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Stephen Harrod Buhner

Wir müssen wieder zur Besinnung kommen!

Mädchen riecht an Bauernhortensie
Quelle: Pexels / Kamaji Ogino

Der bekannte Pflanzenheilkundler und Bestsellerautor Stephen Harrod Buhner sagt, um wahre Erkenntnis über die Zusammenhänge und die Bedeutung unserer komplexen Welt zu erlangen, müssen wir unser Herz als ein Wahrnehmungsorgan nutzen. Mit einer intensiven Schulung unserer Sinne sind wir zu einer direkten Wahrnehmung fähig und können uns von der Wildheit und der Wirklichkeit der Welt berühren lassen. Ausschnitte aus seinem grandiosen Werk Die verborgene Weisheit der Natur: Unsere Welt verstehen mit der Intelligenz des Herzens, dessen deutsche Erstausgabe im Chalice Verlag erschienen ist

Ausschnitte aus dem Buch Die verborgene Weisheit der Natur von Stephen Harrod Buhner

Stephen Harrod Buhner: Die verborgene Weisheit der Natur

lle Urvölker sagten, sie hätten die Verwendung von Pflan­zen als Medizin von den Pflanzen selbst erlernt. Sie bestanden darauf, dass sie sich nicht auf die analytischen Fähigkeiten ihres Gehirns oder auf die Technik des Ausprobierens verließen. Stattdessen stamme ihr Wissen aus dem Herzen der Welt, von den Pflanzen selbst. Denn diese, so behaupteten sie, könnten mit den Menschen sprechen, wenn die Menschen ihnen nur in der richtigen Geisteshaltung zuhören und antworten würden.

Obschon dieser Behauptung vonseiten westlicher Denker in den vergangenen zweihundert Jahren kaum Beachtung geschenkt und sie als abergläubisches Geschwafel primitiver, nicht-christlicher und unwissenschaftlicher Völker abgetan wurde, ist es ausgesprochen merkwürdig, dass alle indigenen und alteingesessenen Kultu­ren auf der Erde – egal wie weit geografisch und zeitlich vonein­ander entfernt – diesbezüglich ein und dasselbe sagen. Sicher­lich können nicht sämtliche Menschen, die jemals gelebt haben, auf so ähnliche Weise töricht gewesen sein und genau dieselbe Art von Wunschdenken oder Aberglauben auf diese Welt projiziert haben. Und gewiss können die Menschen, die in den vergangenen zwei- und insbesondere einhundert Jahren gelebt haben, nicht plötzlich derart weise und intelligent geworden sein, dass nur sie allein das wahre Wesen der Wirklichkeit zu verstehen vermöchten. Die Mil­liarden Menschen, die vor ihnen lebten, können nicht alle so fundamental falschgelegen haben.

Es ist eine gewaltige Hybris – und eine, die gefährliche ökologische Störungen nach sich zieht –, die Weisheit jener Ahnen links liegen zu lassen, die uns vorausgegangen sind: Menschen, die sagten, sie hätten nicht durch die Fähigkeit ihres Verstandes etwas über die Welt gelernt, also nicht wie analytische organische Com­puter, sondern durch ihr Herz als einem Organ der Wahrneh­mung.

Ausschnitte aus dem Buch Die verborgene Weisheit der Natur von Stephen Harrod Buhner

Bülent Rauf: Die Perle in der Hyazinthe

Dieser ältere Erkenntnisweg ist nicht einfach verschwunden, nur weil eine neuere Methode vorherrschend wurde. Die Wahrheit ist, dass diese Fähigkeit, direkt von der Welt und von den Pflanzen zu lernen, nie auf die alten und indigenen Kulturen beschränkt war, auch wenn diese Fertigkeit heutzutage selten geworden ist.

Goethe Burbank Carver Fukuoka Thoreau McClintock

Fotos: Wikimedia Commons

Im frühen neunzehnten Jahrhundert wandte sie der große deutsche Dichter Johann Wolfgang Goethe [/] (1749–1832) bei seiner Entdeckung der Metamor­phose der Pflanzen an, und im frühen zwanzigsten Jahrhundert verließ sich Luther Burbank [/] (1849–1926) auf sie bei seiner Zucht der Mehrheit all jener Nahrungspflanzen, die für uns heute selbstverständlich sind. George Washington Carver [/] (1864–1943) nutzte diese Fähigkeit bei seiner Entwicklung der Erdnuss zum vielseitigen Nahrungsmittel ebenso wie Masanobu Fukuoka [/] (1913–2008), der bedeutende japanische Mikrobiologe und Bauer, in seiner An­bau­weise von Getreide, die regelmäßig die Ernteerträge von Far­mern übertrifft, die wissenschaftlichere Methoden einsetzen. Auch Henry David Thoreau [/] (1817–1862), der weit mehr war als nur ein Naturalist, hielt sich an diese Fähigkeit und auch Barbara Mc­Clin­tock [/] (1902–1992), die für ihre Entdeckung von Transposons (»springenden Genen«) beim Mais den Nobelpreis erhielt.

