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Ilia Delio

Eine kritische Würdigung der Enzyklika von Papst Leo XIV. zur künstlichen Intelligenz

Papst Leo XIV. und Ilia Delio

Quellen: Wikimedia Commons und Chalice Verlag

»Die zentrale Botschaft der Enzyklika von Papst Leo XIV. zur künstlichen Intelligenz lautet: Wie können wir in einer von KI geprägten Welt Mensch bleiben? Wenn wir die Evolution ernst nehmen, muss die Frage jedoch lauten: Wie können wir in einer von KI geprägten Welt Mensch werden?«, sagt die Theologin und Neurowissenschaftlerin Ilia Delio in einem aktuellen Interview

Die deutsche Übersetzung eines Interviews vom 2. Juni 2026 von Sara Goudarzi mit unserer Autorin Ilia Delio im renommierten Online-Magazin Bulletin of the Atomic Scientists unter dem Titel “The church steps into the AI debate: What the Pope’s first encyclical means”. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis von thebulletin.org

The Bulletin of Atomic Scientists

Die deutsche Übersetzung eines Interviews vom 2. Juni 2026 von Sara Goudarzi mit unserer Autorin Ilia Delio im renommierten Online-Magazin Bulletin of the Atomic Scientists unter dem Titel “The church steps into the AI debate: What the Pope’s first encyclical means”. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis von thebulletin.org

Ilia Delio: Künstliche Intelligenz braucht Religion

m 25. Mai 2026 stellte Papst Leo XIV. der Öffentlichkeit seine erste Enzyklika mit dem Titel Magnifica humanitas [/] (»Großartige Menschheit«) vor. Das fast 42.000 Wörter umfassende Dokument behandelt die Herausforderungen der künstlichen Intelligenz, einer Technologie im Wandel, die seiner Ansicht nach »entwaffnet« werden muss. In dem Schreiben fordert der Papst eine Regulierung der KI, von der momentan eine kleine Elite profitiert, während die Öffentlichkeit deren Risiken ausgesetzt ist. »In einer Welt, in der Daten, Rechenressourcen und regulatorischer Einfluss in den Händen weniger liegen, bedeutet die Rede vom Gemeinwohl, diese neue Form der erkenntnistheoretischen, wirtschaftlichen und politischen Asymmetrie offenzulegen und die neuen KI-Monopole beim Namen zu nennen.«

Unterzeichnet wurde das Schreiben vom Papst am 15. Mai, dem Jahrestag der wegweisenden Enzyklika Rerum novarum (»Die neuen Dinge«) seines Namensvetters Papst Leo XIII. vor einhundertfünfunddreißig Jahren, die eine Reaktion auf die industrielle Revolution darstellte. Der Zeitpunkt der Enzyklika des amtierenden Papstes spiegelt die moralische Dringlichkeit wider, die bereits von seinem Amtsvorgänger zum Ausdruck gebracht wurde, der sich »der Nöte der Arbeiterklasse angenommen und dazu beigetragen hatte, eine Bewegung für soziale Gerechtigkeit zu entfachen.«

Um die Bedeutung von Magnifica humanitas besser zu verstehen, sprach ich mit der Franziskanerschwester Ilia Delio, Theologieprofessorin, Biologin und Neurowissenschaftlerin aus Washington DC und Inhaberin des Josephine-C.-Connelly-Lehrstuhls für Theologie an der Villanova University in Pennsylvania. Das daraus entstandene Gespräch habe ich gekürzt und redigiert.

Sara Goudarzi: Können Sie etwas zum Zeitpunkt und zur Bedeutung der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV. sagen, in der er die Steuerung und Regulierung von KI zum Thema gemacht hat? Ist dies ein Zeichen dafür, wo die Kirche die Macht heute verortet und dass diese Macht hinterfragt werden muss?

