otto Höschle.

Cynthia Bourgeault: Jesus: Meister der Weisheit

Der Tod des bedeutenden Dichters und Sufi-Hei­ligen Dscha­lal ad-Din Rumi jährt sich 2023 zum siebenhundertfünfzigsten Mal. Grund genug, sein Hauptwerk, das große sufische Lehr­­gedicht Masnawi-yi Ma‘nawi, endlich integral in deutschen Versen vorzulegen. Ein Auszug aus dem Vorwort und der neuen Übersetzung von Otto Höschle

ie sechs Bücher des Masnawi [auch: Mathnawi, Masnavi oder Mesnevi] enthalten insgesamt etwa 25000 Doppelverse. Das allein, aber auch der verwirrend vielfältige Aufbau, lässt die Schwierigkeit erahnen, die »wahre Wirklichkeit«, also die ma‘ani, in Worte zu fassen. Rumi erinnert uns immer wieder daran, dass dieses Unterfangen der Quadratur des Kreises gleichkomme, denn nicht nur die diesseitige Welt, sondern auch die Sprache, die sie spiegelt, ist letztlich unwirklich. Wie sollten da Worte fähig sein, der wahren Wirklichkeit näherzukommen? Rumi sagt mehrmals, auch wenn er seine Rede bis zum Jüngsten Tag fortsetzen würde, käme er doch nie an ein Ende. Seine Skepsis gegenüber den Namen der Dinge und Wesen drückt er zum Beispiel so aus:

Verlass die Namen, schau auf Eigenschaften,
damit sie dir den Weg zum Wesen weisen. II 3679

Dies Einssein und Getrenntsein ist nicht sagbar,
Worte sind schwach und nur als Gleichnis tragbar. III 1940

Ein unablässiges Umkreisen der Wahrheit in Metaphern, Vergleichen und Allegorien, in Anekdoten und Erzählungen, Fabeln und Gleichnissen.

Wo für andere Mystiker die Konsequenz aus dieser Skepsis das Schweigen ist, halten sich die Sufi-Dichter an die Fülle der poetischen Sprache, stets im Bewusstsein, dass die Letzten Dinge nicht sagbar sind. Nur ein Mittel gibt es für sie: das unablässige Umkreisen der Wahrheit in Metaphern, Vergleichen und Allegorien, in Anekdoten und Erzählungen, Fabeln und Gleichnissen. Rumi bedient sich zur Veranschaulichung seiner Botschaft, die bei aller Vielfalt doch nur auf das Eine Gött­liche abzielt, des gesamten damals in seinem Kulturkreis bekannten Schatzes an Geschichten und Wissensinhalten, ob weltlich oder sakral. Oft greift er auf Hadithe zurück, Überlieferungen von Worten Mohammeds, und auf den Koran, diese zwei zentralen Texte des Islams, die er immer wieder auf Arabisch zitiert. Im Koran sind es vor allem die Erzählungen über die Propheten von Adam über Moses und Jesus bis hin zu Mohammed. Was uns der Koran über sie vermittelt, schmückt er in oft dramatischen Szenen aus, zeigt sie als vorbildhafte, von Gott erfüllte Lichtgestalten. Auch die vier Recht­geleiteten Kalifen und die späteren Sufi-Heiligen werden den Suchenden als Vorbilder geschildert.

Eine weitere Quelle epischen Reichtums sind die volkstümlichen Legenden und Anekdoten, die in ihrer sinnlichen, oft deftigen Art einen erheiternden Gegensatz bilden zu den Hei­ligen-und-Prophetenlegenden. Bereichernd wirken auch die zahlreichen Tierfabeln, die Rumi einstreut, und die seinem Publikum vor allem dann bekannt sind, wenn er auf die ursprün­glich indische Fabelsammlung Kalila und Dimna [/] zurückgreift. Kaum eine Tierart, der nicht die Ehre zukäme, im Mas­nawi aufzutauchen, sei es die Fliege, die sich in der Jau­che­pfütze auf einem Strohhalm als Kapitän fühlt und die Pfütze für das Weltmeer hält, sei es der Hund, der der Tür­schwelle seines Wohltäters untreu und deshalb von den anderen Hunden getadelt wird. Kaum ein Tier, das nicht denkt und spricht, und jedes trägt dazu bei, die Botschaft Ru­mis unterhaltsam zu veranschaulichen.

So schwierig es oft ist, die Kernbotschaft aus dem Erzählten herauszuspüren, so sehr ist Rumi bemüht, uns Brücken zu bauen, indem er Erklärungen nachliefert, sie in die Geschich­ten einbaut oder diese unterbricht, um irgendwann wieder auf sie zurückzukommen, wobei er nicht selten Binnengeschich­ten einfügt und so die Spannung auf die Fortsetzung der Hauptgeschichte erhöht. Doch selbst die abstraktesten Erklä­rungen, die er aus Philosophie, Theologie, Naturkunde, Medizin, Astrologie und Alchimie bezieht, sind durchwirkt von Metaphern und Wortspielen.

Dies alles macht die Struktur des Poems höchst komplex, und der Versuch mancher Übersetzungen, mit größeren und kleineren Kapitelüberschriften mehr Übersicht zu schaffen, ist im Grunde vergebene Mühe. Ein Stichwort in seinen Erläute­rungen genügt oft, ihn auf eine andere, völlig unerwartete Geschichte oder Thematik zu bringen. So ist es vor allem seine spontan assoziative Arbeitsweise, die ihn uns als Autor näherbringt. Ein Umstand übrigens, der noch verstärkt wird durch seine häufigen Anreden an ein Gegenüber. Einmal ist es sein hochverehrter Schüler Husameddin, den er zum Beispiel als »Fürst« oder »Schah«, einmal ein Neuling, den er als »mein Junge« anspricht, und zuweilen irgendein Sünder, dem er die Hölle prophezeit, falls er nicht umkehrt. Im letzteren Fall spricht er wohl uns alle an.

