Das Thomasevangelium belegt, dass Jesus ein Lehrer innerhalb der universellen Weisheitstradition ist – und zwar einer von allerhöchstem Rang. Er wirkt und bewegt sich eindeutig innerhalb der Tradition der sophia perennis, der immerwährenden Weisheit, bringt gleichzeitig jedoch seine ganz eigenen, subtilen Neuerungen in diese Tradition ein. Erkennen wir den zugrundeliegenden Weisheitskontext, gewinnt unser Bild von ihm eine bisher ungekannte Konsistenz. Eine Leseprobe aus ihrem neusten Buch, in welchem die Autorin mit zwei Praxiskursen zum tieferen Verständnis dieser explosiven Frohen Botschaft einlädt
Als Podcast (17 Minuten)
Ausschnitte aus dem Buch Das Thomasevangelium: Die Weisheitslehren Jesu als Weglichter unserer Selbsterkenntnis von Cynthia Bourgeault
ch begrüße Sie zu unserer Reise durch das Thomasevangelium, auf der wir einen sehr alten christlichen Text erforschen werden, dessen Wiederauftauchen in unserer heutigen Zeit das Antlitz des Christentums und unsere Begegnung mit ihm verändert.
Nachdem es mehr als 1600 Jahre »verschollen« war, wurde das Thomasevangelium [/] 1945 in einer Höhle in der Nähe von Nag Hammadi in der ägyptischen Wüste entdeckt, in einer großen Urne mit Schriftrollen aus der Zeit der Anfänge des Christentums, die allgemein als die »gnostischen Evangelien« bekannt sind.
Das Thomasevangelium umfasst 114 kurze Lehrsätze Jesu, von denen ungefähr zwei Drittel auch in den kanonischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes) zu finden sind. Das restliche Drittel beschäftigt sich mit Themen, die größtenteils keinen Eingang in jene Evangelien gefunden haben, doch spirituell suchenden Menschen überall auf der Welt bekannt sind: Schlüsselfragen wie die nach Wachsamkeit, nach echter Präsenz, nach dem Rätsel »Warum sind wir hier?« und nach dem Erreichen eines Seinszustandes, den das Thomasevangelium als Ungeteiltheit beschreibt, und der stark an die heutigen Vorstellungen von Non-Dualität erinnert.
Ausschnitte aus dem Buch Das Thomasevangelium: Die Weisheitslehren Jesu als Weglichter unserer Selbsterkenntnis von Cynthia Bourgeault
Seit der ersten Veröffentlichung einer populärwissenschaftlichen Übersetzung des Textfragmentes im Jahr 1959 begannen weltweit immer mehr Suchende, dieses neue christliche Terrain zu erkunden. Und jene, die tiefer in das Thomasevangelium eintauchen, so schließe ich aus dem Echo unter der Studentenschaft meiner eigenen Weisheitsschule, verlieben sich fast ausnahmslos in seine Worte, die ihr Leben zu verändern und ihren christlichen Glauben zu kräftigen vermögen.
Dennoch zögern große Teile der Mainstream-Christenheit noch immer, sich mit diesem Evangelium auseinanderzusetzen, weil sie befürchten, sich dabei etwas »Fremdem« zu nähern, etwas Destabilisierendem oder sogar Gefährlichem. Fast von Anfang an herrschte in der Kirchenhierarchie ein Unbehagen gegenüber diesem Evangelium, und noch heute werden alte Vorurteile genährt und Fehlinformationen verbreitet, obwohl die moderne Bibelwissenschaft mittlerweile nahezu jedes gegen dieses Evangelium vorgebrachte Klischee widerlegt hat. [...]
Wir haben es hier mit nichts weniger zu tun als den puren Lehren Jesu, die von einem inneren Kreis von Schülerinnen und Schülern festgehalten wurden.
Ein Evangelium ohne Schnörkel
Schon beim ersten Lesen des Thomasevangeliums sticht einem ins Auge, dass es anders als die kanonischen Evangelien keine Geschichte erzählt. Es finden sich keine Anekdoten aus dem Leben Jesu, keine Engel, keine Krippe, keine Wunder und keine Kreuzigung. Wir haben es hier mit nichts weniger zu tun als den puren Lehren Jesu, die von einem inneren Kreis von Schülerinnen und Schülern festgehalten wurden, vielleicht Mitschriften von Vorlesungen vergleichbar, wie sie heutige Studierende moderner spiritueller Meister, etwa eines Thomas Keating, eines Adyashanti oder des Dalai Lama, anfertigen würden.