Ilia Delio: Der Papst ist sehr besorgt darüber, wie die künstliche Intelligenz in jeden Aspekt unseres Lebens eingedrungen ist und möglicherweise menschliche Werte verzerrt sowie unser Verständnis der menschlichen Identität verändert. Dass die Kirche auf KI reagiert, ist daher höchst angemessen, denn die Inkarnation (die Menschwerdung Gottes) ist für unser Selbstverständnis von zentraler Bedeutung. In dieser Theologie kommt dem Menschen eine besondere Würde zu, und ich halte den Zeitpunkt für richtig. Die KI entwickelt sich in rasantem Tempo, und wir wissen nicht, warum wir tun, was wir tun, und wohin uns das führt.

Zwar würde ich dem Papst in der Frage widersprechen, wie wir das Verhältnis zwischen Mensch und KI heute verstehen, doch ich teile seine Ansicht, dass es sich hierbei ebenso sehr um ein theologisches wie um ein anthropologisches Anliegen handelt.

Sara Goudarzi: Was sind einige der wichtigsten Erkenntnisse aus dem Dokument?

Ilia Delio: Ich glaube, der Papst bringt zum Ausdruck, dass Technologie niemals neutral ist; diejenigen, die sie entwerfen, finanzieren und nutzen, bringen bestimmte Werte oder Wünsche mit ein. Und es war schon immer die Frage, wer unser Leben gestaltet. Nun hat es den Anschein, als wären es die Programmierer. Ich denke also, dem Papst ist bewusst, dass in der KI eine Vision für die Menschheit mit einprogrammiert ist. Und nun lautet die Frage: Ist dies die Vision, die wir wollen? Eine Vision, die dem Gedeihen der Menschheit oder dem Wohl der Erde am besten dient?

KI besitzt heute enorme Macht, und das bereitet nicht bloß dem Papst, sondern vielen Menschen große Sorgen. Vor einigen Jahren schrieb Sigal Samuel für das Nachrichtenportal Vox einen Artikel mit dem Titel “The case for slowing down AI” (»Argumente für eine Verlangsamung der KI-Entwicklung«). Da ich in diesem Bereich unterrichte, verwende ich ihren Artikel in meinen eigenen Studienklassen, und es ist interessant zu sehen, wie sehr sich junge Menschen über das rasante Eindringen von KI in alle Lebensbereiche sorgen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir diesen Prozess verlangsamen können, aber ich halte die Bedenken des Papstes für berechtigt und aufrichtig. Ob seine Lösung die richtige ist, weiß ich allerdings nicht. Zwar würde ich dem Papst in der Frage widersprechen, wie wir das Verhältnis zwischen Mensch und KI heute verstehen, doch ich teile seine Ansicht, dass es sich hierbei ebenso sehr um ein theologisches wie um ein anthropologisches Anliegen handelt.

Sara Goudarzi: Worin unterscheiden sich Ihre Sichtweise und Ihr Lösungsansatz von denen des Papstes?

Ilia Delio: Sein Schwerpunkt liegt – wie der Titel [der Enzyklika] nahelegt – auf dem großartigen Menschen. Ehrlich gesagt habe ich ein Problem mit diesem Titel, denn wir sind nicht wirklich großartig. Wir können großartig sein, aber wir sind es nicht immer.

Ich halte den Menschen für ein sehr ambivalentes Wesen. Was der Papst übersieht, ist, dass Technologie und Evolution immer untrennbar miteinander verbunden sind. Die Natur an sich ist schöpferisch; sie bringt Werkzeuge hervor. Wir haben die Vorstellung, wir hätten diese unglaublichen Computer erschaffen, und sie scheinen etwas spezifisch Menschliches zu sein. Nun, das stimmt so nicht ganz. Technologie war schon immer das, was die Natur angesichts von Grenzen hervorbringt, wenn die Umwelt zu kollabieren droht.

Ich halte die Interpretation von Transhumanismus und Posthumanismus [vonseiten des Papstes] für zu eng gefasst. Der Mensch ist niemals »fertig«: Das lehrt uns die Evolution. Wir erschaffen uns ständig neu.

