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Ladislaus Boros

Sinn der Weihnacht: der junge Gott

Mädchen mit Hund im Schnee

Foto: Pexels / ganimatque

Weihnachten ist ein Fest, durch das der zum Kind gewordene Gott, Der in die Enge unseres Daseins hineingegangene Gott, Seine Herrlichkeit durch die Armseligkeiten unseres Lebens hindurch sichtbar macht. Ein Text des ungarisch-schweizerischen Theologen und Philosophen Ladislaus Boros (1927–1981)

eihnachten bedeutet mehr als tröstliche Stimmung, mehr als Kinderromantik und Poesie. Hart ausgedrückt: Weihnachten ist ein Fest, durch das der zum Kind gewordene Gott, Der in die Enge unseres Daseins hineingegangene Gott, Seine Herrlichkeit durch die Armseligkeiten unseres Lebens hindurch sichtbar macht. Wenn wir sagen, es ist »Weihnacht«, dann sagen wir auch: In die Welt und in mein eigenes Leben ist ein Ereignis eingebrochen, das dies alles, was wir »Welt« und »unser Leben« nennen, verwandelt, ihnen ein Ziel und ein Ende gegeben hat. Gott ist gekommen. Damit hat Er Sein letztes Wort in die Geschichte gesprochen, mag die Welt noch so viel schreien. Wir stehen vor diesem kleinen Wesen, vor diesem Menschenkind: Menschenglieder, Menschenherz, Menschenseele. Und doch ist dieses Kind Gott. Klein ist es noch; bloß ein Anfang. Und doch ist mit ihm das Ende schon eingebrochen. Gott fängt immer so an: ruhig, unscheinbar, klein.

Gott fängt klein an und bleibt immer jung. Darin ist für uns eine großartige Lehre miteinbeschlossen.

Dieses Kind, das Gott ist, liegt da, und es geschieht nichts. Sein öffentliches Leben wird drei, manche sagen nicht einmal zwei, Jahre dauern. Bis dahin wird er dreißig Jahre schweigen, nicht lehren, nicht kämpfen, keine Wunder wirken. Ein ungeheures Ereignis ist dieses Kleinsein, dieses Schweigen Gottes. Gott fängt klein an und bleibt immer jung. Darin ist für uns eine großartige Lehre miteinbeschlossen: Unser Gott und jung.

Zurzeit arbeiten wir an der Erstellung einer elfbändigen Gesamtausgabe des Werks von Ladislaus Boros, die zu Ostern 2023 erscheinen soll:

Bülent Rauf: Die Perle in der Hyazinthe

Für unsere heutige Zeit besonders relevante Texte, auf die wir während unserer Editionsarbeit stoßen, veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen hier im Chalice Magazin.

Zurzeit arbeiten wir an der Erstellung einer elfbändigen Gesamtausgabe des Werks von Ladislaus Boros, die zu Ostern 2023 erscheinen soll:

William Blake: Hiob wird getadelt

Für unsere heutige Zeit besonders relevante Texte, auf die wir während unserer Editionsarbeit stoßen, veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen hier im Chalice Magazin.

Gott ist immer jung, wie ein Kind fängt Er immer neu an

Ist es uns schon einmal aufgefallen, dass die Wege Gottes mit den Menschen in der Bibel mit einem uralten Mann, Abraham, und dessen alter Frau beginnen, welche beim Gedanken, ein Kind zu bekommen, laut herauslachen? Haben wir schon daran gedacht, dass es eigentlich im Alten Testament kaum eine kindliche Gestalt gibt, sondern lauter weise, erfahrene, tüchtige Männer? All diese »Wege Gottes« im »Alten« Testament münden bei einem Kind, in dem Gott Sich auf Erden darstellt, Der als junger Mann (denn weiter hat er es nicht gebracht) die Kinder besonders lieb hatte, sie uns als Vorbild hinstellte. Und der als junger Mensch starb. Für den Menschen des Alten Testamentes war Gott alt. Dass aber Gott jung sein kann, das ist die erste Offenbarung des Neuen Testamentes. Gott selber ist jung. Er ist der Ewig-Junge. Er kennt keine Gewöhnung. Er ist ewig am Entspringen, ewig am Hervorgehen. Ewig am Zeugen und Sich-Schenken als Vater; ewig am Hervorgehen und Liebend-Antworten als Sohn; ewig kreisende, junge Liebe von Schenken und Empfangen als Geist. Wie anders als in dieser jungen Lebendigkeit gäbe es sonst ewiges Leben? Mit der Zeit gewöhnt man sich an alles; mit der Ewigkeit an nichts. Unser Gott ist also jung. Er ist ewig neu. Dieses Kind, das so hilflos und klein vor uns liegt, offenbart uns das Wesen Gottes: Gott ist jung.