Es sind die »üblichen Verdächtigen«, die im Thomasevangelium diesem inneren Kreis angehören – Johannes, Jakobus und natürlich Thomas selbst –, aber auch, und zwar durchaus prominent, Frauen. Maria Magdalena und eine gewisse Salome werden ausdrücklich als dem Kreis zugehörig genannt, und in den verschiedenen Lehrgesprächen stellen sie präzise und eindringliche Fragen. Schon das allein genügt, um dieses Evangelium für all jene zu einem Aufreger zu machen, die nach wie vor glauben wollen, Jesus habe ausschließlich männliche Jünger gehabt. [...]
Da das Thomasevangelium also keinen Erzählstrang aufweist, entbehrt es auch eines theologischen Überbaus, wie man ihn in den anderen Evangelien findet: kein Bestehen auf der Jungfrauengeburt, keine Wunder zur Bekräftigung der Behauptung von Jesu einzigartiger Göttlichkeit und insbesondere keine Sühneopfertheologie – jene Vorstellung also, dass »Jesus für unsere Sünden gestorben ist«, die viele moderne Suchende so dermaßen entmutigt und abstößt.
Obwohl einige dieser Kerninhalte im Text implizit durchklingen, geht es hier in erster Linie um eine Lehre, die den persönlichen Wandel sowie eine immer tiefere Einstimmung auf das akzentuiert, was sich »direkt vor unserer Nase« abspielt. Wie es Jesus in Logion 5 formuliert:
»Erkenne, was vor deinem Angesicht ist, das, was dir verborgen ist. Es wird sich dir offenbaren, denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht geoffenbart wird.«
Diese kurze Lehre fasst die gesamte auf Wandlung ausgerichtete Triebkraft des Thomasevangeliums zusammen. »Wacht auf, wacht auf« ist zwar eine Botschaft, auf die wir auch in den kanonischen Evangelien stoßen, doch hier wird uns zusätzlich gezeigt, wie dies geschehen kann – was ebenso befreiend wie bedrohlich sein mag, je nachdem, wie wir es betrachten. [...]
Der Mensch, in dem die Transformation Früchte getragen hat, in dem etwas aus dem Inneren hervorgebracht wurde, wird hier erstmals als »Lichtwesen« bezeichnet.
Lektion 10: Licht über Licht
Seine Jünger sagten: »Zeige uns den Ort, an dem du bist, denn es ist für uns eine Notwendigkeit, nach ihm zu suchen.« Er sagte zu ihnen: »Wer Ohren hat, möge hören. Es ist Licht im Inneren eines Lichtmenschen, und er erleuchtet die ganze Welt. Wenn er nicht leuchtet, ist Finsternis« (Logion 24).
Wer nicht Teil der Lösung sein will, ist Teil des Problems. Diese eindringliche Botschaft wird uns in dem Logion zum dritten Mal nahegebracht: Unsere Bestimmung hier auf der Erde besteht darin, Früchte zu tragen, etwas aus unserem Inneren hervorzubringen. Wenn wir die Einladung nicht ergreifen und diese Möglichkeit verpassen, ist das nicht bloß eine Pflichtvergessenheit oder eine versäumte Chance, ein »Etwassein« zu verwirklichen, sondern vielmehr eine aktive Teilnahme am »Nichtsein«.
Mit dieser dritten Ausführung seines Themas bringt Thomas ein bedeutendes neues Bild ein: dasjenige des Lichts. Der Mensch, in dem die Transformation Früchte getragen hat, in dem etwas aus dem Inneren hervorgebracht wurde, wird hier erstmals als »Lichtwesen« bezeichnet. In diesem Logion werden wir klar und nachdrücklich eingeladen, solch ein Wesen zu werden.