Betrachten wir uns die KI etwas genauer: Sie entstand im zwanzigsten Jahrhundert, in einer Epoche voller Gewalt, unmittelbar nach dem Koreakrieg und dem Zweiten Weltkrieg. In der KI steckt also mehr als nur die Herstellung von Werkzeugen für unsere Zwecke. Es geht um ein tiefgreifendes philosophisches Anliegen: Wir Menschen müssen einen Weg finden, anders zu denken, unseren Geist zu erweitern und die Dinge aus einer neuen – einer höheren und vielleicht umfassenderen – Perspektive zu betrachten. Daher halte ich die Interpretation von Transhumanismus und Posthumanismus [vonseiten des Papstes] für zu eng gefasst.

Der Papst hat zwar recht mit seiner Einschätzung, dass es sich dabei um philosophische Strömungen handelt, die – auf die Spitze getrieben – uns zu einer Art bloßer Objekte in einem fortlaufenden Entstehungsprozess machen könnten. Doch der Mensch ist niemals »fertig«: Das lehrt uns die Evolution. Wir erschaffen uns ständig neu. Der Transhumanismus strebt danach, menschliche Grenzen zu überwinden – etwa die biologischen Grenzen von Tod und Leid. Im Extremfall mag das radikal erscheinen, doch andererseits ist es genau das, was wir tun. Dieses Streben nach Vervollkommnung ist gewissermaßen in die menschliche Evolution eingeschrieben.

Andererseits sind wir im Sinne des Posthumanismus bereits Cyborgs. Ist es also überhaupt noch möglich, »Mensch« zu bleiben? Denn wir haben das Stadium des individuellen Menschen, wie wir ihn vor hundert Jahren kannten, längst hinter uns gelassen. Seit den 1960er-Jahren sind wir zunehmend »cyborgisch« geworden; dabei geht es nicht bloß um die Erweiterung unseres Selbsts durch technische Geräte – alles, von der Brille über das Hörgerät bis hin zum Herzschrittmacher, stellt eine Hybridform aus mechanischem und biologischem Leben dar. Beim posthumanen Leben geht es darum, dieses Cyborg-Dasein oder die Interaktion mit Maschinen als eine neue Matrix für das menschliche Werden zu begreifen. Es verortet das Individuum neu innerhalb dieses Beziehungsgeflechts, das auch Beziehungen zu Maschinen einschließt. Das ist Teil der nächsten Welle der menschlichen Evolution.

Das Verständnis dieser beiden Strömungen in der Enzyklika greift zu kurz. Ich stimme dem Papst aber darin zu, dass KI nicht auf unmoralische Weise eingesetzt werden darf – etwa für Drohnenangriffe, bei denen unschuldige Menschen getötet werden. Auch Überwachung kann tiefgreifende problematische Aspekte bergen. Und wann immer wir künstliche Intelligenz nutzen, um finanziellen Gewinn oder Macht zu erzielen – beides Dinge, die oft mit KI in Verbindung gebracht werden –, begeben wir uns auf gefährliches Terrain. Wir missbrauchen genau jene Werkzeuge, die wir geschaffen haben, um unser Leben zu bereichern.

Ausführlich setzt sich Ilia Delio mit dem komplexen Thema der KI in ihrem Buch Künstliche Intelligenz braucht Religion: Für eine Wiederverzauberung der Welt auseinander:

Ilia Delio: Künstliche Intelligenz braucht Religion

Ich mache mir Sorgen angesichts des enormen Reichtums dieser KI-Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung in Billionenhöhe. Ein derartiger Überfluss an Reichtum – während es einem Drittel der Weltbevölkerung an Wasser und dem Nötigsten zum Leben fehlt – ist höchst fragwürdig.

Ausführlich setzt sich Ilia Delio mit dem komplexen Thema der KI in ihrem Buch Künstliche Intelligenz braucht Religion: Für eine Wiederverzauberung der Welt auseinander:

Ilia Delio: Künstliche Intelligenz braucht Religion

Sara Goudarzi: Der Papst unterzeichnete sein Schreiben genau am 135. Jahrestag von Rerum novarum, jener wegweisenden Antwort seines Namensvorgängers Leo XIII. auf die industrielle Revolution. Der Zeitpunkt und die Parallele scheinen bewusst gewählt. Was meinen Sie, wieso der Papst dies getan hat? Wie will er das Dokument verstanden wissen?

