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Muhyiddin Ibn Arabi
Das Bezeugen der Einheit ist das Siegel aller Stationen
Der von Ibn Arabi häufig zitierte Beginn von Vers 171 der Koransure 4 mit der Stelle: »… Der Messias, Jesus, der Sohn der Maria, ist der Gesandte Gottes (rasulu Allahi) und Sein Wort (kalimatu-Hu), das Er in Maria legte, und Sein Geist (ruh-Hu)…«
Der sagenhafte Greif des Westens (‘Anqa’ mughrib), ein um das Jahr 1200 entstandenes bedeutendstes Frühwerk des andalusischen Sufis Ibn Arabi, ist weniger bekannt als seine Futuhat al-Makkiyah oder die Fusus al-hikam. Das mag zum einen an seiner poetisch-verschlüsselten Form liegen, zum andern aber auch an dem (aus Sicht der Orthodoxie) heiklen Inhalt, geht es doch um Heiligkeit im Islam und dabei insbesondere um das Siegel der Heiligen, Jesus Christus, zu dem Ibn Arabi eine lebenslange innige Beziehung unterhielt. Einige Ausschnitte aus dem von Gerald Elmore und Wolfgang Herrmann übersetzten und ausführlich kommentierten Werk
Ausschnitte aus dem Buch Der sagenhafte Greif des Westens: ‘Anqa’ mughrib von Muhyiddin Ibn Arabi
lles, was ich von dieser Art verfasse, zielt niemals auf das Wissen davon, was in der Erscheinungswelt auftaucht. Nein, das Ziel ist immer das innere Wissen um das, was in unserer menschlichen Essenz und der Substanz Adams aufzufinden ist. […] Wenn ich also in diesem oder irgendeinem anderen meiner Bücher als Beispiel ein Ereignis aus der Welt der Erscheinungen anführe, so ist meine Absicht dabei, es im Ohr des Hörers zu verankern und es mit seinem Ebenbild im Menschen zu vergleichen. Unsere Betrachtung mögen wir sodann unserer eigenen menschlichen Essenz zuwenden, die sich darin findet und der Weg zu unserem Heil ist! […]
Ausschnitte aus dem Buch Der sagenhafte Greif des Westens: ‘Anqa’ mughrib von Muhyiddin Ibn Arabi
Nachdem die Wallfahrt ich vollendet, besang ich meine Reise
Ganz offen mir zur Lust, doch auch im Flüstern.
Ich stieg in meiner Sinne Schiff,[1] das ohne Unterlass
Getrieben wird von den Geistern stiller Gedanken.[2]
Als ich den Ozean des Daseins überquerte, sah ich
Mit dem Schwert der Klugheit einen Übermenschen.[3]
Er rief mich an: »Mein Diener!«, drauf ich gehorsam: »Ja, hier bin ich!« [4]
»Bedenke, diese Ernte ist mehr als die von Gartenfrüchten.« [5]
Da erkannt ich, ohne sehend Auge, eine Wesenheit,
Und sie gab mein Wesen frei, froh war ich der Schranken ledig!
Wie Moses war ich, als er sprach zu seinem Herrn:
»Lass mich sehn ein Sein, erhaben über alle Sinne!« [6] […]
Er befragte mich im Hinblick auf die Geheimnisse in den Vorzeichen der Letzten Stunde und über den »Aufgang der Sonne vom Ort ihres Untergangs«.