Mit der Klage über diese menschliche Grundbedingtheit beginnt das Lehr­ge­dicht: Die Rohrflöte, die ney, klagt ihr Leid über die Tren­nung vom heimatlichen Röhricht. Die Klage über die Gottferne, die Getrenntheit vom Geliebten, wird mit der Trennung zweier liebender Menschen verglichen: Madschnun, der Laila liebt, wird verrückt, und solche Verrücktheit ist denn auch eine der Stationen auf dem Weg des Gottsuchers.

Das Lehrgedicht als solches besteht aber nicht nur darin, die letzte Wirklichkeit, die unaussprechlich ist, mit Sprache zu umkreisen. Der Mensch findet nämlich nicht zu Gott, indem er nur über Gesagtes nachdenkt und dieses mit dem Kopf begreift. Er muss sein Leben ändern, sich im Diesseits ganz aufs Jenseits ausrichten und den ethischen Grundsätzen des Islams Folge leisten, um so alles Materielle dem Seelischen unterzuordnen und dem Herzen den Vorzug zu geben vor dem Ver­stand, so wichtig dieser auch sein mag. Was zuweilen wie ein Aufruf zur Askese klingt, ist zugleich einer zum spirituellen Genuss, der sich erst durch die Überwindung des bloß leiblichen Genusses einstellt. Die triebhafte Lust muss zugunsten der geistig-seelischen Lust der Gotteshingabe verlassen werden, sonst ist jede Gottsuche, die ja zugleich Selbstsuche ist, vergeblich.

Denn Gott ist fern, der Weg zu Ihm ist lang. Mit der Klage über diese menschliche Grundbedingtheit beginnt das Lehr­ge­dicht: Die Rohrflöte, die ney, klagt ihr Leid über die Tren­nung vom heimatlichen Röhricht. Die Klage über die Gottferne, die Getrenntheit vom Geliebten, wird mit der Trennung zweier liebender Menschen verglichen: Madschnun, der Laila liebt, wird verrückt, und solche Verrücktheit ist denn auch eine der Stationen auf dem Weg des Gottsuchers. Ein mühsamer, komplexer Pfad: Liebe, Trennungsklage, Askese, Verzweiflung, Irre­werden, Hingabe und schließlich Berauschtheit und Einswerden, die Verschmelzung also des Liebenden mit dem Ge­liebten unter der völligen Aufgabe des Ichs, wobei Liebe meist auf verschiedenen Ebenen zugleich gemeint ist: die Liebe zur Geliebten, die zum Meister, die zum Freund – in Rumis Leben Schamseddin – und die zum Freund schlecht­hin, nämlich zu Gott. Dass diese Ebenen sprachlich nicht immer klar unterscheidbar sind, hängt auch mit der persischen Sprache zusammen, die ohne grammatikalisches Geschlecht auskommt. Doch gerade solche Vieldeutigkeiten tragen dazu bei, Rumis Dichtung ihren besonderen poetischen Reiz zu ver­leihen.

 

Leseproben aus Buch I–III

Zum Öffnen und Schließen der Texte bitte auf die Titel klicken

Die Klage der Rohrflöte

Hör zu, wie dieses Schilfrohr sich beklagt,
wie es von seinem Trennungsschmerz erzählt:

»Seit man mich abgeschnitten hat vom Röhricht,
klagt Mann und Frau in meinen Flötentönen.

Ein Herz, zertrümmert von der Trennung, wünsch ich,
damit ich ihm vom Sehnsuchtsschmerz berichte.

Wer immer fern von seinem Ursprung weilt,
sucht nach der Zeit, da er mit ihm noch Eins war.

In alle Kreise trug ich schon mein Klagen,     I 5
gesellte mich zu Gut- und Schlechtgestellten;

ein jeder wähnte gleich, mein Freund zu sein,
und suchte nicht in mir drin mein Geheimnis.

Und dieses ist nicht fern von meinem Klagen,
doch Aug und Ohr fehlt es an der Erleuchtung;

Seele und Körper trennen keine Schleier,
doch keiner darf die Seele jemals schauen.«

Der Flöte Klang ist Feuer und nicht Atem.
Wer es nicht hat, dies Feuer, schleich sich fort!

Der Liebe Feuer lodert in der Flöte,     10
der Liebe Gären brodelt in dem Wein.

Wer fern vom Freund ist, ist der Freund der Flöte,
ihr Lied riss uns die Schleier stets entzwei.

Wer sah ein Gift und Gegengift wie sie?
Wer einen sehnsuchtsvollen Freund wie sie?

Von Straßen voller Blut erzählt sie uns
und von dem Liebeswahnsinn des Madschnun. [1]

Nur wer von Sinnen, weiß um diesen Sinn,
die Zunge hat als Kunden nur die Ohren.

In unserm Kummer werden lang die Tage,     15
sie gehn mit heißem Schmerz im gleichen Schritt.

Vergehn die Tage, sag: »Geht fort, was schert’s mich!
Du aber bleib, Du bist so rein wie keiner!«

Jeden ertränkt Sein Wasser, nur den Fisch nicht;
dem sind die Tage lang, dem’s täglich Brot fehlt.

Der Rohe kann den Reifen nicht verstehen,
deshalb sei meine Rede kurz. – Salam!

Zerreiß die Sklavenketten, Sohn, sei frei!
Wie lang bleibst du von Gold und Silber Sklave?

Wenn du das Meer in einen Krug eingießt,     20
wie lang wohl reicht es? Höchstens einen Tag!

