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Reshad Feild

Die Latifas und dein inneres Gleichgewicht: eine Übung

Reshad Feild: Die Latifa-Übung

Bild: Adobe Stock & Chalice Verlag

Übungen zur Wiederherstellung und Festigung des Gleichgewichts zwischen den verschiedenen »Zentren« oder subtilen Organen des feinstofflichen menschlichen Körpers werden in vielen östlichen wie westlichen spirituellen Traditionen unterrichtet. Die nachfolgend beschriebene Latifa-Übung aus dem Sufismus wurde von Reshad Feild weiterentwickelt und jahrzehntelang in seiner Weisheitsschule gelehrt

Leseprobe aus dem Buch Gesammelte Werke, Band III von Reshad Feild

Reshad Feild: Gesammelte Werke

lle unsere Übungen haben mit Balance zu tun. In jeder echten inneren Schule kommt es auf fortgesetztes Üben an. Wenn wir den spirituellen Pfad beschreiten, hängt alles davon ab, dass wir das innere Gleichgewicht wahren. Nur wenn wir diese feine Balance halten können, ist es möglich, uns den höheren Welten zu öffnen, ohne von einem Sturm davongeweht zu werden. Die Übung, die ich jetzt vorstellen möchte, finden wir in etli­chen inneren Traditionen. Natürlich gibt es Unter­schiede des Erscheinungsbildes, aber im Prinzip stimmen die Me­thoden über­ein. Der Mensch ist ein vieldimensionales Wesen und selten von vollkommener Ausgewogenheit in all seinen Zü­gen. Jede Übung zielt auf Balance und Harmonie ab, denn nur darin können wir auf verschiedenen Bewusstseinsebenen zu­gleich leben.

Ich möchte, dass die Latifa-Übung als heilige Übung angesehen wird, genauso wie sie mir als eine überaus heilige Übung gegeben wurde. Darauf bestehe ich in den Gruppen in unserer Schule, und so ist es in allen Traditionen, ob jüdisch, christlich oder islamisch – dass alle Übungen heilig sind und dass jedes Gebet mit einem Lobpreis beginnt. In der inneren Tradition ist »Atem« ein anderes Wort für »Gebet«. Wenn wir unseren Tag nicht damit beginnen, unseren Schöpfer zu preisen und uns an Ihn zu erinnern, wird Er uns vielleicht vergessen! Die Haltung in all diesem ist die der Dank­­barkeit. Ich bin dankbar, dass ich Ihnen diese Übung geben kann, und möchte, dass Sie alle verstehen, dass sie aus einer sehr, sehr langen Tradition der Unterweisung stammt.

Leseprobe aus dem Buch Gesammelte Werke, Band III von Reshad Feild

Reshad Feild: Die Latifa-Übung

Selbst wenn wir uns schlecht fühlen, können wir unsere Übun­gen in dieser Schule mit einer Lobpreisung beginnen. Vielleicht ist dieses Schlechtfühlen einfach die Medizin, die wir brauchen, damit es uns wieder besser geht. Wenn wir nicht mit Lobpreis beginnen können, dann sind wir höchstwahrscheinlich zu ernst und denken nur an uns und unsere persönlichen Probleme. Wir beginnen mit einer Proklamation der Einheit und mit Lobpreis. Ich garantiere Ihnen, dass wir unseren Schöpfer nicht nicht preisen können, wenn wir diese Übung richtig machen. […]

Als theoretische Ergänzung zu dieser Leseprobe von Reshad Feild empfehlen wir den Text von Henry Corbin: »Die Latifas und die sieben Propheten deines Wesens«

Henry Corbin: Die Latifas und die sieben Propheten deines Wesens

Als theoretische Ergänzung zu dieser Leseprobe von Reshad Feild empfehlen wir den Text von Henry Corbin: »Die Latifas und die sieben Propheten deines Wesens«

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Aber was ist das für eine Übung? Sie heißt »die Latifa-Übung«. Im Arabischen bedeutet latif »fein« oder »subtil«. Das Wort ist schwierig, weil alles subtil ist. Aber wir haben verschiedene Zentren oder Pforten in un­serem Körper – und ich möchte, dass Sie mit so viel Anteil­nah­me zuhören wie möglich!

Jedes Buch, das Sie über die Zentren lesen, ist unweigerlich beschränkt. Warum? Von den Chakren [/] heißt es in den meisten Bü­chern, dass sie entlang der Wirbelsäule liegen. Nun, in gewisser Hin­sicht trifft das zu. In anderer Hinsicht ist das Unsinn, weil wir wahrscheinlich vierzehndimensional sind, ganz sicherlich aber zumindest sechs­dimensional. Einfach zu sagen, dass die Chakren entlang der Wirbelsäule liegen, und sie in einer entsprechenden Illus­tration darzustellen, ist daher eine Beschränkung der Möglichkeit. Und wir wollen die Möglichkeit nicht einschränken. In manchen Büchern können Sie lesen, dass es sieben Chakren gibt; aber in anderen, in bestimmten Formen des tibetanischen Buddhismus zum Beispiel, sind es fünf. Und wieder in einem anderen Buch werden Sie lesen, es seien zweiundzwanzig. Deswegen sollten wir uns nicht durch die Dinge beschränken lassen, obwohl die siebenfache Natur des Lebens wichtig ist.

Wir können unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Regionen unseres Körpers richten und dann in sie hinein und durch sie hindurch atmen, um sie anzuregen und zum Leben zu erwecken.