Die Geheimnisse in den Vorzeichen der Letzten Stunde
Als die Morgendämmerung die Heere der Nacht verscheuchte und [ihre] Streitrosse gegen [sie] anspornte und Materie und Form sich zu Idee und Bestimmung [7] verdichteten, um [den Mystiker] von den Fesseln seines begrenzten Daseins (riqq kawni-hi) zu befreien [8] und mit der Robe seines Schutzes (rida’ sawni-hi) zu bekleiden, damit ihm ein unmittelbares Schauen (muschahadat ‘ayni-hi) in jede Richtung, in die er sich wendet, zuteilwerde [9] – [zu jener Zeit] befragte mich ein gewisser Mann, der zu den Leuten von Tabriz [10] gehörte, und einer von denen war, die zu ihrem Glauben an den »Staat des Mächtigen Führers« (dawlat al-‘aziz) [nämlich dem endzeitlichen Königreich des rechtgeleiteten Mahdi] stehen, wohingegen sie die Aberkennung des [rein verstandesmäßigen] Unterscheidens (suqut al-tamyiz) [11] verwerfen; [dieser Mann also befragte mich] im Hinblick auf die Geheimnisse in den Vorzeichen der [Letzten] Stunde (asrar aschrat al-sa‘ah), auf ihre Kräfte (imaratu-ha), ihre Wirklichkeiten (haqa’iqu-ha) und ihre Andeutungen (ischaratu-ha) über den »Aufgang der Sonne vom Ort ihres Untergangs« (tulu‘ al-schams min mahgribi-ha) [12] sowie über den Geist ihrer Bestimmung und des von ihr eingeschlagenen Weges (ruhaniyat maqsidi-ha wa-madhhabi-ha).[13]
[Sie leugnen auch] das »Schließen der Tür des Bereuens« [14] und das Beibehalten von Sünde und Niedrigkeit, und die Belebung eines [irdischen] Tieres (nafkhu dabbat),[15] den Abstieg eines Messias (nuzulu masih),[16] das Verschwinden eines Heers in der weiten Ebene und eine entsetzliche Schlacht [17] und die Eroberung einer großen Stadt [18] dank [der Rezitation] des takbir und des tahlil [19] im Einklang mit den Vorschriften der [prophetischen] Sunna und keineswegs mit scharfen Klingen der Schwerter oder glänzenden Speeren.[20]
[Genauso wenig wusste der Mann aus Tabriz von] einem Siegel der Heiligkeit (khatm walayah), einer grünenden Wiese (rawdah khadra’),[21] einem Geheimnis des Prophetentums (sirr nubuwah) [22] und einem reinen Weg (mahadschdschah bayda’), so wenig wie von dem einen, der seine [eigentliche] Station zugunsten einer niedrigeren verlassen hatte, sodass ihm der vollkommenste Adel (al-scharaf al-akmal) zuwuchs,[23] und [schließlich] auch nichts von einem Betrüger (dadschdschal) [Antichristen], der den rechten Weg nicht fand, und von einem, der von ihm getötet wurde, der starb und wieder zum Leben erweckt wurde.[24] […]
Beim Menschen ist derjenige geflügelt, in dem die Geistigkeit vorherrscht und der sich der Reinigung seiner Seele dank seiner engelhaften Stufe unterzieht.
Jesus wird zwei Versammlungen abhalten
Als das Siegel zum Oberhaupt der Gemeinde (muqaddam aldschama‘ah) am Jüngsten Tag (qiyam al-sa‘ah) bestimmt wurde, wurde auch festgesetzt, dass es, als Meister der beiden Siegel (sahib al-khatmayn), zwei Versammlungen (haschran) [25] abhalten würde. Doch während der Geflügelte (dhu l-adschnihah) [der Engel Gabriel] sich mit [dem Siegel die Aufgabe der Einberufung] der beiden Versammlungen teilen wird, fällt allein dem Siegel [die Aufgabe] seiner zwei Besiegelungen (khatama-hu) zu. Beim Menschen ist derjenige geflügelt, in dem die Geistigkeit (al-ruhaniyah) vorherrscht und der sich der Reinigung seiner Seele (tathir nafsi-hi) dank seiner engelhaften Stufe (al-rutbah al-malakiyah) unterzieht. Im Hinblick auf diese Station kann es unseres Erachtens kein Beschneiden [seiner Flügel] geben.