Der Krug des durstigen Auges wird nie voll,
die Auster, voll von Perlen, wird nie satt.

Nur wer so liebt, dass sein Gewand zerfetzt ist,
wird frei von aller Gier und allen Lastern.

Freu dich, oh Liebe, unser süßes Leiden!
Du Ärztin aller unsrer Bitternis,

Arznei, du, unsres Hochmuts, unsres Dünkels,
du bist uns Platon und du bist uns Galen!

Durch Liebe flog der Leib aus Lehm zum Himmel,     25
der Berg begann zu tanzen und zu hüpfen.

Ins Herz des Sinai-Berges floss die Liebe;
er war berauscht und Moses fiel zu Boden. [2]

Wär ich mit meines Freundes Lippen eins,
sagt ich, was mich bewegt, so wie die Flöte.

Wer von den Sprachgenossen abgeschnitten,
ist auch mit hundert Stimmen ohne Sprache.

Ist erst die Rose fort und leer der Garten,
hörst du der Nachtigall Geschichte nicht. [3]

Wie der Geliebte alles ist und lebt,     30
ist, der ihn liebt, ein Schleier nur und tot.

Wenn sich die Liebe nicht mehr sorgt um ihn,
ist er ein Vogel, der nicht fliegen kann.

Wie nur begreife ich, was mich umgibt,
wenn nicht das Licht des Freundes mich umgibt?

Die Liebe will, dass dieses Wort gesagt wird:
Ein Spiegel, der nicht spiegelt, ist kein Spiegel.

Warum nur spiegelt denn dein Spiegel nicht?
Vom Grünspan ist nicht frei sein Angesicht!

[1] Anspielung auf »Laila und Madschnun«, die berühmteste Liebes­geschichte der persischen Kultur. Bekannteste literarische Umsetzung ist das gleichnamige Versepos von Nezami (12. Jahrhundert). Vgl. Vers I 407 ff.

[2] Koran 7:143 – Gott lässt den Sinai-Berg einstürzen, als Zeichen für Moses, dass er Ihn nicht von Angesicht zu Angesicht sehen kann.

[3] Nachtigall und Rose stehen in der persischen Dichtung für den Liebenden und die Geliebte (bzw. den Geliebten, bzw. Gott).

Die Maus bohrt sich ein Loch in unsern Speicher

Von Mal zu Mal befreist Du uns – und wir
gehn wieder in die Falle, oh Erhabner!

In diesen Speicher bringen wir den Weizen,
um ihn, wenn er gehäuft, gleich zu verlieren,

und dann gibt der Verstand uns nicht mal ein,
dass nur die List der Maus dran schuld ist.

Die Maus bohrt sich ein Loch in unsern Speicher,
mit solchen Tricks den Speicher zu zerstören.

Verwehr zuerst der Maus die Untat, Seele,     I 380
dann häufe voller Eifer Weizen an.

Vernimm dies Wort des Siegels der Propheten: [4]
»Es gibt kein Beten ohne Herzensandacht.«

Wenn’s keinen Mausdieb gibt in unserm Speicher,
wo bleibt das Korn dann, Müh von vierzig Jahren?

Warum wird nicht der Tage Andacht langsam
in unserm Seelenspeicher angehäuft?

So mancher Funke sprang vom Andachtseisen,
begrüßt und aufgesaugt vom Herzensfeuer.

Ein Dieb jedoch, versteckt in Finsternis,     385
drückt seinen Finger auf die Sternenfunken

und löscht sie nacheinander aus, damit
nicht eine Lampe mehr am Himmel strahlt.

Wenn tausend Fallen uns zu Füßen lauern,
gibt’s keinen Gram, solang Du bei uns bist!

Du ziehst die Seelen nächtlich aus der Falle
des Leibs, dann löschst Du die Register aus.

Die Seelen fliehen jede Nacht den Käfig,
befreit von Zwängen, Schwatzen und Gerede.

Der Häftling weiß des Nachts vom Kerker nichts,     390
der Herrscher weiß des Nachts vom Reichtum nichts.

Nicht Gram, nicht Sorge um Verlust und Nutzen,
kein Wahngesicht von diesem und von jenem.

Dies ist, auch ohne Schlaf, des Weisen Zustand.
Gott sprach: »Sie schliefen doch.« Scheu nicht zurück! [5]

Bei Tag und Nacht schläft er vorm Weltgetümmel
wie in der Hand das Schreibrohr, das Gott führt.

Wer nicht die Hand sieht, wie sie schreibt, der meint,
das Schreibrohr nur bewege sich beim Schreiben.

Des Weisen Zustand lässt Er wohl erahnen,     395
der Sinnesschlaf entführt doch auch das Volk.

In Wüsten ohnegleichen ist ihr Geist,
doch friedlich bleiben sie in Leib und Seele.

Du ziehst zurück sie pfeifend in die Falle,
ziehst alle hin zu Richter und Gesetz.

[4] Siegel der Propheten: Gemeint ist der Prophet Mohammed als der letzte der Propheten.

[5] Koran 18:13 ff. Anspielung auf die »Leute der Höhle«, in christlicher Überlieferung die »Sieben Schläfer von Ephesus«, Gläubige, die Gott vor der Verfolgung bewahrte, indem Er sie 309 Jahre lang in einer Höhle schlafen ließ. Im Koran dienen sie als Beweis dafür, dass Gott die Seinen beschützt, aber auch, dass Er ihnen am Ende die Auferstehung gewährt.

Wie glücklich der, dem Neid kein Weggenosse!

Wenn unterwegs der Neid am Hals dich packt,
bedenk: Wie maßlos ist der Neid des Teufels,

der Adam nur aus Neid verachtet hat,     I 430
aus Neid nur Krieg führt gegen unser Glück!