Die Schlüssel zu dieser Übung sind Klang, Absicht, Wachheit und natürlich der Atem. Atmen Sie! Sie müssen in der Lage sein, Ihre Aufmerksamkeit auch nicht für die Dauer eines einzigen Atem­zuges zu verlieren. Das ist schwierig. Eigentlich ist es sehr einfach, aber es ist schwierig, weil wir so viele kleine Ichs haben, die herumlaufen, und so wenig permanentes Ich vorhanden ist. Aber wir tun unser Bestes. Und wir dürfen nicht kämpfen oder zu hart gegen uns selbst sein, wenn wir Schwierigkeiten haben. Machen Sie weiter, seien Sie beharrlich – jeden Tag ein bisschen. Wir gehen den Lebens­pfad Schritt für Schritt, stets bemüht, für den Augenblick wach zu sein, und hier gewinnt der Atem seine besondere Bedeutung.

Atmen ist eine ganzheitliche Erfahrung, die unser gesamtes Sein in allen seinen Aspekten erfasst. Es hält nicht nur unsere Lunge in Bewegung, damit sie uns mit dem nötigen Sau­er­stoff versorgen kann, sondern verbindet uns auch mit den an­deren Welten um uns her. Wir können unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Regionen unseres Körpers richten und dann in sie hinein und durch sie hindurch atmen, um sie anzuregen und zum Leben zu erwecken. Dies ist der Schlüssel, den wir für die Schlösser der Pforten, der Latifas, brauchen. Wir können jeden Tag ein wenig das Aufschließen üben, wissend, dass die Pforten zwar lange ge­schlossen waren, aber eines Tages, wenn die Zeit reif ist, doch wieder aufgehen werden.

Die Latifas sind subtile Zentren innerhalb der subtilen Anato­mie des Körpers Gottes. Was ist der Körper Gottes? Sie und ich – wir sind die subtile Anatomie des Körpers Gottes, weil Gott uns nach Seinem Bild geschaffen hat. Schon daran zu denken, ist eine gewaltige Erkenntnis. Diese Zentren oder Pforten, von denen fünf in meinem Buch Das atmende Leben erwähnt sind, sind wie ›Reser­voirs‹. Es sind unerschöpfliche Reservoirs, die durch die Zuwen­dung von liebevoller Aufmerksamkeit zum Fließen gebracht wer­den. Sie bleiben ge­schlossen, bis wir anklopfen. Sind Geduld und Ausdauer stark genug, werden die unsichtbaren Türhüter sie irgend­wann von innen öffnen. In dieser relativen Welt braucht alles seine Zeit, und das ist nur zu unserem Schutz. Würden die Pforten plötzlich aufsprin­gen, stünden wir vielleicht nicht fest und sicher genug, um das Wissen zu empfangen, das auf uns einstürzt.

Die Latifa-Übung ist eine Methode zur Gewinnung von Substanz, um eine höchst verfeinerte Form von Energie zu produzieren, mit der Sie, ohne den Schatten eines Zweifels, wissen, dass es keine Trennung gibt.

Die Bewegung der Energie durch diese subtilen Zentren ist eine Form spiritueller Alchimie. Es ist ein alchimistischer Prozess, aus dem wir Substanz gewinnen können. Das Wort »Substanz« hören Sie oft von mir. Sie ergibt sich aus allen Arten innerer Arbeit, ob Gebet oder Yoga oder was immer Sie tun möchten, was es auch sei. Die Latifa-Übung ist eine Methode zur Gewinnung von Substanz, um eine höchst verfeinerte Form von Energie zu produzieren, mit der Sie, ohne den Schatten eines Zweifels, wissen, dass es keine Trennung gibt. Es gibt keine Trennung.

Ziel und Zweck dieser Übung, wenn es so etwas überhaupt gibt, besteht darin, Energie zu destillieren, um einen Punkt des vollkommenen Verstehens und der Erkenntnis von Gottes Liebe zu erreichen. Was ist Liebe? Wenn die Leute sagen, dass Gott Liebe sei, was ist Gott dann nicht? Wir sagen nicht: »Strebe nach Liebe!«; wir gehen zum Ursprung der Liebe. Wir sagen nicht: »Strebe nach Frieden!« (auch dies ist einer von Gottes Namen); wir gehen zum Ursprung des Friedens. Liebe ist der erste Grund, und der erste Grund ist der erste Grund der Schöpfung, die das Über­fließen der Göttlichen Essenz ist.

Wenn wir also am Ende der Übung zur letzten Latifa kommen, werden wir in uns Energie destilliert haben von ihrem Rohzustand zu ihrer höchsten Möglich­keit, die wir »Liebe« nennen. Vom Augenblick des Urknalls an – der nicht dreiundzwanzig Milliarden Jahren zurückliegt (das ist nur eine Maß­einheit), sondern in jedem bewussten Atemzug geschieht, den Sie nehmen – von diesem bestimmten Augenblick an wird sie mit Hilfe dieser verschiedenen Zentren in der gesamten feinstofflichen Anatomie unseres Körpers destilliert und verfeinert. Das ist der Zweck. Ich könnte unendlich lange darüber sprechen, denn es geht ewig so weiter. Es ist so schön!

Halten wir uns stets vor Augen, dass wir in dieser Übung unsere Aufmerksamkeit zwar auf bestimmte Gebiete des Körpers lenken, aber nicht etwa diese Körperteile selbst meinen, sondern uns von ihnen nur die Rich­tung vorgeben lassen.

Beschreibung der sechs Latifas

Es gibt viele Tore, die geöffnet werden müssen, doch die sechs, um die es in dieser Übung geht, sind mit allen ande­ren durch die feinstofflichen Körper verbunden. In der beschrie­benen Art und über längere Zeit mit ihnen bewusst umzugehen, kann zu tiefgreifenden Veränderungen führen. Halten wir uns jedoch stets vor Augen, dass wir unsere Aufmerksamkeit zwar auf bestimmte Gebiete des Körpers lenken, aber nicht etwa diese Körperteile selbst meinen, sondern uns von ihnen nur die Rich­tung vorgeben lassen. Unser eigentlicher Gegenstand sind die feinstofflichen Zentren.

