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Cynthia Bourgeault

Kontemplatives Handeln am Beispiel des Quäkers und Mystikers Thomas Kelly

Thomas Raymon Kelly

Thomas Raymond Kelly bezog mutig Stellung gegen Faschismus und Nationalsozialismus (Bildmontage: Chalice Verlag)

Kontemplation (ob in der christlichen oder einer anderen spirituellen Tradition) und Aktion (ob in sozialen, politischen oder ökologischen Zusammenhängen) sind keine Wege, die sich widersprechen oder gegenseitig ausschließen. Gerade in Umbruchszeiten wie der unseren ist kontemplatives Handeln dringender denn je. Wie ein solches aussehen kann, beschreibt die Autorin in ihrem neuesten Buch – etwa anhand des Beispiels der Quäker

Cynthia Bourgeault: Kontemplativ handeln

ann immer ich auf Politik zu sprechen komme oder auf moralische Integrität und ihren Einfluss in unserer gegenwärtigen Welt, ernte ich vonseiten meiner Le­serschaft unvermeidlich zumindest ein paar Kom­men­tare, die mir vorwerfen, das sei »nicht kontemplativ«. So als wäre Kontemplation nicht bloß ein Freifahrtschein, sondern sogar ein Befehl, die Mäch­tigen nicht mit der Wahrheit zu konfrontieren.[1] Dies ist ein sehr altes, kulturell vererbtes Vor­urteil, das seit einer langen historischen Zeitspanne dafür verantwortlich ist, wie wir heute mit dem Begriff »Kontemplation« umgehen. […]

Cynthia Bourgeault: Kontemplativ handeln

Eine jener spirituellen Traditionen, in denen das vermeintlich »unmögliche« Hand-in-Hand von Kontemplation und Aktion meiner An­sicht nach häufiger möglich gemacht wurde als irgendwo sonst, ist die Glaubenspraxis der Quäker, die von Anfang an eine Art Aktivismus von leuchtendem Glanz hervorbrachte oder, um ein bekanntes Wort zu paraphrasieren: »ein von Liebe durchtränktes Handeln«.

Da es sich bei ihr um meine persönliche religiöse Herkunftslinie handelt, hatte ich das Glück, dies quasi von einem Tribünenplatz aus beobachten zu können. Zwar haben mich meine Eltern nicht quäkerisch erzogen, doch bin ich im Südosten von Pennsylvania aufgewachsen in unmittelbarer Nähe von Philadelphia, das von der ersten Siedlerguppe von Quäkern um William Penn [/] gegründet worden war, die den Lehren des englischen Mystikers Geor­ge Fox [/] aus dem siebzehnten Jahrhundert folgten. Also hörte man deren Namen und weitere aus der Literatur der Quäker, wie John Woolman [/] oder Isaac Penington [/], in unserer Gegend des Öfteren.

Nicht in meiner Kindheit, erst etwas später, lernte ich dann den Namen von Thomas Raymond Kelly [/] kennen, der für mich von großer Wichtigkeit werden sollte. Er war 1893 in Ohio in eine Familie andächtiger Quäker hineingeboren worden und lebte ein relativ kurzes Leben von nur siebenundvierzig Jahren, in welchem sein großes suchendes Herz zwischen dem kontemplativen Pfad und seiner akademischen Laufbahn hin und her schlug. Er selbst sah sich als einen Gelehrten und wollte ein maßgebliches Standardwerk über Quäkertum und Mystik verfassen.

Zwischen seinen verschiedenen Studien, unter anderem in Havard, reiste er während des Ersten Weltkriegs mehrfach im Rahmen von Zivildiensteinsätzen nach Europa und, nach dessen Ende, für das Kinderernährungsprogramm der quäkerischen Hilfsorganisation American Friends Service Committee [/] auch nach Deutschland. In der Zwischenkriegszeit entwickelte er dort eine große Sympathie für die Deutschen und erkannte daher früh, dass die Dinge nach den gefährlichen Wahl­erfol­gen der Nationalsozialisten und der Macht­übergabe an Hitler 1933 ernsthaft aus dem Ruder liefen.