Alle synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) halten in ihren Beschreibungen einen dramatischen Vorfall fest: Jesus erscheint seinen Jüngern völlig in Licht verklärt. Die Betonung dieser Berichte liegt auf dem spektakulären Charakter dieser Offenbarung von Jesu Göttlichkeit. Doch der Quäker-Mystiker George Fox bestand darauf, dass dasselbe innere Licht in jedem Menschen leuchtet, und das Thomasevangelium scheint genau dies auszudrücken. Nicht nur Jesus besitzt dieses Licht; es ist jeder und jedem eigen, die oder der die Arbeit leistet. Tatsächlich ist Licht »eigentlich« alles andere als eine Eigenschaft; Licht ist immer und ausschließlich ein Prozess. Wissenschaftler erklären uns, dass das Photon, oder das Lichtquant, keine Masse besitzt; es existiert nur in einem Zustand der Bewegung, als ein Wirkungsstrom.
Darin liegt ein entscheidender Hinweis auf die Art der von uns verlangten Transformation, die Thomas immer wieder anführt. Eine Kerze »besitzt« ihr Licht nicht; erst wenn das Streichholz entzündet wird und der Talg entflammt, erscheint das »Lichtwesen« der Kerze. Auch wir können, und davon handelt dieses Logion, ganz zur Flamme werden – wenn wir es wirklich wollen.
Tagesübung
Lauschen Sie heute dem Weisheits-Chant mit dem Titel “Become All Flame” der Oboistin und Kammermusikerin Darlene Franz über diesen Link [/]. Verbringen Sie einige Zeit vor einer Kerze oder einem offenen Feuer sitzend. Verweilen Sie einen Moment lang darin, einfach gegenwärtig für die »Eigenschaften« des Lichts zu sein. Denken Sie über sie nach. Warum sprechen diese »Eigenschaften« so kraftvoll vom Göttlichen zu uns?
Reflektieren Sie nun die Worte unseres heutigen Logions nach den sechs Schritten der in Lektion 4 beschriebenen Methode. [...]
Ein »Vorübergehender« ist in diesem Evangelium eine Metapher für einen Menschen, der sich von keinerlei Drama, wie auch immer es sich gerade abspielen mag, gefangen nehmen lässt, sondern eine beobachtende, bezeugende Präsenz aufrechterhalten kann.
Lektion 17: Nicht-Identifikation
Jesus sagte: »Werdet Vorübergehende!« (Logion 42)
Nicht blinzeln, sonst verpassen Sie es! Unter der Oberfläche dieses kürzesten aller Thomas-Logien liegt eine reiche Welt spiritueller Weisheit. Ein »Vorübergehender« ist in diesem Evangelium eine Metapher für einen Menschen, der sich von keinerlei Drama, wie auch immer es sich gerade abspielen mag, gefangen nehmen lässt, sondern eine beobachtende, bezeugende Präsenz aufrechterhalten kann.
Die Wüstenväter und -mütter maßen einer besonderen Tugend, die sie apatheia nannten, großes Gewicht bei. Wahrscheinlich klingt dieses Wort in unseren Ohren nicht besonders tugendhaft, da wir mit Apathie gemeinhin eher Leidenschaftslosigkeit oder gar Gleichgültigkeit assoziieren. Spirituelle apatheia ist jedoch etwas vollkommen anderes als Desinteresse. Sie bedeutet vielmehr eine Art heilige Nicht-Verhaftung oder Unvoreingenommenheit, die uns überhaupt erst befähigt, uns entlang der horizontalen Achse frei zu bewegen, ohne hängen zu bleiben und uns zu verheddern.
Erinnern Sie sich an die Aussage »in der Welt, aber nicht von der Welt«? In der Sprache der westlichen inneren Tradition wird diese Eigenschaft oft als »Nicht-Identifikation« bezeichnet; im Osten spricht man in dem Zusammenhang eher vom »Beobachten« oder «Bezeugen«. Egal, wie wir es nennen wollen – die spirituellen Meisterinnen und Meister aller Traditionen haben stets auf dessen zentrale Bedeutung hingewiesen.
Einer der großen Lehrsprüche der Khwadschagan, der »Meister der Weisheit« aus der Tradition des Naqschbandi-Sufi-Ordens, drückt dies folgendermaßen aus: »Halte dir deine Absicht bei jedem Schritt, den du tust, vor Augen. Du willst Freiheit, und das darfst du niemals vergessen.« [1] Das ist eine Anleitung für wahre Vorübergehende!