Entsprechend [der Stufe] seines Aufstiegs [in jene Station] mag auch ein Engel (sahib [al-adschnihah]) zwei, drei oder vier [Flügel] haben.[26] Doch der am meisten vertrauenswürdige der Geister (amyan al-arwah) [27] wird [auf jener Station] sechshundert Flügel haben – ohne eine befleckende Sünde (dschunah) darin. Indessen haben wir ihn »Siegel« (khatim) genannt und ihn als Regenten (hakim) über die Heiligen eingesetzt, denn am Tag der Auferstehung wird er mit einem körperlichen Siegel als Sinnbild (khatam mithali dschusmani) in seiner rechten Hand kommen – sie ist der Ort (mahall) des strahlendsten Herrschers (al-malik al-asna) – und einem geistigen Siegel als Offenbarung (khatam nizali ruhani) in seiner linken Hand – sie ist der Ort des edelsten Priesters (al-imam al-asra). Denn [sein Amt] wurde rechter Hand von der Schar der dazu Bestimmten (ahl alta‘yin) verbreitet, während es linker Hand von den Gestärkten (ahl al-tamkin) ausging [28] – [das Siegel] wird von zwei Wissenschaften (‘ilman) [29] gekennzeichnet und mit zwei Namen (isman) [30] angesprochen. Denn es hat von Anbeginn die Leitung (al-tara‘ ‘us fi l-hafirah) und den Vorrang (al-taqaddum) unter den Heiligen des Jenseits (walayat al-akhirah) inne.
So verstehe diese Geheimnisse, oh du mit Einsicht Begabter (al-labib) und trachte nach dem Glanz dieser Lichter! […]
Wundere dich nicht, wenn das Zeitalter, das dem des Auserwählten folgt, jetzt schon da ist.
Der Anbruch jener Epoche rückt näher
Nun ist die Zeit der [obenerwähnten] Epoche (hadha l-qarn) [die der des Auserwählten folgt] gekommen und ihr Anbruch rückt näher. Wer also vorbereitet (al-muta’ahhib) ist, sei bereit für ihre Ankunft (hululu-hu), und man mag sich schleunigst anstrengen, dieses göttliche Licht (al-nur al-ilahi) zu erreichen, bevor es untergeht (ufulu-hu)! Wundere dich nicht, oh mein Bruder, wenn das Zeitalter, das dem des Auserwählten folgt, [jetzt schon da ist und] so lange andauern wird, solange es der Mensch zusammen mit seinem Herrn (Gepriesen sei Er!) bezeugen (schahid) wird – während der Allwahre [Selbst] der Bezeugte (maschhud) ist. Unbeschadet dessen, worauf die Offenbarung (al-schar‘) [31] anspielt und was einem [ansonsten] von der Unordnung und von dem Gemetzel (al-hardsch wa-l-qatl) [der Letzten Tage] [32] zu Ohren kommt (al-sam‘), ist dies eine Zeit des Fortschritts und des Überflusses (al-taqaddum wa-l-fadl). Denn der [in dieser Zeit] Tätige (al-amil) wird das Siebzigfache des Lohns derjenigen erhalten, die ihm vorangegangen sind, sogar [im Fall des] vorangehenden Führers (al-imam al-muqaddam). Es wird keine besseren Helfer (a‘wan) geben als jene [zur Zeit des Propheten], auch werden sie ihren Imam nicht [wie die frühere Generation] mit eigenen Augen sehen können.[33] Doch nichts ist stärker als der Glaube an etwas Unsichtbares (imanu ghayb). Denn, wer an ihm festhält, den werden nie Zweifel (rayb) überkommen.[34]
Das ist die Zeit der Versuchungen (al-fitan) und der Ankunft von Heimsuchungen und Plagen (al-balaya wa-l-mihan). »So meide den, der sich von unserem Eingedenken (dhikru-na) abwendet und nur das diesseitige Leben (al-hayah al-dunya) begehrt – denn sein Wissen reicht nur bis dahin! Wahrlich, unser Herr weiß am besten, wer von Seinem Weg abweicht, und Er weiß, wer rechtgeleitet (ihtada) ist.«[35] Also lass diese Mitteilungen in deine Seele (nafsu-ka) einwirken und eigne sie dir deinem Herzen und deinen Sinnen (qalbu-ka wa-hissu-ka) an. Denn wahrlich, die Zeit (al-zaman) ist unheilbringend, ihr Tyrann (dschabbaru-hu) verstockt und ihr Satan hartnäckig. So schüttle sie von dir ab, wie der Tag sich aus der Nacht herausschält, oder du wirst dich ganz gewiss zu denen gesellen, die jammervolles Elend erleiden!