Ja, auf dem Pfad gibt’s keinen härtren Engpass!
Wie glücklich der, dem Neid kein Weggenosse!

Bedenk, der Leib ist oft das Haus des Neids
und wer drin wohnt, wird rasch beschmutzt vom Neid.

Auch wenn der Leib das Haus des Neides ist,
so hat ihn Gott doch gänzlich rein geschaffen.

»Reinigt Mein Haus!« weist auf die Reinheit hin, [6]
den Schatz aus Licht, das Amulett der Erde.

Beneidest und betrügst du den, der neidlos,     435
wird dieser Neid dein Herz ganz schwarz verfärben.

Seid Staub zu Füßen jener Gottesleut!
Aufs Neiderhaupt, wie wir’s tun, Staub gestreut!

[6] Koran 2:125. Gemeint ist die Kaaba, die auf Geheiß Gottes von Abraham und Isma‘il zur Gebetsstätte gemacht wurde. Amulett der Erde: Der menschliche Leib als Talisman, der den Göttlichen Funken bewahrt. 

Wir waren heiter, allesamt ein Wesen

Die Rose welk, der Garten dürr: Woher
kommt da noch Rosenduft? Vom Rosenwasser!

Weil Gott uns nicht vor unsern Blick gerät,
gibt’s die Propheten, Stellvertreter Gottes.

Nein, falsch gesagt! Meinst du, dass Gott und Sein
Vertreter zwei sind, ist das schlecht, nicht gut.

Nein, zwei sind’s nur, wenn du die Form verehrst;     I 675
nur wer der Form entflohn ist, dem ist’s Einer.

Siehst du die Form, dann ist dein Auge doppelt,
schau in das Licht, das aus dem Auge wächst.

Der beiden Augen Licht zu unterscheiden
gelingt nicht, wirft man auf ihr Licht den Blick.

Zehn Lampen, die an gleicher Stelle stehen,
sind alle unterschiedlich anzusehen,

doch unterscheiden kannst du nicht ihr Licht,
sobald du das Gesicht zum Licht hin kehrst.

Zählst du einhundert Äpfel und zehn Quitten,     680
hast du, gepresst, statt hundert eine nur.

Im Sinn gibt’s weder Zahl noch Unterscheidung,
im Sinn ist nichts zerlegt und nichts vereinzelt.

Der Freunde Einssein mit dem Freund ist köstlich,
ergreif den Fuß des Sinns! Die Form ist Starrheit.

Schmilz doch hinweg die starre Form durch Leiden,
dass du den Schatz der Einheit drunter siehst.

Gelingt’s dir nicht, so schmilzt sie Seine Gnade
von selbst hinweg – mein Herz sei stets Sein Diener!

Er offenbart sich unsern Herzen gar     685
und flickt dem Derwisch den zerrissnen Rock.

Wir waren heiter, allesamt ein Wesen,
wir waren alle kopflos, fußlos dort,

ein einzig Wesen warn wir wie die Sonne,
wir waren unverknotet, rein wie Wasser.

Als jenes reine Licht zur Form geworden,
ward es zur Vielheit schon wie Zinnenschatten.

Zerstört die Zinnen mit den Wurfmaschinen,
dann flieht die Trennung aus den Schattenreihen!

Dies hätt ich gern noch schärfer klar gemacht,     690
doch fürcht ich, manche Köpfe könnten straucheln.

Die Argumente sind so scharf wie Schwerter,
und hast du keinen Schild, kehr um und flieh!

Tritt ohne Schild nicht vor dies scharfe Schwert,
zu schneiden scheut sich diese Klinge nicht.

Wer solches denkt, kann keine Fliege sein

Die Fliege saß in einer Jauchepfütze
wie’n Schiffer stolzen Haupts auf einem Strohhalm.

Sie sprach: »Das nenn ich Ozean und Schiff,
erwogen hab ich lange den Gedanken.

Schau auf dies Meer, dies Schiff und mich,
den Steuermann, geschickt und urteilsstark!«

So führte sie ihr Schiffchen übers Meerchen,     I 1085
das sich ihr darbot als ein grenzenloses,

denn grenzenlos schien diese Jauche ihr.
Wie hätt sie denn gesehn, was wirklich war?

So weit reicht ihre Welt nur wie ihr Auge,
das Auge und das Meer sind gleichen Maßes.

Der falsche Deuter ist wie diese Fliege:
sein Wahn ist Jauche, Stroh, was er sich vorstellt.

Rückt diese Fliege ab von ihrer Deutung,
so macht das Schicksal sie zu einem Phoenix.

Wer solches denkt, kann keine Fliege sein,     1090
sein Geist ist anders als sein äußrer Schein.

Das Licht des Augenlichts ist Licht des Herzens

Sein Pferd hält einer für verloren, aber     I 1115
treibt’s auf der Straße stur zur Eile an.

Verloren sei sein Pferd, meint dieser Gute,
doch schleppt sein Pferd ihn mit sich wie der Wind.

Der Wirrkopf eilt mit Jammern und mit Suchen
in jede Richtung, fragt an jeder Tür,

wer ihm das Pferd gestohlen hab und wo.
»Was ist dann das da unter deinem Hintern?«

»Das ist das Pferd, ja! Doch wo ist es denn?«
Oh Ritter, der sein Pferd sucht, komm zu dir!

Der Geist geht, weil so nah und klar, verloren:     1120
der Bauch voll Nass, der Mund wie’n Krug so trocken.

Wie kannst du rot und grün und braun denn sehen,
wenn du nicht Licht vor diesen Dreien siehst?