Ilia Delio: Es geht ihm um die Wahrung der Menschenwürde und des Rechts auf Arbeit. Er anerkennt, dass jeder Mensch ein Recht auf die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse, auf Arbeit und auf den Lebensunterhalt hat und dass diese Rechte durch KI verdrängt werden. Jeder, der heute ins Berufsleben eintritt, konkurriert mit künstlicher Intelligenz und Robotern. Wir wissen, dass sich die Arbeitswelt wandelt und in den nächsten fünf bis zehn Jahren massiv verändern wird: Arbeitsplätze werden wegfallen, Prozesse zunehmend automatisiert. Das ist eine große Sorge, denn die Frage lautet: Vergrößern wir das Wohlstandsgefälle noch weiter? Die Eigentümer der Unternehmen, die diese Maschinen herstellen, werden nämlich immer reicher, während diejenigen, die keine Arbeit finden, immer ärmer werden. Sorgt KI also wirklich für Chancengleichheit für die Menschen, oder vergrößert sie nicht vielmehr die Kluft zwischen Arm und Reich – zwischen denen, die haben, und denen, die nichts haben –, wobei der Mensch letztlich bloß noch als »Kollateralschaden« betrachtet wird?

Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, der Papst hat das bewusst getan, denn ich glaube, er ist zutiefst besorgt, dass Würde und Wert des Menschen durch KI völlig nivelliert oder gar vernichtet werden könnten.

Sara Goudarzi: Der Papst entschied sich, Magnifica humanitas im Beisein von Christopher Olah vorzustellen, dem milliardenschweren Mitbegründer des KI-Unternehmans Anthropic [/]. Was halten Sie von dieser Wahl? Besteht nicht die Gefahr, dass der Branche dadurch moralische Legitimität verliehen wird? Und wie passt das zu der Warnung in der Enzyklika vor einer Machtkonzentration in den Händen weniger?

Ilia Delio: Ehrlich gesagt, hat mich dieser Schritt misstrauisch gemacht. Zunächst einmal bezeichnet sich Olah als Atheisten. Die Bedenken des Papstes hingegen wurzeln in einer tiefen christlichen Theologie. Ich habe zwar festgestellt, dass sich Anthropic durchaus Gedanken über moralische und philosophische Werte und Fragen macht – sie haben eigens ein Team aus Philosophen und Ethikern für die Entwicklung ihrer KI zusammengestellt. Andererseits haben sie gerade einen milliardenschweren Vertrag mit Google unterzeichnet. Da habe ich mich gefragt: Hat Anthropic das getan, weil es den Umsatz steigern könnte? Sieht das Unternehmen darin einen eigenen Nutzen?

Sara Goudarzi: Ich frage mich: Was hat sich der Papst davon versprochen, Olah dort dabeizuhaben?

Ilia Delio: Ich glaube, der Papst sah darin eine Möglichkeit, zu signalisieren: »Seht her, alles, was ich hier sage, wird nun von diesem bedeutenden KI-Unternehmen bestätigt und muss also ernst genommen werden.«

Anthropic ist das einzige Unternehmen, [das sich offenbar Sorgen macht]. Von Nvidia und den anderen Chipherstellern, von Google oder auch Microsoft habe ich diesbezüglich nichts gehört. Ich gehe also davon aus, dass nicht alle großen Unternehmen diese Bedenken teilen. Aber auch ich mache mir Sorgen angesichts ihres enormen Reichtums. Es handelt sich um Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung in Billionenhöhe. Ein derartiger Überfluss an Reichtum – während es einem Drittel der Weltbevölkerung an Wasser und dem Nötigsten zum Leben fehlt – ist höchst fragwürdig. Und die Tatsache, dass jeder Einzelne diesen Reichtum billigt, weil wir alle mitmachen und diesen Unternehmen erst zu ihrem Reichtum verhelfen, wird nicht thematisiert. Das ist womöglich das größere Problem, auf das der Papst in seiner Enzyklika nicht wirklich eingeht.