Nun habe ich dir einen guten Rat gegeben, also wisse [ihn anzuwenden]! Und ich habe den Pfad für dich geklärt, also halte [ihn] ein! […]
Bist du dir dessen bewusst, dass es nur einen Daseienden gibt, Der nicht erkannt werden kann, dann erst weißt du wirklich.
Das Anerkennen der Unfähigkeit zu Verstehen ist selbst ein Verstehen
Wenn du dann fragst: »Wo ist denn nun das Wissen um den Rubin (ma‘rifat al-yaqut al-ahmar), der in der perlweißen Muschel (almasun fi l-sadaf al-azhar) bewahrt ist?« – so werde ich darauf antworten, dass das Wissen um den Rubin derart ist, dass es weder erkannt noch abgegrenzt noch beschrieben werden kann. Bist du dir nämlich dessen bewusst (‘alimta), dass es nur einen Daseienden gibt, Der nicht erkannt werden kann (mawdschud la yu‘rafu), dann erst weißt du wirklich (‘arafta), und wenn du die Unfähigkeit, zu Seiner wahren Natur (kunhu-Hu) zu gelangen, anerkennst, siehe da, bist du schon angekommen (wasalta)! Denn die Wahrheit (al-haqiqah) wird dir [dadurch] als dein Los zufallen und der Weg (al-tariqah) wird vor dir geklärt sein. Wer jedoch dieses Wissen (al-‘ilm) nicht begreift und für den diese [göttliche] Anordnung (al-hukm) nicht ergeht, wünscht sich etwas, das ihm niemals zukommen wird, um dessentwegen, was er vergessen und verkannt hat. Für dich reicht es nämlich aus zu wissen, dass Er nicht gekannt wird.
Genau das ist die Wahrheit (al-haqq), deren Morgenröte (subhu-hu) angebrochen ist – so bleibe bei ihr! Und sei geführt von dem Propheten und dem Getreuen (al-nabi wa-l-siddiq) – wie es [sogar der Prophet Mohammed] (Friede und Segen Gottes seien mit ihm!) anerkannt hat: »Ich kann Deine Lobpreisungen nicht zählen, in denen Du Dich selbst gepriesen hast.« [36] Das ist der äußerste Grad an Unvermögen (ghayat al-‘adschz) und das Wissen desjenigen, der am Schleier der Macht (hidschab al-‘izz) angekommen ist, wie es der größte Getreue (al-siddiq al-akbar) [37] verkündet hat: »[Das Anerkennen der] Unfähigkeit (al-‘adschz), zum Verstehen (al-idrak) zu gelangen, ist [in sich selbst] ein Verstehen.« [38] Vermengung (al-ischtirak) kann dann nicht eintreten, denn diesseits des Schleiers der glanzvollen Göttlichkeit (hidschab al-‘izzah al-ilahiyah) gibt es nur Beschaffenheit und nähere Bestimmung (al-kayfiyah wal-mahiyah).[39] […]
Wenn du sagst, Er ist der Lebende, der Sprechende, der Machtvolle, der Wollende, der Wissende, der Hörende und Sehende, so bist du all das!