Gott ist immer jung. Wie ein Kind fängt Er immer neu an. Demnach gibt es im christlichen Leben keine »erledigten Angelegenheiten«, keine »endgültig eroberten Stellungen«. Alles wird ständig infrage gestellt. Es gibt keine »Sicherungen« gegen Gott. Wir können Seine Hände nicht fesseln: nicht mit unseren Sünden, nicht mit unserer Untreue, nicht mit unseren Devotionen, ja – im Grunde – nicht einmal mit unserem Gebet.

Gott hat keine Gewohnheiten. Er hat Sich als Kind geoffenbart. Er fängt immer neu an. Das ist die Quelle unseres Vertrauens, aber auch unserer Unruhe. Selbst unsere Untreue kann Ihn, Der immer von vorne beginnt, nicht hindern, uns Seine Gnade zu schenken. Und Seine Gnade ist nach der Zeit der Untreue genau so groß, vielleicht noch größer als zuvor. Wir dürften Gottes Freundschaft nicht nach unserem eigenen Herzen messen. Gottes Herz ist immer größer als unser kleinliches »veraltetes« Menschenherz, eben weil es das Herz eines Kindes ist. Diese »Kindesliebe« Gottes lässt sich nicht zurückweisen. Sie baut alles, selbst die Zurückweisung, in eine noch größere Liebeshinwendung hinein. Dies ist nun die Handlungsweise unseres jungen Gottes: Alles wird bei Ihm zum Anfang und alles geht bei Ihm – nach dem großartigen Ausspruch des Kirchenvaters Athanasius – »von Anfängen zu Anfängen durch Anfänge hindurch bis zum endgültigen Anfang«.

Die Werke Gottes in uns sind wie Rosen, deren Blütenblätter von innen her schnell und endlos nachwachsen.

Die »Kindschaft« Gottes in uns lebt aber erst wirklich, wenn wir immer wieder als Kinder Gottes neu geboren werden, täglich in der Kraft der ewigen Jugend Gottes zusammen mit Gott neu beginnen. Echte Christen können körperlich altern, aber man erkennt sie an ihrem jungen Herzen.

Nur der Sünder ist alt. Jeder Sünder kennt den Überdruss am Leben. Und dieser Überdruss ist ein Zeichen der Vergreisung. Der Christ aber hat so viel Gelegenheit etwas Neues zu tun, etwas anzufangen. Und wenn wir einmal aufhören, nur schöne Worte zu machen und uns einmal geduldig aus Liebe ausnützen lassen, wirklich von Herzen jemandem verzeihen, einmal ein wenig länger beten, unser Brot mit den Armen brechen, ja, um es ganz einfach zu sagen, wenn wir einmal entschlossen das neue Gute tun, dann sind nicht wir es, die neu beginnen, sondern der ewig-junge Gott ruft dieses Tun in uns hervor.

All dem könnte man entgegenhalten: Dann muss ich immer im Anfang leben! Das ist sehr schwer. In diesem Sinn ist das christliche Leben wirklich nicht leicht, gerade weil es ein Leben ständigen Neubeginns ist. Die Werke Gottes in uns sind wie Rosen, deren Blütenblätter von innen her schnell und endlos nachwachsen. Wie viele Blätter wir auch von außen wegschälen, es wachsen immer neue nach. Das Innere der Rose erreichen wir erst im Tode. Und das wird in unserem Leben, nach endlosen Versuchen, der herrlichste, der wichtigste Anfang sein. Aus diesem endgültigen Beginn erwächst für unser Leben eine Entfaltung von ständiger Neuheit und Jugend.

Wir dürfen uns freuen mit unserem jungen Gott. Denn in unserer Welt, die in einer ewigen Weihnacht sich immer neu gestaltet, bleibt kein Raum für Mutlosigkeit und Verzweiflung, sondern für Hoffnung und Freude allein. […]

Mehr zum Thema Kinder und Spiritualität finden Sie in unserem Lesebuch:

Günther Anders und Hannah Arendt

Warum ausgerechnet in einem kleinen Kind?