Die Wahrheit lautet, dass diese Form des Erkenntnisgewinns ein inhärenter Teil dessen ist, wie wir als Menschen strukturiert sind. Sie ist für uns so natürlich wie unser Herzschlag. Sie ist von ihrem Wesen her keine vage oder schwammige Wahrnehmung, wie Reduktionisten häufig behaupten. Sie ist äußerst fein, hoch entwickelt und genau. Die Einsichten, die sich durch diesen altbewährten Erkenntnisweg gewinnen lassen, übertreffen alles, was wir heute oder in Zukunft unter der Bezeichnung »Wissenschaft« darüber ausdrücken können, wer und was die Menschen sind oder die Welt, der sie angehören.

Jeder Mensch hat das Potenzial, die Fähigkeit zu entwickeln zu diesem Wissenserwerb direkt aus der Wildheit der Welt.

Dieser Wissenserwerb direkt aus der Wildheit der Welt wird Biognosis genannt – was so viel bedeutet wie »Wissen vom Leben«. Und weil sie ein inhärenter Aspekt unseres Menschseins in unserem physischen Körper ist, hat jeder Mensch das Potenzial, diese Fähigkeit zu entwickeln. Tatsächlich ist sie etwas, das wir alle, ohne uns dessen bewusst zu sein, in unserem Alltagsleben (zumindest geringfügig) nutzen.

Für unsere Spezies ist es extrem wichtig, dass wir diesen alten Erkenntnisweg wieder kultivieren, denn wir leben in gefährlichen Zeiten. Die Bedrohungen für uns und den Planeten, der unser Zu­hause ist, waren niemals desaströser. Diese Gefahren sind Resultat eines Denkens, das nicht nachhaltig ist, das keine enge Beziehung zur wirklichen Welt aufweist und dem in seinen heutigen Perspek­tiven einer fanatischen Linearität und eines Mechano­morphismus (der die Welt als eine Maschine begreift) ein unvermeidlicher Irrtum innewohnt. Es sind Bedrohungen, die herrühren aus der Do­minanz einer einzelnen bestimmten Erkenntnis­methode, die alle anderen ausschließt.

Wieder zur Besinnung kommen: zurück zu unseren Sinnen

Um dieses Ungleichgewicht zu korrigieren, müssen wir zur Besinnung (das heißt: zurück zu unseren Sinnen) kommen, damit wir die in jeder und jedem von uns seit Urzeiten der Evolution angelegte, aber brachliegende Fähigkeit zurückerlangen, die Welt um uns herum auf eine Weise zu betrachten und zu verstehen, die wesentlich nachhaltiger und ausgereifter ist, als es die reduktionistischen Wissenschaften jemals vermöchten.

In diesem Buch will ich dir erläutern, wie diese alte Art und Weise der Informationsbeschaffung vonstattengeht und wie sie genutzt werden kann, sowohl im Allgemeinen als auch im Beson­deren. Sie kann auf alles angewendet werden: von der Entdeckung der medizinischen Verwendbarkeit von Pflanzen bis hin zum Ver­ständnis der lebendigen Realität eines geschädigten Organsystems, von der Landwirtschaft bis hin zu den Wechselwirkungen zwischen Pilzen und Bäumen, von der Intelligenz von Walen bis hin zur vernetzten Funktionsweise von Ökosystemen.