Somit erschaffst du dich selbst nach Seinem Vorbild
Frag den, der nach dem Unerreichbaren sucht, und den, der etwas verlangt, was außerhalb seiner Bedürfnisse liegt, ob er von dem Allwahren irgendetwas anderes weiß als das, was Er in ihm erschaffen hat. Und wenn er verneint, [so frage ihn]: Hast du denn irgendetwas festgestellt, was Ihn betrifft und womit du nicht beschrieben würdest? [40] Und wenn du über dieses scheinhafte Wissen (al-amr al-muschtabih) hinausgegangen bist, hast du es nur über den Weg der Verneinung und des Fernhaltens [Gottes] (tariq al-salb wa-l-tanzih) getan, indem du [Ihn] heiligest und [Seine] Ähnlichkeit ableugnest (al-taqdis wa-nafy al-taschbih)?
Wenn du sagst, Er ist der Lebende, der Sprechende, der Machtvolle, der Wollende, der Wissende, der Hörende und Sehende,[41] so bist du [all] das! Und wenn du sagst, dass Er der Gnädige wie auch der Bezwinger [42] ist [und so weiter], bis du [alle] Seine Namen erschöpft hast – so bist immer noch du gemeint! Denn du hast [Gott] (Er sei gepriesen!) keine Beschreibung (wasf) zugedacht, die nicht auch auf deine eigene Essenz (dhatu-ku) zuträfe, und du hast Ihn auch nicht mit irgendeinem Namen ausgezeichnet, von dem deine Stationen und deine Attribute (maqamatu-ka wa-sifatu-ka) nicht zuvor abgeleitet worden wären.
Somit erschaffst du dich selbst (takhalluq) nach Seinem Vorbild, wie auch Er Sich Selbst [in dir] verwirklicht (tahaqquq). Wann immer du aber das zugestehst, was mit der Essenz (al-‘ayn) außerhalb deiner selbst zu tun hat, weißt du von ihr nur so viel, dass sie die Fehler deines Daseins (naqa’is al-kawn) mit Notwendigkeit verneint – denn zu Recht verneint der Diener von seinem Herrn (Gepriesen sei Er!), was nicht erlaubt ist, Ihm zuzuschreiben! [43]
Das Siegel aller Stationen ist das Bezeugen der Einheit.
Was das Siegel der Heiligen in Bezug auf den Menschen angeht, so ist es eigentlich ein Ausdruck für die Station, bei der du schließlich enden und vor der du zum Anhalten gebracht wirst – es ist die des mystischen Reisenden, wo immer er auch ankommen mag, seine Station, wo er sich niederlassen wird. Denn da gibt es keinen besonderen Ort, wo haltzumachen wäre, sondern nur den Ort, den man erreicht – der Wissende selbst enthüllt uns dessen Abgrenzung. Doch das Siegel aller Stationen ist nichts anderes als das Bezeugen der Einheit (al-tawhid), während es die Geheimnisse des Daseins im Überfluss (fi mazid) gibt!
© Gerlad T. Elmore / Brill 1998
Deutsche Übersetzung © Wolfgang Herrmann
Anmerkungen
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[1] Safinatu ihsas-i: nämlich den Körper. Mit dem Abschluss der hadschdsch segelt der Wallfahrer zurück in seine Heimat.
[2] Der Körper als »der Sinne Schiff« ist hier im feinstofflichen Sinne gemeint, wird er doch getrieben von »den Geistern« (arwah) der subtilen (»stillen«) Gedankenformen. Im Nachhinein wird eindeutig klar, dass der Dichter hier lediglich eine symbolische Pilgerfahrt hat beschreiben wollen (die physische sollte Ibn Arabi erst später im Jahr 1204 vollziehen). [Anmerkung von Wolfgang Herrmann]
[3] Bi-sayfi l-nuha man dschalla ‘an rutbati l-insi, wörtlich: »… jemanden, der die Stufe des Menschseins überschritten hat«, also ein Wesen, das die menschliche Form annimmt und gleichzeitig aus ihr heraustritt, was natürlich an den Engel Gabriel erinnert. »Das Schwert der Klugheit« (sayf al-nuha) bezieht sich wohl auf den Übermenschen (nicht auf den Dichter selbst), der ganze Vers lässt an Exodus 14.21–22 denken, wo Moses das Rote Meer mit der Hand (also wie mit einem Schwert) spaltet, um den Israeliten den Fluchtweg vor dem Pharao zu eröffnen. [WH]
[4] Da‘a-ni bi-hi ‘abdi fa-labbaytu ta’i‘an: Erneut eine Anspielung auf Moses (siehe Ex 3.4). Dass das Wesen sich auf den Mystiker als ‘abd-i (mein Diener!) bezieht, zeigt, dass es gleichsam göttlich ist. Es mag als Ibn Arabis eigener Herr (rabb) oder Gottheit (ilah-i) verstanden werden, wie es schon im ersten Vers des einleitenden Gedichts angesprochen wird.