Erste Latifa: Lebensenergie
Die erste Latifa liegt im Milzbereich auf der linken Seite Ihres physischen Körpers hinter dem unteren Teil des Brustkorbs. Ich nenne es das Zentrum der Lebensenergie. Was ist die Ursache des Lichts? Was erzeugt Licht? Feuer. Auf diese Art und Weise sehen wir Licht. Aber wir dürfen nicht über Feuer meditieren! Wenn man über das Feuer meditiert, könnte man zuviel Hitze auf einmal erzeugen. Es könnte uns auch sehr viel Kraft geben, aber das ist nicht der Sinn der Sache. Das ist der Grund, warum ich dieses Zen­trum nicht in mein Buch Das atmende Leben aufgenommen habe. Wenn Sie es überhaupt benennen wollen, nennen Sie es »Licht«; aber in Wirklichkeit ist es das, was jenseits des Ver­glei­chens liegt.

Diese erste Pforte macht uns eine Art von Energie verfügbar, die unentbehrlich ist für unsere Reise. Sie wird daher manchmal Le­benskraft (im Chinesi­schen Qi oder Chi [/]) genannt. Wenn von dieser ver­feinerten Energie nicht genügend in uns zirkuliert, haben wir es schwer, unsere persön­liche Bestimmung zu erfüllen. Unsere Kon­zentration wird zu wün­schen übrig lassen, und dann werden wir immer wieder von un­serem eigentlichen Ziel abgelenkt. Mangelt es an Lebenskraft, empfinden wir paradoxerweise nicht diesen tiefen Frieden, der sich einstellt, wenn alles ineinandergreift und sich zu einer Bewegung auf das Ziel hin vereinigt. Es handelt sich bei dieser Energie nicht um gewöhnlichen animalischen Magnetis­mus, sondern um eine ver­edelte Form, die uns erst durch ausdauernde innere Arbeit verfügbar wird. Veredelt wird sie durch Atem, Klang und Visua­lisation. Dort beginnt unsere Übung, also finden Sie diesen Bereich.

Zweite Latifa: Wunsch
Die zweite Latifa ist der physische Bereich der Leber (etwas un­ter­halb des rechten Brustkorbs), und sie wird »Wunsch« genannt. Wunsch ist mehr als es scheint. Wir sagen in unserer Tradition: »Dein Wunsch werde mein Verlangen.« Es gibt keine Trennung. Wenn ich also wünsche, dies zu geben, ist es Gottes Wunsch. Es ist nicht so, dass ich zuerst wünsche und Er dann verlangt oder umgekehrt. Es geschieht gleichzeitig. Was wünscht Gott Sich für die Welt? Was wünschen Sie sich? Sie gehen nicht raus und wünschen sich einen Rolls Royce; das ist nicht das, wovon wir sprechen. Wir sprechen von einem Punkt oberhalb der Spitze der Pyramide, um die notwendige Transformation auszulösen und auf den Planeten zu bringen, denn der Planet braucht sie. Das ist Wunsch.

Vergegenwärtigen wir uns das Wort »Wunsch«. Es ist wirklich erstaunlich, wie dieses eine Wort uns auf unser Ziel ausrichten kann. Können wir uns erinnern, wie es sich anfühlte damals, als die Welt noch jung und neu war, als man sich beim Anblick einer Sternschnuppe wirklich etwas wünschte? Wir alle haben noch die ur­sprüngliche Unschuld und Begeisterungsfähigkeit unserer Kindheit in uns, doch ist sie häufig überkrustet vom Schmerz, den wir erlitten, und den Urtei­len, die wir gefällt haben. Aber die Erinnerung ist noch da, und wir können ihr neues Leben geben.

Was eigentlich wünschen wir uns? Ich spreche hier nicht von Träumen, nicht von einer teuren Yacht oder einem Traumhaus. Was ist unser wirklich großer Wunsch? Freiheit, wunderbare, grenzenlose Freiheit? Oder Erkenntnis? Was ist es? Letztlich ist unser Wunsch eine ganz persönliche Sache. Er geht nur uns selbst und unseren Schöpfer etwas an und erfordert nichts weiter als Ehrlich­keit.

Dann fragt sich auch, was wir uns für Freunde und Familie, was wir für die Welt wünschen würden. Das Wort »Wunsch« ist eine Pforte zu höhe­ren Welten, durch die Impulse einer anderen Art in unser Leben gelangen. Wir müssen herausfinden, was wir wünschen, und dürfen es nicht wieder vergessen. Es gibt viel zu putzen, bis die Schlüssel blank genug sind, um damit die Schlösser zu öffnen!

Dritte Latifa: Hoffnung
Die dritte Latifa liegt im Bereich der linken Brust. Können Sie sie finden? Das ist die Latifa der Hoffnung. Ich möchte, dass Sie sehr genau zuhören. In den griechischen Mysterientempeln hieß es über dem äußeren Torbogen (nicht dem zweiten oder dritten, sondern dem äußeren): »Lasst alle Hoffnung fahren, ihr, die ihr hier eintretet.« Warum? Weil Hoffnung Sie hierhergeführt hat; des­wegen brauchen Sie sie nicht länger. Ich sage das, weil wir die Energie destillieren und verfeinern mit jeder Handlung und jedem Atemzug, den wir nehmen, und mit jedem Klang. So sind wir vom Wunsch zur Hoffnung gelangt.