Logo AFSC

Das Logo der quäkerischen Hilfsorganisation American Friends Service Committee, die 1947 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde

Dies zerriss ihm sein Quäkerherz derart, dass er nach einer Art von geheimnisvollem inneren Er­wachen und einer darauffolgenden tiefgreifenden Ganzwerdung seines Wesens seine Ziele einer Pro­fessur und Lehrtätigkeit aufgab und die letzten drei Jahre seines Lebens, ungeachtet der persönlichen Folgen, darauf verwendete, den Mächtigen immer wieder die Wahrheit zu sagen. Und in der Art, wie er dies tat, gelangte er immer näher an jenen Punkt, an dem, wie ich weiter oben ausgeführt habe, der Aktivismus seinen wahren Modus Vivendi findet, nicht, indem er versucht, diese Welt geradezu­biegen, sondern dadurch, dass er vorbehaltlos und kompromisslos nach den Gesetzen jener ›höheren‹ Welt lebt und schaut, was in dieser ›niedrigeren‹ Welt daraus wird. Von den Flammen dessen, was man nicht anders nennen kann als eine »höhere Liebe«, war Kelly förmlich durchwirkt und durchströmt, sodass ihn viele als ein »verwandeltes Wesen« bezeichneten.

Also kehrte er 1938 aus Nazi-Deutschland nach Amerika zurück und versuchte, die Menschen wach­zurütteln, die in ihren herausgeputzten Gemeinde­häusern entlang von Philadelphias Haupteisen­bahn­strecke saßen und sich als fromme und ehrbare Leute fühlten, die taten, was sie tun konnten. »Wacht auf«, sagte er zu ihnen, »ihr habt ja keine Ahnung wie privilegiert ihr seid. Und ihr habt keine Vorstellung von der Kata­strophe, die über uns her­einbrechen wird. Eure Reli­giosität hat ihr Rückgrat verloren und ist schlaff geworden. Wie werdet ihr jemals aufstehen und der Welt die Stirn bieten?« Seine Botschaft trug er derart leidenschaftlich vor, dass er in vielen, und sicherlich auch in meiner noch jungen Seele, das Feuer in mancher Hinsicht wieder entfachte.

Seine letzten Essays, eigentlich sind es eher Predigten, finden sich gesammelt in seinem Buch A Testament of Devo­tion.[2] Im zweiten Kapitel, »Heiliger Gehorsam«, habe ich ein paar Stellen an­gestrichen, die ich euch für eine weitergehende Reflexion ans Herz legen möchte und die etwas Fleisch an den Knochen dessen bringen, was ich bisher ausgeführt habe. Zu Beginn des Kapitels äußert sich Kelly folgendermaßen:

Meister Eckhart schrieb: »Es gibt viele, die unserem Herrn nur halbwegs folgen, aber nicht den ganzen Weg. Sie mögen Besitz, Freunde und Titel aufgeben, aber es ginge ihnen zu weit, sich selbst zu verleugnen.« Bloß dieses erstaunliche Leben möchte ich euch in gänz­licher Demut, in aller Beherztheit und in vollem Ernst nahelegen: jenes, das bereit ist, ihm auch auf der zweiten Hälfte des Weges zu folgen und sich selbst zu verleugnen, und das vollständigen Gehorsam beabsichtigt ohne irgendwelche Vorbehalte. Das meine ich wörtlich. […] Wenn ihr die revolutionäre Explo­sivi­tät dieses Vorschlags nicht begreift, wisst ihr nicht, was ich meine.[3]

Demut und Beherztheit sollten Hand in Hand gehen.

Ich denke, was Kelly hier als »vollständigen Ge­horsam« begreift, ist die wirkliche Aufgabe unseres autonomen Willens, der der Welt angehört, in der wir leben, und unsere gänzliche Unter­ordnung unter die Führung durch den Willen Gottes in vorbehaltloser »Obedienz« (was vom lateinischen ab audire abstammt und »tief zuhören« bedeutet) sowie unser nicht-konfliktives Handeln (wie es die Neuro- und die Sozialwissenschaft manchmal nennen), wie oben erwähnt, nach den Gesetzen des höheren Reichs in unserem Reich.