Mit dieser Enzyklika wird sich absolut nichts ändern. Der Zug ist längst abgefahren und rast mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Zukunft. Die Vorstellung, dass wir die KI bremsen und für den Menschen wieder gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen könnten, halte ich daher für etwas zu idealistisch.

Sara Goudarzi: Welche Wirksamkeit wird die Enzyklika Ihrer Meinung nach entfalten?

Ilia Delio: Es wird sich absolut nichts ändern. Der Zug ist längst abgefahren und rast mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Zukunft. [Der Computerpionier und Futurist] Ray Kurzweil [/] hat die These aufgestellt, dass die Singularität [1] – also die vollständige Verschmelzung von menschlicher Intelligenz und Maschine – etwa im Jahr 2045 eintreten wird. Nun, das ist in weniger als zwanzig Jahren der Fall. Die Vorstellung, dass wir die KI bremsen und für den Menschen wieder gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen könnten, halte ich daher für etwas zu idealistisch.

Wir müssen uns mit der konkreten Realität unserer heutigen Situation auseinandersetzen. Die wichtigeren Fragen lauten: Wie sind wir hierhergekommen? Warum sind wir hier? Was hat uns an diesen Punkt geführt? Technologie und Ökologie sind zwei Bewegungen, die im Grunde genommen in den 1960er-Jahren entstanden sind; doch während die Technologie wie eine Gazelle davongestürmt ist, gleicht die Ökologie eher einer langsamen Schildkröte. Die Technologie hat eine Eigenschaft, die uns einfach mitreißt, wohingegen die Ökologie zwar eine schöne Sache ist, die uns beschäftigt, uns aber nicht wirklich antreibt.

Ich glaube nicht, dass sich die Entwicklung der KI verlangsamen wird. Im Gegenteil: Sie beschleunigt sich eher noch. Der technologische Fortschritt verläuft exponentiell: Grundsätzlich alle zwei Jahre verdoppelt oder verdreifacht sich die Rechenleistung von Computerchips und wird sich durch Quantencomputer wahrscheinlich bald vervierfachen. Ich glaube also nicht, dass uns diese Enzyklika wirklich weiterhelfen wird. Tatsächlich wird sie eher für mehr Verwirrung sorgen, besonders bei den Gläubigen, denn nun heißt es überall: Der Papst hat gesagt, wir müssten uns bremsen. Die Menschen werden sich also mit der Entscheidung schwertun: »Soll ich nun mit der KI voranschreiten oder mich ihr widersetzen?«

Die Bedenken des Papstes sind berechtigt, aber ich halte die vorgeschlagene Lösung nicht für richtig. Wir müssen einen besseren Weg finden, um zu bestimmen, was den Menschen, die menschliche Person, ausmacht, was bewahrenswert ist, welcher Teil von uns kreativ nach Fortschritt strebt und wie wir diesen am besten gestalten können.

Ich sehe keinerlei Anzeichen dafür, dass sich der mathematische Hintergrund des Papstes auf sein Verständnis der durch KI entstehenden Beziehungsformen auswirkt. Wenn man sich die Quellenangaben der Enzyklika anschaut, findet sich darin tatsächlich kein einziger Verweis auf zeitgenössische Autoren aus den Bereichen Technologie, Grundlagenphysik oder Mathematik. Die Verweise führen zu Augustinus, Thomas von Aquin und Pierre de Bérulle – alles Klassiker.

Sara Goudarzi: Papst Leo verfügt über einen Abschluss in Mathematik. Glauben Sie, dass ihm dieser Hintergrund ein anderes Verständnis dieser Technologie ermöglicht als den Gesetzgebern und Regulierungsbehörden, die sich damit offenbar schwertun? Und macht dies – sofern es zutrifft – die katholische Kirche bei der Frage der konkreten Regulierung zu einer glaubwürdigeren Stimme, anstatt bloß zu einer Verkünderin moralischer Argumente?