[5] Ta‘ammal fa-hadha l-qatfu fawqa dschana l-gharsi, wörtlich: »Bedenke, diese (Wein)lese steht über den gepflanzten Früchten.« Dem Dichter werden paradiesische Früchte in Aussicht gestellt, nämlich die »weißen, kristallklaren«, von denen der Koran in 44:54 und 55:20 spricht: »Wir werden es ihnen unter weißen, kristallklaren (Weintrauben) behaglich machen« (nicht unter »großäugigen Huris«, diese hat Christoph Luxenberg in seiner sensationellen Studie als Fehllesung nachgewiesen, siehe LUX, Seiten 260–275). [WH]
[6] Siehe Ex 33.18–23 und Koran 7:143.
[7] Wa-hasala l-dschismu wa-l-rasmu fi qabdati l-’ayni wa-l-ismi. Dschism und rasm mag man hier mit »Materie« und »Form« übersetzen. In Ibn Arabis [»Glossar« sufischer Fachbegriffe] Istilahat, Nr. 67, wird ism definiert als »der [besondere] göttliche Name, der hinsichtlich der Verfassung des Dieners das Bestimmende (al-hakim) darstellt.« Die Idee dabei mag sein, dass Körper und Seele des Mystikers beim Anbruch des Tags der Offenbarung auf ihre logischen Bestandteile heruntergebrochen oder reduziert werden.
[8] »Weil die niedere Seele (al-nafs) ein gefesselter Sklave (raqiqah qinnah) ist, doch das Herz ist frei« (al-Maqabiri).
[9] Als Mohammed sich von der erschreckenden Vision Gabriels abwenden wollte, konnte er in jeder Richtung, in die er sich wandte, nur den Erzengel sehen.
[10] Eine Stadt in Adharbaydschan, die heute im nordwestlichen Iran liegt. Die Herrscher über diese Region in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts waren die Atabegs der Eldigüzid-Türken, ganz entschiedene Sunniten.
[11] Das heißt, er hielt daran fest, dass verstandesmäßiges Denken zuverlässig sei, die endzeitlichen Wahrheiten zu erklären (eine mutazilitische Position).
[12] Der Aufgang der Sonne im Westen ist eines der fünf kanonischen Vorzeichen für den Tag des Gerichts, die von Nadschm al-Din al-Nasafi (gestorben 1142/1143) aufgelistet werden: die Erscheinung des Antichristen (al-dadschdschal), das Tier der Erde, Gog und Magog, Jesu Herniedersteigen vom Himmel und den Aufgang der Sonne am Ort ihres Untergangs.
[13] Die maqsid und der madhhab können makrokosmisch wie auch mikrokosmisch verstanden werden, je nachdem, ob die »westliche Sonne« als Symbol für das Siegel (den Mahdi) oder für dessen mystisches Beispiel als Pilger nach Mekka verstanden wird.
[14] Das Bereuen (tawbah) wird nicht länger mehr akzeptiert werden, nachdem die Sonne im Westen aufgegangen ist und das Tier der Erde seinen Kopf erhoben hat (siehe nächste Fußnote).
[15] Die Belebung des Tieres wird in Koran 27:82 nicht erwähnt, wohl aber seine wunderbare Rede (vergleiche Offenbarung 13.15).