Es ist nicht leicht, in einer Welt, die so voller Leiden und Ver­schmutzung ist, sich auf dieses Wort einzulassen. Ich denke, dass manch einer von uns irgendwann schon einmal fast alle Hoffnung für uns und die Welt verloren hat. Wir kommen in einer eiskalten Winternacht in London oder New York an einer zusammenge­kauerten Gestalt vorbei und fragen uns, welche Hoff­nung solch ein Mensch wohl noch haben kann. Und welche Hoffnung besteht angesichts von religiösem und politischem Fanatismus, der Land gegen Land, Bruder gegen Bruder aufhetzt? Welche Hoffnung gibt es für die Millionen, die verhungern?

Und doch bedarf es der Hoffnung. Wenn wir alle Hoffnung verlieren, was wird dann aus Gottes Hoffnung für uns? Wir mögen sogar vergessen, dass Hoffnung in der Welt existiert, aber wir sind es, die sie vergessen haben. Hoffnung ist in jedem Herzschlag. So wie es einen inneren Klang der Dankbarkeit gibt, so hat auch das Wort »Hoffnung« seinen inneren Klang. Indem wir dieses Zen­trum erwecken, beten wir darum, dass wir uns erinnern mögen, was echte Hoffnung ist, und holen sie damit in diesen gegenwärtigen Augenblick zurück. Wir hoffen aufrichtig, es mögen sich die Dinge für jedermann zum Besseren wenden.

Was ist Gottes Hoffnung für die Welt? Was ist Gottes Hoff­nung für Sie? Das beschreibt der großartige Ausspruch in einem Hadith des Propheten Mohammed (Friede und Segen seien mit ihm!), der sagt, als ob Gott spräche: »Ich war ein verborgener Schatz und Ich liebte es, erkannt zu werden; so erschuf Ich die Welt, auf dass Ich erkannt werde.« Liebe ohne Wissen, nämlich das Wissen über sich selbst, ist nicht genug. Liebe ohne Wissen ist nicht genug, denn wie wird sie verankert? Liebe, der erste Grund, muss durch Selbsterkenntnis verankert werden.

Vierte Latifa: Glaube
Von der Hoffnung bewegen wir uns quer über die Brust zum »ge­heimsten Ort«, wo sich die vierte Latifa befindet, ein weiteres Reservoir, das wir »Glaube« nennen. Sie können auch »Gott­ver­trauen« dazu sagen. Dank dieser wunderschönen Übung werden Sie, so Gott will, ohne Dualität wissen, was Vertrauen ist. Das bedeutet nicht, einfach zu sagen, dass ich Ihnen vertraue oder Sie mir. Es heißt, das Vertrauen zu kennen »mit einem Vertrauen über alle Maßen.«

Wir mögen noch so zynisch sein und jeden Glauben leugnen, er ist doch immer da in dieser oder jener Form. Diese Schlüssel­wörter sind von enormer Kraft, und es ist manchmal ratsam, ein Notizbuch bereitliegen zu haben, um alles aufzuschreiben, was in uns aufsteigt, wenn wir uns in sie versenken. Woran glauben wir? Was würde geschehen, wenn ein lebendiger Glaube in uns wiedererwachte, der lange Zeit im Schlaf lag? Wäre es möglich, durch echten Glauben zu so tiefer Überzeugung zu gelangen, dass wir diese Welt mit einem Credo verlassen könnten, welches alle blo­ß weltlichen Begriffe hinter sich gelassen hat und auch unseren Kindern und Kindeskindern wahres Begreifen ermöglicht? Das ist eine große Herausforderung, aber auch voll wunderbarer Möglich­keiten.

Ohne inneren Glauben kann es keine Überzeugung unserer eigenen essenziellen Wirklichkeit als Teil des Ganzen geben. Wir ver­fallen in Enttäuschung. Glaube ist keine komplizierte Angele­gen­heit; er bedeutet, an die letztendliche Güte allen Lebens zu glauben. Wenn wir davon überzeugt sind und wissen, dass wir Hüter des Planeten sind, werden wir die notwendigen Schritte tun, um uns in den Fluss des Dienens zu stellen. Liebe ist reine Energie, und Liebe darf nicht verschwendet werden.

Wenn Sie Glauben und Vertrauen mit Liebe verknüpft haben, hier in der Gegenwart und im Wissen, haben Sie genügend von der verfeinerten Energie, die Sie brauchen. Und wir müssen es jeden Tag tun. Wir sind alle menschlich; niemand ist vollkommen. Wir müssen in der Lage sein zu sagen: »Ich ergebe mich, ich gehorche« den, man könnte sagen, höheren Welten, aber keinen Halb­heiten. In unserer Tradition gibt es keine Vermittler. Selbst Maria wendete sich auf geradem Weg ihrem Herrn zu, Jesus ging den geraden Weg, alle Propheten von Abraham an gingen den geraden Weg. Keine Fürsprecher! Keine Vermittler! Wir drehen uns nicht um und ergeben uns und gehorchen Konzepten oder Arche­typen unserer eigenen Erfindung oder unseren Vorgängern oder Vor­fahren. Auf keinen Fall – gehen Sie den geraden Weg!