Doch da dein Geist in Farbe sich verlor,
verschleiern diese Farben dir das Licht.

Weil diese Farben nachts verborgen sind,
erkennst du: Farben Sehen kommt vom Licht.

Die Farben sieht man ohne äußres Licht nicht
und ohne innres nicht die Farben innren Sehens.

Das äußre strahlt vom Stern und von der Sonne,     1125
das innre spiegelt Gottes Strahlenpracht.

Das Licht des Augenlichts ist Licht des Herzens,
das Augenlicht entsteht aus Herzenslicht,

das Licht des Herzenslichts ist Gottes Licht,
ganz rein, vom Denk- und Sinneslicht geschieden.

Nachts gibt’s kein Licht, da siehst du keine Farben,
durchs Gegenstück des Lichts wird Licht erst klar.

Erst sieht man Licht und dann erst sieht man Farben,
das merkst du rasch durchs Gegenstück des Lichts.

Den Schmerz, den Gram schuf Gott, damit das Glück     1130
uns offenbar wird durch sein Gegenstück.

Verhülltes wird durchs Gegenstück enthüllt,
Gott bleibt verhüllt – Er hat kein Gegenstück.

Die Sicht sah Licht, dann Farbe, Gegenstück
zeigt Gegenstück, wie Griechen und Äthiopier.

Durchs Gegenstück von Licht erkennst du Licht,
so zeigt ein Gegenstück das andre auf.

Von Gottes Licht gibt es kein Gegenstück,
durch das dies Licht uns offenbar könnt werden.

»Ihn sieht nicht unser Blick, doch Er sieht uns.« [7]      1135
Denk hier an Moses und den Sinai-Berg.

 [7] Koran 6:103 – »Die Blicke erreichen Ihn nicht, doch Er erreicht die Blicke.«

Wie kam der Geist vom Himmel auf die Erde?

Der Mann sprach: »Oh du Fürst der Gläubigen,
wie kam der Geist vom Himmel auf die Erde,

der maßlos große Vogel in den Käfig?«
»Gott sprach«, sprach er, »zum Geist nur Zauberworte.

Als Er das Nichts, noch ohne Aug und Ohr,
verzauberte, kam es sofort ins Brodeln,

verzaubert schlug dies ganze Nichts sodann
ins Dasein froh und munter Purzelbäume.

Das Dasein nun verzauberte Er wieder,     I 1450
drum lief es schnurstracks in das Nichts zurück.

Ins Ohr der Rose sang Er, ließ sie lachen,
zum Stein sprach Er, schuf ihn zum Karneol,

machte den Leib zur Seele mit ’nem Zeichen.
Ins Ohr sang Er der Sonne, dass sie strahlte,

dann hauchte Er ins Ohr ihr bange Worte,
ihr Antlitz trübten hundert Finsternisse.

Was sang der Sänger wohl ins Ohr der Wolke,
dass wie ein Wasserschlauch ihr Auge tränte?

Und was sang Gott wohl in das Ohr der Erde,     1455
dass sie so achtsam und so schweigsam wurde?«

Die Frucht ist Sinn, die Blüte Form

Hör erstens: Die Geschöpfe sind verschieden,
verschieden ihre Seelen wie die Lettern,

und unter all den Lettern herrscht Verwirrung,     I 2915
obwohl sie in gewisser Hinsicht Eins sind,

in jener Hinsicht anders, Eins in dieser,
in einer scherzhaft, ernst in andrer Hinsicht.

Am Jüngsten Tag wird deshalb abgerechnet,
das wünscht herbei, wer schön und strahlend ist.

Wer wie ein Hindu krummen Handel treibt,
der wird am Jüngsten Tage bloßgestellt.

Wenn er kein Antlitz wie die Sonne hat,
wünscht er den Schleier nur der Nacht;

weil seine Dornen ohne Blätter sind,     2920
wurde der Frühling seiner Seele Feind.

Doch einer, der ganz Rose ist und Lilie,
dem ist der Lenz ein strahlend Augenpaar.

Der seelenlose Dorn ersehnt den Herbst,
mit ihm im Rosengarten sich zu messen,

die Schönheit zu vertuschen und die Schmach,
dass du den Rost nicht siehst und nicht die Farbe.

Drum ist der Herbst ihm Frühling, ist ihm Leben,
ihm scheinen Steine und Rubine eins.

Der Gärtner weiß dies wohl, sogar im Herbst,     2925
doch besser als die Welt sieht ja der Eine.

Und wahrlich, dieser Eine ist die Welt;
ein Teil des Monds ist jeder Stern am Himmel.

Drum rufen alle Formen, alle Bilder:
»Welch frohe Kunde! Seht, der Frühling kommt!«

Wie können Früchte ihre Knospen öffnen,
solang die Blüte glänzt wie’n Kettenhemd?

Die Frucht regt sich, wenn alle Blüten fallen,
und ist der Leib zerschellt, regt sich die Seele.

Die Frucht ist Sinn, die Blüte Form, sie ist     2930
die frohe Kunde und die Frucht ist Fülle.

Die Blüte fällt, da zeigt sich schon die Frucht,
wenn jene schwindet, wächst auch diese schon.

Wie könnte ungebrochnes Brot denn stärken?
Wie gäb die Traube ungekeltert Wein?

Wärn nicht durchmischt mit Kräutern die Arzneien,
wie könnten sie Gesundheit dann verleihen?

Zwei Wäscher bei der Arbeit

Schau dir zwei Wäscher bei der Arbeit an:
Sie unterscheiden beide sich ganz klar.

Der eine wirft die Kleider in das Wasser,
der andere Kollege trocknet sie.

Der eine macht die Kleider wieder nass,
als spielte er dem Gegner übel mit.