Ilia Delio: Ich denke, sein Mathematikstudium ermöglicht es dem Papst, ein besseres Verständnis für Beziehungsstrukturen aufzubringen. Ich betrachte KI nicht als eine mathematische Problemstellung, sondern als eine Frage der Informatik. Daher weiß ich nicht, ob ein Mathematikabschluss hier einen wesentlichen Unterschied macht. Wer beispielsweise Informationstheorie studiert hat, weiß, dass die Beziehungen bei der heutigen KI kybernetischer Natur sind. Ich sehe keinerlei Anzeichen dafür, dass sich sein mathematischer Hintergrund auf sein Verständnis der durch KI entstehenden Beziehungsformen auswirkt.

Sara Goudarzi: Ich meinte das eher im Sinne von Fähigkeiten zu kritischem Denken und Wissenschaftsverständnis.

Ilia Delio: Dass die Enzyklika diesen Aspekt nicht wirklich berücksichtigt, ist ihre Schwachstelle. Sie geht überhaupt nicht auf die Wissenschaften ein. Wenn man sich die Quellenangaben anschaut, findet sich darin tatsächlich kein einziger Verweis auf zeitgenössische Autoren aus den Bereichen Technologie, Grundlagenphysik oder Mathematik. Die Verweise führen zu Augustinus, Thomas von Aquin und Pierre de Bérulle [/] – alles Klassiker. Da frage ich mich: Welche Quellen wurden hier herangezogen, um Einblicke in diese Materie zu gewinnen? Es gibt mittlerweile ein enorm breites Spektrum an Fachliteratur zu diesem Thema, das sich über vierzig Jahre oder länger erstreckt. Dass diese nicht berücksichtigt wurde, ist daher etwas bedenklich.

Ist Papst Leo ein kritischer Denker? Das lässt sich anhand dieser Enzyklika nicht sagen. Sie befasst sich vorwiegend mit der katholischen Soziallehre [/] und hebt Prinzipien der katholischen sozialen Gerechtigkeit hervor – etwa die sieben Prinzipen, die die Würde und das Recht auf Arbeit betreffen. Ich erkenne jedoch keine deutlichen Anzeichen dafür, dass hier jemand ein klares Verständnis der Wissenschaft besitzt – also davon, was hier eigentlich geschieht und wie die Wissenschaft uns dazu anregt, unser Selbstverständnis und unser schöpferisches Handeln neu zu überdenken. Schließlich gehören Kreativität und das Entstehen von Neuem zu den Prinzipien der Evolution.

Es ist aber ein zutiefst durchdachtes Schreiben. Ich glaube, er hat viel Zeit damit verbracht, mit Menschen zu sprechen und über diese Themen nachzudenken; daher nehme ich ein aufrichtiges Interesse am Menschen und seinem heutigen Wohlergehen wahr sowie eine tiefe Sorge um die Zukunft des Menschen.

Sara Goudarzi: Möchten Sie noch etwas ergänzen?

Ilia Delio: Das Dokument ist sehr umfangreich – für eine Enzyklika ungewöhnlich lang –, und seine zentrale Botschaft lautet: Wie können wir in einer von KI geprägten Welt Mensch bleiben? Wenn wir die Evolution ernst nehmen, muss die Frage jedoch lauten: Wie können wir in einer von KI geprägten Welt Mensch werden?

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Deutsche Übersetzung © Chalice Verlag

Anmerkungen

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[1] »Futuristen wie der amerikanische Sachbuchautor Ray Kurzweil spekulierten über das Phänomen der »Singularität«, einen in naher Zukunft zu erwartenden Überganspunkt, an dem die Technologie und die menschliche Intelligenz nahtlos miteinander verschmolzen sein werden, was uns auf eine neue Stufe der Existenz katapultiert: vom Homo sapiens zum Techno sapiens. […] Die Singularitätshypothese bezieht sich auf die Vorstellung, dass sich selbst optimierende künstliche Intelligenz ab einem gewissen Punkt radikale Folgen in sehr kurzer Zeit nach sich ziehen wird« (aus Ilia Delio: Künstliche Intelligenz braucht Religion: Für eine Wiederverzauberung der Erde, Xanten: Chalice Verlag, 2024, Seite 122).