Fünfte Latifa: Hingabe oder Ergebung
Die fünfte Latifa liegt auf der Höhe des Kehlkopfzentrums. Hier sagen wir: »Ich gebe mich hin, ich gehorche.« Dieses Zentrum hat zahlreiche »Aufgaben«. Alles, was wir essen und trinken, geht durch die Kehle, und das gilt ebenso für die Atemluft. Auch un­sere Stimme hat ihren Sitz in der Kehle. »Im Anfang war das Wort.« Das erste Wort, so heißt es, war kun, »Sei!«, und dann wurde alles. Das Göttliche Gebot aus dem Herzen Gottes wurde vom ersten mani­festen Laut im Uni­versum getragen, dem Laut Hu. Das Schlüs­sel­wort dieses Zen­trums ist »Hingabe« oder »Ergebung«. Indem wir die Lebens­kraft durch unsere Hände ins Kehlzentrum gelangen lassen, öff­nen wir diese Pforten, damit die höheren Welten durch uns wir­ken können. Es gibt ein Gebet von Charles de Foucauld [/], das, wie ich glaube, an dieser Stelle sehr hilfreich ist:

Gebet der Hingabe

Vater, in Deine Hände ergebe ich mich.

Tue mit mir, was immer Du willst,
und was immer Du tust,

Ich werde Dir danken
und Dir immer dankbar bleiben.

Lass nichts als Deinen Willen in mir geschehen
wie in all Deinen Geschöpfen.

In Deine Hände befehle ich meinen Geist.

Ich gebe ihn Dir
mit all der Liebe meines Herzens.

Denn ich liebe Dich, Herr,

Und sehne mich danach, mich zu geben,
mit einem Vertrauen über alle Maßen.

»Gott braucht den Menschen« – und nun sind wir bereit, uns hinzugeben für Sein Werk auf der Erde. Möge der Himmel auf die Erde kommen und die Erde sich in den Himmel verwandeln! Vielleicht hören wir hier zum ersten Mal die Botschaft, die uns das Wissen vermittelt, worin Liebe verankert sein muss – in der Er­kenntnis unserer selbst.

Wenn wir es, mit Gottes Willen, geschafft haben, die Energie genügend zu destillieren, haben wir zu diesem Zeitpunkt die verfeinerte Energie, die nicht mehr rohe Energie ist. Es ist nicht die Art Stärke, die man zum Baseballschlagen braucht. Es ist eine sehr verfeinerte, reine Kraft – »rein und anpassungsfähig wie Wasser«, was die Bedeutung des Wortes saf im Arabischen ist. Wenn wir diese Worte in Liebe sagen und meinen, was wir sagen, und dabei Autori­tät völlig akzeptieren – »ich gebe mich hin, ich gehorche« –, dann ist es das Fröhlichste, was wir tun können. Wirklich.

Sechste Latifa: Liebe
Schließlich kommen wir zur sechsten Latifa, dem Zentrum in der Brustmitte, und sagen: »Ich liebe.« Was soll das wohl heißen? Das Ich, das »Liebe« sagt, ist die Liebe. Es ist das Überfließen der Göttlichen Essenz. Wie Gurdjieff [/] sagte: »Das Leben ist nur wirklich wenn Ich bin.« Es ist nicht »Ich liebe«, als ob es zwei Dinge wären. Es ist ein und dasselbe. Ich bin der Ausdruck von Gottes Liebe. Ich bin das manifestierte Bewusstsein Gottes. Ich bin ein Zeuge der Einheit. Ich bin Zeuge für die Einheit Gottes.

Bülent Rauf und Reshad Feild in der Türkei

Bülent Rauf und Reshad Feild 1971 in der Türkei. Eine Zeit lang trugen die Mitglieder ihrer Schule eine Halskette mit dem Emblem einer Kalligrafie des Wortes Hu

Unsere Hände und der heilige Klang Hu

Zwischen jeder dieser Latifas gibt es etwas, was wir »Kanäle« nennen könnten. Sie sind bereits offen. Sie öffnen sie nicht wie mit einem Messer. Sie sind einfach bisher nicht benutzt worden. Durch sie eröffnen Sie Möglichkeiten. Es ist wie in meinem ersten Buch, Die letzte Schranke, wo ich über das Wasser spreche, das in ein ausgetrocknetes Flussbett strömt.

Sie werden Ihre Hand zuerst einmal von dem Milzbereich auf der linken Seite nach rechts hinüberführen zum Leberbereich (der leicht über dem ersten Bereich liegt), dann hinauf zur linken Brust und dann wiederum hinüber zur rechten Brust, die sehr oft ver­gessen wird. Von dort aus öffnen Sie den Kanal für die Latifa im Kehlkopfbereich. Und dann gehen Sie hinunter zum Zentrum in der Brustmitte, was in diesem Stadium der Übung die letzte Latifa ist.

Während der Übung dürfen Sie die Aufmerksamkeit nie verlieren, denn Sie transportieren Energie und verfeinern sie auf dem Weg von einem Zentrum zum nächsten dadurch, dass Sie Auf­merk­samkeit, was in etwa dem Spüren gleicht, in die Hände ge­ben. Was tun Sie? Die Hände sind die Fortsetzung des Herz­zen­trums, und dort gibt es fünf Ebenen des Magnetismus. Im Grunde verstärken Sie den Fluss. Wenn Sie Ihre Finger in ein klein biss­chen Wasser steckten und eine Linie auf dem Boden zögen, würden Sie das Wasser mitziehen, nicht wahr? Es ist das gleiche Prinzip. Jedes Mal verfeinern wir die Energie. Wie in der Alchimie oder bei jeder Art von Destillation brauchen Sie nur ein wenig von etwas, um das Nächste zu aktivieren.