Jedoch die zwei, die so zu streiten scheinen,     I 3085
sind eins im Herzen, eins im Tun, ganz Eintracht.

Ein jeder Gottesfreund hat seinen Weg,
doch alle führen hin zu Gott – sind Eins.

Als Schlaf die Hörerschaft besiegte, trug
das Wasser gar den schweren Mühlstein mit.

Das Wasser fließt nun oberhalb der Mühle;
doch dient’s dir nur, wenn’s in die Mühle fließt.

Weil ihr die Mühle nicht mehr braucht, ließ er
das Wasser in den Bach zurück nun fließen.

Die Sprache fließt zur Zunge zur Belehrung,     3090
wenn nicht, hat sie fürwahr ’nen eignen Bach.

Ganz lautlos, ohne Wiederholung fließt sie
zum Rosengarten, »unter dem der Bach fließt«. [8]

Der Seele zeige jenen Ort, oh Gott,
in dem die Sprache ohne Worte wächst, [9]

damit die reine Seele Kopf zu Fuß macht,
um in den Riesenraum des Nichts zu ziehen,

in mächtig ausgedehnte, weite Räume,
aus denen Vorstellung und Sein sich nähren.

Viel enger als das Nichts sind Vorstellungen,     3095
drum sind sie auch der Grund für Gram und Leid.

Und enger noch als Vorstellung ist Dasein,
der Mond in ihm wird schmal wie’n Sichelmond.

Die Welt der Sinne und der Farben also
ist noch viel enger als ein enger Kerker.

Der Grund der Enge sind die Form, die Zahl;
zur Form hin fühln die Sinne sich gezogen.

Die Welt des Einsseins ist drum übersinnlich,
erstrebst du Einssein, geh in diese Richtung!

Die Order »Sei!« war eine einzige Tat,     3100
sie wurde Sprache, doch der Sinn blieb rein.

[8] Koran 2:25. Siehe Fußnote zu I 2717.

[9] Ort (perssisch: maqam): hier nicht nur der vorher erwähnte Rosen­garten, sondern auch das »Verweilen«, ein seelischer Zustand der Sufis, siehe Fußnote zu I 1434.

Vermutet wird nur etwas, das verhüllt ist

Vermutet wird nur etwas, das verhüllt ist:     I 3625
Aufs Unsichtbare richtet sich die Suche.

Das Wähnen um den Fernen wächst im Herzen,
doch ist er da, verschwindet alles Wähnen.

Wenn’s hellem Himmel nicht an Regen mangelt,
so mangelt’s dunkler Erde nicht an Wachstum.

»Dass sie ans Unsichtbare glauben, wünsch Ich,
drum schloss die Fenster Ich des flüchtigen Diesseits.

Spalt Ich den Himmel vor den Augen aller,
wie sag Ich dann: ›Habt ihr den Spalt bemerkt?‹«

In diesem Finstern weit herum zu suchen,     3630
wendet sich jeder nach ’ner andern Seite.

Für eine Weile kehrt sich alles um:
Der Dieb bringt den Inspektor an den Galgen,

und mancher Sultan, mancher hohe Geist
wird eine Zeitlang Sklave seines Sklaven.

Die Knechtschaft aus der Ferne ist vorzüglich,
dabei des Fernen zu gedenken ziemt sich.

Was ist, wer vor dem Schah das Lob ausspricht,
verglichen mit dem fernen Demutsvollen?

Der Burgvogt an der Grenze eines Reiches,     3635
weit weg vom Sultan und vom Schutz der Macht,

bewacht die Festung vor den Feinden und
verkauft sie auch für Riesensummen nicht.

Weit weg vom Schah, im öden Grenzgebiet,
bleibt er ihm treu, als wär er selbst zugegen.

Er ist dem Schah viel lieber als die andern,
die bei ihm dienen, ihm ihr Leben weihen.

Ein Bruchstück nur des Dienstes in der Ferne
hat tausendmal mehr Wert als der bei Hof.

Gehorsam, Glaube sind im Jetzt zu loben,     3640
doch nach dem Tode werden sie verzichtbar.

Besser sind Schleier, Ferne und Verborgnes,
drum schließ die Lippen, schweigend sind sie besser.

Oh Bruder, halte dich zurück beim Reden,
Gott offenbart Sein eignes Wissen selbst.

Der Sonne reicht ihr Angesicht als Zeuge.
»Was wiegt als Zeugenschaft am schwersten? – Gott!« [10]

Nein, reden möchte ich, denn Gott, die Engel
und Weisen sind vereint in klarer Rede.

»Gott, Engel, Wissende bezeugen, dass     3645
kein Herr ist außer Ihm, Der ewig dauert.« [11]

Wenn Gott bezeugt hat, wer sind dann die Engel,
dass sie als Zeugen beigezogen wurden?

Die Strahlen und die Gegenwart der Sonne
sind nichts für schwache Augen, schwache Herzen,

so wie die Fledermaus das Sonnenlicht
nicht aushält und die Hoffnung fahren lässt.

Genau wie wir sind ja die Engel Helfer,
die Sonne offenbaren sie am Himmel:

»Dies Licht erhalten wir von einer Sonne,     3650
wie die Kalifen Schwache zu erleuchten.«

Wie Neu- und Halb- und Vollmond hat ein Engel
je eigene Vollendung, hell und mächtig.

Das Leuchten zieht ein jeder Engel, je
nach seinem Rang, aus drei, vier lichten Flügeln, [12]

der Menschen Geistesflügel gleich, die sich
fürwahr sehr unterscheiden voneinander.

Zu jedem guten oder schlechten Menschen
gesellt sich jener Engel, der ihm gleicht.