Aber lässt eine solche Haltung nicht unser Herz versteinern? In unserer Kultur halten wir Identifikation für eine positive Sache, etwas woraus wir Stolz schöpfen. Ständig werden wir darin bestärkt, uns mit allem Möglichen zu identifizieren: mit der Kirche, mit unserem Team, mit unserer Alma Mater, ja sogar mit unserer Lieblingsmarke bei Jeans oder T-Shirts... Ohne Identifikation scheint es mittlerweile kaum mehr vorstellbar, Menschen noch für irgendetwas zu motivieren.
Aber Vorübergehende sind alles andere als versteinert. Wenn wir nach und nach über unsere egogetriebene Verstrickung, unser Trachten und unsere Reaktivität hinauswachsen, erlangen wir das Vermögen, uns auf den Herzschlag des göttlichen Mitgefühls einzustimmen. Dann werden wir entdecken, dass Gottes Barmherzigkeit nicht bloß eine theologische Vorstellung ist, sondern ein Kraftfeld, in das wir eintreten und das wir unmittelbar wahrnehmen können, wenn unser Herz Ruhe findet und all den persönlichen Ballast abwirft, den uns das Ego auflädt.
Der bekannte Psychologe Gerald May drückt es folgendermaßen aus: »Wenn die Verhaftung aufhört, Ihr Beweggrund zu sein, werden Ihre Handlungen zu Ausdrucksformen der göttlichen Liebe.« [2]
Tagesübung
Machen Sie heute einen Spaziergang, um direkt mit Ihrem Körper mit dieser Metapher des »Vorübergehenden« zu arbeiten. Wie fühlt es sich an, die Welt von diesem erhabenen Aussichtspunkt einer beobachtenden, bezeugenden Präsenz her zu erleben, Ihre Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt, Ihr Trachten und Streben abgelegt? Eine belebte Straße oder ein Einkaufszentrum bieten einen besonders empfehlenswerten Ort für diese Art der Erkundung. Falls es in Ihrer Nähe ein Labyrinth gibt, ist ein Spaziergang darin eine weitere, ebenfalls hervorragende Möglichkeit, sich der heutigen Aufgabe zu widmen.
Reflektieren Sie nun die Worte unseres heutigen Logions nach den sechs Schritten der in Lektion 4 beschriebenen Methode. [...]
Im Zentrum steht vielmehr der Aufruf zum Erwachen, zum tatsächlichen Beschreiten des Weges und zur vollständigen eigenen Entfaltung als ein Lichtwesen.
Thomas für unsere Zeit: eine alternative Theologie
Viele moderne Kommentatoren haben betont, dass sich das Christentum im vierten Jahrhundert von einer Religion um Jesus zu einer Religion über Jesus veränderte: mit Jesus als dem Gottmenschen im Mittelpunkt und einer orthodoxen Interpretation seines Auftrags, die sich auf die Sühneopfertheologie gründete, also auf die Überzeugung, dass er für unsere Sünden gestorben ist. Sich »Christ« zu nennen, wurde gleichbedeutend mit der Akzeptanz dieser beiden grundlegenden Glaubenssätze.
Das Thomasevangelium zeichnet ein komplett anderes Bild von Jesus. Zwar fehlt die Sühneopfertheologie in diesem Evangelium nicht völlig, doch im Mittelpunkt steht sie ganz gewiss nicht; und an keiner Stelle beansprucht Jesus ein exklusives göttliches Privileg. Im Zentrum steht vielmehr der Aufruf zum Erwachen, zum tatsächlichen Beschreiten des Weges und zur vollständigen eigenen Entfaltung als ein Lichtwesen.
Nun, das ist tatsächlich eine Frohe Botschaft – insbesondere für jene, die sich in der Vergangenheit von der Lehre Jesu entfremdet haben, weil sie traditionell auf eine exklusive, ausschließende und Schuldgefühle schürende Art und Weise vermittelt wurde.
© Cynthia Bourgeault / Chalice Verlag 2026
Deutsche Übersetzung © Helga Jacobsen & Robert Cathomas
Anmerkungen
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[1] Für alle acht Lehrsprüche der Khwadschagan inklusive Kommentar siehe Reshad Feild: Gesammelte Werke, Xanten: Chalice Verlag, 2016, Band III, Seiten 1444–1450 [Anmerkung der Übersetzer].
[2] Gerald G. May: Will and Spirit: A Contemplative Psychology, San Francisco: Harper & Row, 1983, Seite 238.
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