Während wir die Übung durchführen, werden wir in jeder Latifa dreimal das Hu ertönen lassen, außer in der letzten, wo wir es siebenmal erklingen lassen. Jeweils beim letzten Hu bewegen wir unsere Hände weiter zur nächsten Latifa. Darf ich aus der Essenz zu vermitteln versuchen, was das Hu bedeutet? Sein Klang lässt sich nicht in Worten ausdrücken. Das ist das Erste, doch einige Schlüssel können gegeben werden. Das werden Sie nicht in Büchern lesen. Und wenn, dann wird es, bis Sie endlich verstanden haben, bereits zu weit entfernt sein. Wenn wir jetzt in Liebe zusammen sind, gibt es keine Trennung oder Distanz. Und wenn Sie das jetzt nicht verstehen, bete ich darum, dass Sie es eines Tages verstehen werden, wenn die Zeit dafür gekommen ist. In der Sufi-Tradition sagt man: «La illaha il’ Allah – Hu.» Das Hu ist der erste manifestierte Klang im Universum. Bringen Sie ihn nicht in Be­­zie­hung zu Om oder Aum; es ist ein anderes, ein ganz anderes Sys­tem.

Der Ton Hu ist auch ein heiliger, heiliger, heiliger Klang und sollte niemals unterschätzt werden. Sie hören ihn im Wind in den Bäumen, in den elektrischen Anlagen – Sie hören ihn überall. Er trägt alle unmanifestierten Welten in sich, alles. Er trägt alle heiligen Namen Gottes. Er trägt die ganze Welt der Möglichkeit. Er trägt alles aus den unsichtbaren Engelreichen, absolut alles, in unsere Welt hinein. Und Sie können ihn überall hören. Man kann nicht in Sprache ausdrücken, was er bedeutet, denn Sprache erzeugt in gewissem Sinne immer auch einen Gegensatz. Lassen Sie uns einfach sagen, dass das Hu es den Menschen ermöglicht, «Allah» zu sagen, und nicht umgekehrt.

Drei ist die erste Zahl, die überhaupt etwas manifestieren kann, und deswegen lassen wir das Hu dreimal in jede Latifa hinein­klingen, außer bei der letzten, wo wir es siebenmal tun. Sieben ist die esoterische Zahl für die Jungfrau Maria. Sie bedeutet auch die Matrix, Blaupause, das Gesetz der Oktave und viele andere Dinge.

Während der Übung dürfen Sie die Aufmerksamkeit nie verlieren, denn Sie transportieren Energie und verfeinern sie auf dem Weg von einem Zentrum zum nächsten dadurch, dass Sie Auf­merk­samkeit in die Hände ge­ben.

Übungsanleitung Schritt für Schritt

Bevor Sie sich nun dieser Übung widmen, sollten Sie aus der Essenz ge­loben, dass Sie sie ohne Erwartung tun werden, ohne Gier und Ehrgeiz. Das kann gar nicht genug betont werden. Eine falsche Einstellung – und all unser Tun führt zu nichts. Es kommt einzig und allein darauf an, in Liebe und für die Liebe zu üben. Die innere Haltung ist entscheidend, und die einzig richtige Hal­tung für diese Übung ist Dankbarkeit. Es gibt einen bestimmten inneren Klang, der sich mit diesem Wort ein­stellt. Es ist beinah ein Gefühl von ehrfurchtsvollem Staunen darüber, dass wir hier sein dürfen und auch noch Schlüssel für die Pforten erhalten.

Zunächst einmal nehmen Sie sorgfältig, vollkommen aufrecht auf einem Stuhl oder auf dem Boden Platz. Seien Sie darauf vor­bereitet, an einer heiligen Übung teilzunehmen, die uns von Gott geschenkt wurde, so bewusst wie möglich teilzunehmen an etwas, was mir gegeben wurde und was in initiatischen Schulen seit Tau­­senden von Jahren weitergegeben wird. Preisen Sie Gott auf ir­­gendeine Art und Weise: Lesen Sie ein Gedicht, betrachten Sie eine Blume und sagen Sie: »Gott sei Dank«. Sagen Sie auf jeden Fall Danke. Hören Sie Musik, machen Sie einige Atemübungen. Sie können zum Beispiel ein Gebet sprechen, aus welcher Tradi­tion auch immer, aber lobpreisen Sie zuerst Gott. Möchten Sie denn nicht erkannt werden? Erinnern Sie sich an das, was ich andernorts über die »Drei-R-Farm« geschrieben habe? Das erste R steht für Erkennen (recognition), das zweite für Erlösung (redemption) und das dritte für Auferstehung (resur­rection). Sie wollen doch erkannt werden, nicht wahr? Ist es nicht das, wonach Sie rufen? Ja. Was ist ein Kind? Wir wollen in unserer Essenz erkannt werden. Während wir diese Übung machen, loben wir unseren Schöpfer, Der dafür anerkannt werden will, dass Er uns er­schaffen hat. Richtig? Wir sitzen im »Kein-Vorwurfszug«. Mit einem Lobpreis zu beginnen, macht den ganzen Unterschied. Sitzen Sie nicht bloß da und machen Sie die Übung nur, damit Sie selbst etwas davon haben. Wir nehmen an einem kosmischen Schau­spiel teil, denn dies ist die subtile Anatomie des Körpers Gottes. Wenn Sie die Gegen­wärtigkeitsübung kennen, beginnen Sie damit. Denken Sie daran, dass es keinen Gott gibt außer Gott, und dass wir wirklich hier sein müssen für diese Übung.

