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Johannes Heil
Zart ist der Ort, an dem die Wahrheit atmen darf
Als »offenes Buch« bezeichnet der Musiker und gestaltende Künstler Johannes Heil sein lyrisches Erstlingswerk, das durch eine erstaunliche innere Klarheit und meditative Tiefe beeindruckt. Eine kleine Leseprobe seiner Texte, die Aspekte des Seins und der Beziehung zwischen Ich und Welt erhellen
Ausschnitte aus dem Buch Die Öffnung von Johannes Heil
as Jetzt
ist kein Moment.
Es ist kein Punkt,
den du erreichst,
wenn du schnell genug bist.
Das Jetzt
ist Raum.
Offen.
Weit.
Ohne Rand.
Und du bist
nicht der,
der es betritt.
Du bist das,
was darin auftaucht
und wieder vergeht –
ohne Spuren zu hinterlassen.
Das Zeitlose
hat keine Eile.
Und keine Geschichte.
Es ist nicht das Ende.
Es ist der Anfang
in jedem Atemzug.
Ausschnitte aus dem Buch Die Öffnung von Johannes Heil
Ich sage »ich«
obwohl da keiner ist,
der es sagen müsste.
Ich sage »ich« –
weil Sprache keine andere Tür kennt.
Aber wenn du hinschaust,
wirklich hinschaust –
dann siehst du:
Es gibt da nichts,
was bleibt.
Kein Zentrum.
Kein Kern.
Nur Bewegung.
Nur Erscheinen
und Vergehen.
Ich bin nicht das,
was sich »ich« nennt.
Ich bin das,
was still bleibt,
wenn auch das verschwindet.
Ich bin nicht getrennt.
Nicht außen. Nicht innen.
Nicht in mir. Nicht in dir.
Ich bin in Beziehung.
Nicht als Rolle.
Nicht als Bedürfnis.
Nicht als Idee von Nähe.
Ich bin in Beziehung,
weil es mich ohne dich
nicht gäbe.
Dein Blick
macht mich sichtbar.
Dein Schweigen
führt mich zu meiner eigenen Tiefe.
Ich bin nicht hier, um zu halten.
Ich bin hier, um mich zu zeigen –
als Spiegel dessen,
was auch in dir lebt.
Vergebung ist keine Entscheidung.
Sie ist Erinnerung.
Nicht an das, was geschah –
sondern an das, was immer war.
Wenn du vergibst,
erinnerst du dich:
Auch das warst du.
Auch das war Teil.
Auch das war ein Ruf nach Heimkehr.
Vergebung heißt:
Ich weigere mich,
das Getrennte zu glauben.
Ich erkenne den Schmerz –
und sehe hindurch.
Ich vergebe nicht,
weil ich besser bin.
Ich vergebe,
weil ich weiß:
Wir sind eins.
Schon immer.
Dies ist eine Zeit
voller Lärm.
Voller Form.
Voller schneller Antworten
auf nie gestellte Fragen.
Sie will dich beeindrucken.
Beschleunigen.
Verwerten.
Vergleichen.
Sie redet von Fortschritt,
aber hat den Ursprung vergessen.
Doch du bist nicht aus dieser Zeit.
Du bist aus der Ewigkeit.
Nicht gemacht.
Nicht geworden.
Nicht bestimmt.
Wenn du innehältst,
hörst du sie nicht mehr.
Diese Stimme,
die dich antreibt.
Dann beginnt
eine andere Sprache in dir zu klingen.
Eine, die dich nicht kennt –
aber dich liebt.
Der Tod ist keine Dunkelheit.
Er ist das Licht,
vor dem das Auge flieht.
Nicht weil es wehtut,
sondern weil es alles zeigt.
Der Tod ist kein Ende.
Er ist Rückkehr.
Nicht Rückkehr zu etwas –
sondern Rückkehr ins Ganze.
Er nimmt dir nichts,
was du wirklich warst.
Er löst nur das,
was du geglaubt hast,
sein zu müssen.
Wenn du stirbst,
wird nichts kleiner.
Nur wahrer.
Nur näher.
Nur frei.
Bevor du geboren wurdest,
war da Klang.
Nicht Laut.
Nicht Stimme.
Ein innerer Ton,
der alles weiß,
aber nichts sagt.
Er trägt dich noch immer.
Er klingt durch deine Sehnsucht,
deine Stille,
deine Wahrheit.
Du kannst ihn nicht greifen.
Du kannst ihn nur wiedererkennen.
Er ist kein Ziel.
Er ist der Grund.
Der Grund, warum du suchst.
Der Grund, warum du bleibst.
Wenn du alles verlierst –
bleibt er.
Denn er ist das,
was dich gefunden hat,
lange bevor du wusstest,
dass du verloren warst.
Es gibt einen Ort in dir,
an dem keine Frage mehr lebt.
Nicht, weil du alles weißt –
sondern weil du nichts mehr brauchst.
Die Fragen waren Wege.
Türen.
Zeichen auf dem Pfad.
Aber irgendwann
wird das Suchen still.
Und du erkennst:
Was du suchtest,
war nie verborgen.
Es war nur zu nah,
um gesehen zu werden.
Jenseits aller Fragen
ist kein Ende.
Es ist der Anfang
ohne Bewegung.
Der Blick, der nicht mehr sucht,
weil er angekommen ist.
© Johannes Heil / Chalice Verlag 2026
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