Orcas

Quelle: Pexels / Pixabay

Doch dieser Erkenntnisweg ist weit mehr als bloß eine Me­thode, exaktere und nachhaltigere Informationen über die Welt zusammenzutragen. Letzten Endes ist er eine Lebensweise, genauso wie der lineare Erkenntnisgewinn heute (bedauerlicherweise) zu einer solchen geworden ist. Und als eine Lebensweise ist dieser alte Weg eng verbunden mit ganz anderen Dingen als nur der Extrak­tion von Wissen aus dem Herzen der Welt. Er widmet sich unserer Verbundenheit mit dem Netz des Lebens, das uns umgibt. Er befasst sich mit Ganzheit, anstatt sich auf Einzelteile zu fokussieren. Er verläuft entlang der menschlichen Reise, auf der wir uns alle befinden. Auf diesem Erkenntnisweg geht es darum, wer wir sind und wer wir, während unserer Zeit hier in diesem Leben, sein sollten. Denn mehr als alles andere sind wir ein Ausdruck der Le­bendigkeit dieser Welt, und wir alle wurden aus einem Grund geboren.

Unsere Wiederverbindung mit dem Seinsgrund, aus dem wir gekommen sind, aus dem heraus unsere Spezies über Urzeiten der Evo­lution ihren Ausdruck gefunden hat, eröffnet uns Dimen­sionen von Erfahrung, die essenziell sind, wenn wir wir selbst werden wollen.

Doch um zu verstehen, wie wir Erkenntnis aus dem Herzen der Welt zusammenzutragen vermögen ohne die Dominanz des analytischen Verstandes oder des reduktionistischen Ausprobierens, ist es entscheidend, zunächst einmal zwei Dinge zu begreifen: dass die Natur nicht linear ist und dass das Herz ein Organ der Wahr­nehmung ist. [Seiten 14–17]

Ist nicht der Schatten der Eiche bereits in ihrem Samen präsent?

Die Natur ist nicht linear

Wer wirklich hinschaut, wird schnell erkennen, dass es den euklidischen Raum in einem Gebirge nicht gibt (und übrigens auch die mathematische Topologie nicht, aber das ist eine andere Geschich­te); es gibt dort keine geraden Linien, keine Rechtecke, keine kugelförmigen Körper, keine geometrischen Winkel vorhersehbaren Wertes. Obschon diese Beobachtung ein Leichtes und für jedes vierjährige Kind offensichtlich ist, hat die westliche Kultur sie jahrhundertelang ignoriert und ihren bildenden Künsten auf den Annahmen einer euklidischen Vorhersagbarkeit Ausdruck verliehen. Doch das Leben ist nicht linear, seine Formen sind mit dem linearen Verstand nicht vorhersehbar und es hat nur wenig zu tun mit der mathematischen Wirklichkeit, wie sie von Euklid entwickelt wurde, und mit der Mathematik, die uns in der Schule als Geometrie gelehrt wird. [Seite 34]

Tatsache ist, dass wir niemals sämtliche Fakten von irgend­etwas erkennen können, indem wir einfach die Sache als solche betrachten. Um beispielsweise einen Teil der wesentlichen Wahrheit über Gräser zu erfahren, müssen wir auch die Kuh studieren! […] Eine Tatsache ist relativ, und wenn sie aus ihrer jeweiligen Beziehung herausgelöst wird, ist sie offen­sichtlich häufig keine Tatsache mehr.[1]Luther Burbank

Eichenblatt mit Eichel

Quelle: Pexels / Petr Ganaj

Wir können die Wellen, die das Leben hervorrief, als es auf Land traf, in den Horstbildungen der zerklüfteten Gipfel sehen, die wir »Berge« nennen. Doch auf welchem entfernten Ufer verebben diese Kräuselungen? Enden sie am Sandstrand des Ozeans? Wie winzig sie auch sein mögen, wie unsichtbar für den linearen Verstand – sind diese Wellen denn nicht noch immer gegenwärtig? Und ist nicht der Schatten der Eiche bereits in ihrem Samen präsent, ist nicht auch der Adler im Berg gegenwärtig? Und wenn der Adler hinausgleitet ins Feld, ist dann nicht auch der Berg im Feld? Das Wasser entspringt im Schnee der Berge, doch wenn es hinunterfließt ins Meer, gehört dann nicht ein Teil des Gebirges zum Ozean?

Nicht-lineare Strukturen – die in der Natur vorkommenden Formen – sind die sichtbaren Überbleibsel der Bewegung des Lebens durch die Materie.

(Und sogar diese Ausdrucksweise, ist noch zu reduktionistisch. Die Frage: »Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei?«, ist eine Frucht des linearen Verstandes. Linearität ist eine Illusion. Denn zuerst kam das Leben, und darin gründen alle lebenden Formen.)