Nehmen Sie sich Zeit, sich auf den Rhythmus des Mutteratems einzustellen. Der Rhythmus ist wichtig. Atmen Sie sieben Zähltakte ein, pausieren Sie für einen Takt, atmen Sie sieben Takte lang aus und pausieren Sie wieder einen Takt. Die Länge jedes Atemzugs und das Tempo des Rhythmus hängen vom persönlichen Empfin­den des Einzelnen ab. Der Atem soll möglichst natürlich schwingen. Verfolgen Sie den Atem in seinen Gezeiten und werden Sie sich dieses Wunders bewusst. Wie das Leben in allen Teilen des Universums pulsiert, so durch­strömt der Atem alle Fasern Ihres Seins. In diesem Gewahr­sein des Atems können Sie aufstehen und etwas herumspazieren. Sie können auch an Ihren Lieblingsbaum gelehnt stehen und üben, doch es kommt darauf an, dass Ihr Bewusstsein nicht abschweift. Sie werden alle Konzentra­tions­kraft brauchen, die Sie haben. Ihre Augen können während der Übung offen oder geschlossen sein. Atmen Sie beim Einatmen in Ihren Solarplexus hinein. Stel­len Sie sich zugleich vor, dass Sie die Energie der Erde und Ihrer Umgebung einatmen. Atmen Sie nun von der Mitte der Brust her durch Ihre Arme hinab und durch die Hände aus. Wenn das in der richtigen Weise geschieht, ist es eine herrliche EmpWn­dung, und die Auswir­kungen, sogar in menschlichen Be­ziehun­gen, sind tatsächlich sehr weitreichend.

Bleiben Sie durch die ganze Übung hindurch so bewusst wie möglich. Sie können sich damit viel Zeit lassen, wenn Sie wollen. Sie können bei einer der Latifas ziemlich lange verweilen und beispielsweise über die Schönheit von Hoffnung kontemplieren oder über die Schönheit des Wünschens, aber wir lassen das Hu nur dreimal in jede Latifa hinein ertönen. Das ist wichtig.

Wenn Sie bereit sind, legen Sie Ihre Hände auf die Milz, also auf die linke Au­ßenseite des Brustkorbs, etwa in der Höhe der letzten drei bis vier Rippen. Wenn Sie Rechtshänder sind, zuerst die rechte Hand (mit der offenen Handfläche dem Körper zugewandt) und darüber die linke. Linkshänder bedecken die linke Hand mit der rechten. Atmen Sie nach der Methode des Mutteratems in den Solarplexus ein und an­schließend durch die Hände in die Milz aus. Visualisieren Sie reine Lichtenergie, die durch Ihre Hände strömt und von die­sem Zentrum aufgenommen wird. Versuchen Sie, sich jeder Bewegung und jeder Entscheidung bewusst zu sein. Falls Sie nicht die bewusste Entscheidung getroffen haben, die Hände aufzunehmen, legen Sie sie wieder zurück und fangen Sie von vorne an. Wir können so leicht vergessen. Entscheiden Sie sich, es zu tun; dann tun Sie es. Nachdem wir, dankbar, soweit gekommen sind, lassen Sie uns eine Kontemplation anstellen über die Lebensener­gie des schöpferischen Prinzips und sie erkennen. Machen Sie sich keine Vorstellungen von Kraft, Feuer oder Ähnlichem. Wenn Sie bereit sind und präsent und die Gegenwart Gottes im Moment im Raum spüren, lassen Sie das Hu dreimal in den Milzbereich hinein erklingen. Beim dritten Hu, während Sie es erklingen lassen, füh­ren Sie Ihre Hände auf die rechte Körperseite zu der zweiten großen Latifa, dem Wunsch, und öffnen gewissermaßen den Kanal dazwischen, indem Sie die Energie hinüberbringen und sie in jenes Reservoir hineingeben. Bleiben Sie beim Atem und beim Hu, während Sie Ihre Hände hinüberführen.

Hu, Hu, Hu

Wenn Sie also von der ersten Latifa zur zweiten gehen, nehmen Sie die ursprüngliche Energie, die rohe, unverfälschte Energie der Schöpfung selbst (und Sie brauchen nur ein ganz kleines bisschen davon) hinüber, um das Reservoir der zweiten großen Latifa zu aktivieren, die Wunsch genannt wird. Nun können Sie sich einfach ausruhen und bewusst atmen. Sie brauchen nicht hetzen. Betrach­ten Sie den Wunsch. Sie könnten zum Beispiel sagen: »Dein Wunsch werde mein Ver­langen.« Was heißt »Wunsch« – nicht Wunschdenken, keine Erwartung, sondern Gottes Wunsch für uns? Sie haben sozu­sagen den Deckel von diesem unend­lichen Vorrat von Gottes Wunsch für uns gelüftet, und Sie haben diese Energie von dem ersten Bereich mitgebracht, um sie zu aktivieren. Es ist wie beim Joghurtmachen. Sie brauchen das, was den Joghurt aktiviert, und dann nehmen Sie ein bisschen von diesem Joghurt, um mehr Milch zu aktivieren und mehr Joghurt zu machen. In­nerlich sagen Sie: »Ich wünsche« oder einfach »Wunsch« und lassen das Hu dreimal ertönen. Beim dritten Hu werden Sie Ihre Hände zur linken Brust­seite bewegen.

Hu, Hu, Hu

Bringen Sie die Energie bewusst zur linken Brust, zur Latifa der Hoff­nung. Öffnen Sie den Kanal und bringen Sie die reinere Ener­gie zu diesem Zentrum. Hören Sie auf den Klang Ihres Herzens. Kontemplieren Sie über die Bedeutung von Hoffnung. Richten Sie Ihre ganze Auf­merksamkeit auf die Hoffnung, Gottes Hoffung für uns, für die Welt, unser Gebet, unsere Hoffnung für die Welt, für unsere Kinder und Kindeskinder, den unmanifestierten Aspekt Gottes, die kommende Welt, den unmanifestierten Aspekt, die Hoffnung. Die ganze Welt liegt in diesen Reservoirs, Welten um Welten, Schichten über Schichten. Und nun, wo wir die Energie zu diesem Reservoir gebracht haben, lassen wir das Hu wieder dreimal erklingen.