[16] Ich verwende hier das Wort »Messias« nicht in seinem eigentlichen jüdisch-christlichen Sinne, sondern eher als ethymologische Entsprechung für das koranische Beiwort für Jesus, al-Masih (siehe Koran 3:45 und andernorts). Al-Maqabiri fasst ihn auf als »den Messias deiner Seele (masih nafsi-ka) […] denn Unwissenheit und Torheit wischt er weg (masaha) von deiner Seele«.
[17] Malhama ‘uzma. Vergleiche Offenbarung 16.14 über Armageddon, »die Schlacht an jenem großen Tag Gottes, des Allmächtigen.«
[18] In einer Randbemerkung identifiziert Al-Maqabiri diese Stadt als »das große Rom« (Rumah al-kubra), doch die madinah al-Rumiyah, die mit der Macht des takbir eingenommen wurde, ist gemäß dem Bericht in Ibn Arabis Muhadarah natürlich Konstantinopel (al-Qustantiniyah). Allerdings gab es einen Volksglauben, dass der Mahdi zuerst Andalusien erobern würde, bevor er sich nach Osten wenden, Rom und erst dann Konstantinopel einnehmen würde.
[19] Das sind die beiden Jubelrufe Allahu akbar (Gott ist größer) und La ilaha illa Llah (Es gibt keinen Gott außer Gott). Al-Maqabiri beschreibt sie als »den Ausdruck des intuitiven Verständnisses des Islams (izhar schu‘ur al-Islam)«. Vergleiche die Eroberung Jerichos im Buch Josua 6.20.
[20] La bi-l-murhafati l-bidi wa-la bi-zurqi l-asinnati. Es ist aufschlussreich, den oVffenkundig friedfertigen Geist dieser Zeile dem mehr kampfeslustigen Ton von Ibn Arabis späterer Behandlung desselben Themas in Kapitel 366 der Futuhat al-Makkiyah (siehe FUT1, Seiten 69ff) gegenüberzustellen.
[21] Das ist Damaskus, der Ort, wo gemäß der Überlieferung Jesus vom Himmel auf das weiße Minarett der großen Umayyaden-Moschee herabsteigen wird.
[22] Beide [klassischen] Kommentatoren [des ‘Anqa’ mughrib] deuten das als Heiligkeit, al-Maqabiri führt dazu aus, dass es für jeden Propheten einen Heiligen gebe und dass »entgegen der Lehre des Meisters [also Ibn Arabis], [das Prophetentum] der absoluten Heiligkeit überlegen ist«.
[23] Jesus als das Siegel, der von seiner hohen Station zur Erde herabsteigen wird, um in den Letzten Tagen Gottes Stellvertreter auf Erden zu werden (vergleiche Philipper 2.5–7).
[24] Wa-dadschdschal la ya‘ya wa-qatil la-hu la yamutu wa-yahya. Der eine, »der von ihm getötet wurde« (oder von dem Tier) ist Henoch (Idris, Elias), der gemäß der Überlieferung gegen das Tier aussagte (vergleiche Offenbarung 11.3–12).
[25] Al-Maqabiri bemerkt hierzu: »Das ist ein Hinweis auf Jesus (Möge der Frieden und Segen Gottes auf ihm ruhen!), denn er hält zwei Versammlungen ab, eine von seinem eigenen Volk, den Kindern Israels [den Christen], im Hinblick auf sein eigenes Prophetentum, und eine andere mit unserem Propheten Mohammed (Möge Gott ihn segnen und behüten!) und dessen Gemeinde« (siehe Futuhat II 9 und 49). Das Jüngste Gericht wird auch als »Tag der Versammlung« (yawm al-haschr) bezeichnet.
[26] Vergleiche Koran 35:1: »Lob sei Gott […], Der die Engel zu geflügelten Boten macht (rusul ulu adschnihat), mit zwei, oder vier Flügeln.«
[27] Gemäß Koran 81:21 wird für gewöhnlich Gabriel als der vertrauenswürdige Geist (al-ruh al-amin) angesehen. Hier jedoch wird offensichtlich der am meisten vertrauenswürdige Geist dem Siegel der Heiligen gleichgesetzt: Jesus in seiner endzeitlichen Aufgabe als »der Menschensohn, der mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen wird« (Mt 24.30).