Jede Form hat ihre eigene besondere Identität, und der lineare Verstand nennt diese Formen »Berge« oder »Küstenstriche« oder »Bäume« (doch, etwas zu benennen, bedeutet nicht, es auch zu verstehen). Für uns sind sie statische Dinge, als ob wir uns außerhalb von ihnen befänden. Dem linearen Verstand erscheinen sie statisch und unveränderlich. Aber das sind sie nicht.

Wir können das Universum nicht verlassen. Das Universum ist kein System. Das Universum ist keine Form. Das Univer­sum ist ein Szenario. Wir sind immer im Universum. Nur Systeme können wir verlassen.[2]Buckminster Fuller [Seite 46]

Das Bewusstsein ist äußerst beweglich und kann ganz verschiedene Stellen im Körper nutzen, um Informationen zu verarbeiten.

Die Erfahrung der Welt machen wir durch unser Herz

Die Verwandlung unserer westlichen Kultur in einen industriellen Egalitarismus mit materialistischen Werten erforderte zunächst die Transformation des Herzens durch [den englischen Anatomen] William Harvey [/]. [Das spirituelle Herz] musste erst eine Maschine werden, und die Maschine zu einem Ersatzteil, austauschbar zwischen einer Brust und jeder anderen.[3]James Hillman

Heutzutage würden die meisten Menschen auf die Frage, wo sich in ihrem Körper der Ort befindet, an dem ihr einzigartiges Selbst wohnt, antworten, dieser liege ungefähr zweieinhalb Zentimeter oberhalb ihrer Augenbrauen und etwa fünf Zentimeter im Inneren ihres Schädels.

Die meisten indigenen und historischen Völker würden das Selbst allerdings anderswo verorten. Sie würden auf die Herzgegend zeigen. Während der längsten Zeit der Geschichte des Menschen auf der Erde wurde der Sitz der Intelligenz, der Sitz der Seele, dort vermutet. Dass sich dies geändert hat, ist eher ein Ausdruck dessen, wie und was uns in westlichen Kulturen gelehrt wird, als dass wir es hier mit einer exakten Wahrheit zu tun hätten.

Bergspitzen
In einem Gebirge gibt es den euklidischen Raum nicht. Es gibt dort keine geraden Linien, keine geometrischen Winkel vorhersehbaren Wertes

Denn das Bewusstsein ist äußerst beweglich und kann ganz verschiedene Stellen im Körper nutzen, um die Informationen zu verarbeiten, die wir von der Welt empfangen. Der Ort, den die meisten Menschen heute mit ihrem Selbst identifizieren, also das Gehirn, ist lediglich einer davon.

So wie das menschliche Bewusstsein sich an verschiedenen Stel­len im Körper konzentriert, ändert sich interessanterweise auch sein Erkenntnismodus. Die unter wissenschaftlich tätigen Men­schen gebräuchliche verbal-intellektuell-analytische Erkenntnis­weise nutzt das Gehirn. Sie ist linear ausgerichtet. Wir sind so sehr an diese Methode gewöhnt, dass wir häufig vergessen, dass es noch eine weitere gibt.

Diese ist die ganzheitlich-intuitiv-tiefe Erkennt­nisweise. Wenn der Sitz des Bewusstseins anstatt im Gehirn im Herzen liegt, ist es diese, die aktiviert wird. Obwohl die meisten Leute eine Ahnung davon haben, was dies bedeutet, nämlich ein tieferes Verständnis zu erlangen, ist es wichtig, wirklich hinzuschauen, was das Herz eigentlich ist, was es tut und wie hoch entwickelt es sein kann. Denn das Herz arbeitet gleichzeitig auf mehreren Funktionsebenen. [Seite 101]

Das Herz befindet sich in einem regelmäßigen neuronalen Dialog mit dem Gehirn und im Wesentlichen entscheiden beide gemeinsam, welche Maßnahmen zu ergreifen sind.

Die Analyse des Informationsflusses in den menschlichen Kör­per hat gezeigt, dass vieles sich zunächst auf das Herz auswirkt und erst ins Gehirn fließt, nachdem es vom Herz wahrgenommen wurde. Das bedeutet, dass unsere Erfahrung der Welt zuerst durch unser Herz geleitet wird, das über das Erlebte ›nachdenkt‹ und dann die Daten zur weiteren Verarbeitung an das Gehirn sendet.