Hu, Hu, Hu

Bringen Sie die Energie quer über die Brust, durch den Kanal zu dem »sehr geheimen Ort« auf der rechten Brustseite. Dort ist die Latifa des Glaubens. »Ich glaube,« aber nicht in Dualität. Sie bringt Gnosis, diese Latifa. Einige Tradition meditieren aus­schließlich über dieses Zentrum. Ich erinnere mich an Sri Ramana Maharshi [/], den großen indischen Heiligen und Mystiker. Seine Anhänger achteten sehr darauf, dass sie sich an diese Stelle erinnerten, an diesen sehr geheimen Ort. Jetzt sollten wir ein gutes Gleichgewicht haben zwischen beiden Brustseiten und all den Bereichen der subtilen Ana­to­mie des Körpers Gottes. Da ist nur Er, jenseits jeder Vor­stellung von »du« und »ich«, »er« und »sie« – jenseits des Jenseits. Wieder dreimal das Hu.

Hu, Hu, Hu

Bewusst führen Sie Ihre Hände nun hinauf zum Kehlkopfzentrum, zur Latifa der Hingabe. Erinnern Sie sich an den ersten Grund, der Liebe ist. Wenn wir sagen: »Ich ergebe mich, ich gehorche«, ergeben wir uns und ge­horchen den höheren Gesetzen. Es gibt nur einen Willen. Wir wissen, dass das, was von uns gewollt wird, Harmonie ist, Schönheit und Freude – kein Elend! –, Leichtigkeit und wie wir in unserer Tradi­tion sagen: »Sieg«, der Sieg über den inneren Aufruhr, sodass alles, was übrig bleibt, Gott ist, Gottes Schönheit. Es gibt nur einen Gott. So ergeben wir uns, und wir meinen das von ganzem Herzen und ganzem Wesen. Wir sagen innerlich, während wir das Hu erklingen lassen: »Ich ergebe mich, ich gehorche.« Es ist so schön und fröhlich. Wir wissen, dass es sicher ist; wir wissen, dass es in Ord­nung ist. Und wir lassen wieder die drei Hu erklingen.

Hu, Hu, Hu

Bewusst führen wir unsere Hände die Körpermitte hinab und gelangen zum Zentrum in der Brustmitte, indem wir diesen Kanal der verfeinerten Energie öffnen. Wir können uns eine vollkom­mene rote Rose vorstellen, deren Kelch sich zu dem Licht unter unseren Händen öffnet. Wir versenken uns in das Wort Liebe. Wir vergegenwärtigen uns Gottes Liebe für uns, damit wir in diesem Wissen, geliebt zu sein, in die Welt hinausgehen und als Bot­schaf­ter Seiner Liebe dienen kön­nen. »Liebe den Herrn, deinen Gott, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Der Kreis schließt sich. Es gibt keine Trennung. Hier lassen wir das Hu siebenmal erklingen. Innerlich sagen wir: »Liebe. Ich liebe.« Das Leben ist jetzt wirklich, weil »Ich bin« der Ausdruck von Gottes Liebe ist. Dieses Ich bringt die Liebe Gottes hervor und entfaltet sie. Es gibt keine Trennung mehr.

Hu, Hu, Hu, Hu, Hu, Hu, Hu

Beim letzten Hu, in vollkommener Bewusstheit und Aufmerk­samkeit, ohne Zwang, sondern mit der »rechten Anstrengung« (wie Buddha sagen würde), konzentrieren Sie all Ihre Auf­merk­­sam­keit auf das Zentrum des dritten Auges zwischen den Augenbrauen, und dann bringen Sie Ihre Stirn in Demut auf den Boden. Dadurch wird nicht nur die ganze Energie geerdet; es heißt auch, dass, wenn wir in diesem Moment bewusst sind, voller Liebe, sanft und in Schönheit, jedes Atom im Universum hier vorhanden sei, wenn unser Kopf den Boden bei diesem letzten Klang berührt. Sie können diesen Schritt auch visualisieren, wenn es Ihnen nicht möglich ist, auf dem Boden zu knien. Wir sind in völliger Einig­keit und Einheit mit der Erde, dem Planeten, mit Gott, miteinander, und doch völlig einzigartig – das Einzigartige innerhalb der Ein­heit, im Einen.

Und damit ist die Übung abgeschlossen. Sie beginnt mit Dank­barkeit und sie endet mit Dank­barkeit.

Es gibt aber noch eine weitere Aufgabe. Setzen Sie sich noch einmal hin, ganz still und dankbar dafür, dass es Ihnen erlaubt war, an diesem schönen Geschehen teilzuhaben, an dieser schönen Übung. Wenn Sie die Augen öffnen, erinnern Sie sich an die Worte: »Dies sind die Augen, durch die Gott sieht.« Sehen Sie durch Ihre Augen, nicht aus ihnen. »Dies sind die Ohren, durch die Gott hört.« Wir sind Zeugen für die Einheit geworden. Öffnen Sie Ihre Augen immer bewusst und sehen Sie durch sie, denn dies sind die Augen, durch die Gott sieht. Es gibt keine anderen. Und dann vermögen Sie, in einem besonderen Licht zu sehen. […]

Sie sind ewig, was Sie wirklich sind. Und wenn Sie sterben – vorzugsweise bevor Sie sterben – ist das, was Sie mitnehmen, das Wissen um die Einheit Gottes. Alles andere ist zu wenig. Ich bete, dass Sie mit Hilfe dieser Übung so weit kommen werden, das Licht hinter der Sonne zu erkennen, das der Sonne unseres eigenen Universums das Licht gibt.

© The Literary Estate of Reshad Feild 2026
Deutsche Übersetzung © Chalice Verlag 2026