Das bedeutet »vollstän­diger Gehorsam« und dadurch hängt es mit Selbst­verleugnung zusammen. Dabei entwaffnen wir unser kleines Selbst, das meint, der Boss unseres Lebens zu sein, aber ganz und gar unter den Regeln von Anziehung und Abstoßung, Kampf und Flucht arbeitet. Dieses sollten wir verleugnen oder »enteignen«, also still und leise beiseiteschaffen, sodass wir es uns erlauben können, eine – wenn man so will – Zweitbesetzung auftreten zu lassen für den göttlichen Willen und für das Ausspielen dessen, wie die Dinge gemäß den höheren Gesetzen ablaufen, denen wir erlauben, als Quelle unserer Motivation durch uns hindurchzufließen.

Das ist Obedienz oder Gehorsam. Und bitte beachtet, wie Kelly dies sagt: »in gänzlicher Demut, in aller Beherztheit«. Für ihn gehen diese beiden Eigenschaften Hand in Hand, und es ließe sich eine Doktorarbeit darüber verfassen, wie er diese beiden Begriffe in seinen Schriften immer wieder ineinander verschränkt. Denn je demütiger er wird, desto beherzter wird er.

»Wenn sich ein Mensch in seinem Leben derart verpflichtet, dann bricht Gott herein, dann werden Wunder gewirkt und welterneuernde göttliche Kräfte freigesetzt und dann ändert sich der Lauf der Geschichte.«

Und darin liegt meiner Ansicht nach das neue Paradigma, das gerade am Entstehen ist und das die meisten Menschen einfach nicht sehen. Wir denken, wenn wir demütig werden, würden wir rückgratlos und unterwürfig, tatsächlich jedoch werden wir frei. Weil uns keiner was anhaben kann und wir nichts zu gewinnen oder zu verlieren haben, sodass wir einfach und klar nach dem handeln können, was unser Gewissen uns als die Wahrheit zeigt. Darüber sagt Thomas Kelly:

Wenn sich ein Mensch in seinem Leben derart verpflichtet, dann bricht Gott herein, dann werden Wunder gewirkt und welterneuernde göttliche Kräfte freigesetzt und dann ändert sich der Lauf der Geschichte.[4]

Wie wäre es, wenn wir das an unsere Kühl­schrank­tür heften und es als eine Herausforderung und ein Wagnis in dieser Zeit der gesellschaftlichen und moralischen Umwälzungen beherzigen würden? Was, wenn jede und jeder von uns einen Schritt in Richtung dieses vollständigen Gehorsams machte? Wie sähe es aus, wenn welterneuernde göttliche Kräfte in dieser Welt freigesetzt würden? In der Verzweiflung und der Schieflage und dem Drunter und Drüber, die wir heute erfahren? Inmitten all des Schreckens und der Verspottung all dessen, was der Menschheit seit mindestens zwei Jahrtausenden hoch und heilig war? Was, wenn welterneuernde göttliche Kräfte freigesetzt würden, unter anderem durch unsere Einwilligung, in der Präsenz dieser Einladung auszuharren – und sie auszuhalten, sie auszuhalten, ohne davonzulaufen?

»Wenn sich ein Mensch in seinem Leben derart verpflichtet, dann bricht Gott herein, dann werden Wunder gewirkt und welterneuernde göttliche Kräfte freigesetzt und dann ändert sich der Lauf der Geschichte.«

Kelly schreibt weiter:

Das ist etwas gänzlich anderes als lauwarme, konventionelle Religiosität, die in von gezierten Fingern schicklich gestrafften Röcken ängst­lich versucht, die Welt aus dem Schlamm­loch ihrer Selbstsucht herauszuangeln. Unsere Kirchen und Gemeindehäuser sind voll von solchen liebenswürdig korrekten Leuten.[5]

Er spricht also von jener Hurra rufenden Gruppe von Kirchenbesuchern, die sagen: »Oh, meine Lie­ben, lest Jesaia 2 und wie der Herr kommen wird, Recht zu schaffen zwischen den Nationen…«, aber glauben, dies alles geschehe im »Bibelland«. Wie lassen wir es zu, dass die Dinge unser Herz berühren? Wie gelangen wir von pflichtgemäßem, lauwarmem Reagieren unter dem Druck von Annäherung und Vermeidung, von Anziehung und Abstoßung zu jener Art von Gehorsam, bei der wir verstehen, dass es manchmal und mancherorts radikalerer oder, wie Kelly sagen würde, beherzterer Maßnahmen bedarf? Und wo finden wir den Mut dazu?