Wenn dann das Herz Informationen vom Gehirn zurückbekommt, wie es reagieren soll, analysiert es diese und entscheidet, ob die Aktionen, die das Gehirn ergreifen will, wirksam sein werden. Das Herz befindet sich in einem regelmäßigen neuronalen Dialog mit dem Gehirn und im Wesentlichen entscheiden beide gemeinsam, welche Maßnahmen zu ergreifen sind.

Aber noch faszinierender als all dies ist die elektromagnetische Aktivität des Herzens. Und diese Geschichte beginnt mit der ungewöhnlichen Art und Weise, in der das Herz anfängt zu schlagen. Denn Herzzellen beginnen in einem sehr frühen Stadium der embryonalen Entwicklung unabhängig und spontan an zu pulsieren oder zu schlagen. Ganz plötzlich synchronisieren sie sich, organisieren sich selbst und zeigen emergentes Verhalten.  [Seite 117]

Hertblatt

Quelle: Pexels / cottonbro

Die unterschiedlichen Muster neurologischer, biochemischer, biophysikalischer und elektromagnetischer Aktivität, die durch winzige und präzise Änderungen in der Herzaktivität erzeugt werden, funktionieren als eine Sprache, die Informationen verschlüsselt und sie vom Herz an den Körper und an die Außenwelt übermittelt. Alle diese Muster sind tatsächlich die Vermittler, durch die das Herz sein dynamisches Gleichgewicht aufrechterhält.

Aber das Herz ist nicht nur mit der Innenwelt des Körpers beschäftigt. Sein elektromagnetisches Feld erlaubt es ihm, die dynamischen elektromagnetischen Felder anderer Lebewesen zu berühren und Energie mit ihnen auszutauschen. Wie alle nicht-linearen Systeme, die Selbstorganisation und emergentes Verhalten zeigen, ist das Herz äußerst empfindlich gegenüber externen Störungen, die sein dynamisches Gleichgewicht beeinflussen können. Das Herz sendet nicht nur Feldimpulse elektromagnetischer Energie aus, sondern empfängt sie auch – wie das Radio im Auto. Und wie ein Radio ist es in der Lage, die in elektromagnetischen Feldern eingebetteten Informationen, die es wahrnimmt, zu entschlüsseln. Da­rum ist das Herz tatsächlich ein Wahrnehmungsorgan.

Alles, was ein Mensch zu sagen hat oder tut, sodass es für die Menschheit auch nur von geringstem Interesse sein kann, ist es, in der einen oder anderen Form die Geschichte seiner Lie­be zu erzählen – zu singen; und wenn er Glück hat und am Leben bleibt, wird er für immer verliebt sein. Nur das heißt, bis in die Zehenspitzen lebendig zu sein. Es ist schade, dass diese Göttliche Kreatur überhaupt an kalten Füßen leiden kann, aber noch bedauerlicher, dass die Kälte so oft ihr Herz erreicht.

Ich lese mir den Tätigkeitsbericht einer wissenschaft­lichen Vereinigung durch und bin überrascht, dass darin so wenig über das Leben berichtet wird; ich werde mit einem Packen trockener Fachbegriffe abgespeist. Alles an Leben lässt sich leicht und natürlich in unserer Alltagssprache ausdrücken. Ich kann nicht anders, als zu vermuten, dass das Leben dieser gelehrten Professoren fast ebenso unmenschlich und hölzern war wie ein Niederschlagsmesser oder ein magnetisches Aufzeichnungsgerät. Sie haben nichts mitzuteilen, was an die Wärme unseres Blutes heranreicht.[4]Henry Da­vid Thoreau  [Seite 123]

Die menschlichen Sinne tauchten auf aus unserem Eintauchen in die Welt.

Die Notwendigkeit einer scharfen Sinneswahrnehmung

Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hülfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seinesgleichen werde; und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete. […] Wär’ nicht das Auge sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken? [5]Johann Wolf­gang Goethe

Unsere Sinnesorgane sind dazu gedacht, die Welt wahrzunehmen. Die sensorischen Fähigkeiten des menschlichen Gehörs sind geprägt durch die Klänge der Welt, unser Geruchsvermögen durch den langen Umgang mit den subtilen chemischen Eigenschaften der Pflanzen, unser Tastsinn durch die nicht-linearen, mehrdimensionalen Oberflächen auf der Erde, unsere Sehkraft durch die Bil­der, die ständig in unser Gesichtsfeld fließen. Die menschlichen Sinne tauchten auf aus unserem Eintauchen in die Welt. Sie sind Teil der Erde und Ausdruck eines höchst verfeinerten und von langem Ausgesetztsein geprägten kommunikativen Kontakts. Sie haben ihre Identität in der Welt und sollen den unablässigen Zustrom sensorischer Mitteilungen wahrnehmen, die täglich und minütlich in sie hinein- und durch sie hindurchfließen.