Die Sonne ist zu stark für schwache Augen,     3655
da mag für’n Weg ein Stern als Kerze taugen.

[10] Koran 6:19 – »Sprich: ›Was wiegt als Zeugnis schwerer?‹ Sprich: ›Gott ist Zeuge zwischen mir und euch.‹«

[11] Koran 3:18 – »Gott bezeugt, dass kein Gott ist außer Ihm – so auch die Engel und die das Wissen haben.«

[12] Koran 35:1 – »Lobpreis sei Gott, dem Schöpfer der Himmel und der Erde, Der die Engel zu Boten machte, mit Schwingen, zwei, drei oder vier!«

Mohammed sprach: »Gotteslob aus Heuchelei...«

Mohammed sprach: »Dies wisse: Gotteslob
aus Heuchelei gleicht Kräutern auf dem Mist.«

Erkenn drum: Form, wenn gut und anmutsvoll,
ist keinen Pfennig wert bei schlechtem Wesen;

und ist die Form zwar scheußlich, doch das Wesen
ist gut, dann gehe hin, stirb ihr zu Füßen!

Die äußre Form ist flüchtig und vergeht,     II 1020
doch ewig währt die Welt der Wirklichkeit.

Wie lange noch dies Schäkern mit der Form
des Krugs? Lass sie doch sein und such nach Wasser!

Du siehst nur seine Form und nicht sein Wesen;
bei Muscheln wähl die Perlen, wenn du klug bist.

Die Körper in der Welt sind diese Muscheln;
obwohl sie leben durch das Seelenmeer,

steckt nicht in jeder Muschel eine Perle;
die Augen auf – schau jeder erst ins Herz,

was diese hat, was jene hat, wähl aus,     1025
denn edle Perlen Wndet man nur selten.

Hältst du dich an die Form, so hat der Berg
die hundertfache Größe des Rubins;

auch deine Hände, Haare, Füße sind
wohl hundertmal so groß wie deine Augen;

doch ist dir nicht verborgen, dass von all
den Gliedern du dem Aug den Vorrang gibst.

Nur ein Gedanke schon in deinem Innern
stürzt augenblicklich hundert Welten um.

Des Sultans Körper ist ein einziger,     1030
doch hinter ihm marschieren tausend Krieger;

Aussehn und Form des guten Schahs sind stets
beherrscht von einem unsichtbarn Gedanken.

Sieh jene Unzahl Menschen, die durch einen
Gedanken nur die Erde überfluten;

so klein er auch den Menschen scheinen mag,
er fegt die Welt wie eine Sturmflut weg.

Wenn du doch siehst, dass jedes Handwerk durch
’nen einzigen Gedanken fortbesteht,

und dass die Häuser, Städte und Paläste,     1035
die Berge und die Wüsten und die Flüsse,

auch Land und Meer und Firmament und Sonne
von ihm belebt sind wie vom Meer die Fische –

warum scheint dir, du Blinder, dann der Leib
ein Salomon, ’ne Ameis der Gedanke?

Ganz groß scheint dir der Berg, doch der Gedanke
scheint dir ’ne Maus zu sein, der Berg ein Wolf.

Die Welt scheint deinem Aug erhaben, schrecklich,
vor Wolke, Donner, Himmel zitterst du,

doch des Gedankens Welt, oh Esel du,     1040
ist dir egal wie einem dumpfen Stein.

Du bist nur Form, an Weisheit fehlt es dir,
kein Mensch bist du, viel mehr ein Eselsfohlen.

Weil du den Schatten für das Wesen hältst,
wird jedes Wesen dir zu Spiel und Spaß.

Es kommt der Tag, da die Gedanken ganz
entschleiert ihre Schwingen breiten werden,

da du die Berge weich wie Wolle siehst,
da nichtig wird die Welt des Kalt und Warm,

du weder Himmel, Stern noch Schöpfung siehst,     1045
nur Gott, den Einen, Der da lebt und liebt.

Eine Geschichte, ob sie falsch, ob wahr,
mach all dies Wahre deutlich nun und klar.

Ich könnt die Auferstehung nie erklären

Verwandtschaft liegt in Form und Wesen nicht,
Erde und Wasser sind verwandt in Pflanzen.

Wind wird verwandt mit Feuer im Verbrennen,
Wein wird am Ende mit dem Leib verwandt.

Weil meine Art nicht meines Schahs Art ist,
stirbt für Sein Ich mein eignes Ich dahin,

und stirbt’s dahin, so bleibt nur Er; ich wirble
wie Staub empor zu Füßen Seines Pferdes.

Staub wird die Seele, was sich zeigt davon,     II 1175
sind Seine Fußspuren in ihrem Staub.

Werd für dies Zeichen Staub zu Seinen Füßen,
Krone zu sein auf des Erhabnen Haupt.

Damit mein Äußres euch nicht trügt, trinkt noch
von meinem süßen Trunk, bevor ich gehe.«

So mancher, durch die äußre Form gefangen,
zielt auf die Form, doch was er trifft, ist Gott.

Die Seele ist verbunden mit dem Leib,
doch hat sie keine Ähnlichkeit mit ihm.

Das Licht des Auges ist mit Fett gepaart, [13]     1180
versteckt im Blutstropf ist das Herzenslicht.

Freude bewohnt die Nieren, Gram die Leber,
der Geist, wie eine Kerze, das Gehirn.

Dies Paaren hat sein Wie und sein Warum;
der Geist ist schwach im Wissen ums Warum.

Des Ganzen Seele traf auf die des Teils,
die nahm ’ne Perle draus, steckte sie ein

und wurde durch den Aufprall wie Maria
mit Jesus, diesem Herzensbrecher, schwanger,

mit dem nicht, der auf Land geht und auf Wasser,     1185
mit dem, der jenseits ist von allen Räumen.