[28] Al-Maqabiri zufolge stellen die ahl al-ta‘yin die Elite (al-khawass) unter den gewöhnlichen Dienern Gottes dar. Die ahl al-tamkin »sind die Leute von Heiligkeit (ahl al-walayah). Hat nicht einer von ihnen gesagt: ›Die Kenntnis des heiligen Gesetzes ist sicherer, doch das Wissen um die Wirklichkeit bringt mehr Stärkung‹ (‘ilm al-schari‘ah aslam, wa-‘ilm al-haqiqah amkan)?«
[29] »Nämlich den Wissenschaften der schari‘ah und der haqiqah« (al-Maqabiri).
[30] Nach al-Maqabiri mit dem Namen des Gelehrten (al-‘alim) und dem des Heiligen (al-wali), die sich auf die beiden vorerwähnten Wissenschaften spezialisiert haben.
[31] Das ist die »gesetzesmäßige« Offenbarung, die den Koran und die (verlässlichen) Hadithe einschließt.
[32] Das ist eine Anspielung auf »die großen Kriege (malahim ‘uzma) und Gerüchte von Kriegen«, die charakteristisch sind für die traditionelle Endzeitlehre im Islam ebenso wie im Judentum und Christentum. Al-Maqabiri zitiert dazu einen weiteren Hadith: »Wenn die sozialen Wirren und die Kriege überhandnehmen, dann erwarte die Stunde [des Gerichts].«
[33] »Weil der führende Imam (al-imam al-murschid) jener Zeit erst gefunden werden kann, wenn man ihm [bereits] folgt« (al-Maqabiri).
[34] Vergleiche dazu Joh 20.29 und Hebr 11.1.
[35] Koran 53:29–30.
[36] Ein wohlbekannter Hadith.
[37] Abu Bakr al-Siddiq.
[38] Al-‘adschzu ‘an daraki l-idraki idrak. Diese (bei Ibn Arabi) überraschend »agnostische« Maxime ist wohl als vorsichtiger Ratschlag für den Leser gedacht, ohne dass sich der Autor selbst damit wirklich identifizieren würde. Später, im Kapitel über Seth in den Fusus al-hikam, geht er kühn über diese Selbstbeschränkung hinaus und spricht davon, dass es »unter uns jemanden gibt, der wirklich weiß und diese Worte [Abu Bakrs Maxime] nicht ausspricht«, und dieses Wissen sei »das vollkommenste Wissen um Gott« (siehe FUS, Seite 44, und die auszugsweise Übersetzung des Kapitels über Seth im Anhang).
[39] Das könnte bedeuten: Außerhalb der Essenz gibt es nur die Vielfalt der göttlichen Namen, die folglich nicht mit der göttlichen Essenz vermengt werden können. [WH]
[40] Ibn Arabi spricht hier nicht den zufälligen Leser, sondern den vollkommenen Menschen (al-insan al-kamil) im Allgemeinen an.
[41] Al-Hayy al-Mutakallim al-Qadir // al-Murid al-‘Alim al-Sami‘ al-Basir. Das sind die sieben sogenannten »wesentlichen Eigenschaften« (sifat al-ma‘ani) der ascharitischen Theologie. Ibn Arabi nennt sie in den Futuhat, I 100, auch die »sieben Mütter« (al-ummahat al-sab‘ah).
[42] Al-Rahim al-Qahir. Diese beiden Namen stehen stellvertretend für Gottes Schönheit einerseits und Seine Majestät andererseits.
[43] In Umkehrung bedeutet das: Deine Essenz (al-‘ayn) wird notwendigerweise frei von den Mängeln deiner Existenz (naqa’is al-kawn), weil diese Essenz in Ihm ruht. [WH]
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