Wenn wir uns auf den anhaltenden Strom sensorischer Daten aus der Welt um uns herum konzentrieren, aktiviert dies unseren spürenden Körper als Wahrnehmungsorgan statt als Computer und bettet uns wieder ein in die Welt, in die unsere Spezies hineingeboren wurde.

Also erlauben wir uns, wieder etwas zu spüren. Erlauben wir es unseren Sinneswahrnehmungen, zu unserem Denken zu werden. Spüren wir, statt zu denken. Dazu sind die Sinne da. [Seite 186]

Big Sur Kalifornien

Quelle: Pexels / Piccinng

Die Ränder des Herzfeldes
sind in wilden Landschaften
schwer zu bestimmen.
Es ist eine sich ständig ändernde Identität
wie eine Küste,
deren Ränder viele Buchten und Meeresarme umfassen.
Es dehnt sich aus
bis in die größten Weiten, zu der es fähig ist,
wenn es reaktiviert wird
in der Landschaft, aus der es hervorgegangen ist.

Und indem wir unsere Fähigkeit zur direkten Wahrnehmung vertiefen, stellen wir fest, dass alle Dinge bewusst sind, dass sie uns alle anschauen und alle mit uns kommunizieren. Und diese Bedeu­tungs­mitteilungen rühren tief. Sie sind buchstäblich kommuni­kative Berührungen von Lebewesen, viel mehr als nur in Wörtern ver­schlüsselte Informationsbits.

Das beste Pronomen, um die Besonderheiten dieser Dimen­sion zu beschreiben, lautet nicht »was«, sondern »wer«.[6]Henry Corbin

In diesem sinnerfüllten Territorium treten wir in einen Dialog mit der Lebendigkeit der Welt, empfangen die Bedeutungen, die diese uns sendet, und antworten unsererseits mit unseren eigenen Be­deutungen. Es gibt keinen intimeren Akt, den wir erfahren können. Wenn wir uns darauf einlassen, wissen wir ohne jeden Zweifel, dass wir nie allein sind, dass wir von beseelten Phänomenen begleitet werden, die intelligent, wirklich und bedeutungsvoll sind wie wir. Es ist buchstäblich eine Rückkehr zu den Wurzeln des Lebens und eine Wiederverbindung mit dem lebendigen Ökosystem, aus dem wir als nur eine Form unter vielen hervorgegangen sind.

Denn das Universum ist kein Ort, sondern ein Ereignis, keine Ansammlung von Festkörpern, sondern eine Wechselwirkung von Frequenzen. Kein Substantiv, sondern ein Verb.

Und obwohl der lineare Verstand Teile des Universums mit immer stärkerer Vergrößerung zu untersuchen vermag, kann die lebendige Struktur von dessen Wahrheit nur mit einem offenen Herzen erfahren werden. Die Bedeutungen im Universum stehen jedem Menschen zur Verfügung, der sein Bewusstsein anders verortet und mit dem Herzen wahrzunehmen beginnt. [Seiten 341–342]

© Stephen Harrod Buhner 2022
Deutsche Übersetzung © Chalice Verlag

Anmerkungen

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[1] Luther Burbank und Wilbur Hall: The Harvest of Years, New York: Houghton Mifflin, 1927, Seite 38.

[2] Buckminster Fuller und Edgar Jarratt Applewhite: Synergetics Explorations in the Geometry of Thinking, New York: Macmillan, 1982, Seite 85.

[3] James Hillman: The Thought of the Heart, Dallas, TX: Spring Publications, 1981, Seite 14.

[4] Odell Shepard [Hrsg.]: The Heart of Thoreau’s Journals, New York: Hough­ton Mifflin, 1927 (Dover edition reprint, 1961), Eintrag vom 6. Mai 1854.

[5] Johann Wolfgang Goethe: Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Ge­spräche, Band 16, Zürich: Artemis, 1948 ff, Seite 20.

[6] Die Quelle dieses Zitats lässt sich nicht auffinden [Anmerkung der Übersetzer].