Als Schlusswort will ich eine grundsätzliche Frage aufwerfen: Warum »musste« Sich Gott gerade in einem kleinen Kind »verdichten«, in ihm Wohnung nehmen? Meine Antwort wäre: Weil das Kind von vornherein in einem Existenzraum des Mehr lebt. Das Mehr des Menschendaseins aber ist göttlich.

Von Anbeginn an ist das Kind Dynamik, ein ausgreifendes Versprechen. Gerade in seinem »Mehr-sein-als-sich-selbst« greift es auf das Göttliche hinaus. Deshalb vermag auch das Kind in unserer Welt Bedeutendes wahrzunehmen. Sein Auge sieht alles gleichsam in göttlichem Licht. Ein Baum, ein Garten, ein Haus, ein Weiher, eine Kerze, ein Stück Brot und anderes mehr sind für das Kind mit metaphysischer Bedeutung beladen und reichen tief hinunter in die exemplarische Tiefe des Seins.

Das Kind bewohnt eine Welt unbegrenzbarer Weite, weil sich überall, in jedem Ding, Räume der Bedeutung vor ihm auftun. Diese Welt – von uns nicht mehr wahrgenommen, nur in seltenen Augenblicken der Kindheitserinnerungen erahnt – steigt aus dem Inneren des Kindesdaseins empor. Beim Kind sind die Türen des aus dem Geist ständig in die Welt hinausströmenden Seins noch nicht verriegelt, durch die Rückwendung (»Reflexion«) des Geistes noch nicht versperrt. Deswegen lebt das Kind noch in einer Innensphäre des Kosmos: Die unmittelbare Verbindung des Geistes mit der Welt schafft eine eigene Landschaft des Seins, welche von der Herrlichkeit Gottes umstrahlt wird. Thomas von Aquin erfasste diese Bezüge folgendermaßen:

Der erste Akt der geistigen Unterscheidung, die erste Tat des erwachten Geistes also, erfasst die Ganzheit des Seins, das heißt, berührt auch Gott im Zuge einer geistigen Intuition und setzt alles Seiende in wesenhafte Verwandtschaft zu Ihm. Das Kind lebt demnach dermaßen ursprünglich in Gottes Gegenwart, dass die erste Regung seiner Bewusstwerdung Gott als den begründenden Grund aller Wirklichkeit zu erfassen vermag (Summa theologica Ia IIae q89 a6).

Diese Hypothese beruht auf einer transzendentalen Erschließung des menschlichen Wollens und Erkennens. Vom theologischen Gesichtspunkt aus gesehen, gewinnt die thomasische Auffassung an Wahrscheinlichkeit: Hinter dem Kinde steht ein Engel, der ständig Gottes Angesicht schaut. Das Kind ragt gerade dadurch, indem es ein Kind ist, in die Sphäre der geistigen Wesenheiten der Welt hinein. Diese Wesenheiten (die Engel) sind in seinshafter Schau mit der Gottheit, mit dem innersten Seinsgrund des Alls verbunden.

Das Kind wandelt also ruhig, ohne es »reflexiv« nachzuvollziehen, über einem dreifachen Abgrund: Über dem Abgrund der Engelwelt, über dem Abgrund des Alls und darin wiederum über dem Abgrund der Gottheit. Einem Kind zu begegnen in existenziellem »Mitsein« heißt also, sich in dem letzten Ort des Seins zu begegnen. Die zärtliche und ehrfürchtige Hand, welche ein Kind berührt, befühlt das All und birgt göttliches Sein ins eigene Leben hinein.

Ich hoffe, mit diesem Gedankengang, wenigstens versuchsweise, beantwortet zu haben, weshalb Sich Gott, das radikale Mehr des Seins, bei Seiner Menschwerdung in die Existenz eines Kindes hineinbegeben wollte, und weshalb wir ruhig und freudig vor diesem Kind von Bethlehem niederknien dürfen.

© Annegret Boros 2022

Dieser Artikel erschien ursprünglich als das Kapitel »Der junge Gott« und das Nachwort im Buch Sinn der Weihnacht, Zürich: Arche Verlag, 1979. In unserer Gesamtausgabe wird das Buch in Band 9, Kürzere Schriften, zu finden sein.