Mariann Budde
Hier fällt mir unsere episkopale Bischöfin von Washington ein, Mariann Budde, die mutig aufstand und in ihrer Predigt anlässlich der Inaugura­tion von Präsident Donald Trump im Januar 2025 der Welt eine Kostprobe einer Gewissenstat, eines richtigen Handelns darbot. Sie zeigte nicht mit dem Finger der Anklage auf die Mächtigen, aber sie sagte ihnen die Wahrheit ins Gesicht. Woher nahm sie den Mut dazu? Was gab ihr dieses Gewissen? Denn ich glaube, es gibt keinen Mut ohne Gewissen, und es gibt kein Gewissen ohne Mut. Kelly schreibt:

In einigen, sagt William James, existiert Re­ligion als eine abgestumpfte Gewohnheit, in anderen als ein akutes Fieber. Religion als abgestumpfte Gewohnheit ist nicht das, wofür Christus gelebt hat und gestorben ist.[6]

Aus der abgestumpften Gewohnheit unserer Religiosität zu erwachen, wäre eine gute Sache. Glauben wir, worauf Thomas Kelly hier hinweist? Glauben wir, worauf unser christliches Kerygma hinauswill? Glau­ben wir an die welterneuernden göttlichen Kräfte, die freigesetzt wurden auf diesem heiligen Pfad, der mit der Menschwerdung begann und sich seinen Weg bis zur Kreuzigung bahnte? Glauben wir, dass dies die Weise ist, wie welterneuernde göttliche Kräfte hervortreten? Und wenn ja, wo leben sie in uns?

© Cynthia Bourgeault / Chalice Verlag 2026
Deutsche Übersetzung © Helga Jacobsen & Robert Cathomas

Anmerkungen

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[1] Die Autorin benutzt hier den englischen Ausdruck to speak truth to power, der in etwa bedeutet »den Mächtigen die Wahrheit sagen«. Er steht für eine Taktik des gewaltfreien politischen Widerstands und geht in dieser Formulierung wohl auf den afroamerikanischen Bürgerrechtsaktivisten Bayard Rustin (1912–1987) und sein Pamphlet Speak Truth to Power: A Quaker Search for an Alternative to Violence aus dem Jahr 1942 zurück, das später auch in der Arbeit des quäkerischen »Hilfskomitees der Freunde«, dem American Friends Service Committee, eine wichtige Rolle spielte [Anmerkung der Übersetzer].

[2] Thomas R. Kelly: A Testament of Devotion, New York: Harper & Brothers, 1941; deutsch: Heiliger Gehorsam, Bad Pyrmont: Friedrich, 1946, Neuausgabe: Leipzig: Deut­sche Nationalbibliothek, 2022.

[3] Ebenda, Seite 52. Das von Kelly hier angeführte und im englischsprachigen Raum sehr bekannte, allerdings nie mit Quellenangabe versehene Zitat von Meister Eckhart (“There are plenty to follow our Lord half-way…”) stammt aus Franz Pfeiffer: Meister Eckhart, translated by Clare de Bre­reton Evans, London: John M. Watkins, 1924, Seite 45, wo es übersetzt ist aus Wilhelm Preger: »Kritische Stu­dien zu Meister Eckhart« in Zeitschrift für historische Theo­logie, Band 36, Gotha 1866, Seite 495, in Pregers eigener neudeutschen Fassung allerdings lautet: »Man findet wohl Leute, die unserem Herrn folgen nach einem Theil, aber nicht nach dem anderen. Sie verzichten wohl auf gute Freunde, aber das greift tiefer, daß man soll sich selber verleugnen« [A.d.Ü.].

[4] Ebenda.

[5] Ebenda, Seite 53.

[6] Ebenda. Das Zitat von William James findet sich in William James: The Varieties of Religious Experience, New York: The Modern Library, 1936, Seite 8 [A.d.Ü.].