Dschalal ad-Din Rumi
»In der Welt gibt es ein Ding, das nicht zu vergessen ist«

Ausschnitte aus Dschalal ad-Din Rumi: Werde selbst zum Sonnenaufgang, aus dem Persischen von Cyrus Atabay.
»Wenn du alle Dinge vergessen solltest, jenes aber behältst, brauchst du nichts zu befürchten.« Auszüge aus unserer Neuausgabe der von Cyrus Atabay aus dem Persischen übertragenen erlesenen Auswahl von Rumis Gedichten, Vierzeilern und Gesprächen

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Alle Dinge musst du suchen, um sie zu finden, ausgenommen diesen Freund, den du, ehe du ihn gefunden hast, nicht suchen wirst.
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Ich bin wie ein blühender Garten, von einer Mauer umschlossen, auf der Gestrüpp und Dornen wachsen. Der Vorübergehende sieht nicht den Garten, nur die Mauer und ihren Missstand und bemäkelt sie. Warum sollte der Garten ihm zürnen? Die Missbilligung schädigt nur ihn selbst, denn er muss sich mit der Mauer bescheiden, statt zum Garten zu gelangen. Er wird dem Garten fernbleiben, solange er sich bei dem Tadel der Mauer aufhält.
Ausschnitte aus Dschalal ad-Din Rumi: Werde selbst zum Sonnenaufgang, aus dem Persischen von Cyrus Atabay.
Die Absicht des Vorhandenseins dieser Welt ist die Begegnung zweier Freunde, die sich ins Antlitz schauen, Gott zugewandt.
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Wenn Wind durchs Haus weht, dann lüpft er den Zipfel des Teppichs, macht die Vorhänge schaukeln, wirbelt Staub auf, wandelt die Oberfläche
des Wassers im Becken in ein Panzerhemd, bringt die Bäume und Zweige und Blätter zum Tanzen. Alle diese Zustände sind verschieden und vielgestaltig, aber sie entspringen einer Wahrheit, denn sie wurden von der gleichen Ursache in Bewegung gesetzt.
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Wenn du in deinem Bruder eine Schwäche siehst, dann ist es deine eigene Schwäche, die du in ihm siehst. Die Welt ist ein Spiegel, in dem du dein eigenes Bild siehst. Überwinde jene Schwäche, denn wie sehr du ihr auch zürnst, du zürnst dir selbst.
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Obschon das Licht Helligkeit verbreitet, ist es der Begleiter der Sonne; wenn sie untergeht, bleibt auch die Helligkeit nicht. Darum muss man zur Sonne werden, damit nicht der Schrecken der Trennung bleibt.
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Wenn der Sufi sagt: »Ich bin Gott«, meinen die Leute, das sei ein überheblicher Anspruch. »Ich bin Gott« zeugt von ungeheurer Demut, denn jener, der da sagt: »Ich bin Gottes Knecht«, weist zwei Leben nach, sein eigenes und Gottes Leben. Aber jener, der »Ich bin Gott« sagt, hat sein Leben ausgelöscht. Das heißt, er sagt: Er ist alles, es gibt nichts außer Ihn, ich bin ganz von Ihm umfangen. Hierin liegt größere Demut, und das wird von dem Menschen nicht begriffen. Wenn sich ein Mann Gott unterwirft, dann ist immer noch seine Leibeigenschaft eine Schranke; zwar sieht er Gott, doch er sieht auch sich selbst. Darum ist er nicht gänzlich in der Flut versunken; derjenige ist ganz in der Flut versunken, in dem keinerlei Bewegung ist, aber dessen Bewegung die Bewegung der Flut ist.
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Du wirst dahinziehn freudig, wenn du dich selbst gefunden hast. Wenn du einen anderen findest, umarme ihn. Und wenn du keinen anderen findest, dann umarme dich selbst.
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Geduld bedeutet, dass man immer weitblickend das Ziel im Auge behält; Ungeduld bedeutet, dass man kurzfristig nicht die Bestimmung begreift.
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Was ist Denken? Die Vergangenheit verstehen, um zu prüfen, ob jene, die vor uns waren, Nutzen aus dieser Tätigkeit zogen oder nicht. Und ebenfalls in die Zukunft blicken, um zu prüfen, zu welchen Folgen diese Tätigkeit führt. Nur der kann das Gewesene und Kommende betrachten, dem durch seine Bindung an diese Welt keine Grenzen gesetzt wurden.
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Ein Einsiedler lebte in den Bergen, er war selbst ein Berg, war kein Mensch mehr. Wenn er ein Mensch gewesen wäre, hätte er unter Menschen gelebt, die der Vernunft und des Wahns befähigt und der Kenntnis Gottes würdig sind. Was hätte er in den Bergen zu suchen? Was hat der Mensch mit Steinen zu schaffen? Sei unter den Menschen und sei allein.
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Der Körper ist wie die Jungfrau Maria und jeder von uns birgt seinen Jesus. In der Kenntnis des Schmerzes wird unser Jesus geboren; wo diese Kenntnis nicht ist, da kehrt Jesus auf jenem geheimen Weg, auf dem er kam, zu seinem Ursprung zurück.
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Der Sinn des Seins bleibt dem Augenschein verborgen,
Sein und Nichtsein sind nicht so wie sie scheinen;
das Dasein der Welt
ist außerhalb der Welt.
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Bisweilen sind wir sichtbar, bisweilen verborgen,
bisweilen Muslime, Christen oder Juden;
wir durchlaufen viele Formen, bis unser Herz
Zufluchtsstätte für alle wird.
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Die Lehre und der Weg unseres Propheten ist die Liebe,
uns gebar die Liebe und sie ist unsere Mutter;
diese Mutter verbirgt sich in uns,
sie versteckt sich vor dem, was wir wurden.
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Morgen, am Tag des Jüngsten Gerichts,
wenn alle vor dem Schiedsspruch beben,
werde ich meine schutzlose Liebe auf der Handfläche darbieten,
mit dem Begehren, sie in die Rechnung aufzunehmen.
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Jenes Wasser, welches das Mühlrad dreht,
treibt auch den Mond und die Gestirne meiner Seele an;
die Schöpfung ist eingebettet in ein Meer der Liebe,
wer wünschte nicht, aus diesem Meer die Perle zu ertauchen.
© Cyrus Atabay 1988, 1996
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