Wird von der Seelen Seel die Seele schwanger,
so wird die Welt von dieser Seele schwanger.

Die Welt gebärt dann eine andre Welt,
zeigt den Versammelten die Auferstehung.

Würd ich erzählen bis zum Jüngsten Tag,
ich könnt die Auferstehung nie erklären.

Fürwahr sind diese Worte ein »Oh Herr!«,
den Hauch der süßen Lippen anzulocken. [14]

Wie könnte man da fehl gehn und wie schweigen,     1190
wenn auf »Oh Herr!« die Antwort kommt »Hier bin Ich!« [15]

Dies »Hier bin Ich!« könnt ihr nicht hören zwar,
von Kopf bis Fuß jedoch nehmt ihr es wahr.

[13] Fett: das Weiße des Auges.

[14] Das heißt den Hauch Gottes.

[15] »Hier bin ich!«: Gemäß einem Prophetenwort ist dies die Antwort Got­tes auf das »Oh Herr!« des Menschen.

Dein Herz verzehr, dann bleibst du ewig jung

Verkopftes Wissen ohne jede Seele,
ist stets verliebt ins Antlitz seiner Kunden;

obwohl es stramm ist während der Debatte,
stirbt es bald ab, wenn ihm die Kunden fehlen.

Mein Kunde aber ist nur Gott allein,
denn Er zieht mich hinauf, ›Er hat erworben‹. [16]

Mein Blutgeld ist die Schönheit des Erhabnen
und ich genieß es als legal Erworbnes.

Weis diese ruinierten Käufer ab,     II 2440
was für ein Kauf ist schon ein Klumpen Lehm?

Iss keinen Lehm und kauf und such ihn nicht,
der Lehmverzehrer ist andauernd blass.

Dein Herz verzehr, dann bleibst du ewig jung,
dein Antlitz leuchtend wie die Frühlingsblüten.«

[16] Siehe Koran 9:111 – »Gott kaufte den Gläubigen ihr Leben und ihre Güter ab, dafür, dass sie den Paradiesesgarten bekommen.«

Jesus flieht vor den Dummen

Zu einem Berg floh Jesus, Sohn Marias,     III 2570
fast so, als wollt ein Löwe ihn zerreißen.

Ihm rannte einer nach, der rief: »Dir folgt
doch keiner, weshalb fliehst du wie ein Vogel?«

Er aber rannte rasch voran, sodass er
vor lauter Eile keine Antwort gab.

Der andre eilte Jesus noch ein Stück
weit nach, beschwor ihn dann in ernstem Ton:

»Um Gottes Willen, halte kurz doch inne,
mit deinem Fliehen hab ich ein Problem:

Vor wem denn fliehst du dorthin, edler Herr?     2575
Nicht Feind, nicht Löwe folgt dir, nicht Gefahr!«

Er sprach: »Ich flieh vor einem Dummkopf. Geh!
Ich will mich retten, steh mir nicht im Weg!«

Der andre sprach: »Bist du nicht der Messias,
durch den die Blinden sehn, die Tauben hören?«

»Ja«, sprach er. Jener sagte: »Bist du nicht
der Schah, in dem Magie wohnt des Verborgnen?

Sprichst du den Zauber über einen Toten,
springt der wie’n Löwe auf, der Beute reißt.« –

»Der bin ich«, sagte er. – »Machst du denn nicht«,     2580
sprach jener, »Vögelchen aus Lehm, du Schöner?«

Jesus sprach: »Ja!« – »Dann kannst du, lautrer Geist,
doch alles, was du willst! Wen fürchtetst du?

So vieles zeugt davon in dieser Welt:
Wie könnt dir einer da nicht hörig sein?«

Und Jesus sprach: »Beim lautren Wesen Gottes,
Der Leib und Seele schuf vor langer Zeit,

bei Seiner unumschränkten Heiligkeit,
durch die der Himmel in Verzückung fällt:

Jener erhabne Name, den ich zu     2585
den Tauben sprach und Blinden, ist der Beste.

Mit ihm beschwor ich einen Berg, der teilt’ sich,
riss seinen Mantel auf bis hin zum Nabel;

beschwor damit ’nen Toten, der wurd’ lebend;
beschwor ein Nichts damit, es wurd’ ein Etwas.

Auch eines Dummkopfs Herz beschwor ich sanft
viel tausendmal, doch Heilung fand es nicht;

zu hartem Stein wurd’ es und blieb sich gleich,
zu Sand wurd’ es, aus dem nie Saaten wachsen.«

Der andre sprach: »Warum ist Gottes Name     2590
von Nutzen dort und hier ganz ohne Wirkung?

Ein Leiden ist dies ebenso wie jenes,
für jenes ist’s Arznei, für dieses nicht?«

Er sprach: »Die Dummheit kommt von Gottes Zorn,
Krankheit und Blindheit aber sind nur Prüfung.«

Wen Gott so prüft, dem schenkt Er Sein Erbarmen;
wen Gott mit Dummheit schlägt, den weist Er ab;

was Gott ihm eingebrannt, hat Er versiegelt,
und keine Hand kann da noch Heilung bringen.

Die Dummen flieh, wie Jesus sie einst floh!     2595
Viel Blut floss schon im Umgang mit den
Dummen.

In kleinen Mengen stiehlt die Luft das Wasser,
so wie der Dumme dir den Glauben stiehlt;

er stiehlt dir Wärme und beschert dir Kälte,
wie einer, der dir untern Steiß ’nen Stein legt.

Nicht Angst war es, die Jesus fliehen ließ,
’ne Lehre hat er mit der Flucht erteilt.

© Otto Höschle 2020